COVEN, DUNE PILOT, SONS OF MORPHEUS

Das Bett, Frankfurt, 18.06.2018

CovenLegendenalarm in Frankfurt: Erstmals seit Gründung 1967 spielten COVEN um Fronthexe Jinx Dawson (links) fünf Konzerte in Deutschland, das letzte nach Hamburg, Berlin, München und Lichtenfels im Club „Das Bett“. Welch eine Ehre. Doch COVEN kamen nicht allein – flankiert wurde die Mutter aller Okkultrock-Formationen von zwei jungen, europäischen Stoner-Bands: dem Trio SONS OF MORPHEUS aus der Schweiz und dem Quartett DUNE PILOT aus München. War das passend? Eher so semi.

Als erstes traten SONS OF MORPHEUS auf, gegründet 2014 vom Sänger und Gitarristen Manuel Bissig, der unter dem Namen ROZBUB schon so einiges riss in seinem Heimatland. Der Dreier hat bisher zwei Longplayer sowie eine Split mit SAMAVAYO veröffentlicht und spielte eine Sons of Morpheusknappe halbe Stunde. Der Saal war während des Gigs recht leer, viele vertrieben sich die Zeit bis zum Headliner noch mit Kippen und Klön im Freien, was angesichts der Textilien der meisten Besucher mehr als nachvollziehbar war: „Böse“ Black Metal-Bands dominierten die Leibchen der Gäste, Combos wie VON oder URFAUST wurde da gehuldigt – das ist nicht notwendigerweise das Publikum für wie auch immer geartete Sons of John Garcia.

Sons of MorpheusDas Publikum im Club hielt sich eher in Thekennähe auf und verfolgte interessiert das Treiben, welches ein wenig hüftsteif begann, später jedoch an Energie extrem zunahm. Vor allem Bassist Lukas Kurmann versprühte eine zunehmende „Leck mich doch“-Attitüde, was der Show hör- und sichtbar extrem gut tat. Cooler Einstieg, der den Traditionalisten im Raum sehr gefiel. Das, bei aller Nähe zum Blues, ein Kollege begeistert an Stevie Ray Vaughan erinnert wurde, kann ich aber bei aller Sympathie zum Gegebenen nicht nachvollziehen, trotz marginaler Ähnlichkeiten im Gitarrenklang. Da würde ich die sprichwörtliche Kirche im Dorf lassen, wäre eh blasphemisch, bei dem was noch kommen sollte.

Genau wie SONS OF MORPHEUS waren die folgenden DUNE PILOT in der Vergangenheit mit KARMA TO BURN unterwegs – eine weitaus passendere Kombination, wie ich finde. DUNE PILOT erst diesen Monat im Wiesbadener Dune PilotSchlachthof. Damals Anwesende waren sehr angetan und ich schließe mich dem nach der Sause in „Das Bett“ gern an – aber ach, die Kritiker im Saal. Vor allem bereits erwähnte Traditionalisten: Moserten allen Ernstes über die Haare des Sängers Andris. Geht’s noch? Solchen Blödsinn muss der Arme wohl häufiger verkraften, anders kann ich mir seine Bemerkung, dass er bald auf der Bühne aufhören müsse weil er „noch einen Termin beim Frisör“ habe nicht erklären.

Welch eine Ignoranz auch gegenüber dem Treiben der herrlich motivierten Instrumentalisten – Gitarrist Chris und Bassist Toni besuchten sich ständig gegenseitig, um sich anzustacheln und Andris, neben Dune PilotHaaren auch mit einem höchst ansprechenden Stimmorgan ausgestattet, gab dazu den Luftgitarren-König, wenn er schwieg. Sehr unterhaltsam und mitreißend, für mich noch etwas mehr als der Opener, doch dieser Eindruck wurde von meiner Peergroup nicht geteilt. Der Dunkelfraktion war es eh wurscht, für die gab es heute sowieso nur eine Band: COVEN.

„COVEN!? Wer zum Teufel sind COVEN!?“, dürften sich nun einige Leser unseres Blogs fragen, zumal wir die Combo eingangs als Legende tituliert haben. Um die Frage zu beantworten, bedarf es einer Zeitreise in die Mitte der 1960er Jahre, als aus der in Chicago ansässigen Gruppe HIM, HER AND THEM die CovenFormation COVEN hervorging. „Him“ und „Her“ waren in diesem Fall Bassist Oz Osborne und Sängerin Jinx Dawson, die gemeinsam mit einigen anderen Mitstreitern etwa 1967 mit COVEN die erste Okkultrock-Band der Musikgeschichte formierten. Und da in den späten Sechzigern eine wahre Begeisterung für alles Okkulte herrschte, trafen COVEN genau den Nerv der Zeit.

Es war die Dekade, in der die Hippie-Bewegung gegen die bürgerlichen Zwänge, die konservative Politik und die Kirche aufbegehrte und in der das Interesse an alternativen Kulturen und Lebensstilen aufkam. Die Schriften des englischen Okkultisten Aleister Crowley (u. a. „Liber Al vel Legis“), die Philosophie des Psychologen Timothy Leary, der unter anderem zum Gebrauch von LSD aufrief, Covendie literarischen Werke eines William S. Burroughs, die Gründung der Process Church of the Final Judgement und der Church of Satan (beides 1966), die Medien-Präsenz von Hexen wie Sybil Lee und Louise Huebner spiegelten sich auch in der Musik der Zeit wieder.

Nachdem bereits die ROLLING STONES („Their Satanic Majesties Request“ von 1967, „Sympathy for the Devil“ von 1968) und auch LED ZEPPELIN (Jimmy Page war ein erklärter Jünger Aleister Crowleys) in einzelnen Songs mit dem Okkulten kokettierten und die BEATLES Crowley sogar auf dem Cover ihres 1967 erschienenen Albums „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ verewigten, war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Gruppe entstehen Covenwürde, die sich vollends auf das Okkulte stützen würde. Das Image von COVEN war allerdings nicht aufgesetzt, sondern rührte daher, dass die Eltern von Jinx Dawson der Ancient Order of Druids angehörten und sie von Kindheit an im Sinne des Left Hand Path erzogen. So wurde Jinx bereits im zarten Alter von 13 Jahren mit heidnischen Lehren und Ritualen konfrontiert und war mit 18 eine praktizierende Hexe des Druidenzirkels, die viele der gemachten Erfahrungen in die Texte ihrer Band einfließen ließ.

CovenDies resultierte 1969 schließlich im Debüt-Album „Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls“, für dessen Erstpressung man heutzutage einige hundert Euro auf den Tisch legen muss. Das Werk ist musikhistorisch aus gleich mehreren Gründen interessant: Zum einen war es die erste Veröffentlichung, auf der das mit der Hand geformte Zeichen des Teufels und umgedrehte Kreuze zu sehen waren, zum anderen befand sich auf der B-Seite ein 13-minütiger Live-Mitschnitt einer Schwarzen Messe. Erwähnt sei noch, dass die Scheibe ein Jahr vor dem Debüt von BLACK SABBATH erschien, kurioserweise aber einen Song namens „Black Sabbath“ enthielt und mit Oz Osborne ein Mitglied hatte, dessen Name stark an den des SABBATH-Sängers Ozzy Osbourne erinnerte.

Die Tatsache, dass „Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls“, das gar beim Majorlabel Mercury Records erschien, hierzulande dennoch völlig unbekannt ist, hat vor allem mit einem Artikel im amerikanischen Magazin Esquire zu tun, der mit dem Titel „Evil Lurks in California“ überschrieben war und sich auf äußerst reißerische Art und Weise den Charles-Manson-Morden widmete. In diesem Zusammenhang wurde auch Covendas Album von COVEN genannt und über eine mögliche Verbindung zu Manson spekuliert. Mercury nahm daraufhin die Platte vom Markt, zu einer Veröffentlichung in Europa kam es erst gar nicht. Nach zwei weiteren Releases – „Coven“ (1971) und „Blood on the Snow“ (1974) – lösten sich COVEN schließlich auf und wurden posthum zum Kult.

CovenZeitsprung ins neue Jahrtausend. Klassischer Hard/Psychedelic-Rock und Okkultismus erleben dank Acts wie ELECTRIC WIZARD, THE DEVIL‘S BLOOD, JEX THOTH, BLOOD CEREMONY und vielen anderen eine Renaissance, die wohl auch Jinx Dawson motivierte, COVEN noch einmal aufleben zu lassen. 2013 erschien mit „Jinx“ ein Album im Eigenvertrieb, von dem jedoch kaum jemand etwas mitbekam, da der Support eines großen Labels fehlte. 2017 lieferten die Amerikaner beim niederländischen Roadburn Festival ihr Live-Debüt in Europa und nun, 2018, folgt die erste Europa-Tour, die elf Shows – Dawson spricht übrigens von Ritualen, nicht von Auftritten – umfasst, fünf davon in Deutschland.

Kurz vor dem Gig in Frankfurt, auf den ich mich wie auf keinen anderen in diesem Jahr gefreut hatte, dann der Schock: Die COVEN-Show in Berlin wurde abgesagt, da das Pseudonym des Gitarristen Ricktor Ravensbrück (Ex-ELECTRIC HELLFIRE CLUB) den Namen eines Konzentrationslagers enthält Covenund der Herr wohl auch aufgrund seiner verqueren politischen Gesinnung schon des Öfteren aneckte. Doch Jinx reagierte schnell, feuerte Ravensbrück und wohl noch ein weiteres Mitglied und ließ zwei Ersatzleute einfliegen, die bereits früher mit Jinx aktiv waren. Und so stand die Band am gestrigen Abend wie geplant als Headliner vor dem Publikum.

CovenBereits einige Minuten vor Beginn des Konzerts wurde ein aufrecht stehender und mit einem schwarzen Tuch verhüllter Sarg auf der Bühne platziert. Als es dunkel wurde, waberte Nebel über das Podest, auf der Videoleinwand flackerten Flammen und die Worte der Schwarzen Messe vom Debütalbum erklangen. Es herrschte Gänsehaut-Atmosphäre. Wenige Momente später versammelten sich die in Mönchskutten gehüllten Musiker um den Sarg herum und öffneten ihn, um Jinx Dawson zu befreien. Die Frontfrau trug zunächst einen schwarzen Schleier über dem Gesicht, den sie kurz darauf ablegte, worauf eine mit Nieten besetzte Ledermaske zum Vorschein kam.

Als Opener fungierte der doomige Track „Out of Luck“ vom 2013er-Werk „Jinx“, der neben Gesang auch mit finsterem Gelächter aufwartete. Im Anschluss legte die Amerikanerin die Maske ab und es folgten gleich vier Songs vom kultigen CovenDebüt – bis zum Ende des Gigs sollten es immerhin sieben sein. Lieder der Alben zwei und drei fanden sich mit Ausnahme von „Blood on the Snow“ von gleichnamigen Output nicht in der Setlist wieder. Dafür gab es insgesamt drei Stücke von der 2013er-Scheibe sowie mit „The Crematory“ einen recht aktuellen Track aus dem Jahr 2016. Musikalisch haben COVEN das Rad dabei nicht neu erfunden, präsentiert wurde eine stimmungsvolle Mischung aus Folk- und Psychedelic-Rock mit einem Hauch von Doom, die man irgendwo zwischen frühen JETHRO TULL, URIAH HEEP und JANIS JOPLIN für Satanisten einordnen könnte.

Alles in allem war‘s dennoch ein magischer Abend, der von einer schaurig-schönen Atmosphäre und von der wundervollen Stimme von Jinx Dawson geprägt war. Und für ihre knapp 70 Jahre (Dawson wurde 1950 geboren) wirkte Covendie Frontfrau äußerst agil, elegant und anmutig. Da war es recht schade, dass sich lediglich etwa 70 Besucher in den Club verirrt hatten. Doch wie bereits erwähnt, bisher ist keines der COVEN-Alben offiziell in Deutschland erschienen und die aktuelle Tour stellte die erste europäische Tour überhaupt dar. Dafür war‘s beeindruckend und wirkte atmosphärisch wie eine Musical-Aufführung von „Rosemary‘s Baby“ unter Mitwirkung von Mitgliedern der Church of Satan.

Die Musiker der Backing-Band, allen voran Blues-Gitarrist Chris Wild sei in diesem Zusammenhang lobend erwähnt, spielten ihre Rollen als Jünger der Hohepriesterin perfekt und betteten die alten 60s-Songs in ein modernes Gewand, ohne dass dabei die Magie der Lieder verlorenging. Nach Ende des CovenKonzertes war sich die anwesende Rockstage-Crew einig, gerade eines der Highlights des Jahres erlebt zu haben. Bleibt zu hoffen, dass COVEN im Rahmen ihrer Auftritte nicht nur die Fans begeisterten, sondern vielleicht auch den einen oder anderen Label-Manager von ihrer Klasse überzeugt haben, der Jinx Dawson und ihren Mannen vielleicht noch einen späten Ruhm bescheren könnte. Zu gönnen wäre es ihr. Hail Jinx, hail COVEN!

Links: https://www.sonsofmorpheus.com/, https://www.facebook.com/sonsofmorpheus, https://sonsofmorpheus.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Sons+of+Morpheus, https://www.dunepilot.com/, https://de-de.facebook.com/dunepilot/, https://dunepilot.bandcamp.com/, https://www.reverbnation.com/dunepilot, https://www.last.fm/de/music/Dune+Pilot, https://de-de.facebook.com/TheOfficialCoven/, https://www.last.fm/de/music/Coven

Text (COV): Marcus
Text (SOM/DP), Fotos (15) & Clips: Micha
Fotos (15): Eric, https://www.flickr.com/photos/vanreem

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3 Comments

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3 Responses to COVEN, DUNE PILOT, SONS OF MORPHEUS

  1. IRON-Guido

    Zitat: „Da war es recht schade, dass sich lediglich etwa 70 Besucher in den Club verirrt hatten. “

    Bei einem Abendkassenpreis von EUR 30 auch kein Wunder! Für mich der Grund, warum ich dem Konzert fernblieb. COVEN spielen dieses Jahr auch auf dem HAMMER OF DOOM.

    Ansonsten ein wie immer gelungenes Review, Micha.

    Beste Grüße

    IRON-Guido

  2. micha

    Danke für die Blumen, Guido. Doch sie gebühren Marcus, wie unter dem Bericht vermerkt. Ich hab nur ein wenig über die Vorbands geschrieben. Aber Du hast Recht – ich finde Marcus‘ Coven-Abhandlung auch ausgezeichnet.

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