ROCK AM BERG FESTIVAL #12

Waldstadion, Merkers, 16./17.06.2017

Feine Sahne FischfiletWer Merkers besucht, den zieht es in der Regel ganz nach unten: Das Erlebnis- Bergwerk lockt jährlich zig Tausende Besucher in die Tiefen unterhalb des 1500 Seelen zählenden Örtchens im Westen Thüringens. Einmal im Jahr allerdings ist der Untergrund oben auf, wenn nämlich das Rock am Berg-Festival in das Waldstadion am Ortsrand lockt. Die inzwischen 12. Auflage des (einst in der benachbarten Grenzstadt zu Hessen, Vacha, gegründeten) Festivals zog auch diesmal wieder weit über 1500 Besucher aus Nah und Fern an. Und die sollten ihren Besuch in keinster Weise bereut haben angesichts der feucht-fröhlichen, friedlichen Stimmung und der hochkarätigen Bands, die sich dort die Klinke, äh.. Klinkenstecker und Mikros in die Hand gaben.

Fronleichnam machte es möglich, dass das emsige Orga-Team um Schlossi und Dirk – Respekt, wer’s selber macht – mit dem Donnerstag einen dritten Festivaltag auf die Beine stellte, der mit den Gastspielen von u.a. TURBOBIER und LIEDFETT gewissermaßen das Warm-up für den Mega-Freitag bildete. Brutale Gruppe 5000Und der hielt bei meinem Festivalstart gegen 16 Uhr mit BRUTALE GRUPPE 5000 aus Hamburg auch schon gleich meine Entdeckung des Events parat. Frühachtziger Ami-Hardcore à la BLACK FLAG, MINOR THREAT und CIRCLE JERKS mit Casio-Orgel-Klängen, gepaart mit der nötigen Portion Wahnsinn, dargeboten von vier jungen Herren, die auch optisch was hermachten: Denn Alu-Folie ist eindeutig zu mehr zu gebrauchen als nur Thüringer Bratwürstchen als Andenken für den Heimtransport ins Rhein/Main-Gebiet einzuwickeln. Kreative Anregungen für das Haarstyling auf der nächsten Space-Party sollte jeder mitgenommen haben.

Disco/OsloWow, besser kann man kaum in ein Festival starten. Denn auch die nächste Band DISCO/OSLO wusste zu gefallen mit einer großen Hitdichte ihrer melodisch-emotionalen Variante des modernen, intelligenten Punkrocks aus deutschen Landen. Der sympathische Vierer spielt in einer Liga mit Bands wie DÜSENJÄGER, CAPTAIN PLANET oder FREIBURG und pirscht sich langsam an die Szene-Größen PASCOW und Rock am Berg #12TURBOSTAAT heran. Dafür müsste für meinen Geschmack allerdings noch ein wenig mehr Alarm auf der Bühne her. War aber dennoch schön, ihr Nordlichter.

Mit Deutschpunk im klassischen Sinne ging es weiter – quasi als Dreier-Pack im Zwei-Viertel-Pogo-Takt: VSK (aka VERSAUTE STIEFKINDER), FAHNENFLUCHT und ALARMSIGNAL sorgten mit ihren Alarmsignalsolide-guten Auftritten für ganz ordentlich Bewegung im Pit, bevor dann SCHERBE KONTRA BASS ein willkommenes Kontrast- Programm in Halbakustik präsentierten. Der Ex-TEMPO-Gitarrist (remember BERLIN 80) Marius del Mestre und sein Kontrabassist Akki Schulz spielten die Hits von TON STEINE SCHERBEN und Rio Reiser. Zeit um mitzusingen, durchzuschnaufen oder an den Bier-Ständen den Verlust an Feine Sahne FischfiletFlüssigkeit auszugleichen, bevor dann der Höhepunkt des diesjährigen Festivals kommen sollte: FEINE SAHNE FISCHFILET. Was die Jungs aus Meck-Pomm ablieferten war allererste Sahne. Über 60 Minuten Vollgas, Pogo, jede Menge Pyros, nur unterbrochen von den klaren politischen Ansagen von Sänger Monchi. Der Feine Sahne Fischfiletgewichtige Frontmann und seine Mitmusiker hatten richtig Bock auf Party und rockten den Berg, dass es eine Wonne war: Crowdsurfing, Pfeffi aus Schläuchen, Wall of Death, Bengalos und Konfetti-Feuerwerk inclusive. Hits wie „Dorffeste im Herbst“, „Wasted in Jarmen“ und „Komplett im Arsch“ sorgten für die größten Partymomente des Festivals.

Bad Nenndorf BoysNach so einem Stimmungs- Knaller mit Attitüde auftreten zu dürfen ist sicher kein Zuckerschlecken, aber die BAD NENNDORF BOYS schafften es im Anschluss dennoch mit ihrem Ska-Punk das Stimmungslevel erstaunlich hoch zu halten. Der Sechser aus der Gegend um Hannover war musikalisch nicht minder fit und zeigte auf der Bühne gehörige Präsenz. Ska-Punk bringt, wenn er wie von den BNB gut CJ Ramonegemacht ist, gute Laune. Skanking thru the Night eben. Als dann weit nach Mitternacht CJ RAMONE die Bühne enterte hatten sich schon die Reihen gelichtet. Natürlich hatten die, die noch da waren ihren Spaß, denn RAMONES gehen irgendwie auch so gut wie immer. Klassiker wie „California Sun“ oder „Rockaway Beach“ und CJ Ramone„Sheena is a Punkrocker“ wechselten sich mit den Songs des aktuellen Albums „American Beauty“ ab, aber da der Verfasser dieser Zeilen fast „komplett im Arsch“ war, legte er mitten im Set ein Break ein.

Mein zweiter Festivaltag begann am ganz frühen Abend erstmal mit Dauer-Nieselregen und klassischem Deutschpunk von BUMS: Gut gespielt, gut anzuhören, aber eben noch keine Stimmungsrakete. Singer, Songwriter und Wolf DownPunk-Barde Götz Widmann richtete da mit seiner Gitarre und seinen frech-fröhlichen, ironischen Songs schon mehr aus, bevor WOLF DOWN aus dem Ruhrpott ein brachiales Straight Edge Hardcore-Brett im Stile von SICK OF IT ALL auf die Bühne hämmerten. Ein echtes Powerhaus mit jeder Menge Energie.

Digger, direkt vom Hamburger Kiez mit ’ner gehörigen Portion Schnack und Rhymes ausgestattet wussten dann auch die mir bis dato nur namentlich bekannten SWISS & DIE ANDERN mit ihrem Crossover, einer groovigen Fusion von Rap und Punk, vollauf zu überzeugen. Musikalisch sind sie irgendwo im Dunstkreis von BODYCOUNT und RAGE AGAINST THE Swiss & die AndernMACHINE zu verorten, nur mit einem höheren Punkrock-Faktor. Ebenso klar die politische Attitude „Wir gegen die“, die die Fronten klar definiert, Missstände angeprangert und den Mittelfinger in Richtung System, Staat und Rechtsruck in diesem Land ausstreckt. Das wirkte deutlich weniger aufgesetzt als vielleicht der eine oder andere Schnack, den Swiss in eifriger Entertainer-Manier vom Stapel ließ.

Fuckin' FacesEin echtes Heimspiel hatten anschließend die FUCKIN‘ FACES aus dem benachbarten Heringen, die schon mehrfach das Festival beehrten und vielleicht sogar die Hausband sind – abgesehen von den Eisenacher Hardcores von GLOOMSTER. Die FF sind irgendwie immer etwas an mir vorbeigegangen und ich kann angesichts ihres flott und gut gespielten Deutschpunks (inklusive einer Cover-Version von TEENAGE KICKS) noch nicht einmal sagen warum.

Rock am Berg Festival #12Was ich aber auf jeden Fall sagen kann ist, dass man dem Rock am Berg nicht gerecht werden würde, wenn man das Festival allein auf die Bands reduzieren würde. Politische Vorträge und Info- und Merch-Stände von Sea Shepherd, Schwarze Socke Mailorder, Viva con Agua, St. Pauli oder des DGB Rock am Berg Festival #12sorgen dafür, dass neben der Musik auch ’ne Menge Message in Merkers geboten wird. „Wir rocken rechts weg“ ist denn auch folgerichtig der Slogan des Festivals, der überall auf den Bannern und Plakaten prangt. Bunt statt braun eben. Jede Menge coole, nette Leute tun natürlich ein Übriges. Die Zeilen aus dem Song „Weit hinaus“, den FEINE SAHNE FISCHFILET in ihrem Hit-Cocktail kredenzte, passt für Merkers wie die Faust auf’s Auge: „Ich sitze hier mit Freunden, und fühle mich so wohl / Was es umso schöner macht, es liegt nicht nur am Alkohol / So vertraut und abgefuckt – Ach, was finde ich das schön / Mit diesen Menschen hier kann es ewig so weitergehn‘ / Ich genieße diese Zeit und speicher‘ all das ab / Was es umso schöner macht, das Ganze gibt mir verdammt viel Kraft.“

Auf ein Neues im kommenden Jahr – die Fahrt aus dem Rhein/Main-Gebiet dauert nur etwas länger als zwei Stunden bis nach Merkers. Merken!

Links: http://www.rockamberg-merkers.de/https://www.facebook.com/rockamberg

Text & Fotos: Todde Sindel, https://www.flickr.com/photos/12633166
Clip: beim Festival aufgenommen von WHATABUS

Alle Bilder:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Kommentare deaktiviert für ROCK AM BERG FESTIVAL #12

Filed under 2017, Konzerte, Videoclips

Comments are closed.