Jüdisches Museum, Frankfurt, 26.06.2025
Jazz-Solokonzerte umweht häufig ein Hauch des Anstrengenden, vor allem, wenn man (wie die meisten Lesenden dieses Blogs) eher dem Rock’n’Roll zugeneigt ist. Und doch haben viele an Musik interessierte Menschen, zumindest die etwas Betagteren, dieses eine Album im Schrank stehen: Das „Köln Concert“ von Keith Jarrett, aufgenommen in der Kölner Oper 1975. Die meistverkaufte Piano-Solo-Platte aller Zeiten, sowie das meistverkaufte Jazz-Solo-Album. Die Geschichte seiner Entstehung wurde sogar verfilmt („Köln 75“ – 2025). Dass dieses Doppelalbum, komplett frei improvisiert von der ersten bis zur letzten Note, so gut hörbar ist, ließ ob seiner meditativen Wirkung aber zeitgenössische Kritiker und elitäre Snobs durchaus die Nase rümpfen. Der Verein Jazz Montez schüttelt seit 2016 solcherlei elitären Mief aus dem Genre und präsentiert weitgefasste Jazz-Veranstaltungen an unterschiedlichsten Orten in Frankfurt – niedrigschwellig erreichbar, günstig bis umsonst im Eintritt und an diversen Spielstätten.

Auf seiner Homepage wurde das Konzert von Shai Maestro (*1987) mit Vermerk auf eben diesen Keith Jarrett beworben – als Einfluss für den achtjährigen Maestro sowie mit der Tatsache, dass er inzwischen auf dem gleichen Label (ECM) veröffentlicht. Damit wurde mein Interesse schon mal geweckt, ohne vor diesem Abend auch nur einen Ton von Maestro gehört zu haben – weder als Sideman des Bassisten Avishai Cohen, noch als Leader seines eigenen Trios bzw Quartetts.
Geplant war, ebenso wie in den vergangenen Jahren, den Platz vor dem Eingang im Freien zu bespielen; starker Wind sowie der Verdacht auf ein bald nahendes Unwetter sorgten jedoch für einen Umzug ins Innere. Dort wurde der Flügel mittig im Foyer so postiert, dass man Sitzplätze zum Eingang hin rechts vom Künstler oder die Treppen runter links von ihm finden konnte. Am Ende war die Veranstaltung so gut besucht, dass auch auf den Treppen zum Restaurant Life Deli sowie von dessen Fenster aus zugeschaut werden durfte.
Der Jazz Montez-Vorsitzende Lorenzo Dolce sprach zu Beginn davon, wie er den just von einer Japan-Tournee ankommenden Maestro einen Tag vorher auf ein Konzert mitnehmen wollte, dies wegen des Jetlags aber undurchführbar war. Er
bezeichnete Maestro als „einen Virtuosen, der seinesgleichen sucht“ (sinngemäß) und verwies auf seine Vorbildfunktion für viele Piano spielende Menschen. Am Ende kündigte er sogar eine Überraschung an.
So richtig ausgeschlafen wirkte Maestro in der Tat nicht, als er nach einer Begrüßung durch das applaudierende Publikum an seinem Flügel verweilte und davon sprach, dass er selbst noch nicht wisse, was er nun gleich spielen werde. Er hielt inne, schlug einen Ton an und nach einer Zeit einen weiteren, mit langen Pausen dazwischen. Ein wenig befürchtete ich, vielleicht gleich meinen persönlichen „Hurz!“-Moment erleben zu müssen (für Unkundige mehr dazu hier), doch weit gefehlt.
Langsam kam Maestro in seine Materie, spielte immer flüssiger und fand seine Melodien. Improvisierte und zitierte auch mal einen Jazz-Klassiker, bevor er nach knapp zwanzig Minuten zum Publikum sprach. Er sprach über Charlie
Parker sowie die Faszination, die Bebop bei ihm auslöste; über prägende Jazz-Pianisten wie Thelonious Monk und Herbie Hancock, gegen die er sich völlig unbedeutend vorkomme (Keith Jarrett erwähnte er interessanterweise nicht). Beobachtet dabei nicht nur von den sitzenden Konzertbesuchern, sondern ebenso von einem am Eingang des geschlossenen Museumsbuchladens verharrenden jungen Mann, der gar nicht mehr aufhören konnte zu grinsen. Ein verzückter Fan? In der Tat, allerdings noch mehr als das. Mehr dazu später.
Nach einigen weiteren Stücken, Improvisationen wie auch Fragmenten seines ersten Solo-Albums „Solo: Miniatures & Tales“ (2025) wie zum Beispiel die Widmung „Aba“ für seinen Vater Gil Maestro, sprach Maestro, sichtlich angefasst, über den „Elefanten im Raum“ – über das Thema, das gegenwärtig
alle Künstler*innen benennen. Und das selten auf kluge und einfühlsame Weise. Nicht nur Musizierende aus Israel sehen sich seit Jahren, zuletzt jedoch besonders, verstärkt dem Druck ausgesetzt sich zu positionieren (sofern sie nicht von vornherein bereits ausgegrenzt und boykottiert werden).
Alle jüdischen Menschen, selbst wenn sie rein gar nichts mit der Politik des Staates Israel zu tun haben und Bürger*innen anderer Nationen sind, werden von einer breiten, lauten sowie mitunter gefährlichen Soli-Bewegung für Palästina so entmenschlicht, dass Angriffe auf sie als legitime Kritik am Regime von Mininsterpräsident Netanjahu gelten. Das gipfelte diese Woche in flächendeckenden „Free Palastine“-Statements auf dem Glastonbury Festival, wo Bands wie AMYL AND THE SNIFFERS, RIZZLE KICKS und vor
allem KNEECAP und BOB VYLAN das Publikum dazu brachten, israelischen Soldat*innen den Tod zu wünschen („Death, Death to the IDF“). Nicht der Hamas. Auch nicht der Armee Russlands in deren Krieg gegen die Ukraine. Oder anderen Kriegsverbrechern, zum Beispiel aus dem Sudan oder der Türkei. Oder den Schergen des ICE in den USA, die Menschen von der Straße weg ins Ausland deportieren. Oder dem Regime im Iran, das seine eigene Bevölkerung terrorisiert.
Der deutsche Liedermacher Bernd Begemann brachte auf der Plattform BlueSky den Irrsinn auf den Punkt: „Dieselben, die tausende Musikfans im Bataclan, vor der Manchester Arena, auf dem Nova Festival ermordet haben, werden von hunderttausenden Musikfans auf dem Glastonbury Festival als glorreiche
Rebellen gefeiert. Ihr seid völlig verpeilt und ich denke, dass ich nicht mehr viel mit euch gemeinsam habe“. Die Konzentrierung der Empörung auf diese eine Krise sowie das gleichzeitige Schulterzucken ob all der anderen, ist meiner Meinung nach stark antisemitisch. Wobei man, nebenbei bemerkt, auch mal vor seiner eigenen Haustür kehren und etwas tun sollte gegen den erstarkenden Faschismus in unseren Straßen und Parlamenten, solange es noch geht. Menschen, vor allem jüdischen Glaubens, die gleichermaßen das Leid erkennen und betrauern, das der Bevölkerung in Gaza, im Iran wie eben auch in Israel geschieht, werden nicht nur online mit Hassbotschaften und Vernichtungsfantasien überzogen, was zur zunehmenden Unsichtbarkeit durch Rückzug führt. Auch Shai Maestro, der seit Jahren für ein friedliches Zusammenleben plädiert und Gewalt ablehnt, erreichten bereits solche Nachrichten.
Manchmal kommen allerdings auch Botschaften wie die des Mannes, der glücklich strahlend am Buchladen auf seinen Einsatz wartete: Amir Darabi ist ein 23-jähriger Pianist sowie Komponist aus dem Iran. Er meldete sich aus Warschau bei Maestro, als er von dessen Frankfurt-Auftritt las. Nicht in der Lage, wegen des Krieges zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran gegenwärtig in seine Heimat zurückzukehren, hoffte er auf ein Treffen in Frankfurt, welches nun zu erleben war.
Nach einem Beschnuppern am Vortag teilte Maestro seinen schmalen Schemel nun zeitweise mit Darabi – verzückt spielten beide gemeinsam sowie jeder allein auf dem gleichen Flügel, schlugen die Tasten und zupften die Innereien des Instruments. Dieses Zusammenspiel und die dabei zu beobachtende gegenseitige Wertschätzung war nicht nur extrem Hoffnung schenkend, sondern musikalisch
ein magischer Hochgenuss, den ich gerne irgendwann als Konserve hätte. Kaum einer, der nicht zutiefst berührt nach Zugaben lechzte, die noch eine Weile gegeben wurden. Solo wie auch nochmals im Duo.
Shai Maestro signierte anschließend noch sein Soloalbum, welches seiner Promoterin aus den Händen gerissen wurde und rasch ausverkauft war, so dass Maestro scherzhaft auf Spotify verweisen musste. Viele Umarmungen von wildfremden Menschen waren fällig, Darabi blieb davon ebenfalls nicht verschont. Ein sensationeller Konzertabend, der momentan in meinen Top 3 wohnt und noch lang nachhallt. Die Chancen sind allerdings gut, dass noch ein paar Perlen dazukommen: Die Sommerferien stehen vor der Tür – das bedeutet sieben Wochen Erlesenes von Jazz Montez unter der Honsellbrücke im Frankfurter Ostend. Das Programm findet Ihr komplett in unserem Eventkalender. Wir sehen uns.
Links: https://www.shaimaestro.com/, https://www.facebook.com/shaimaestro/, https://www.instagram.com/shaimaestro/, https://www.youtube.com/user/shaimaestroofficial, https://www.last.fm/de/music/Shai+Maestro, https://amirdarabi.bandcamp.com/
Text & Fotos (7): Micha
Fotos (6): Ingrid Schäflein, https://www.instagram.com/frau_schaeflein_loves_music/
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