GRAVEYARD & TROUBLED HORSE

Gibson, Frankfurt, 10.10.2017

GraveyardÜber acht Jahre ist es her, dass die mir vorher unbekannten GRAVEYARD aus Göteborg ihre Landsleute WITCHCRAFT nur wenige Meter entfernt vom gestrigen Spielort im Frankfurter Club Gibson mit ihrer Frische und Energie vom Platz fegten. Acht Jahre, in denen das Quartett tourte, Alben aufnahm und wuchs und wuchs und wuchs. Die Alben wurden dabei routinierter, wenn nicht sogar langweiliger – die „Frische“ wich der Routine. Einige andere Acts, die sich musikalisch auf die Siebziger Jahre bezogen kamen auf, überholten GRAVEYARD teilweise kommerziell oder schafften es zumindest, einen Standard zu halten, der das kreative Ausbluten verhinderte. GRAVEYARD dagegen implodierten. Nach den üblichen „unüberbrückbaren“ Differenzen Graveyardlösten sie sich im September 2016 offiziell auf, verkündeten vier Monate später jedoch bereits wieder ihre Rückkehr. Mit einem neuen Schlagzeuger. Gründungs-Mitglied Axel Sjöberg ist raus – von seiner neuen Formation BIG KIZZ, bei der er mit seinem ehemaligen SPIDERS-Kollegen John Hoyles musiziert, wird man vielleicht demnächst mehr hören.

Eben dieser John Hoyles spielte auch mal bei dem Tour-Opener TROUBLED HORSE. Laut Facebook aber nicht mehr heute. Im Gegenteil: Von den Herren mit erlesener Reputation (weil in der Vergangenheit bei WITCHRAFT), mit Troubled Horsedenen das Label Rise Above auf seiner Netzpräsenz aktuell hausieren geht, wird keiner ebenda erwähnt – nur Vokalist Martin wird wohl Martin Heppich sein. Tom & Mikael spielen die Gitarren, Jonas die Drums. Nun gut. Bescheidene Menschen, anscheinend, sich dem künftigen Ruhm so lange wie möglich verwehren wollend. Und sehr uneitel, führt man sich die Arbeitskleidung von Jonas vor Augen. Das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint.

Bei den Herren in der ersten Reihe spielte das korrekte Styling jedoch eine größere Rolle. Vor allem Heppich, der den beschwörenden Zeremonienmeister gab, läuft vielleicht privat ebenso schwarz gewandet durch die Straßen Örebros – Troubled Horseob der Schornsteinfeger-Kajal jedoch auch in alltäglicher Benutzung ist? Wer weiß. Tatsache ist jedoch, dass der Vierer während der nur knapp 25-minütigen Spielzeit keine Gefangenen machte. Das größtenteils interessierte, aber noch unkundige Publikum wurde spätestens als Heppich auf der Zielgeraden des Gigs in die Menge sprang und Einzelne persönlich ansang ins Boot geholt – wenn auch mitunter aus Angst vor drohenden Konsequenzen.

Laut Kommentaren im Forum des Deaf Forever breitete sich im Einzelfall beim hart rockenden Antanz fast schon die nackte Panik aus. Eine Panik, die ich kurz vorher im Fotograben verspürte, als Heppich mich mit „Hey man“ ansprach und mir bedeutete, entweder zu verschwinden oder auf die Troubled HorseBühne zu kommen, so ganz konnte ich das nicht deuten. Beides wäre ungewöhnlich – die Vorstellung jedoch, meinen voluminösen Körper das nicht gerade niedrige Podest hinauf zu rollen und mich dabei vor unzähligen, gezückten Smartphones zum Horst zu machen, war paralysierend. Und wer weiß, was danach geschehen wäre: Ich bin BADESALZ-erprobt, ich betrete keine Bühne mehr bei einer Veranstaltung. Nie wieder. Lasst uns das bitte nicht vertiefen.

Troubled HorseSo 25 Minuten mitreißender, leicht souliger Hardrock und dann Licht an und Sense war aber auch ein bisschen gemein, gerade als die Gäste anfingen, der Band aus der Hand zu fressen. Naja, vielleicht wirkte sich gerade das positiv auf den Plattenverkauf aus. Bei mir klappte das leider nicht, der Live-Atmosphäre konnten die Tonträger (zumindest bei mir) nicht das Wasser reichen. Das funktioniert ja auch nicht immer. GRAVEYARD konnten das aber mal, 2009.

Bevor ich zu denen komme aber noch ein paar Worte zum Veranstaltungsort, dem Club Gibson mitten auf der Zeil, welcher in diesem Blog heute erstmals auftaucht, obwohl schon ein paar erlesene Rock-Bands dort aufgetreten sind. Die GraveyardRIVAL SONS zum Beispiel, die MANIC STREET PREACHERS oder kürzlich THE PRETTY RECKLESS und Mark Lanegan. Sonst hat das verschlungene High-Tech-Gewölbe, welches in der Vergangenheit das Zeil-Kino-Center beheimatete und in dem ich unter anderem „Woodstock“ (nicht bei der Erstaufführung, nein) oder Disneyfilme wie „Bernard und Bianca“ (den schon) erleben durfte, eher clublastigere Töne zu bieten – die von mir sehr verehrte Banks oder auch Sohn haben ihren Auftrittsort in Rhein/Main gefunden. Super Sound, tolles Licht – aber kein Rock’n’Roll-Schuppen, wie Connaisseure ihn lieben, also abgeranzt und weniger steril.

GraveyardDas merkt man ja auch an der Art der Rock-Acts dort – die oben erwähnten haben alle einen kommerzielleren Touch als das Gros der Liveangebote z. B. im Club Das Bett. Das wirkt sich auch auf das Getränkeangebot aus – das Becks ist in meiner Welt ohnehin eine Zumutung, Preis und Größe der Portionen erleichtert den Verzicht zusätzlich. Wer diesbezüglich schon mit dem Zoom ein Problem hat, der braucht gar nicht im Gibson vorbeizuschauen. Lässt man sich jedoch darauf ein und spielt den gediegeneren Rock-Touristen, dann lässt es sich in den geräumigen Sitznischen sehr gut aushalten. Vor allem mit dieser, für Auftrittsorte konkurrenzlosen Whiskey-Auswahl. Just sayin‘…

Whiskey also statt Becks, dann klappt es auch besser mit GRAVEYARD. Meine Ansprüche waren nach dem akzeptablen Aschaffenburg-Gig anno 2013 (Bericht hier) schon runtergeschraubt – und mit dieser Erwartungshaltung und einem Graveyardguten Tropfen in der Hand passte das schon. Joakim Nilsson, einzig verbliebenes Gründungsmitglied, kniete sich in die meisten Lieder (die vom Spieltempo her viel langsamer sind als Knaller wie zum Beispiel „Ain’t Fit to Live Here“ vom zweiten Album, die 2009 die Setlist dominierten) emotional voll rein und wurde dabei von seinen Mitstreitern spieltechnisch auf hohem Niveau unterstützt.

Der letzte Longplayer „Innocence & Decadence“ von 2015 war überrepräsentiert, doch auch hier war ich von der Live-Präsentation angetaner als vom Album selbst. Ein bisschen was ganz Neues hatte es auch auf die Setlist geschafft – und mit (glaube ich) fünf Songs von „Hisingen Blues“ (2011) waren auch ein paar Graveyardältere meiner Faves am Start. Viele Bekannte im Saal blieben jedoch nicht bis zum Schluss – der teilweise schon sehr introvertierte und dynamikarme Auftritt faszinierte die Gläubigen weit mehr als sich eventuell zur Verfügung stellende Konvertiten. Oder anders: Interessierte wurden an diesem Abend nicht unbedingt überzeugt. Es blieben aber noch genug begeisterte Fans übrig, um die Band mit einem Graveyardguten Gefühl nach Hause zu schicken. Auch ich war unterm Strich sehr angetan. Wie intensiver und ähnlich introvertierter Gitarrenkrach in frisch und energetisch jedoch ertönen kann, wurde zwei Tage später an anderer Stelle in der gleichen Stadt präsentiert. Doch das ist eine neue Geschichte, schon bald in diesem Blog zu lesen…

Links: https://www.facebook.com/troubledhorse, https://riseaboverecords.com/artists/troubled-horse/, https://soundcloud.com/troubled-horse, https://www.last.fm/de/music/Troubled+Horse, https://www.facebook.com/graveyardofficial, https://myspace.com/graveyardsongs, https://graveyard-sweden.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Graveyard

Text, Fotos & Clips: Micha

Alle Bilder: 

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