LORDI & SILVER DUST

Colos-Saal, Aschaffenburg, 25.10.2018

LordiAls Freund des Horrorfilms und jemand, der sich an Gruseligem jeglicher Couleur erfreuen kann, hatte ich den Besuch eines LORDI-Konzertes schon lange auf dem Zettel, aber immer kam etwas dazwischen. Am gestrigen Abend war es dann doch soweit, Kollege Micha und ich machten uns nach Aschaffenburg auf, um die Finnen erstmals live zu erleben. Noch während der Fahrt mutmaßten wir, was uns erwarten würde, denn viele Vorkenntnisse über die Bühnen-Performance der Band hatten wir nicht. Wir wussten, dass LORDI im Jahr 2006 den Eurovision Song Contest gewonnen hatten und dass die Musiker/innen in Monster-Kostümen agierten. Es konnte also ein peinlicher Kinderfasching oder ein amtliches Shock-Rock-Konzert werden, die Spannung war groß…

Nach diversen kleineren Staus auf der Autobahn erreichten wir den Colos-Saal etwas später als geplant, sodass wir vom ersten Opener, den Finnen EGOKILLS, nur noch das Ende mitbekamen. Als zweiter Special Guest fungierte die aus der Silver Dustfranzösischen Schweiz stammende Formation SILVER DUST, die mir bis dato gänzlich unbekannt war. Die Aufbauten auf der Bühne ließen allerdings vermuten, dass es sich ebenfalls um einen Act handeln sollte, der mit gewissen Showelementen aufwarten würde.

Und tatsächlich: Als es losging, entpuppte sich der prominent neben Sänger Lord Campbell platzierte und mit edlem Goldrahmen verzierte Ganzkörperspiegel als hochauflösender Bildschirm, auf dem immer mal wieder diverse Charaktere – vermutlich Geister aus einer längst vergangenen Zeit – in Erscheinung traten. Die Illusion war wirklich verblüffend, zumal der Bildschirm das Auftreten von Personen in ihrer Silver Dustoriginalen Größe erlaubte und der Frontmann mit diesen sogar interagierte. Zunächst wurden via Screen einige Personen eingeführt, darunter eine Frau namens Melissa, was mich unweigerlich an den Titel des ersten Albums von MERCYFUL FATE erinnerte und hoffen ließ, dass SILVER DUST sich musikalisch in ähnlichen Gefilden bewegen würde. Doch dem war leider nicht so.

Nach dem durchaus atmosphärischen Intro gab Lord Campbell zwar zunächst den viktorianischen Gentleman, entwickelte sich im Laufe des Sets aber immer mehr zum Spaßkasper in DJ Bobo-Manier. Kaum ein Song kam ohne Sprüche wie „I wanna see your hands!“, „Do you wanna hear a crazy guitar solo?“ oder Silver Dust„Aschaffenburg, let‘s go!“ aus, zudem animierte er das Publikum fast pausenlos zum rhythmischen Mitklatschen – viel anders kann ein Auftritt der AMIGOS im ZDF-Fernsehgarten auch nicht sein. All dieses wäre jedoch nur halb so schlimm gewesen, wenn wenigstens die Musik begeistert hätte. Doch die war weder Fisch noch Fleisch und fiel vor allem durch allerlei unterschiedliche Stile auf, die so Silver Dustgar nicht zusammenpassen wollten. Es gab Goth-Rock-angehauchte Tracks mit Sprechgesang, einen Song namens „La La La La“ (kein Witz), der an SYSTEM OF A DOWN erinnerte, eine schreckliche Cover-Version von Kim Carnes „Bette Davis Eyes“ und sogar mit Euro-Dance-Beats (viele Soundelemente des Gigs kamen vom Band) unterlegte Lieder, bei denen der Frontmann im SCOOTER-Stil zu rappen begann.

Silver DustTatsächlich überlegte ich, ob das Ganze vielleicht eine Aktion der „Versteckten Kamera“ sei und gleich jemand auf die Bühne komme und bekannt gebe, dass das Ganze nur ein Gag war und man – ähnlich wie beim „Hurz“-Sketch von Hape Kerkeling – testen wollte, welchen Blödsinn man dem Publikum vorsetzen kann, bevor es den Saal verlässt. Doch SILVER DUST meinten es in der Tat ernst. Für mich war es der größte Käse, den ich seit dem unsäglichen Konzert von BABYMETAL anno 2015 ertragen musste. Vielleicht tue ich den Schweizern ja unrecht, aber mein Eindruck war, dass hier mit großer Berechnung versucht wird, ein möglichst breites Publikum von Musical-, New-Metal- und Ballermann-Fans für sich zu begeistern. Herausgekommen ist dabei Silver Dustjedoch eine völlig seelenlose und uninspirierte Melange aus drittklassigem Rock-Theater und belanglosem New-Metal-Einerlei. Gegen Ende des Gigs gab‘s dann noch eine letzte DJ Bobo-Aktion, bei der das Publikum aufgefordert wurde, in die Hocke zu gehen und bei Drei in die Luft zu springen. Wenn sich das mal nicht JUDAS PRIEST für die nächste Tour abschauen…

Nach einer etwas längeren Umbaupause war schließlich der große Moment gekommen: Wie bei LORDI-Konzerten üblich, erklang „God of Thunder“ von KISS vom Band und die finnischen Monster betraten die Bühne. Wobei diese gar nicht mehr als solche zu erkennen war: In der Mitte der Auftrittsfläche war eine Gruft errichtet worden, Drummer Mana und Keyboarderin Hella saßen links und rechts davon in kleinen, jeweils Lordiindividuell gestalteten Kammern, Bassist Ox, Gitarrist Amen und Sänger Mr. Lordi agierten davor. Optisch machte das schon mal ordentlich etwas her. Faszinierend war zudem, mit welcher Liebe zum Detail Kostüme, Masken und Kulissen gefertigt waren. Die Detailverliebtheit kommt indes nicht von ungefähr, denn Mr. Lordi, mit bürgerlichem Namen Tomi Putaansuu, ist nicht nur großer KISS-Fan und war Präsident der finnischen KISS-Army, er ist zudem auch Visagist und Grafiker und hat alle Kostüme, Masken, Kulissen, Cover-Artworks und T-Shirts selbst entworfen. Allein dafür gebührt dem Mann Respekt, denn eine Vision von der Idee bis zur Umsetzung zu verfolgen und sie Lordistets weiter voranzutreiben, ist ein Kraftakt, an dem schon viele Bands gescheitert sind.

Der Traum von Tomi dauert nun bereits über 25 Jahre an, in denen neun Alben, diverse Singles und Videos erschienen sind. 2006 gewannen die Nordmänner überraschend den Eurovision Song Contest, 2008 drehten sie mit „Dark Floors“ den teuersten finnischen Film aller Zeiten – natürlich ein Horrorfilm. Zuhause sind die fünf Musiker sowieso längst Superstars: In Rovaniemi, Landeshauptstadt von Lappland und zugleich Heimat von Tomi, gibt es einen LORDI-Square, ein LORDI-Restaurant und 2007 erschien sogar eine Briefmarke mit dem Konterfei von Mr. Lordi. Dass hierzulande selbst Metal-Fans mit der Band wenig Lordianfangen können, liegt vermutlich in der Diskrepanz, die zwischen Optik und Musik herrscht. Denn anders als man annehmen würde, machen LORDI keinen brachialen Death Metal oder Hardcore wie ihre ebenfalls monströsen Kollegen von GWAR, sondern recht konventionellen 80s-Hardrock im Stil von Alice Cooper, DOKKEN und – ganz klar – KISS.

In der Tat mutet es schon etwas seltsam an, wenn blutverschmierte Monster über die Bühne toben und dabei Rock-Balladen zum Besten geben. Andererseits muss man Tomi zugestehen, dass er nun mal KISS-Fan ist und vermutlich Ähnliches in anderer Optik erschaffen wollte, was ihm ohne Zweifel gelungen ist. Das LordiPublikum war dementsprechend bunt gemischt: Neben mir stand ein Vater mit seinen zwei etwa zehnjährigen Kids, es waren viele Shirts von MANOWAR, GHOST und BLIND GUARDIAN zu sehen, der Bayerische Rundfunk hatte einen Kameramann vorbeigeschickt und auch einige ältere Zeitgenossen, vermutlich in der Nachbarschaft des Colos-Saal ansässig, hatte die Neugier angelockt.

Eröffnet wurde die Show mit „Sexorcism“, dem Titeltrack des aktuellen Albums, der schon mal deutlich machte, dass die Texte von LORDI nicht ganz so harmlos wie die Musik sind. Neben Horror ist nämlich Sex eines der Themen, das sich Lordiwie ein roter Faden durch die Discographie zieht, auch wenn viel im Monster-Universum der Finnen und somit im Reich der Fantasy angesiedelt ist. Lieder wie „How to Slice a Whore“ und „The Beast is yer to cum“ sprechen dennoch eine eindeutige Sprache, wurden gestern allerdings nicht gespielt. Stattdessen bot sich das Ganze ähnlich wie eine morbide Zirkus-Show dar, bei der Mr. Lordi als Conférencier agierte.

LordiZwischen den insgesamt 14 Songs wurden Show-Einlagen präsentiert: Mal kam eine Nonne aus der Gruft, um Mr. Lordi zu bändigen, bevor sie von ihm erschlagen wurde, mal wurde eine Kinderwiege aus dem Dunkel geholt, aus der ein Kopf hervorlugte, der sich (wie im Film „Der „Exorzist“) um 180 Grad drehte. Außerdem – und das war der verblüffendste Effekt – schwebte im Eingang der Gruft ein Geist, der plötzlich mittels Scherenmechanik drei Meter über die Köpfe der Gäste geschossen wurde – ein nettes Gimmick. Darüber hinaus kam Mr. Lordi mit diversen Gerätschaften aus der Gruft, bei denen von der imposanten Streitaxt bis zur wild zirkulierenden Riesenkreissäge alles vertreten war.

LordiFür noch mehr Abwechslung sorgten Schlagzeug-, Bass-, Gitarren- und Keyboard-Soli, die zugleich die Funktion hatten, dem Frontmann kleine Verschnauf- und Umkleide-Pausen zu gewähren. Die Setlist bot von jedem der bisherigen neun Alben mindestens einen Beitrag, von „Sexorcism“ und „The Arockalypse“ waren es gar jeweils drei. Zum Abschluss gab es – natürlich – den Song-Contest-Hit „Hard Rock Halleluja“, der vom Publikum frenetisch gefeiert wurde. Summa summarum machte die Mischung aus Horror-Show, Alice Cooper-Hardrock und Monster-Spektakel großen Spaß, auch wenn das Ganze musikalisch nicht auf dem Niveau der großen Vorbilder rangierte.

Links: https://www.silver-dust.net/, https://www.facebook.com/SilverDustOnline, https://soundcloud.com/silver-dust-1/, https://www.last.fm/de/music/Silver+Dust, https://www.lordi.fi/, https://www.facebook.com/LordiOfficial/, https://soundcloud.com/lordi-official/, https://www.reverbnation.com/lordiband, https://www.last.fm/de/music/Lordi

Text: Marcus / Fotos & Clip: Micha

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