Schlachthof, Wiesbaden, 3.08.2026
„Hello Weisbaden. Long Time No See!“ begrüßt Pepper Keenan (Gitarre und Gesang) die mit den Hufen scharrende Menge an Menschen, die das Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthofes inzwischen recht ansehnlich füllen. Letztes Mal spielten CORROSION OF CONFORMITY, kurz C.O.C., aus ursprünglich Raleigh/North Carolina 2011 im Kesselhaus-Vorläufer, der Räucherkammer. Aber: War Pepper Keenan bei dieser Tour überhaupt mit dabei? Nein, war er nicht. Der blonde Gitarrist, der 1989 zu der im Jahr 1982 als punkiges HC-Trio gegründeten Formation stieß, war 2011 absent, unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft beim All-Star-Projekt DOWN. In der Räucherkammer spielte damals neben den aufstrebenden (und alles niederwalzenden) Schweden GRAVEYARD das Trio, das mit dem zweiten Album „Animosity“ (1985) einen formidablen Szene-Erfolg erlangte und u. a.
zusammen mit D.R.I. den Begriff „Crossover“ als Hybrid zwischen Punk und Metal inhaltlich füllte. Wenig später erfuhr dieser durch die Hinzunahme von Rap, Funk oder Artverwandtem den Hype, der gegenwärtig eine kleine Renaissance zu feiern scheint.
Im Gegensatz (oder besser: In Addition) zu den rausgekotzten, kurzen Abrissbirnen, die Gitarrist Woody Weatherman, Bassist/Sänger Mike Dean sowie der 2020 verstorbene Drummer Reed Mullin auf den ersten beiden Platten zelebrierten, klingen die mit Keenan eingespielten Platten deutlich rocklastiger: In der DNA der Südstaaten-Combo liegende Sounds wie Blues- und Southern Rock brachen sich zunehmend Bahn.
Die Band wurde merklich massenkompatibler, tourte mit den befreundeten METALLICA und eröffnete für diese zum Beispiel in der Frankfurter Festhalle im November 1996. Wohl dem, der der gesamten Sound-Palette von C.O.C. etwas abgewinnen kann. Beim Interview zum Release des aktuellen Doppelalbums „Good God/Baad Man“ im Musikmagazin Visions erwähnt Keenan: „Die HC-Kids wollten uns damals töten für einen Song wie ‚Albatross’“.
Keenan war jedoch mit DOWN im April 2008 in der damaligen großen Halle des Schlachthofs. An seiner Seite: Kirk Windstein von CROWBAR, die exakt am Tag des C.O.C.-Konzerts in Wiesbaden eine Zuglänge entfernt im Aschaffenburger Colos-Saal hätten aufspielen sollen. Qual der Wahl für Sludge-
Fans, wenn der CROWBAR-Gig nicht aufgrund einer Erkrankung Windsteins abgesagt worden wäre. So war der Besuch in Wiesbaden für Rock-Freunde, gerade in den wenig bespielten Sommerferien, ein Pflichttermin, den nur die Deutsche Bahn hätte zerstören können. Was sie durchaus versuchte.
Bauarbeiten auf der Strecke dünnten nicht nur die Verbindungen am späten Nachmittag radikal aus, sondern vaporisierten alle Fahrten zurück (fast egal wohin). Ein Schienenersatzverkehr bis nach Frankfurt-Höchst wurde noch angeboten, von da aus würde ich bis zum Frankfurter Hauptbahnhof kommen. Reisende mit dem Ziel Vordertaunus oder in östlichere Gefilde hatten jedoch die Arschkarte gezogen. Kein Wunder, dass es in den Foren der Metal-Communities Absagen regnete.

Ich raffte mich jedoch auf, ganz gegen meine Art in solchen Fällen. Und war rechtzeitig am Start um dem Begleitprogramm zu frönen: den C.O.C. stilistisch nicht unähnlichen RED STONE CHAPEL aus Marburg. Seit 2009 besteht diese Formation, die laut Eigenauskunft auf ihrer Bandcamp-Seite einige Line-Up-Wechsel
mitgemacht hat, um 2026 so dazustehen wie jetzt. Optisch sowie soundtechnisch am NOLA-Klang geschult, also dem sumpfigen, schwerfällig-doomigen Hardrock aus der Ecke von New Orleans, dessen Aushängeschild eben DOWN mit Pepper Keenan darstellen.
Angepinnt auf ihrer Insta-Seite ist die aktuelle, seit 2024 existierende Besetzung mit Christoph (Bass), Kris (Schlagzeug), Nils (Gesang), Dennis (Gitarre) sowie André (Gitarre). Wenn ich die Band richtig verstanden habe, war bei dieser drei Tage dauernden Mini-Tour mit C.O.C. jedoch ein anderer Drummer am Start – ein „Ersatzschlagzeuger nach fünf Proben“, dessen Namen ich leider nicht verstanden habe, der allerdings voll und ganz in seiner Tätigkeit aufging und
selber einen Mörderspaß an seiner Tätigkeit zu haben schien.
RED STONE CHAPEL passten wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer, supporteten in der Vergangenheit bereits CROWBAR und begehen nicht den Fehler, ihre Vorlieben bloß zu kopieren. Eigenständig sowie voller Hingabe servierte der Fünfer vor kundigem Publikum („Digger!“, „Geil, Alter“ zur Begrüßung) ebensoviele Stücke, die alle ziemlich neu zu sein scheinen.
Eine Single wurde bisher veröffentlicht („Evil Seed“) und dargebracht, eine zweite soll demnächst erscheinen. Diese bildeten den Abschluss nach knapp 25 Minuten. Die Rufe nach Zugabe waren laut, aber leider aussichtslos. Die neue Single „Burning Throne“ bestach mit etwas Überlänge sowie psychedelischen Farbtupfern. Gute Leistung, feine Band. Sollte man im Auge behalten.

Als um 21.40 Uhr der heiß ersehnte Headliner die Bühne betrat, war es ziemlich gut gefüllt im Kesselhaus – Platz zum Getränke holen war außerdem vorhanden. Perfekt so, meiner Meinung nach. An der Seite der Urgesteine Weatherman und Keenan erschienen Schlagzeuger Nick Shabatura sowie Bassist Bobby
„Rock“ Landgraf. Ersterer beerbte erst kürzlich Stanton Moore, der nicht nur das aktuelle Doppelalbum veredelte, sondern bereits 2005 auf „In The Arms Of God“ aushalf.
Möglicherweise ist Shabatura ein reiner Tour-Drummer und Moore spielt weiterhin im Studio, das nächste Album wird es zeigen. Letzterer ist Texaner (kann man drauf kommen, wenn man ihn sieht), trat C.O.C. 2024 bei und zockte auch schon bei DOWN. In Wiesbaden war er derjenige, der am lockersten wirkte, das Publikum am meisten anregte oder mit einzelnen Blickkontakt aufnahm. Keenan wirkte dagegen meist hoch konzentriert sowie gelegentlich ziemlich angestrengt. Spaß ohne Ende schien kontinuierlich Weatherman zu haben – einzig verbliebenes Gründungsmitglied, der alle Extreme zwischen HC, Sludge und Hardrock
mitgemacht hat und jedes Mal dabei steil geht. „Turn off the fucking frontlight“ entfuhr es Keenan mehrmals genervt, obwohl das Gros der Beleuchtung mal wieder von hinten kam.
Der Schwerpunkt des Sets lag – natürlich – auf dem aktuellen Doppelalbum, welches mit sechs Stücken bedacht wurde. Im Merchraum nebenan wurde eben dieses auch als Vinyl-Ausgabe von der reizenden Lady angeboten, die jeden mit „Sugar“, „Honey“ oder „Darling“ ansprach. Handsigniert und trotzdem keinen Cent teurer als ein unsigniertes Exemplar – die von mir ansonsten sehr verehrte POPPY könnte sich daran mal ein Beispiel nehmen, wollte sie doch bei ihrem Gig in der Batschkapp einen Hunderter für sowas haben. Und das inklusive der Unsicherheit, ob nicht vielleicht doch der Praktikant unterschrieben hat. Frechheit.
Von Frechheiten bei C.O.C. dagegen keine Spur, höchstens Old School-Fans könnten etwas traurig sein, dass es kein einziger Song in die Setlist schaffte, der vor 1991 erschienen ist. Selbst von da kam nur einer: „Vote With a Bullet“, ein Brecher von meinem Lieblingsalbum „Blind“, kam kurz vor der Zugabe. Heute wirkt das Lied sogar aktueller als damals. „Blind“ war bei seinem Erscheinen immerhin dermaßen erfolgreich, dass Sony Music auf C.O.C. aufmerksam wurde und mit „Deliverance“ (1994) das bis heute einträglichste Werk der Combo veröffentlichte, auf dem „Albatross“ drauf ist, der Albtraum der HC-Fans. Kam dann als erstes Stück in der Zugabe, gefolgt vom kultigen „Clean My Wounds“ vom gleichen Album. Da hatte ich meinen SEV-Bus bereits verpasst und musste auf den nächsten warten. Es war mir völlig egal. Etwa 90 Minuten lang bewiesen C.O.C. ihre nach wie vor vorhandene Relevanz und bliesen alles weg. Vortrefflich.
Links: https://www.facebook.com/redstonechapelband, https://www.instagram.com/redstonechapel, https://redstonechapel.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Red+Stone+Chapel, https://coc.com/, https://www.instagram.com/coccabal/, https://www.youtube.com/@corrosionofconformityofficial, https://www.last.fm/de/music/Corrosion+of+Conformity
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:






