THERAPY? & ONDT BLOD

Zoom, Frankfurt, 18.10.2018

Therapy?Bis kurz vor Konzertbeginn sieht es sehr frustrierend aus im Frankfurter Zoom: Es herrscht (noch) gähnende Leere. Die Nordiren THERAPY? um Sänger Andy Cairns (links) haben sich angesagt – eine Formation, die Mitte der 90er hintere Slots auf großen Festivals abonniert hatte, Musikpreise gewann, vordere Hitparadenplätze sammelte, für OZZY OSBOURNE eröffnete und nach inneren Querelen, Pech mit Plattenfirmen sowie inhaltlicher Sinnsuche kommerziell implodierte. Aber immer noch da ist. Zu Recht? Wir werden sehen.

Als pünktlich um 21 Uhr der Support ONDT BLOD aus Norwegen auf die Bühne geht, waren die langsam nach vorn aufschließenden Clubbesucher bereits eine Stunde lang mit Klängen verwöhnt worden, die in ihrer Adoleszenz eine wichtige Rolle gespielt haben mögen – Songs z. B. von KILLING JOKE, PUBLIC ENEMY und PRONG. Bands, die vor allem in den Neunzigern Präsenz zeigten. Willkommen zum Retroabend.

ONDT BLOD (zu deutsch: Böses Blut) sind nicht retro, schon mal gar nicht textlich. Nicht, dass die jemand verstehen würde im Zoom, des Norwegischen mächtig sind wohl die wenigsten hier. Das Quintett hat nicht viel Platz auf den Brettern aufgrund des zweiten Schlagzeugs und des hohen Levels an Bewegung, Ondt Bloddas gefahren wird – egal, Sänger Aslak Heika Hætta Bjørn weicht zur Kontaktaufnahme auch schon mal in den Pit aus oder um während des Gigs ein Bier mit einem Zuhörer zu teilen.

Der auf der Bühne stets im traditionellen Wams der Samen gekleidete Frontmann, der die Rechte seines Volkes auch im samischen Parlament vertritt, bezeichnet sich selbst als Aktivisten. Er wurde nach einem Vorfahren benannt, der während des Samen-Aufstandes 1852 eine Gruppe anführte, die einen Polizisten sowie einen Kaufmann tötete und einen Pfarrer auspeitschte. Dafür wurde der Ahne zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Vor Dekapitation muss an diesem Abend bei dem Nachfahren keiner Angst haben, rasiert wurden die Anwesenden jedoch amtlich in den knapp 30 Minuten des Vortrages.

Ondt BlodDie Mitglieder der seit 2012 existierenden Combo aus Kirkenes im Nordosten Norwegens kennen sich, mit Ausnahme des später in Tromsø dazu gestoßenen Bassisten Kristoffer Joel Høe, von Kindesbeinen – und diese Verbundenheit merkt man den Jungs durchaus an. Sie sind mit ihrem Punk/Hardcore-Gemisch (welches auf Platte manch käsigen Chorus offenbart, der live zum Glück konsequent niedergebrüllt wird) auf jeden Fall die modernere Band des Abends. ONDT BLOD machen ziemlich gute Laune und verzeichnen mehr als einen Achtungserfolg, wie man auch später an den Interaktionen im Publikum sehen kann, als der Fünfer begeistert die Show von THERAPY? verfolgt. Bjørn dann nur noch im T-Shirt, verständlicherweise.

Kurz nach 22 Uhr erscheint dann der Headliner, und der Raum vor der Bühne ist so voll, wie es einem Headliner geziemt. THERAPY? werden nächstes Jahr 30 Jahre alt – Sänger & Gitarrist Andy Cairns ist Gründungsmitglied, Therapy?Bassist Michael McKeegan (am Abend nur der „Evil Prince“, trotz Dauergrinsen) kam wenig später dazu. Die Drummer wechselten – der aktuelle, Neil Cooper, ist auch schon 16 Jahre an Bord. Eine Zeit lang fungierten THERAPY? als Quartett mit dem Gitarristen und Cellisten Martin McCarrick – bei ihrem Cover von HÜSKER DÜs „Diane“ von „Infernal Love“ (1995) dominiert auf Platte das Streichinstrument. Diese Zeiten sind seit Zoff 2004 vorbei, live wird „Diane“ wie alles andere als melodiöses Powerpunkstück im Trio gezockt, auch (fast so) schön. Und diesmal sogar mit Widmung für den im vergangenen Jahr verstorbenen Autoren des Songs, Grant Hart.

„Wreck it Like Beckett“ ist live wie auf dem aktuellen Dreher der Opener – es ist nicht das einzige Mal während des Auftritts, dass der irische Vorzeigedichter namentlich erwähnt wird. Cairns reißt permanent Stirn und Augen auf, Therapy?McKeegan ist nur am Lächeln, beide (Schlagzeuger Cooper ist schlechter zu beobachten hinter seiner Batterie) scheinen den Spaß ihres Lebens zu haben. Oft bedankt sich Cairns bei den Anwesenden für ihre Treue („Wir sind nur noch hier, weil Ihr uns haben wollt. Danke dafür! Auf die nächsten 30 Jahre!“ wird er später verkünden.), er tut das auch im Visions durchaus glaubhaft.

Therapy?Und doch – Stimme sowie Gitarre sind häufig so fett, da braucht es ab und an die Hilfe eines vierten Mannes namens Stevie, der auf der unbeleuchteten Seitenbühne steht, vor dem Gig die Instrumente justierte und jetzt fleißig mitspielt. Das läuft nicht wirklich heimlich, funktioniert im Zoom ja auch kaum, wirkt aber etwas merkwürdig. Allerdings: Metal-Bands wie DIO haben jahrelang ihren Keyboarder, der auf Platte durchaus dominiert im Einzelfall, hinter der Bühne versteckt und so getan, als gäbe es ihn gar nicht. Dagegen war das hier ein Buch, so offen wie Cairns Gesichtszüge.

THERAPY? werden oft als Metal-Band verkauft (unverständlicherweise), ebenso als Pop-, Punk- oder Indie-Formation, manchmal als eine dem Industrial Therapy?zugeneigte. Live sind sie eine Rock-Band mit kiloweise Energie und Hooks, für die andere ihre Seele verkaufen würden. Bisweilen schleicht sich auch hier ein käsiger Refrain ein (wie bei der aktuellen Single „Callow“), dem gegenüber stehen jedoch räudige Song-Perlen, mit denen es THERAPY? in der Vergangenheit oft darauf anlegten, die Fans ihres Meilensteins „Troublegum“ (1994) zu vergraulen. Erfolgreich. Das „Dankeschön“ für die Treue der Anhänger ist jedoch eine Highspeed-Version von „Screamager“ kurz vor der Zugabe, bevor mit „Teethgrinder“ Stoff ausgepackt wird, der vor dem kommerziellen Durchbruch entstand.

Alles drin an diesem Abend, auch „Irish Folk“: „Der nächste Song ist eine irische Volksweise“ raunt Cairns, bevor „Potato Junkie“ als Letztes im regulären Set die Therapy?Menge zum kollektiven Brüllen von „James Joyce is fucking my sister“ treibt. Geht noch was? Ja – eine Zugabe mit erstmal sechs Tracks, darunter das dem kürzlich verstorbenen Charles Aznavour gewidmete „Stories“ (Cairns: „This song is for Charles Aznavour, who sang about pain and sorrow“ – um dann „Happy people have no stories“ im Refrain zu skandieren. Groß.).

„Troublegum“ und „Infernal Love“, die Titelstücke der beliebtesten Alben, folgen. „Nowhere“ mit „Breaking The Law“-Mittelteil – HÜSKER DÜ, Aznavour Therapy?sowie JUDAS PRIEST gleichermaßen zu huldigen verdient heftigste Props. „Knives“ sticht dann furios das Konzert ab. Eine letzte, schelmische Zugabe gibt es noch mit „Success? Success Is Survival“ von der letzten Veröffentlichung. 90 Minuten hochklassige Ekstase – man sollte THERAPY? weiter auf dem Schirm behalten, wenn man es ohnehin nicht bereits tut. Beste Vibes seit langem sowie ein toller Geburtstag von Drummer Cooper. Gratulation von hier aus, auch dazu.

Links: https://www.ondtblod.com/, https://www.facebook.com/ondtblodband, https://www.instagram.com/ondtblod/, https://ondtblod.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/ondt+blod, http://www.therapyquestionmark.co.uk/, https://www.facebook.com/Therapyofficial, https://www.last.fm/de/music/Therapy?

Text, Fotos & Clip (Ondt Blod): Micha
Clip (Therapy?): aufgenommen am Konzertabend von Petri Koskiniemi

Alle Bilder:

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