HANZEL UND GRETYL

Nachtleben, Frankfurt, 1.11.2017

Hanzel und Gretyl„Fikk Dich mit Fire“, „Disko Fire Scheiss Messiah“, „Lederhosen macht frei“, und „Fukken uber Death Party“ sind nur einige der illustren Songs, die das New Yorker Elektro/Industrial-Duo HANZEL UND GRETYL im Repertoire hat. Die Köpfe hinter dem Projekt sind Gitarrist und Programmierer Kaizer von Loopy und Bassistin und Sängerin Vas Kallas. Letztere dürfte älteren Metalheads als eine der Sängerinnen der CYCLE SLUTS FROM HELL (1986-91) bekannt sein, bei denen sie unter dem Namen Venus Penis Crusher firmierte. Die Geschichte von HANZEL UND GRETYL begann 1993, als das Paar seine Begeisterung für die (gesungene) deutsche Sprache entdeckte. Acts wie KRAFTWERK, KMFDM, NINA HAGEN, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN – und später RAMMSTEIN – dürften als musikalische wie textliche Inspiration gedient haben.

Das Konzept des Duos kam an: Zunächst noch im EMB-Genre angesiedelt, landeten die beiden einen Number-1-Hit in den Alternative-Press-Charts, veröffentlichten zwei Alben und tourten in den Folgejahren mit MARILYN Hanzel und GretylMANSON, PRONG, SLIPKNOT und RAMMSTEIN durch die USA. 2003 leiteten HANZEL UND GRETYL ihre zweite kreative Schaffensphase mit dem Album „Über Alles“ ein, das harten Industrial-Sound im MINISTRY-Stil darbietet und textlich Begriffe aus der Nazi-Zeit mit in den USA bekannten Hanzel und Gretyldeutschen Worten wie Schnitzel, Bratwurst und Lederhosen kombiniert. Als amerikanischer Act, der deutsch singt und mit übertriebener Nazi-Ästhetik kokettiert, wurden HANZEL UND GRETYL alsbald zur Overnight-Sensation in den USA, erhielten überschwängliche Reviews in Magazinen wie Revolver und Kerrang! und bestritten gemeinsam mit MINISTRY eine dreimonatige Tour durch die Vereinigten Staaten und Kanada.

Nach den Alben „Scheissmessiah“ (2004) und „Zwanzig Zwölf“ (2008) folgte schließlich 2009 der erste Ausflug nach Europa, der die Band just in jenen Club führte, in dem auch das Konzert gestern stattfand. Und dieser Gig gehörte ohne Zweifel Hanzel und Gretylzu meinen persönlichen Highlights des Jahres, wechselten sich damals doch die harten Industrial-Tracks mit diversen vom Band eingespielten deutschen Sauf-Liedern wie „In München steht ein Hofbräuhaus“ und „Prost, Prost, Kamerad“ ab, was den Musikern die Gelegenheit bot, den Fans in den ersten Reihen währenddessen Bier mittels einer Saufmaschine einzuflößen – ein feucht-fröhlicher Party-Spaß.

Hanzel und GretylEbendiese Erwartungshaltung hatte ich auch an den gestrigen Abend, es sollte jedoch anders kommen. Zunächst galt es zwei Vorbands zu ertragen, von denen ich die erste, REPTIL, bereits verpasst hatte, als ich im Frankfurter Nachtleben eintraf. Bei meiner Ankunft standen EIGENSINN aus Stuttgart und Heilbronn auf dem Podest, deren Performance auf mich den Effekt eines Autounfalls hatte – es war schrecklich, aber man konnte einfach nicht wegschauen. Das Ganze wirkte auf mich in etwa so, als ob Andrea Berg beschlossen hätte, ins Goth-Rock-Geschäft einzusteigen und sich dabei von Doro Pesch ein paar coole Rock-Posen abgeschaut hätte. Zweifelsohne wären Hanzel und GretylEIGENSINN im ZDF-Fernsehgarten besser aufgehoben gewesen als auf der Bühne des Nachtlebens. Und so flüchtete ein Teil der Besucher während des Gigs ins Café oder ins Freie.

Los ging‘s schließlich gegen halb elf, als Kaizer von Loopy und Vas Kallas nach einem epischen Intro aus der Konserve die Bühne betraten. Tatsächlich hatten HANZEL UND GRETYL bis vor einigen Jahren noch als Quartett agiert, mit Live-Drummer und Bassistin, doch aktuell präsentiert man sich wieder als Duo, sodass der Drum-Sound wie bereits beim Konzert im Jahr 2009 einmal mehr vom Band kam, was allerdings für Industrial-Acts nichts Ungewöhnliches ist. Dennoch gab es einen deutlichen Hanzel und GretylUnterschied zum Gig von damals, denn die Performance ließ jeglichen Humor vermissen. Es gab keine Sauflieder als Intermezzi, keine witzigen Ansprachen der Musiker und auch die Saufmaschinen-Interaktion mit dem Publikum fand nicht statt. Die Party-Stimmung, die den Auftritt von 2009 so besonders machte, war schlichtweg nicht vorhanden.

Was blieb, war ein recht konventionell dargebotenes Industrial-Metal-Set, das Kennern der Band aufgrund von Klassikern wie „Fikk Dich mit Fire“ und „SS Deathstar Supergalactic“ (Videoclip dazu weiter unten) zwar gefallen haben dürfte, wirklich herausragend war der Auftritt jedoch nicht. Es mag auch daran gelegen haben, dass Kaizer von Loopy mit seinen 15-Zentimeter-Absätzen doch Hanzel und Gretylarg eingeschränkt war, was seine Bewegungen betraf. Mehr als einige Schritte nach vorn und wieder zurück waren da leider nicht drin.

Im Gespräch mit der Band erfuhr ich später, dass die beiden mit dem aktuellsten Album „Black Forest Metal“, von dem gut ein halbes Dutzend Songs gespielt wurden, eine weitere Schaffensphase eingeleitet haben, die sich den Märchen der Gebrüder Grimm und okkulten Themen widmet und dass man sich deshalb live seriöser präsentiert hatte. Schade, denn mir hatte die Persiflage der Nazi-Ästhetik recht gut gefallen. Aber immerhin muss man dem Duo zugute halten, dass es kreativ neue Wege geht und sich nicht ständig wiederholt. Und so darf man gespannt sein, was die für 2018 angekündigte nächste Scheibe bringen wird.


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Text & Fotos (10): Marcus / Fotos (6) & Clip: Stefan

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