NATHAN GRAY

Schlachthof, Wiesbaden, 4.03.2019

Nathan GrayStell Dir vor, Du sitzt im Zug auf dem Weg zu einem bestuhlten Auftritt von Nathan Gray – und die Bahn bewegt sich nicht mehr vorwärts. Seit einer Viertelstunde schon. Wie lange dieser Zustand noch anhalten wird ist nicht klar, einen Unfall hat es wohl gegeben auf der Strecke zwischen Frankfurt und Wiesbaden – die Züge bleiben einfach an der Station stehen, einer nach dem anderen. Du willst natürlich gern vorne sitzen bei dem Konzert und bis zum Einlass dauert es nicht mehr allzu lange. Du wägst ab, ob es klüger ist zurück zum Frankfurter Hauptbahnhof zu fahren um den wesentlich länger dauernden Zug über den Flughafen zu nehmen oder einfach abzuwarten. Vielleicht geht es ja doch schneller? Tut es aber nicht.

Da fragt ein Mensch, der es ähnlich eilig zu haben scheint, ob jemand sich die Kosten für ein Taxi mit ihm teilt um nach Wiesbaden zu kommen. Nun, eigentlich wollte ich mein Geld in das unlängst erschienene Live-Album von Nathan Gray investieren – aufgenommen 2018 in der Wiesbadener Ringkirche Nathan Graysowie in einer Höhle in Iserlohn – aber egal, der Vorschlag wird dankend angenommen und die Konzertstätte rechtzeitig erreicht. Während der Fahrt entpuppt sich der gewiefte Stratege als großer Fan der SISTERS OF MERCY und wünscht viel Spaß mit dem ihm unbekannten Sänger von BOYSETSFIRE, THE CASTING OUT sowie I AM HERESY, der an diesem Abend mit Hilfe zweier weiterer Musikanten seine Europa-Tournee beginnen wird.

Einer dieser beiden, das war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, ist Ben Christo – seit 2006 Gitarrist der SISTERS. Gläubige Menschen könnten das als ein Zeichen interpretieren. Gläubig im kirchlichen Sinne dürften an diesem Abend aber die allerwenigsten sein. Und Nathan Gray schon mal gar nicht. Über Nathan Grayseine Erfahrungen als Heranwachsender in einem kirchlichem Umfeld spricht er in einem Interview hier, auch in diversen Songtexten seiner bisherigen Bands werden sein Verhältnis zu Gott sowie verschiedene, von ihm erlebte Formen des Missbrauchs thematisiert.

In der Ringkirche sprach Gray 2018 zwischen den Liedern ausführlicher über seine Erlebnisse und Gefühle, wenn er in solch sakralem Umfeld auftritt. Was er auf dieser Tour in Städten wie Bochum oder London auch wieder tut. Wiesbaden jedoch findet im Schlachthof statt, in dem Gray in der Vergangenheit bereits mit all seinen Formationen gespielt hat und in dem er sich ausgesprochen wohl zu fühlen scheint. Nicht alle der 540 Stühle sind zu Konzertbeginn besetzt, das „Ausverkauft“-Schild hängt bei dieser Tour aber ansonsten vor vielen Pforten.

Norbert BuchmacherEröffnet wird der Abend bei allen deutschen Dates von Norbert Buchmacher. Auf der Homepage des mir vorher unbekannten Singer/ Songwriters steht die Biographie des Künstlers, verfasst von Hendrik Otremba, selber ein äußerst kreativer Mensch, welcher hinreißend fotografiert, schreibt, malt sowie u. a. mit der Band MESSER musiziert. Eine Empfehlung von ihm ist in meiner Welt eine echte. Doch die 35 Minuten mit dem Sänger mit der ansprechenden Reibeisenstimme reichen nicht, um mich zu überzeugen oder neugierig auf mehr zu machen, im Gegenteil: Die dargebotene Musik, die mit ihrer textlich dargestellten Befindlichkeit laut Otremba „alles andere als egal“ ist und „in den Norbert BuchmacherAbgrund schaut“ erinnert mich eher an die ubiquitären Phrasendrescher der jüngeren deutschen Chart-Historie als an echten Tiefgang. Vielleicht bin ich diesbezüglich aber einfach nur zu wenig empfänglich oder zu oberflächlich. Beim Gros der Anwesenden hinterlassen Buchmacher und sein Mitstreiter augenscheinlich einen guten Eindruck, der sympathische Sänger wird äußerst wohlwollend verabschiedet.

Dann Gray. Wie im vergangenen Jahr wird er von besagtem Ben Christo an der Gitarre begleitet sowie ebenfalls wieder von der Cellistin Isabelle Klemt. Nathan GrayDie Berlinerin tourte bereits mit THE NOTWIST oder Agnes Obel und changiert als ein Teil des mindestens 18-köpfigen ANDROMEDA MEGA EXPRESS ORCHESTRAs zwischen Jazz, Klassik und Neuer Musik. Christo wiederum machte sich neben den SISTERS OF MERCY einen Namen als DJ in London sowie in diversen Cover-Bands, die hauptsächlich Hair Metal oder sogenannten AOR-Rock der Achtziger performen. Ben ChristoMit seiner Combo PIG veröffentlichte er desweiteren eine Single mit der Literatin Sasha Grey. Laut einem Interview im aktuellen Ox kennen sich Christo und Gray schon lange und sind „schon immer Fans der Bands des jeweils anderen gewesen“ (NG).

Fans hat Nathan Gray, gerade in Deutschland, auch im Laufe der Jahre angehäuft – vielen gilt er als einer der ausdruckstärksten Sänger im HC-Bereich. Sein souliges Timbre ist prädestiniert für sogenannten Heartland-Rock, wie er seit den Anfängen von Frank Turner und THE GASLIGHT ANTHEM von so vielen fabriziert wird, die ursprünglich vom Punk oder anderen härteren Musikrichtungen kommen. Nicht zur Freude aller – im selben Ox kotzt sich Autor S. Brüggemann über die Isabelle Klemt„Lagerfeuerpunks“ aus und nennt die Klänge „furchtbarste Befindlichkeitsmusik aus der Spießerhölle“. Nathan Gray sollte sich davon nicht angesprochen fühlen. Seine reduzierten Stücke von BOYSETSFIRE und THE CASTING OUT, die es in die Setlist seiner mehr-oder-weniger Soloauftritte geschafft haben, versprühen die selbe Kraft und Tiefe wie in den lauteren Versionen.

Vor „Prey“ von THE CASTING OUT beschreibt Gray vor dem Schlachthof-Publikum, wie selbst solche Stücke, die auf furchtbaren Erfahrungen fußen, mit der Zeit ein Eigenleben entwickeln und irgendwann zu stimmungsvollen Höhepunkten einer Show mutieren, gleichermaßen gerne gehört wie von ihm dargeboten.

Nathan Gray

Auch ganz neue Stücke schaffen es bei dieser Tour in die Setlist, ebenso wie ein Cover von RED TAPE PARADE, mit denen BOYSETSFIRE in der Vergangenheit tourten. Nach 90 Minuten inklusive einer Zugabe und insgesamt 16 Songs, zwischen denen Nathan Gray den Anwesenden mehrmals dafür dankt, Nathan Graydass sie „ihre wertvolle Lebenszeit ausgerechnet mit mir“ verbringen, ist die Messe gelesen. Gray eilt zum Merchstand, um sein Album „Feral Hymns“ zu signieren (das Live-Album ist leider schon ausverkauft, die Investition in das Taxi damit erst recht zu verschmerzen) sowie allen, die nicht davor flüchten, die Hand zu schütteln und zu umarmen. Spießig? Scheiß drauf, bin ich halt auch spießig. Ein beeindruckender Abend mit einem megasympathischen Musiker. Ist zwischendurch doch auch mal ganz schön.

Links: http://www.norbertbuchmacher.com/, https://www.facebook.com/NorbertBuchmacher, https://www.instagram.com/norbert.buchmacher/, https://www.last.fm/de/music/norbert+buchmacher, https://de-de.facebook.com/nathangraymusic/, https://www.instagram.com/nathangraymusic/, https://endhitsrecords.bandcamp.com/album/feral-hymns, https://www.last.fm/de/music/Nathan+Gray

Text, Fotos & Clip: Micha

Alle Bilder:

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