THE GODDAMN GALLOWS

Dreikönigskeller, Frankfurt, 16.06.2015

Goddamn GallowsDie GODDAMN GALLOWS bedienen ein musikalisches Genre, das sich nur schwer beschreiben lässt. Die Band vermischt Elemente aus Country, Folk, Bluegrass, Rock’n’Roll und Punk und kreiert daraus etwas, das man als Gypsy-Punk, Gutterbilly oder Sideshow-Rock’n’Roll bezeichnen könnte und das man aufgrund seiner Hillbilly-Attitüde zunächst im tiefsten Süden der USA verorten würde. Doch weit gefehlt, die Ursprünge des Quintetts liegen in der Rock City Detroit, die Bands und Künstler wie Alice Cooper, die STOOGES, MC5, die MEATMEN und NEGATIVE APPROACH hervorgebracht hat. Dass die GALLOWS dennoch völlig andere musikalische Wege gehen, dürfte vor allem Acts wie den LEGENDARY SHACK SHAKERS, HANK III, ANGRY The Goddamn GallowsJOHNNY AND THE KILLBILLIES und 16 HORSEPOWER geschuldet sein, die bereits Ende des letzten Jahrhunderts den musikalischen Grundstein für Country/Folk-Musik abseits der gängigen Konventionen gelegt haben. Neben den GODDAMN GALLOWS zählen THOSE POOR BASTARDS, SHAUN JAMES & THE SHAPESHIFTERS und MURDER BY DEATH zu aktuellen Vertretern des Genres, wobei jede Formation ihren ganz eigenen Sound geschaffen hat.

 

Der Legende nach haben sich Gitarrist Mikey und Stand-up-Bassist Fishgutzzz während einer Schlägerei kennengelernt, die, und dies stellte sich erst im Nachhinein heraus, durch Drummer Uriah (aka Baby Genius) THe Goddamn Gallowsverursacht wurde, der jemanden bei einem Drogen-Deal übers Ohr gehauen hatte. Seither sind die Jungs ein kreatives Kollektiv, das bereits fünf Alben hervorgebracht hat und zeitweise sogar aus sieben Musikern bestand, von denen der ehemalige Mandoline- und Banjo-Spieler mit JAYKE ORVIS & THE BROKEN BAND inzwischen recht erfolgreich ein eigenes Projekt betreibt. Und da den Amerikanern der Ruf eines fantastischen Live-Acts vorauseilt, hatte ich deren Show am gestrigen Abend im Frankfurter Dreikönigskeller zum Pflicht-Termin auserkoren. Es war ein Dienstag und erfahrungsgemäß gelingt es unter der Woche nur wenigen Combos, einen Club zu füllen, selbst wenn er wie der DKK nur offiziell 85 Besucher fasst. Ich war also auf einen geruhsamen Gig THe Goddamn Gallowseingestellt, bei dem man gemütlich an der Bar sitzen, ein wenig Smalltalk halten und in Ruhe seinen Apfelwein trinken konnte. Doch es sollte anders kommen.

Bereits um 20 Uhr, also eine Stunde vor Einlass, fanden sich Leute ein, die befürchteten, keine Karten mehr zu bekommen. Sie sollten Recht behalten, denn pünktlich um 21 Uhr stürmte eine Menschenmasse den kleinen Keller und sorgte schon bald für eine Temperatur, die uns der Sommer bisher verwehrt hatte. Und offensichtlich waren die Besucher nicht nur aus Frankfurt, sondern auch aus der näheren und weiteren Umgebung angereist. Neben einigen bekannten Gesichtern waren es vor allem Unbekannte, die den Club bevölkerten. Ungewöhnlich dabei war, dass THe Goddamn Gallowsgut die Hälfte der Anwesenden Frauen waren – und dass, obwohl die Band aus zahnlosen Hobos mit diversen Gesichtstattoos besteht, die man nicht unbedingt in die Kategorie „Chick-Magnets“ einordnen würde. Als die Jungs gegen 22:30 Uhr schließlich loslegten, wurde schnell klar, was die holde Weiblichkeit an den GODDAMN GALLOWS fasziniert: Die Party-Mucke, zu der man gut abtanzen kann.

Doch der Reihe nach. Die GODDAMN GALLOWS haben das klassische Rock-Outfit-Lineup bestehend aus Gitarre, Bass (in diesem Falle Stand-up-Bass) und Schlagzeug um Akkordeon und Banjo erweitert, wobei Akkordeon-Spieler TV’s Avery bei einigen Tracks auch mal zum Waschbrett greift. Auf den Alben THe Goddamn Gallowsergibt sich daraus eine breite musikalische Vielfalt, die von klassischen Folk-Liedern über finstere Moritaten bis hin zu Punk-, Psychobilly-, Country- und Blues-Songs reicht. Diese Bandbreite wurde live nicht ganz bedient, da sich die Jungs hauptsächlich auf ihre schnellen, stimmungsvollen und vor allem partytauglichen Beiträge konzentrierten. Abwechslung war dennoch geboten, denn jeder der Musiker steuerte mal den Gesang bei. Die Stimme von Gitarrist Mikey erinnerte dabei THe Goddamn Gallowswegen ihres Reibeisen-Sounds nicht selten an Sparky von DEMENTED ARE GO, Basser Fishgutzzz und Banjo-Spieler Joe brachten mit ihrem aggressiven Gegröle Hardcore-Punk-Elemente mit ein und Schlagzeuger Uriah ergänzte das Ganze durch seine herrlich kaputte Stimme.

Auch showtechnisch wurde viel geboten, wobei die Kerle, die da auf der Bühne standen, schon durch ihr Äußeres eine Schau für sich waren. Jungs mit Gesichtstattoos, auftätowierten Haaren und vor allem mit Motiven auf dem Körper, die entweder im Knast oder im Vollrausch entstanden waren, sieht man nicht alle Tage. Deutlicher Blickfang des Treibens war Akkordeon-Spieler TV’s Avery, der THe Goddamn GallowsGrimassen wie einst die drei STOOGES zog, Leuten im Publikum die Mützen klaute, um sie anderen Besuchern aufzusetzen, fröhlich in die Luft rotzte, das Ganze wieder wie ein Frosch mit der Zunge auffing und noch anderen debilen Schabernack trieb. Der Mann ist offensichtlich als Kind in ein LSD-Fass gefallen.

Temperatur und Stimmung stiegen stetig an, Gläser gingen zu Bruch, Fontänen von Bier spritzten durch den Raum und die Mädels führten ekstatische Veitstänze auf. All dies weckte Erinnerungen an Acts wie die finnischen Wodka-Vernichter ELÄKELÄISET, die New Yorker GOGOL BORDELLO oder die Kanadier THE REAL MCKENZIES, die sich für Iren halten. Kurzum, das Ganze war eigentlich mehr eine feucht-fröhliche Party als ein klassisches Konzert und wer den Keller The Goddamn Gallowsbetreten hatte, um sich gepflegt einen hinter die Binde zu kippen und zu feiern, der hatte den richtigen Ort gewählt.

Musikalische Highlights waren nur schwer auszumachen, da die für den Set gewählten Songs alle sehr ähnlich klangen, es sei aber stellvertretend der Track „Y’all Motherfuckers Need Jesus“ genannt, den die Jungs nur geschrieben haben, um überzeugte Jesus-THe Goddamn GallowsJünger zu verstören. Außerdem die morbide Cover-Version der VENOM-Hymne „In League With Satan“, die vom Publikum bereits den ganzen Abend gefordert, aber schließlich erst am Ende des Gigs dargeboten wurde. Das Stück wurde vom Trommler Uriah gekrächzt, der dafür ausdrucksvoll gestikulierend den Platz in der Mitte der Bühne einnahm, während TV’s sich hinter die Schießbude hockte. Großes Kino.


Es war ein denkwürdiges Konzert, das ohne Zweifel ein heißer Anwärter auf den Party-Gig des Jahres ist. Ein wenig schade fand ich lediglich, dass der Auftritt nicht die ganze Bandbreite der Combo widerspiegelte, sondern lediglich die Party-Seite. Ich hätte gerne auch einige der langsamen, finsteren Songs gehört. THe Goddamn GallowsDoch das ist Jammern auf hohem Niveau, denn insgesamt war das schon eine ordentliche Crowdpleaser- Show, die man in solch kleinem Rahmen wohl nicht mehr erleben dürfte.

Veranstaltet wurde das Konzert übrigens vom Filmemacher M.A. Littler, der große Begeisterung für das Genre hegt und diese auch in der aufwändigen Doku „Hard Soil“ zum Ausdruck bringt, in der auch die GODDAMN GALLOWS zu sehen sind. Erhältlich ist die DVD des Films über die Website seines Labels Slowboat Films hier. Die Doku entstand bei den Muddy Roots-Festivals in Tennessee, USA und in Waardamme, Belgien und sei an dieser Stelle jedem Fan der GODDAMN GALLOWS und ähnlich gearteter Musik empfohlen.

Links: http://www.thegoddamngallows.com/, https://www.facebook.com/goddamngallows, https://myspace.com/thegallowspdx, http://www.lastfm.de/music/The+Goddamn+Gallows

Text: Marcus / Fotos & Clip: Kai

Alle Bilder:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Kommentare deaktiviert für THE GODDAMN GALLOWS

Filed under 2015, Konzerte, Videoclips

Comments are closed.