EVERLAST

Batschkapp, Frankfurt, 11.09.2018

Everlast2012 habe ich EVERLAST (eigentlich Erik Schrody) das letzte Mal live gesehen. Eine Solo-Tour war das, obwohl damals eigentlich ein Duo auf der Bühne der alten Batschkapp stand. Wer der Unterstützer war, der neben ihm auf einem Schemel saß und mitklampfte, weiß ich nicht: Das wurde auf seinen Webseiten nicht verraten. Genauso wenig wie die Identitäten seiner drei Mitstreiter auf der aktuellen Tour an Mischpult, Keyboard sowie Schlagzeug. Vorgestellt wurden sie zwar von ihm, doch bei mir kamen diese Informationen nicht zweifelsfrei akkustisch an. Schade. Waren fähige Leute, auf jeden Fall. Passend zum Bandboss. Dessen Sound ist immer noch ziemlich einzigartig, wenn auch nicht mehr so wie zu Beginn seiner Solokarriere.

Wir erinnern uns: Erstmals in den Fokus der Hip Hop-Fans rutschte der irischstämmige New Yorker (der aber in Kalifornien aufwuchs) als Mitglied von Ice-Ts RHYME SYNDICATE, mit dem er auch Ende der Achtziger Jahre durch EverlastDeutschland tourte und in der Batschkapp gastierte. Nach seinem Solodebüt 1990, über das EVERLAST selber am liebsten den Mantel des Schweigens hüllt („Ich war kurz davor ein zweiter Vanilla Ice zu werden“ sagte er Spin), tat er sich Anfang der 90-er mit DJ Lethal (später bei LIMP BIZKIT) und Danny Boy zusammen. Die beiden gründeten HOUSE OF PAIN, eine rein irischstämmige Hip Hop-Crew, die alles bot, was man sich an Klischees so über die Jungs von der grünen Insel zusammenreimen mag – insbesondere den inflationären Genuss von Alkohol. Und einen veritablen Hit: „Jump Around“ provoziert immer noch das, was er im Titel aussagt. Das Trio tourte mit den RAMONES sowie den BEASTIE BOYS – Frankfurt beehrten sie 1992 mit einem Headliner-Set im Cookys. Zu nachtschlafender Zeit prollte sich das Trio damals durch die Menge im zum Bersten gefüllten Club, riss eine knappe Dreiviertelstunde ihren Stiefel runter und verschwand dann wieder in die Nacht. Kult, aber schwer assi.

Nach zwei weiteren Alben war 1996 Schluss, EVERLAST arbeitete an seinem zweiten, seinem ersten „richtigen“ Solo-Werk, da ereilte ihn ein Infarkt als Folge eines angeborenen Herzfehlers. Die letztlich zwei Jahre später erschienene EverlastPlatte „Whitey Ford Sings the Blues“ ist ein absoluter Knaller, stilistisch zwischen Blues, Country sowie Rap changierend. Heute, 20 Jahre später, ist EVERLAST nicht der Einzige, der diesen Stilmischmasch verkörpert – der Enkel des Country-Outlaws Waylon Jennings, Struggle Jennings, macht auch sowas ähnliches. Und der von (ausgerechnet) Eminem – mit dem EVERLAST über mehrere Jahre einen Beef pflegte – protegierte YELAWOLF dürfte unter jüngeren US-Amerikanern weit Everlastpopulärer sein als Mr. Schrody selbst. Schwer zu sagen, ob seine seitdem weit „geerdetere“ Performance ohne versoffene Proll-Attitüde sowie sein Bekenntnis zum Islam ein Resultat aus den ihn umgebenden gesundheitlichen Problemen (seine Tochter leidet an Mukoviszidose) oder einfach einen altersbedingten Reifeprozess darstellt. Er wirkt jedenfalls in den letzten 20 Jahren weitaus demütiger, als er es seinerzeit im Cookys war. Aber trotzdem noch leicht reizbar.

EverlastInzwischen erschienen sechs weitere Alben von EVERLAST – teils mit Band, teils mit Gaststars, teils solo. Seine Lust auf klassischen Hip Hop lebte er mit LA COKA NOSTRA aus, einer Formation, bestehend aus HOUSE OF PAIN plus. Und ja, die HOUSE OF PAIN-Reunion-Tour gab es auch inzwischen. „Whitey Ford’s House of Pain“, die erst vor kurzem erschienene Scheibe, sowie vor allem die momentan laufende Tour verbindet seine musikalischen Ausdrucksformen perfekt.

EverlastEtwa eine halbe Stunde mussten die Anwesenden, die den Saal bis ins hintere Viertel eng füllten, warten, bis das Quartett endlich erschien. „The Climb“ vom aktuellen Dreher eröffnete – eine Nummer, die den Status Quo EVERLASTs zu beschreiben scheint und vielleicht eine Ansage darstellt. Stark verklausuliert. Gefolgt von „Don’t Complain“, bei dem Hip Hop-Geschichte erzählt wird (Bezüge zu NAS und BOOGIE DOWN EverlastPRODUCTIONS), C&W-Geschichte (Erwähnung von Willie Nelson sowie Waylon Jennings) und die Partytauglichkeit David Lee Roth’s als Referenz gilt. Oder anders: EVERLASTs Geschichte. Ursprünglich angekündigt war ein Abend, der retromäßig erst das Erfolgsalbum „Whitey Ford Sings the Blues“ featuren und anschließend weitere Tracks zwischen HOUSE OF PAIN und aktuelleren Veröffentlichungen bieten sollte. Doch dieses Konzept war entweder eine Ente oder wurde verworfen. Die dargebrachte Mischung von Songs verfolgte eine andere Idee: Eine inhaltliche Standortbeschreibung Schrodys war das eher. Dazu wurden genau die Stücke gegeben, die dies am besten illustrierten, unabhängig vom Erscheinungsjahr.

„Today (Watch Me Shine)“ war dann der erste Song von „Whitey Ford Sings…“, einer eher aus der zweiten Reihe. Zur Mitte hin durften Schlagzeuger und Keyboarder erstmal pausieren, die alte Schule wurde zelebriert: Nachdem der DJ an 9/11 (auf den Tag genau vor 17 Jahren) erinnerte folgte ein Rap-Block, bei dem EVERLASTs EverlastKumpel Snoop Dogg gecovert wurde – mit „My Medicine“, einem Stück, bei dem EVERLAST ein Gast-Feature hatte, ebenso wie die andere (neben Snoop) große Kiffnase der US-Musik, Willie Nelson. Country & Rap, das geht wohl doch noch öfter. Der nachdenkliche EVERLAST taute nun auf und wurde lockerer.  In Interviews merkt man ihm oft den Fanboy an, wenn die Sprache auf Hip Hop kommt. Vielleicht lag es aber Everlastauch am schlückchenweise genossenen irischen Whiskey, den er sich ab und an auf der Bühne gönnte.

Obwohl er sich selber mal als Nichtsänger bezeichnete (laut.de), ist sein gefühlvolles wie oft raues Organ jedoch wie geschaffen für seine Geschichten über den sogenannten „White Trash“ und die Widrigkeiten des Lebens. „Broken“, „Ends“, „Stone in My Hand“, „White Trash Beautiful“ sowie das mit SANTANA aufgenommene „What It’s Like“ sind Werke eines ganz großen Singer/Songwriters, der sich lyrisch und musikalisch nicht vor den Großen des Genres verstecken muss. Großes Vorbild von ihm: Johnny Cash, dessen „Folsom Prison Blues“ in der modernisierten EVERLAST-Variante am Ende des regulären Sets erschallte.

Everlast„Black Jesus“ beschloss später fast den knapp zweistündigen Konzertabend, bis EVERLAST und seine Jungs am Ende den Sack zumachten, ungleich zur „Solo-Tour“, bei der es noch nachdenklich „Jump Around?“ hieß. Diesmal entfiel das Fragezeichen – und die ganze Batschkapp sprang synchron. Ein Mitreisender in der U-Bahn brachte es später auf den Punkt: „EVERLAST? Das Beste beider Welten!“. Amen dazu.

Links: http://www.martyr-inc.com/, https://www.facebook.com/everlastmusic/, https://soundcloud.com/everlastofficial, https://www.last.fm/de/music/Everlast

Text & Fotos: Micha
Clips: am Konzertabend aufgenommen von Grinsebacke67

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