MUSIC & TALK: WISHBONE ASH, NAZARETH, URIAH HEEP, NICK CAVE

Kurhaus, Wiesbaden, 21.01.2020
Jahrhunderthalle, Frankfurt, 15.1.2020

Uriah HeepIn diesem Januar finden zwei Tourneen in Europa statt, die sich vom üblichen Konzert-Marathon unterscheiden und dabei formal ein ähnliches Konzept verfolgen, wenn auch inhaltlich völlig anders gelagert: Zum ersten präsentiert Shooter Promotions ein neues Format namens „Music & Stories“, das u. a. in der Frankfurter Jahrhunderthalle gastierte (15.1.). Drei UK-Bands, alle mit etwa 50 Jahren Konzerterfahrung auf dem Buckel, teilten sich die Bühne und ließen sich zwischendurch von einer weiteren Ikone des UK-Rocks, Andy Scott von THE SWEET, in Talk-Runden „intime Geheimnisse“ entlocken. Parallel dazu gastierte Nick Cave, bevor er mit den BAD SEEDS die größten Arenen des Landes bespielt, solo in kleineren (aber ebenfalls großen) Locations wie dem Kurhaus zu Wiesbaden (21.1.). Unter dem Motto „Conversations with Nick Cave“ wurde auch hier viel geschwätzt, aber nicht vor, sondern mit dem Publikum. Beschäftigen wir uns jedoch zuerst mit dem Classic Rock-Event.

Die präsentierten Bands waren WISHBONE ASH, NAZARETH sowie URIAH HEEP. Den Anfang machten WISHBONE ASH aus Devon, und zwar die „offizielle“ Version um Andy Powell, Gitarrist, Sänger und Gründungsmitglied seit 1969. (Es existiert eine weitere um den Ex-Kollegen Martin Turner, der Wishbone Ashseine Truppe nicht mehr MARTIN TURNER’s WISHBONE ASH nennen darf, diesen Namen leicht abgewandelt jedoch immer noch für Live-Aktivitäten nutzt – so z. B. als MARTIN TURNER PLAYS THE MUSIC OF WISHBONE ASH.)

WISHBONE ASH

Sie sind immer noch häufig tourende Gäste durch Clubs wie den Colos-Saal in Aschaffenburg oder das Rex in Bensheim. Powell ist fit, singt und spielt nach wie vor mehr als überzeugend und seine Gitarrenpartner – WISHBONE ASH gelten mit den zeitgleich gestarteten THIN LIZZY als Erfinder des „Twin-Gitarren“-Sounds, aktuell mit Mark Abrahams, der seit 2017 dabei ist – sind immer beeindruckend. Powell selber pries seinen jüngeren Kollegen (geboren 1978) als einen, von dem er noch eine Menge lernen könne.

Wishbone AshEine knappe Stunde lang zelebrierte das Quartett gut gelaunt herrliche Gitarren-Eskapaden, vom Debüt-Album von 1969 bis zu Songs ihres Klassikers „Argus“ (1972), sehr zur Freude des von Anfang an frenetischen Publikums. Dieses saß überraschenderweise – selbst im Innenraum, der als unbestuhlt angekündigt worden war. Das könnte an dem wohl nicht besonders erfolgreichen Vorverkauf gelegen haben – ein „Insider“ sprach von 950 vorher abgesetzten Tickets. Etwas wenig für die Jahrhunderthalle. Und ein bisschen seltsam diesbezüglich, dass im Vorfeld keine Plakate zu dieser Veranstaltung im Stadtbild zu erspähen waren. Für den Abend mit Nick Cave im Übrigen ebenfalls nicht – das Kurhaus war aber nach einer Woche ausverkauft, was das Werben obsolet machte. Eine von mehreren Merkwürdigkeiten im Vorfeld von Music & Stories.

Talk mit Andy Powell

Talk: Andy Scott (l) mit Andy Powell (WISHBONE ASH)

Eine weitere ist die Art, wie auf den Seiten von Shooter Promotions und der Jahrhunderthalle selbst für das Event geworben wurde: Der Beschreibung nach war zu fürchten, dass die betagten Rockstars sich in erster Linie Schlüpfrigkeiten des Tourlebens aus der Hosentasche ziehen lassen würden. Das Thema Sex war Nazarethjedoch beim ersten Talk-Einschub mit Mick Box und Bernie Shaw von URIAH HEEP nach dem Auftritt von WISHBONE ASH rasch mit der Bemerkung abgehakt, dass „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ nur noch zuhause mit der Gattin stattfinden, neben gelegentlichem Einwurf von Aspirin. Ein paar johlende Lustgreise hätten wohl gern mehr gehört, zum Glück blieb man von weiteren Details jedoch verschont. Was den Rest der Gespräche nicht relevanter machte, jedoch zum Teil Nazarethdurchaus amüsant – etwa als Box und Shaw von einem Konzert im Knast berichteten, bei dem sie bangten einige Lieder nicht spielen zu dürfen. Lieder wie „Free Me“, zum Beispiel.

NAZARETH

Zwei Filmchen wurden vor den Gesprächen offeriert – einer aus dem Backstage-Bereich von URIAH HEEP sowie einer aus dem piekfeinen Tourbus von NAZARETH. Beim URIAH HEEP-Filmchen blickte noch Keyboarder Phil Lanzon von der Leinwand – auf der Bühne durfte man später tatsächlich Don Airey von DEEP PURPLE an den Tasten bestaunen, welcher Lanzon ersetzte; laut Frankfurter Rundschau wegen eines Trauerfalls. Vorher mussten oder durften die Anwesenden jedoch noch durch eine Stunde Live-Musik von NAZARETH – Nazarethangekündigt von Andy Scott als „best band ever from Scotland“. Naja. Ein bisschen unfair gegenüber BIG COUNTRY, THE ALMIGHTY, PRIMAL SCREAM, ALEX HARVEY BAND, MOGWAI, etc., das sollten auch beinharte NAZARETH-Fans zugeben, zu denen ich in keinster Weise gehöre. Trotzdem steppte der Bär rund 60 Minuten beim Hardrock der Combo um das letzte verbliebende Gründungsmitglied, den Bassisten Pete Agnew.

NazarethJa, Hardrock – trotz des unverzichtbaren Schmachtfetzens „Love Hurts“. Die Herrschaften im Innenraum verließen ihre Stühle und drängten sich enthusiastisch an den Bühnenrand, an den noch nicht einmal die professionellen Fotografen randurften. Unter dem missbilligenden Blick der Ordner. Kaum startete unter dem Hintergrundthema des SWEET-Klassikers „Love Is Like Oxygene“ die anschließende Talkrunde mit Andy Scott, Andy Powell und Pete Agnew, klebten diese die Zwischenräume vor der Bühne ab. Der subtile Hinweis wurde verstanden, jedoch erwartungsgemäß ignoriert, als die Headliner später nach vorne luden.

Talk mit Pete Agnew

Talk: Andy Scott (l) mit Pete Agnew (NAZARETH)

URIAH HEEP scheinen ihre Auftritte nach wie vor zu lieben und das Publikum erwidert diese Liebe: Egal, ob HEEP im Rahmen von Oldie-Festivals oder Symphonic-Rock-Schandtaten unterwegs sind, ob sie den Anheizer machen für Kollegen des Classic Rock (Bericht über HEEP mit STATUS QUO hier) oder, wie Uriah Heepim vorletzten Jahr im Offenbacher Capitol, als Headliner gastieren.

URIAH HEEP

Stramme Leistung. Ein sagenhafter Backkatalog, aus dessen Frühphase die meisten Tracks in den knapp 75 Minuten des Auftritts gegeben wurden, bei dem sich aber außerdem ein neuerer Song zum Bier holen einschlich (bei NAZARETH waren es mindestens zwei).

Music & Stories: Fotografien von Didi ZillZeit auch, einen Blick zu werfen auf die schmale Auswahl an großformatigen Bandporträts, die der langjährige Bravo-Fotograf Didi Zill zur Tour beisteuerte. Bernie Shaw platzte beim Konzert fast vor guter Laune und fragte unentwegt, ob die Anwesenden auch so begeistert vom Music & Stories-Konzept seien wie er selbst. Sicher doch. Den Bands sei die kürzere Auftrittszeit gegönnt bei dem Spektakel, was sich laut Eclipsed-Interview mit Andy Scott mit anderen Formationen durchaus wiederholen kann. Schauen wir mal.

Talk mit Uriah Heep

Talk: Andy Scott (l) mit Mick Box und Bernie Shaw (URIAH HEEP)

Szenenwechsel. Der Friedrich-von-Thiersch-Saal im Wiesbadener Kurhaus bot den schicken Rahmen für den Rhein/Main-Auftritt von Nick Cave mit seinen Konversationen. Cave, der in der Vergangenheit nicht gerade als besonders publikumsnaher Künstler galt, suchte in den letzten Jahren immer öfter das Bad in der Menge – eine massive Veränderung in seinem Verhalten gegenüber seinen Fans wurde jedoch durch den Tod seines Sohnes Arthur 2015 ausgelöst. Seitdem liest er Fanpost in seinen Red Hand Files (hier), beantwortet Fragen online und bemüht sich dabei um Ehrlichkeit sowie Respekt.

Die „Conversations“-Konzertreihe bringt diese Art der Kommunikation direkt zu seinen Verehrern, die an jedem Abend eingeladen sind, dessen Verlauf durch ihre Beiträge zu beeinflussen und zu prägen. Ein paar Gäste wurden sogar gebeten, direkt auf der Bühne Platz zu nehmen (Cave: „Das ist die Deko“). Kurhaus WiesbadenMenschen in Warnwesten mit Leuchtstäben verteilten sich im Saal um die Beiträge rasch möglich zu machen – Beiträge, die jedes Mal naturgemäß anders ausfallen und Cave, seinen Angaben nach, auf eine Art und Weise künstlerisch fordern, die ihn wieder (wie in seinen Anfangszeiten) neugierig oder gar nervös machen sowie die Routine aufbrechen. Ehrlichkeit ist laut Cave dabei das höchste Gut, denn er habe seit 2015 „nichts mehr zu verlieren“.

Trotzdem gibt es einen Rahmen – viele der am Piano solo vorgebrachten Songs finden fast allabendlich statt. Sogar die Themen scheinen sich zu wiederholen – als hätte ein Teil der mutigen, das Wort ergreifenden Anwesenden im Vorfeld die Kurhaus WiesbadenSetlist studiert um diesbezüglich als Stichwortgeber zu fungieren. Oder weshalb wird so häufig, in Wiesbaden sogar mehrmals, nach Leonard Cohen gefragt – seinen Einfluss auf Cave oder seine Würdigkeit als Literatur-Nobelpreisträger, zum Beispiel? „Avalanche“ von Cohen scheint in der Setlist gesetzt, ebenso wie das häufig dargebrachte „Cosmic Dancer“ von T-REX (Cave: „Marc Bolan war einer der unterbewertesten Songwriter ever“). Diverse Fragen drehten sich um Caves Verhältnis zur Religion – Nick Caveein Gast verglich die beeindruckende Kulisse des Saals im Kurhaus mit einer Kirche, das Konzert mit einer religiösen Erfahrung und fragte schließlich, ob Cave es jemals in Betracht gezogen habe, Priester oder gar Mönch zu werden. Eine der wenigen knappen Antworten des Abends war daraufhin zu hören: „No.“ Gelächter folgte.

Überhaupt wechselten sich heitere Beiträge ab mit erschütternden, wie zum Beispiel den des Vaters, der nach Herzinfarkten Rat suchte, wie er seinen Zustand mit seinem sechsjährigen, besorgten Sohn kommunizieren sollte. „Ehrlich, vor allem“, hob Cave hervor und wurde dabei unterstützt von einer Anwesenden, die als Einzige einen Redebeitrag aus dem Auditorium aufgriff um ergänzend zu antworten – eine Aktion, die Cave Nick Caveausdrücklich begrüßte. Bei diesem Konzept hätte viel schiefgehen können – werden nur blöde Fragen gestellt oder, noch schlimmer, vielleicht sogar gar keine? Nicht nur für Cave war das fordernd, sondern auch für seine Gäste – psychisch wie monetär. Ein Platz in diesem beeindruckenden Bauwerk, dessen Konzertsaal übrigens nach dem Architekten des Kurhauses wie auch der Frankfurter Festhalle benannt ist, kostete weit mehr als vergangene Auftritte des inzwischen 62-jährigen Meisters, der im Mai mit seinen BAD SEEDS die größten Arenen der Republik bespielen wird. Putzig, dass da trotzdem noch nach künstlerischer oder kommerzieller Anerkennung gefragt wurde, gerade in Bezug zum verblichenen Leonard Cohen. Mission erreicht, kann man da wohl durchaus attestieren.

Nick CaveCaves Ansatz, tradierte Konzert-Strukturen durch Kommunikation zu durchbrechen, stellt eine für alle Beteiligten fordernde sowie inspirierende Art der Freizeit-Beschäftigung dar, was auf das nostalgische Konzept von Music & Stories sicher nicht zutrifft. Spaß machten indes beide. Kaum vorstellbar jedoch, dass jemand es dem Cave-Fan, der in Wiesbaden seiner fünften „Conversations“-Veranstaltung beiwohnte, beim Tross der Classic-Rocker aus UK gleichtun würde. Dazu fehlte es dort, vor allem in den Redebeiträgen, an jeglicher Relevanz.

Links: http://wishboneash.com/, https://www.facebook.com/wishbone.ash.official, https://www.last.fm/music/Wishbone+Ash, http://www.nazarethdirect.co.uk, https://www.facebook.com/nazarethofficial/, https://www.last.fm/de/music/Nazareth, http://www.uriah-heep.com, https://de-de.facebook.com/uriahheepofficial, https://www.last.fm/music/Uriah+Heep, https://www.nickcave.com/, https://www.facebook.com/nickcaveandthebadseeds, https://www.last.fm/music/Nick+Cave

Text & Fotos (35): Micha / Fotos (2): Eric
Logo Music & Stories: © SHS

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