PINK TURNS BLUE

Nachtleben, Frankfurt, 30.05.2018

Pink Turns BlueEs ist heiß. Seit Tagen warnt mich meine Wetter-App vor anstehenden Unwettern, auf dass sich das ganze schwüle Drücken auf Kondition und Gemütszustand endlich entlade und anschließend für kurze Zeit entspanne, aber nein: Es bleibt widerlich und kräftezehrend, das Leben im Rhein/Main-Gebiet. Will ich da nach einem Arbeitstag noch auf ein Konzert ins Nachtleben? Eigentlich nicht. Selbst, wenn MOTÖRHEAD da heute auftreten würden, wäre ich abgeneigt. Mir ist nach einer Dusche und einem Bier auf der Couch – stattdessen putsche ich mich im Café des Clubs mit doppeltem Espresso auf und vertilge Mineralwasser. Ist das noch Rock’n’Roll? Egal, ich könnte ja heimgehen. PINK TURNS BLUE, das Trio um Mic Jogwer, kann das nicht. Das muss da jetzt durch. Also mache ich das auch, will die Band schließlich schon seit 1994 sehen.

Damals interviewte ich Jogwer für ein inzwischen längst verblichenes Stadtmagazin, um das Album „Perfect Sex“ zu promoten – das begleitende Konzert dazu, auch im Nachtleben, fand leider ohne mich statt. Es wird also Pink Turns Blueendlich mal Zeit – völlig egal, wie heiß es ist. Während ich meinen Kaffee schlürfe gehen die ersten Gäste die Treppe in den Keller hinunter, in dem die Formation um 21 Uhr zu spielen beginnen soll. Einige laufen postwendend wieder raus und genießen noch die nikotinschwere „frische“ Luft im Außenbereich. Einer, von ebendort kommend, geht nach unten und zieht sich ernsthaft beim Hinabsteigen der Stufen seine Jacke an.

Pink Turns BlueIch kann leider wirklich nicht behaupten, die sogenannte „schwarze Szene“, schon gar nicht die aktuelle, zu verstehen. Was die der Achtziger Jahre angeht, da gibt es zumindest einen ganzen Haufen Bands, die ich klasse finde/fand, wie TJ&MC, die SISTERS OF MERCY, BAUHAUS und noch ein paar mehr. Und eben auch PINK TURNS BLUE. Was ich jedoch nie nachvollziehen konnte, war der Fokus auf ein perfektes Styling. Als ich bei brütender Hitze im Juli 1987 auf dem ersten Bizarre Festival auf der Pink Turns BlueLoreley war und dort u. a. SIOUXSIE AND THE BANSHEES und THE MISSION erlebte, trug ich Shorts und CRAMPS-Shirt und schüttelte den Kopf über die schwarz bemantelten Grufties, denen die Hitze den Kajal über die Wangen laufen ließ.

Derjenige, der sich die Jacke gerade anzog, erklärt mir später beim Gespräch im Keller, dass das ja seine „dünne Jacke“ sei und er nie ohne das Haus verlasse. Außerdem wüssten ja schon die Tuareg von der kühlenden Wirkung mehrerer Schichten Kleidung, vor allem schwarzer. Na dann. Auch Mic Jogwer hatte, gefragt nach den Unterschieden zwischen einem Musikerdasein in Deutschland und in England, wo er seit 1991 lebte, von der Eminenz des Aufbrezelns berichtet. „Bühnenstyling ist wichtig“ Pink Turns Bluegab er 1994 zu Protokoll: „Wer sich nicht stylt, ist unprofessionell. Als ich noch in Deutschland war, war mir das peinlich. In England gehört das zur Berufsgruppe.“ Nun, großartig gestylt wirkte das inzwischen wieder aus Deutschland operierende, um kurz nach 21 Uhr die Bühne betretende Trio nicht: Alles war halt schwarz – Hemd, Hose, Schuhe… Ja, jetzt check ich es auch.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei unserem 1994 geführten Gespräch war der der „Reduktion“ – Jogwer wollte die damals aktuelle Platte „schrammeliger“ klingen lassen als die Vorgänger, mehr in Richtung THE STOOGES gehend. Die „CURE-rigen“, wunderschönen Akkorde und Melodien spielten jedoch noch immer eine Pink Turns BlueRolle und sind auch bis heute nicht aus der DNA der Band verschwunden. Beim Konzert im Nachtleben scheint der meist mit geschlossenen Augen agierende Jogwer selbst höchst fasziniert vom Klangwerk seiner Gitarre, bzw. des ganzen Trios. Er gibt vor, seine Mitstreiter – der langjährige Kollege Rüdiger ‚Ruebi‘ Walter am Bass (und manchmal an den Keys) sowie Paul Richter am Schlagzeug- achten auf ihn und folgen.

Pink Turns Blue

Von den „schrammeligen“ Alben wird dann leider gar nichts gespielt – ganze zehn (!) Stücke kommen vom 1987er-Debüt „If Two Worlds Kiss“, fünf vom letzten Album „The AERDT – The Untold Stories“. Zwei vom 2007er-Output „Ghost“,  jeweils eins von „Eremite“ (1990) und „Meta“ (1988). Pink Turns BlueZiemlich krass Old School also, was die betagteren Supporter der „schwarzen Szene“ freut und, oh Wunder, die ebenso anwesenden Jungspunde, auch weiblichen Geschlechts, ebenso. Die nutzen den knappen, aber vorhandenen Freiraum zum ausgiebigem Tanz. Jogwer kommuniziert nur das Nötigste, raunt „Thank You“ und den folgenden Titel, das war’s im Großen und Ganzen.

Einige Besucher verstopfen den Ausgang, vielleicht um schneller wieder nach draußen zu kommen, ein Iro-Punk mit Lederjacke (!) genießt den Abend von dort lautstark. In der ersten Reihe wird kontinuierlich mit den Smartphones gefilmt. Inklusive zweier Zugaben dauert der Gig knapp 100 Minuten, was bei diesen Temperaturen mehr als respektabel ist. Die meisten Gäste sind begeistert. Pink Turns BlueIch finde es auch klasse – jedoch sehr routiniert dargeboten und nicht unbedingt geiler, als das Ganze auf Platte zu hören. Was dem Gruftie sein Style ist bei mir vielleicht das besondere Live-Moment, wie ich es oft beim Metal oder Punk, öfter beim Jazz und immer beim Jamrock erlebe. Bei der Klasse an Songs, wie sie PINK TURNS BLUE zu bieten haben, ist das jedoch Makulatur. Auch der Fan, der seine Jacke beim Gehen leider nicht wieder auszieht, ist beglückt. Und jetzt das ersehnte Gewitter, bitte.

Links: http://pinkturnsblue.com/, https://www.facebook.com/Pink.Turns.Blue.Official/, https://soundcloud.com/pink-turns-blue, https://www.last.fm/music/Pink+Turns+Blue

Text & Fotos: Micha
Clip: am Konzertabend aufgenommen von Alexandre De Sena Viegas

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