CRIPPLED BLACK PHOENIX, MØL, IMPURE WILHELMINA

Essigfabrik, Köln, 5.09.2022

Crippled Black PhoenixNach den heftig heißen Sommerwochen, in denen fast jede dafür benutzbare Freifläche exzessiv beschallt wurde, startete der Konzerthallenherbst für mich Anfang September in Köln. Mit CRIPPLED BLACK PHOENIX hatte sich eine meiner, zugegebenermaßen in recht großer Anzahl vorhandenen, Lieblingsbands angesagt, was die insgesamt vierstündige Hin-und Rückfahrt inmitten einer Arbeitswoche durchaus rechtfertigte. Wer weiß schon, wie lang dieser Herbst konzerttechnisch Bestand haben wird. Zwei Support-Acts flankierten diese Tour – beides Formationen, die bisher an mir vorübergingen. Neugierig wie positiv angespannt erwartete ich die erste von denen, IMPURE WILHELMINA aus Genf.

Die Band war bereits zehn Minuten vor dem offiziellen Beginn am Start und musste noch eine ziemliche Leere vor sich erblicken, die sich im Verlauf ihrer 40-minütigen Darbietung zaghaft füllte. In dieser knappen Dreiviertelstunde Impure Wilhelminaergoss das Quartett um den Gitarristen, Sänger und Songschreiber Michaël Schindl einen überaus faszinierenden Cocktail menschlicher Emotionen, soundtechnisch vor allem dem Post-Rock verschrieben, mit leichten Ausbrechungen in den depressiven Indie-Rock, Progressive-Rock sowie trockenem Doom, Sludge oder gar Black Metal (dem Schindl neben Bandmate Diogo Almeida auch bei VUYVR frönt).

IMPURE WILHELMINA ackerten sich den sprichwörtlichen Wolf, Bassist Sébastien Dutruel sowie Schlagzeuger Mario Togni versprühten dabei ansteckende Lebensfreude, währenddessen die beiden bestens aufeinander eingestellten Gitarristen hoch Impure Wilhelminakonzentriert zur Sache gingen. Unberührt ließ das kaum jemanden im Publikum, was da auf der Bühne geschah. Einige Tonträger aus der immerhin schon aus sieben kompletten Alben bestehenden Diskografie IMPURE WILHELMINAs wechselten anschließend den Besitzer. Eine sehr beeindruckende Band, deren Nebenprojekte ebenso lohnen entdeckt zu werden. Klasse Beginn.

Mein erster Eindruck über die Dänen MØL, die als nächstes die Essigfabrik bespaßen durften, war ungleich weniger fasziniert, was sich im Nachhinein noch änderte. Einige Fans, die wohl hauptsächlich wegen des Quintetts aus Aarhus, MØLDänemark, angereist zu sein schienen, bevölkerten nun den Platz vor der Bühne und nutzten diesen zu ausschweifendem Kopf- wie Faustgeschüttel. Tätowierter und weit jünger als das eher dem Headliner verpflichtete Publikum, das hauptsächlich auf dem Außengelände ein Schwätzchen hielt, während Sänger Kim Song Sternkopf das Mikro zerschrie und dabei den Mikroständer expressiv bis angsteinflößend, aber auch souverän über sich und den Zuhörenden jonglierte.

Die Stimme von MØL ist, zusammen mit dem Bassisten Holger Rumph-Frost, das jüngste Mitglied der Formation, weil erst seit 2016 dabei. Laut Wikipedia war Sternkopf vorher als Konzertfotograf tätig und fotografierte MØL bei deren erstem Gig. Was die Frage aufwirft: Wenn man so viel Sachverstand MØL von der Materie besitzt, wieso macht man es den Kollegen dieser Zunft später so schwer, wenn man selber auf der Bühne steht? An Schüchternheit wird es wohl nicht liegen, Sternkopf krabbelte zum Teil fast in die Objektive der Fotografierenden an diesem Abend, bei dem die Technik vor extreme Herausforderungen gestellt wurde.

Gegenlicht und Nebel, jaja, sehr stimmungsvoll, sehr Black Metal. Kurioserweise streiken dann vor allem die Geräte, wegen derer man eine Akkreditierung benötigt, während moderne Smartphones, die jeder mitnehmen darf, weit weniger Schwierigkeiten haben zwischen all dem Nebel erkennbare Gesichter deutlich zu machen. Doch das ist eher eine Anmerkung in eigener Sache und relevant für anstehende Events, als MØLeine wirkliche Kritik an der Ausleuchtung von MØL.

Mit dem Gekreische von Sternkopf hatte ich es an diesem Tag persönlich nicht so. Zu sehr dominierte dieses das emotionale wie großflächige Zusammenspiel der Gitarristen Nicolai Hansen und Frederik Lippert, welches fast schon in träumerische Shoegaze-Landschaften entführen würde, während das teilweise stakkato-artige Spiel des Drummers Ken Klejs sowie eben das Gekeife Sternkopfs diese Schönheit konterkarierte bis zerfetzte, manchmal aber auch unterstützend wirkte. Schnell ist da die Assoziation zu DEAFHEAVEN an der Hand, die beim Album „Jord“ noch gegebener erscheint als beim aktuellen Dreher „Diorama“, der weitaus eigenständiger klingt.

MØLVon beiden Alben wurden 45 Minuten Stücke gespielt, und mein Kopf wusste die ganze Zeit, dass das, was da passierte, schon außergewöhnlich gut ist. Herz und Magen wandten sich dagegen ab, die Phrase „Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“ erschien in meinem Schädel. Und doch: Nach dem Konzertabend waren es MØL, die die Beschallung der eigenen vier Wände übernahmen, und nicht IMPURE WILHELMINA oder der heiß geliebte Headliner. Seltsam, doch so steht’s hier geschrieben.

Dann endlich: CRIPPLED BLACK PHOENIX. Mit acht Mitgliedern, die zur Hälfte jedoch nicht mehr deckungsgleich waren mit dem letzten Mal, als ich diese Formation live erleben durfte (Bericht dazu hier). Unverzichtbar, weil den Nukleus der Band darstellend, sind Justin Greaves (Gitarre, Songschreiber, Crippled Black PhoenixBackgroundgesang) samt Partnerin Belinda Kordic (Gesang, Songschreiberin), die zusammen ebenfalls als SE DELAN musizieren. Ebenso noch Teil des Kollektivs sind Helen Stanley (Keyboard, Gesang, Trompete) neben Andy Taylor (Gitarre) – beide spielen auch bei den Krautrock-beeinflussten ASTEROID DELUXE (deren empfehlenswertes Album ist hier zu hören).

Viele langjährige Mitstreiter*innen haben CBP inzwischen verlassen, nicht immer im Guten. Einige von ihnen haben in der Zwischenzeit sogar eine eigene Band gegründet, die in ähnlichen musikalischen Gefilden schippert wie die ehemalige Stammformation: Bei VENUS PRINCIPLE haben fünf von sechs Mitwirkenden eine Vergangenheit bei CBP, die jedoch zu unterschiedlichen Crippled Black PhoenixZeiten stattfand. Mich persönlich holt deren erster Langspieler „Stand in Your Light“ (zu finden hier) bisher weniger ab als die der ehemaligen Brötchengeber, aber das kann ja noch kommen.

Wobei man sich den aktuellen Brocken von CBP, der fünf Tage nach diesem Konzert offiziell erschien (auf dieser Tour jedoch schon zu erstehen war), ebenso erarbeiten muss. Daran sind einmal mehr die ausladenden Kompositionen schuld, die mehrmals über zehn Minuten hinausgehen, sowie die (noch) Crippled Black Phoenixungewohnte Stimmfarbe des Schweden Joel Segerstedt, die zumindest mich erstmal die des zu VENUS PRINCIPLE abgewanderten Daniel Änghede vermissen lässt. Egal, wir haben ja noch Belinda Kordic, das ist vokal eh mehr als die halbe Miete. Doch nein: Während bisher jeder von mir erlebte Gig von CBP es wert war, später als Bootleg bezogen und nachgehört zu werden, so würde mir das bei diesem Auftritt eher nicht einfallen: Kordic war hörbar krank, ihre anspruchsvollen Crippled Black PhoenixEinsätze mit übergroßer Range klangen teilweise zum Davonlaufen, vor allem am Anfang des Sets.

Merkwürdigerweise verbesserte sich dies allerdings im Verlauf der Show, die mit dem gleichen Intro begann wie das Album: Eine gesprochene Einführung des Künstlers, Promoters sowie „Magiers“ Shane Bugbee, der im Metal Hammer treffend als „kontrovers“ bezeichnet wird. In dieser wird die Diversität beschworen, die der Scheibe den Titel gibt und die sich nicht nur auf Menschen bezieht, sondern auf alle Geschöpfe dieser Welt. Zumindest Greaves und Kordic sind Veganer sowie Tierschützer, was beim Video/Song „Lost“ („Ellengæst“, 2020) bereits deutlich wurde. Das Crippled Black PhoenixArtwork des aktuellen Werks „Banefyre“ verdeutlicht solche Anliegen erneut, ebenso wie der Song „The Reckoning“, der die in England nach wie vor beliebte Fuchsjagd thematisiert. Weitere Themen der Platte: Grenzerfahrungen, menschliche Abgründe, wörtliche wie im übertragenen Sinne praktizierende Hexenverbrennung sowie wohlwollende Kritik an der Punkszene – verpackt in 1,5 Stunden Musik, die man als Doppel-CD oder Dreifach-Vinyl erstehen kann.

Crippled Black PhoenixDargebracht wurden davon in der zweistündigen Show fünf Stücke. Der 2009 erschienene Klassiker „The Resurrectionists“ wurde mit vier Stücken bedacht – darunter die achtminütige „Hitsingle“ (Greaves) „Burnt Reynolds“, die für die Zugabe aufgehoben wurde und bei der die bandinterne Liebe zu PINK FLOYD besonders gut zur Geltung kommt. Eine Referenz, die von dem frenetischen Publikum geteilt wurde, welches mit dem von MØL vorher kaum noch etwas zu tun hatte. Älter war es jetzt und viel mehr dem Classic-Rock zugetan als dem Black Metal. Als einer der Konzertbesucher meine vorher getätigten Gedanken („Ich bin zu alt für diesen Scheiß“) wörtlich in mein Ohr schob und danach die RIVAL SONS als Beispiel für eine junge Lieblingsband bemühte, mutierte mein Crippled Black Phoenixanfängliches Mitfühlen zur abrupten Distanzierung. Äh, nein. So bin ich nicht/will ich nicht sein.

Doch egal ob alter Scheiß oder junger Scheiß, das war ein Hammerkonzert von drei extrem guten Combos. Die Spielfreude von CBP war nicht zu toppen und Highlights der Diskografie wie „Great Escape Pt.1“ oder „We Forgotten Who We Are“ wurden gegeben. Der optisch inzwischen zum Robb Flynn-(MACHINE HEAD)Lookalike verwandelte Greaves feierte, was das Zeug hielt ebenso wie die Crippled Black Phoenixgesundheitlich angeschlagene Lebenspartnerin Kordic und der Gitarrist Taylor, der Bottleneck-Einsätze zum Niederknien bescherte. Der Neuzugang Segerstedt eskalierte sowieso ständig und der live an Keyboard sowie Posaune agierende Georg Paco L. Fleischfresser bildete an anderer Stelle ein hochklassiges Orchesterpaar mit Helen Stanley. Komplettiert wurde das Oktett von Jordi Farré am Schlagzeug und Matt Crawford am Bass. Und, was den Kauf eines möglicherweise noch Crippled Black Phoenixerscheinenden Bootlegs angeht: Bei dieser instrumentalen Sonderklasse fallen ein paar missratene, vokale Einsätze auch nicht spürbar ins Gewicht. „The End Of The World“ von Skeeter Davis entließ mich schließlich gegen 23.20 Uhr aus der Essigfabrik in Richtung Frankfurt – wie kann man nur einfach weitermachen, heißt es da, nach diesem, vielleicht finalen “Goodbye“? Schön war’s, aber Lebbe geht halt weider. Hoffe ich zumindest.

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