Das Bett, Frankfurt, 12.09.2026
Für einen Rock’n’Roll-Blog aus Frankfurt am Main ist es schon ein bisschen peinlich, wenn nicht sogar unentschuldbar, dass es bisher keines der Projekte von Aren Emirze (rechts) auf diese Webseite geschafft hat. Vor allem, wenn von schreibender Seite durchaus eine Menge Sympathie für dieses Schaffen vorhanden ist. Gründe gibt es dafür mehrere, alle sind unter „Organisatorisches“ abzubuchen und mit diesem Bericht hoffentlich obsolet. Mit MUSA DAGH hat Emirze, auf dessen musikalische Vita ich im Weiteren noch eingehen werde, einen Tag vor dem Konzertabend im Frankfurter Club „Das Bett“ das dritte Album namens „Endurance“ veröffentlicht. Mit anderen Mitmusizierenden als zuvor. Up- oder Downgrade?
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Dem Menschen, der mit SAFI-Aufdruck auf dem T-Shirt früh seinen Platz am linken Bühnenrand besetzte, musste man so eine Frage nicht stellen: Er kannte MUSA DAGH überhaupt nur, weil Safi aka Sandra Fink aus ursprünglich Leipzig nun ein Teil der Band ist. Er war völlig entgeistert, dass ich die neue
Platte in ihrer Gänze noch nicht hören konnte und outete sich als Hardcore-Fan, der extra aus Berlin gekommen war, um den Auftritt zu erleben. Er hatte SAFI, Safis Band, schon mehrmals gesehen.
Vor ihrer eigenen Band machte sie bereits Prog-Rock, Trip Hop oder NeoFolk. Mit SAFI tut sie, laut dem wenige Tage vorher im Ventil-Verlag erschienenen dritten Band „These Girls Forever!“ (mehr dazu hier) ihrer Reihe „Ikonen feministischer Musikgeschichte“ nun „auf der Bühne kund, was sie an- und aufregt, an ihr zerrt, was sie stört an dieser Gesellschaft: Profitorientierung, antidemokratisches Gehabe, Feindbilder, Rassismus – und Sprachlosigkeit all dem gegenüber“ (Petra Mewes). Deutschsprachig und sehr eigen, mit
expressiver Vokalakrobatik. Die Grenzen zur Avantgarde sind bei ihrem Verständnis von Rockmusik fließend, bei mir zündete das musikalisch nicht gleich zu Beginn und ich musste mich reinhören. Ein Aufwand, der sich lohnt.
MUSA DAGH (benannt nach einem Berg im Süden der Türkei, der durch Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, in dem er den Völkermord an den Armeniern 1915/16 literarisch verarbeitet, bekannt wurde), gründeten sich 2021. Zur Erstbesetzung des Trios gehörten neben Emirze der Schlagzeuger Thomas Götz (BEATSTEAKS) sowie am Mikro Aydo Abay – Letzterer durch seinen sehr eigenen Stimmcharakter und seine mit BLACKMAIL veröffentlichten Alben durchaus mit Legenden-Status behaftet.
Produzent Moses Schneider, dessen mannigfaltige Tätigkeiten die Wege aller Beteiligten häufig begleitete und der darüber hinaus als viertes Bandmitglied interpretiert werden kann, produzierte ebenfalls SAFI in der Vergangenheit, was eine Kontaktaufnahme wesentlich erleichterte. Vorher rotierte es auf dem Drum-Hocker bereits zwei Mal: Nach Götz spielte Sascha Madsen (MADSEN) das zweite Album „No Future“ ein und eine Tour lang mit.
Nachdem dieser ebenfalls weiterzog, kamen Emirze und der ebenso aus Frankfurt stammende, Ex-ABWÄRTS-Drummer Martin „Dog“ Kessler endlich zusammen – dieser war „so langsam schon fast ein wenig angefressen, dass Aren mich nie fragt, wann ich denn bei MUSA DAGH trommeln will“, wie er im Visions (9/2026) zitiert wird (ein Interview mit ihm von uns findet Ihr hier).
Up- oder Downgrade hin oder her: Mit Kessler und Safi klingen MUSA DAGH anders als zuvor. Mir persönlich gefällt die neue Platte noch ein ganzes Stück besser als die beiden vorangegangenen. Interessant würde es werden, ob das neue Trio Stücke der ersten beiden Platten spielt und falls ja, wer sie singt und wie sich das dann anhören wird. Vorher jedoch, da kam noch CURT.

CURT sind eine Brachial-Rockband aus Frankfurt, deren Mitglieder mit der musikalischen Geschichte Emirzes eng verzahnt sind. Auch CURT bieten seit einem Tag vor dem Auftritt in „Das Bett“ einen Tonträger an – eine 5-Track-EP, deren längster Song drei Minuten und 33 Sekunden dauert (zu hören hier). Am
Mikro: Frank Simon, der ebenso wie Gitarrist Chris Aidon sowie Schlagzeuger Christian Grulke mit Emirze in der von 1993 bis 2001 existierenden Formation RINDERWAHNSINN lärmten. Bassist Jens Cappel hat bei den Frankfurter Psychedelikern THE BLACK CAT’S EYE schon einiges Lob eingeheimst und spielte darüber hinaus mit Emirze sowie Gert Knebel (BADESALZ) bei ANGST VOR CLOWNS.
RINDERWAHNSINN waren eine Knallerband, ein Solitär in Frankfurts Rockszene, die dafür viel zu wenig gepriesen wurde. Gründe dafür waren neben dem abgefahrenen Sound die sehr speziellen, deutschsprachigen Lyrics von Simon. Bei CURT wird auf Englisch dargeboten; das Aggressions- wie Verstörungslevel von Simon und Aidon ist nach wie vor präsent und ihr Sound knallt immer noch ordentlich, allerdings inzwischen recht innovationsfrei. Was aber völlig egal ist. In diesem Fall fällt es im direkten Vergleich jedoch auf, weil MUSA DAGH in ihrer aktuellen Besetzung und ihrem dritten Longplayer einen Innovationsschub vorweisen, der die Band weitaus relevanter macht (eine euphorische Plattenkritik auf metal.de findet man hier).
Als MUSA DAGH 2023 in der damaligen Besetzung im Frankfurter Nachtleben gastierte, war Emirze ebenso bis zum letzten Schweißtropfen motiviert wie bei diesem Auftritt 2026, während der damalige Vokalist Aydo Abay bisweilen Unsicherheit oder Unwohlsein ausstrahlte. Bei Safi, die den Stücken durch ihr
prägnantes Bassspiel eine weitere, treibende Note verpasst, war von Unsicherheit nichts zu spüren. Ihr Vortrag unterscheidet sich energetisch extrem von dem Abays, kann aber ebenso zart kontrastieren, was vor allem bei den Songs deutlich wurde, die von den älteren Alben stammten und dargeboten wurden. „Plural Me“ wurde gar in einer hinreißenden Version ohne Drums performt.
Emirze, der alle Anwesenden als „Familie“ begrüßte (die Gästeliste war in der Tat wieder kilometerlang) wurde beim Wechseln der Saiten beim Aufzählen seiner zahllosen Bands nostalgisch („Das meiste war doch ganz gut, oder?“), fragte nach, wer vor einem Jahr am gleichen Ort beim Jubiläumskonzert seiner bekanntesten Band HARMFUL (mit Chris
Aidon) war (anscheinend fast alle) und bedankte sich bei einem im Publikum stehenden Olli für die Gitarre (dieser: „Bring ’se heil heim!“).
75 Minuten lang empfahl sich diese Besetzung von MUSA DAGH als eine, die hoffentlich bleibt – dass ein brandneuer Track gespielt wurde, der erst 2027 erscheint, lässt darauf schließen, dass dem so sein wird. Zu wünschen wäre es uns und vor allem Emirze, der so krass motiviert ist, eigenständigen sowie kraftvollen Rock’n’Roll zu spielen als Ergänzung oder Ausgleich zu seinen leiseren, gleichwohl ebenso faszinierenden Arbeiten als EMIRSIAN oder mit dem Frankfurter Soul-Sänger Chima als AREN & CHIMA. Glückwunsch und Danke.
Links: https://www.facebook.com/p/curtmusic, https://www.instagram.com/curt.music, https://thisiscurtmusic.bandcamp.com/album/curt, https://musadagh.info/, https://www.facebook.com/musadagh1915/, https://www.instagram.com/musadagh_official/, https://musadagh.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/Musa+Dagh
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:
- CURT
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- Musa Dagh
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