Schlachthof, Wiesbaden, 11.08.2026
Heiß ersehnt kehrten nach acht Jahren Pause KYLESA aus Savannah, Georgia, 2024 mit einem Konzert auf dem Roadburn Festival zurück. Über meine Affinität zu den dort vorherrschenden, diversen Klängen habe ich in diesem Blog bereits des Öfteren vor mich hin geschmachtet, also lasse ich das jetzt. Aber: Das ist schon mal ein Indiz dafür, dass die von KYLESA verwendeten Klangfarben nicht so ohne Weiteres einzuordnen sind. Kollege Marcus hat dies 2014 bei seinem Blind Date mit den damals jedoch anders besetzten KYLESA in der alten Räucherkammer des Wiesbadener Schlachthofs hier gekonnt beschrieben. Meines Wissens nach spielten KYLESA vor ihrer Pause schon einmal im Kesselhaus – ich erinnere mich dunkel an den Frust, das verpasst zu haben, obwohl ich mit dem vollständigen Output der Formation nicht vertraut bin. Ich liebe allerdings „Ultraviolet“ von 2013 sehr, bin zugegeben auf dieser Scheibe
etwas hängengeblieben. Diese Platte hat, zusätzlich zu dem harten, sludgy Psychedelic-Sound, der die Band auszeichnet, eine nicht zu leugnende Goth-Schlagseite und ist – bei aller Härte – extrem rhythmisch sowie tanzbar.
Album fünf und sechs („Static Tensions“, 2009 und „Spiral Shadow“, 2010) bilden laut Musikmagazin Visions einen „Höhepunkt“ der Diskografie: „Die Band experimentiert verstärkt mit psychedelischen Songstrukturen und arbeitet die Percussion der beiden Drummer gewinnbringend heraus“, so Jan Schwarzkamp ebenda. Zwei Schlagzeuger? 2014 traf das noch zu, 2026 allerdings nicht mehr. Zu den beiden Co-Leadern Laura Pleasants (Gesang, Gitarre) und Phillip Cope (ebenso) gehört zur KYLESA-Nachpausenbesetzung die Rhythmustruppe der New Yorker Crust-Legende NAUSEA: John John Jesse am Bass sowie Roy Mayorga am Schlagzeug.
Letzterer unterstützte bereits SEPULTURA, SOULFLY, STONE SOUR und SHELTER, um nur mal beim Buchstaben S zu bleiben.
Bevor dieses Quartett voller Szenegrößen jedoch zum Tanz lud, durften die Lokalmatadore THE WRIGHT VALLEY TRIO ran. Die Wiesbadener hatte ich im Vorfeld erst einmal gesehen (im Januar 2025 als Opener für THRONEHAMMER). Vor dem Konzert damals im Frankfurter Elfer rümpfte ein Bekannter über diesen Umstand die Nase. Sinngemäß maulte er, dass „die gefühlt gerade für alle Vorgruppe machen“. Keine Ahnung, ob das eine korrekte Einschätzung war. Falls ja, fände ich das
allerdings alles andere als schlimm: Der dronige, meist ausschließlich rot illuminierte, zentnerschwere, alles zermalmende Doom ist so unvorstellbar heftig sowie auf eine meist langsame Art mitreißend, dass ich sie gern weitaus öfter in meinem Leben gesehen hätte als bisher zu diesen beiden Gelegenheiten. Da ich also von der Klasse dieser Truppe wusste steuerte ich nach Öffnung des Kesselhauses nicht wie alle anderen Anwesenden den Merchstand der Hauptband an, sondern
den der Vorgruppe, um für einen schlappen Fünfer die aus zwei Monolithen bestehende EP „Metal Doom“ einzusacken – eine EP mit Gesamtspielzeit von über 40 Minuten. Hätte den Rest der Diskografie auch mitnehmen sollen. Auf ein Label im klassischen Sinne verzichtet das Trio, alle seine Werke sind aber auf Bandcamp zu beziehen. Oder eben am Auftrittsort.
Das Publikum bestand zum großen Teil aus Kundigen, einige der Anwesenden eröffneten auch schon auf dieser Bühne (z. B. hier). Eine Lady in der ersten Reihe setzte sich auf den Boden und genoss das Konzert überwiegend mit geschlossenen Augen – ich hatte Angst beim Suchen nach ein wenig brauchbarem Licht (Rot ist echt der Endgegner, schwör’s Euch) über ihre Beine zu stolpern, aber es ging zu unser beider Glück
gut. Augen zu und reinlegen in die Musik ist die richtige Maßnahme, sie hatte ja Recht. Zum Ende der vierzigminütigen Darbietung wurde noch mal fetter galoppiert, ich war entzückt. Hoffe, das Trio eröffnet demnächst wieder mal oder spielt als Headliner in erreichbarer Nähe, ich wäre dabei. Eventuelle Sorgen, dass die anschließend soundcheckenden KYLESA nun, da die Homies durch waren, vor einem leeren Saal spielen mussten, erwiesen sich zum Glück als unbegründet.

Wie weiland bei SONIC YOUTH in der alten Batschkapp war der Übergang zwischen Soundcheck und Konzertbeginn fließend, nur Laura Pleasants‘ freundliche Begrüßung „all der netten Leute hier“ und ihre Begeisterung über die an der Decke hängende Diskokugel setzten das Zeichen, das Saallicht nun auszuschalten.
Das Kesselhaus war meiner Meinung nach nicht ganz so voll wie eine Woche zuvor bei CORROSION OF CONFORMITY – die Menschen waren allerdings bewegungsfreudiger, was es vor der Bühne enger und schwieriger zu fotografieren machte. Jan Schwarzkamps Einschätzung der musikalischen Höhepunkte KYLESAs scheint die Band selber zu teilen: Insgesamt acht Songs der oben erwähnten Alben fünf und sechs wurden gespielt sowie einzelne Kleinode aus der absoluten Frühphase der Band. Es bildete sich ein ausladender Pit – Pleasants verfolgte dies mit Genugtuung, während die Mimik des Kollegen Copes wenig Aufschluss darüber zuließ, ob das hier die Macht war oder eher lästige Pflichterfüllung.
Während der achtjährigen Pause der Band veröffentlichte Pleasants mit THE DISCUSSION Musik, die den mit „Ultraviolet“ angedeuteten Goth-Sound weiter entwickelte und zunehmend basslastiger wurde. Inzwischen scheint sie eher wieder Bock auf harten Rock zu haben, nur die Farbe ihrer Haare blieb. „Ultraviolet“ wurde nur mit einem Stück bedacht, der Nachfolger „Exhausting
Fire“ (2015) blieb ganz außen vor.
Das schien dem Gros der Fans mit Sicherheit völlig egal, so wie die Stimmung im Pit und auf der Bühne war – Pleasants stachelte nicht nur das Publikum an, sondern ließ sich gleichermaßen anstacheln. Eine heftige Party, allerdings nicht zu 100 Prozent die meine. Als nach ziemlich exakt einer Stunde die Messe gelesen war freute ich mich am meisten über den Umstand, im Gegensatz zu letzter Woche noch einen Regionalexpress erwischen zu können. Mich persönlich hat an diesem Abend das WRIGHT VALLEY TRIO mehr beeindruckt und abgeholt als KYLESA, aber das ist höchst subjektiv und könnte morgen genau andersherum sein. Abgeliefert haben beide.
Links: https://wrightvalley.com/, https://www.facebook.com/wrightvalley/, https://www.instagram.com/wrightvalley, https://wrightvalley.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/The+Wright+Valley+Trio, https://www.kylesamusic.com/, https://www.facebook.com/kylesamusic/, https://www.instagram.com/kylesa_band/, https://www.youtube.com/channel/kylesa, https://www.last.fm/de/music/Kylesa
Text & Fotos: Micha
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