TRIBULATION, KETZER, FALLEN TYRANT

MS Connexion Complex, Mannheim, 21.07.2019

TribulationSehr verehrte Lesende, gleich welchen Alters oder Subkulturzugehörigkeit: Ich bedanke mich schon im Voraus für Ihre Bereitschaft, dieses Geschriebene zur Kenntnis zu nehmen. In Kurzform lautet das Resümee, welches ich hiermit gerne zwecks Zeitersparnis Ihrerseits an den Anfang dieses Textes stelle, wie folgt: TRIBULATION aus Arvika in Schweden, gegründet 2001 als HAZARD und inzwischen mit vier Longplayern bei verschiedenen Plattenfirmen in den Fokus meiner und vielleicht auch Ihrer Aufmerksamkeit gerückt, ist eine der besten Bands, die es gerade auf diesem Planeten gibt, ungeachtet persönlicher Präferenzen bei der Wahl besagter Sub- oder Sub-Subkultur. Oder anders: TRIBULATION sind Boss; herrschen, dominieren, lassen so ziemlich alles hinter sich. Im weiteren Verlauf werde ich versuchen, diese These zu begründen. Ein wenig wird der hier erwähnte Konzerttermin dabei eine Rolle spielen – jedoch nur am Rande, denn auch ohne den gestrigen Abend wären TRIBULATION Boss.

Allerdings wurde dieser noch durch zwei weitere Formationen veredelt, auf die ich nun zu sprechen kommen werde. Die erste: FALLEN TYRANT aus Darmstadt. Sie existieren bereits seit 2008, eine Weile (bis 2010) als Ein-Mann-Band in Gestalt von Mithras Sol Invictus (Gitarre & Fallen TyrantGesang), der außerdem weniger martialisch unter seinem anderen Namen Peter-Philipp Schierhorn bei den hardrockenden WIGHT singt, Bass sowie Saxophon spielt. Mit Letzterem bereicherte er auch „A Whisper From the Concrete Below“ auf dem aktuellen, zweiten Album „Children of a Nuclear Dawn“, während WIGHT-Sänger und Gitarrist Rene Hoffmann den Hassbatzen von FALLEN TYRANT auch produzierte.

Auch wenn FALLEN TYRANT in ihren Selbstdarstellungen auf jede „Szene“ scheißen (in ihrem Blog/ihrer offiziellen Seite. Letzter Eintrag von 2016. Leider, ist sehr lesenswert.) – vernetzt sind sie scheinbar ganz gut. Das Psychedelische: Man hört es aus dem Black Metal von FALLEN TYRANT Fallen Tyrantheraus – was das Ganze für Novizen wie mich, die von Nix ne Ahnung haben aber zum Beispiel auf NACHTMYSTIUM stehen, ziemlich interessant macht. Live wirkte das Trio, welches neben Herrn Invictus noch Nihlathak am Bass (auch bei den Pagan-Blackies ANGUR) sowie Sperrfeuer Heretic am Schlagzeug präsentiert, von allen Kollegen des Konzertabends mit Abstand am Aggressivsten.

Fallen TyrantFrust über den mangelnden Zuspruch im Saal (großzügig geschätzt 80 Gäste, obwohl in Mannheim die Sommerferien noch nicht mal angefangen hatten), oder eben halt einfach Black Metal, wie er sein sollte? Kam auf jeden Fall äußerst überzeugend rüber. Die aktuelle Scheibe erstand ich als Tape, hab‘ an dem gerade eine Menge Spaß und hoffe, diesem Quasi-Nachbarn in Zukunft öfter zu begegnen. Sehr bezeichnend auch der „Stop The Madness“-Stempel gegen den „Trigger-Wahn“ beim Schlagzeugspiel (bekannt auch durch ENDSTILLE) auf besagtem Tonträger. Scheißefreier BM vom Feinsten eben, so muss das.

So kann das aber auch: Black Metal so ganz ohne Corpsepaint und mit einer Attitüde, wie man sie eher von Thrash- oder sogar Punk-Bands kennt – das sind KETZER aus NRW, die mich vor knapp vier Wochen in der Sauna um TRIUMPH OF DEATH bereits faszinierten (Bericht dazu hier) und heute endgültig vom Hocker bliesen. Die knapp 50 Minuten, die setlisttechnisch jetzt Ketzernicht soo große Veränderungen zum Frankfurt-Gig offenbarten (ein Song mehr, einer ausgetauscht) kamen noch viel energetischer rüber, weil KETZER abgingen wie Schnitzel und es ihnen augenscheinlich völlig wurst war, wieviel Gestalten sich zu ihnen verirrten (um das mal ausnahmsweise völlig unvegan auszudrücken).

KetzerKETZERs erster Auftritt in Mannheim war eine Ansage, bei der sie sich weitaus mehr bewegten als die hauptsächlich glotzenden Anwesenden; sie machten Party für sich selbst – scheißegal, wer mitfeiert. Eine technische Panne in Form eines kurzen Stromausfalls warf die Buben diesbezüglich nicht zurück – so bald es ging, ging’s weiter; und es ging verdammt steil. KETZERs Stimme Infernal KetzerDestroyer stand später am Merch – ich musste, obwohl fast pleite, meine Bewunderung in Form eines kleinen Einkaufs (Pin. Fünf Euro.) zelebrieren.

Darüber hinaus führte ich noch das folgende, äußerst aufschlussreiche Gespräch: „Wieso wart Ihr noch viel geiler als in Frankfurt, trotz des überschaubaren Publikums heute?“ – I.D.: „Große Bühnen liegen uns mehr. Die Temperaturen im Nachtleben waren auch zu krass.“ Wisst Ihr Bescheid. Große und gekühlte Bühnen für KETZER ab jetzt, überall und immer. Funfact am Rande: KETZER hätten vor einiger Zeit mal in der Darmstädter Oetinger Villa für WIEGEDOOD eröffnen sollen. Sagten jedoch ab, ging wohl nicht. Wer sprang ein? FALLEN TYRANT.

Wie bereits am Anfang dieses Textes erwähnt, verblasst das aber alles gegen die Tatsache, dass danach TRIBULATION die Bühne beehrten. Endlich auch mal in meiner Gegenwart, der ich das Quartett aus der Volvo-Stadt in Schweden schon etliche Male verpasst hatte – verpasst wegen kurzfristiger Urlaubsreisen, Krankheiten, miesen Terminplanungen und anderen Unpässlichkeiten. Mit einigen Bands hatte ich schon solche Probleme – mit den SPERMBIRDS ging es mir in den Neunzigern so, mit SAINT VITUS bis vor Kurzem ebenso. Nur, bei allem Respekt: Weder die HC-Punks aus Kaiserslautern noch die Doom-Väter aus L.A. haben bei mir auch nur andeutungsweise so einen Eindruck hinterlassen wie die letzten Alben von TRIBULATION. Die ersten, noch unter dem Namen HAZARD veröffentlichten Demos, kenne ich nicht (sollen Thrash Metal gewesen sein). Als TribulationTRIBULATION mutierte die zeitweise personell mit ENFORCER eng verzahnte Combo zur Death Metal Band auf den Spuren von MORBID ANGEL, doch ihr Zweitling „The Formulas of Death“ (kann man bei Bandcamp hier komplett hören) setzt meines Erachtens dem Gesamtwerk der morbiden Engel noch so einiges drauf. Musikalisch, vor allem aber ästhetisch.

Dass TRIBULATION zwei sehr kreative Zeichner/Maler/ Gesamtkünstler an ihren Gitarren haben, die stilistisch aus allem Möglichen schöpfen, was phantastisch oder düster anmutet, wurde mir erst in seiner Gänze bewusst als Jonathan Hultén solo mit Ohngesicht vor CRIPPLED BLACK PHOENIX tourte (Bericht hier). Hultén wie auch Gitarrist Adam Zaars sind unter den Namen Necromantic Art bzw. Bells of Death für Tribulationdas aufwändige Design der letzten TRIBULATION-Alben zuständig sowie für jenes befreundeter Formationen wie beispielsweise IN SOLITUDE (ebenso gut wie TRIBULATION, leider bereits verblichen). Die letzten beiden Werke tendieren stark in die Gothic-Ecke – so einige modernere Metal-Bands, ziemlich großartige zumeist, orientieren sich in ihrem Sound neben den obligatorischen Einflüssen aus Death- und Black Metal am Gothic-Sound der Achtziger Jahre. THE CURE, BAUHAUS, SISTERS OF MERCY, u. a.

TribulationTRIBULATION setzen auch optisch eine Duftmarke in diese Richtung, stylen sich vampirisch oder anderweitig extraordinär, vor allem die beiden Gitarristen. „Der bewegt sich original wie eine Frau!“ kommentierte ein Bekannter Hulténs Gebaren respektvoll und durchaus zutreffend – auch Zaar wirkt zuweilen äußerst feminin. Wer Metal anno 2019 automatisch mit Macho-Attitüde gleichsetzt, geht auf die falschen Konzerte. Darüber hinaus sind es einfach die Songs, die einen im besten Sinne fertig machen – energiegeladene, leidenschaftliche Klangkunst, die dem sogenannten „Metal of Death“ schwedischer Prägung nahesteht, dem psychedelischen wie progressiven Rock’n’Roll aber ebenso frönt.

TribulationMannheim bekam davon fast auschließlich Stücke der letzten zwei Alben zu hören – falls überhaupt etwas kam von „Formulas of Death“, sicher bin ich mir da nicht mehr aufgrund fortgeschrittener Ekstase. Professionell wirbelten die Klampfer um die Bühne, keine Geste verriet etwaige Enttäuschung über das kleine Auditorium. Hultén dabei, ähnlich wie Goth-Ikone Eva O kürzlich, in Witwentracht. Merkwürdig Tribulationaber, dass sich das Quartett so eine Mühe gibt sein Styling betreffend, wenn beim Gig schließlich alles im Gegenlicht und Nebel versinkt. Tragisch fast für uns Fotografen (neben mir noch der Kollege vom Hellfire Magazin, siehe hier).

Die Räucherstäbchen am Rand des Podests wiesen den Auftritt als ein „Ritual“ aus, wie es bei den ganzen mehr oder weniger okkulten Formationen der Gegenwart oft so Sitte ist. Weit mehr Geschiss als bei den beiden Bands vorher, doch eines so erlesen dargebracht wie das jeweilige Andere. Kein Grund zum Meckern also, endlich zumindest mal eine Stunde TRIBULATION genossen, die jedoch zugabenlos zuende ging. Zum Schluss war er dann eben doch da – der Moment, Tribulationin dem darüber entschieden wurde, das Publikum dafür abzustrafen, dass es so spärlich erschienen war. Falls die kurze Diskussion zwischen Hultén und dem Sänger sowie Bassisten Johannes Andersson darum ging, ob man noch ein Stück draufpacken würde oder nicht. Man beließ es bei den 60 Minuten, die nichtsdestotrotz unterm Strich fulminant waren. Wie auch der gesamte Abend. Danke damit für Ihre Aufmerksamkeit, sehr verehrte Lesende.

Links: http://fallentyrant.blogspot.com/, https://www.facebook.com/fallen.tyrant, https://www.reverbnation.com/fallentyrant, https://fallentyrant.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Fallen+Tyrant, http://www.ketzer-official.de/, https://www.facebook.com/ketzergermany, https://ketzergermany.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/Ketzer, https://tribulation.se/, https://www.facebook.com/Tribulationofficial/, https://www.last.fm/music/Tribulation

Text, Fotos & Clips: Micha

Alle Bilder:

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