DUDEFEST 2019, PART II – MONO, HEADS., ARABROT, EARTH SHIP, JO QUAIL, CODEIA, JEFFK

Jubez, Karlsruhe, 30.04.2019

Dudefest 2019Als „kleines Roadburn“ ist das Karlsruher Dudefest bereits bezeichnet worden. Das ergibt durchaus Sinn, wenn man die Historie des Festes durchgeht und verfolgt, welche großartigen Acts zwischen Drone, Doom, Post-Rock und Artverwandtem dort bereits auf den Bühnen standen: YOB etwa. WOLVES IN THE THRONE ROOM. Die ganze Sargent House-Gesellschaft, die auf diesen Seiten regelmäßig abgefeiert wird, wie etwa DEAFHEAVEN, Chelsea Wolfe oder Emma Ruth Rundle. FOTOCRIME. CRIPPLED BLACK PHOENIX. Lauter geiles Zeug eben. Ein Besuch im Jubez, dem Veranstaltungsort in der Karlsruher Innenstadt-Ost, war längst überfällig. Das Jubez ist eine „Einrichtung der außerschulischen Jugendbildung“ mit Workshops, Café und Events – neben den Konzerten der Dudefest-Organisatoren gibt es noch alle anderen Arten von Musik-, Theater- sowie Comedy-Veranstaltungen. Ein weiteres Highlight dürfte am 8. Juni der Auftritt von LEEWAY sein, oder der von OM am 26. Juli.

An drei, nicht aufeinander folgenden Tagen fand das diesjährige Frühjahrs-Dudefest statt (an Halloween gibt es eine weitere Ausgabe). Den ersten Tag mit MANTAR nebst DOWNFALL OF GAIA schenkten wir uns, weil beide Combos Jubez Karlsruheauch in Aschaffenburg spielten und das näher an unserer Homebase Frankfurt ist (Bericht dazu hier). Der zweite, stark post-rockige Veranstaltungstag sollte es für uns werden – schließlich haben die dort auftretenden MONO, ÅRABROT und Jo Quail in den vergangenen Jahren bereits in Wiesbaden schwer Eindruck hinterlassen. Vor dem Konzert konnten wir bei herrlichstem Wetter noch die Umgebung inspizieren. Der Kronenplatz, auf dem die Transporter zumindest derjenigen Bands entladen wurden, die später auf der größeren Bühne auftreten sollten, beherbergt neben Wasserspielen und interessanten Sitzgelegenheiten auch eine überdimensional große Schreibtischlampe. Spoiler: Die hätte ich gerne später in den kleineren Saal mitgenommen.

Dudefest 2019 FlyerAls die erste Formation dort schließlich gegen 17.30 Uhr begann, hatte ich die Erlaubnis einiger Musiker und schließlich auch die des Mitveranstalters Chris Marmann, ohne Blitz den Abend über fotografieren zu dürfen. So weit, so gut. Zum ästhetischen Konzept der Musikanten im kleinen Saal gehörte es jedoch, sich auf minimalste Illuminierung zu beschränken, die zudem noch hinter den Akteuren stattfand und ins Publikum reinstrahlte, wenn überhaupt. Sieht ja auch dufte aus. Außerdem geht es um die Kunst, nicht um Personen etc. pp. Alles stimmig und nachvollziehbar. Ist aber nur mit professionellem Equipment zufriedenstellend fotografisch zu stemmen. Schöne Shots vom Festival gelangen zum Beispiel den Kolleginnen von Metal.de, deren Bildergalerien hier ich ausdrücklich empfehle.

JeffkMusikalisch fing es schon äußerst ansprechend an mit dem Trio JEFFK aus Leipzig, welches mit „Inadequate Shelter“ ein wundervolles, bei jedem Hören wachsendes Post-Rock-Werk bei Dunk!Records veröffentlicht hat. Was an sich schon eine Empfehlung darstellt. Stimmungsvolle, mitreißende Melodiebögen zum Schwelgen, Tanzen oder innerlichem Verreisen. Eine knappe halbe Stunde war das nur, das Kopfkino dazu bot jedoch Stoff für mehrere Stunden.

CodeiaFür die anschließend auftretenden CODEIA war der Gig die Release-Show ihres Zweitlings „As He Turned Back Towards the Eye of the Storm“ sowie ein Heimspiel. Das Trio hatte Verstärkung dabei in Gestalt von Chris Marmann, der ebenso wie der Gitarrist textil seiner Leidenschaft für SUNN O))) Ausdruck verlieh. Heißt: Danke für kaum Licht, aber jetzt kam auch noch fett Nebel dazu. Die Lampe vom CodeiaKronenplatz, ich hätte sie mitnehmen sollen. Der Bassist sowie Sänger (die Namen der Akteure sind Markus, Denis & Timo – doch wer da wer ist wird mangels Eitelkeit genauso vernebelt wie die ganze Performance) hatte im Vorfeld bereits seinen Spaß, als er mir das Fotografieren erlaubte. Süffisant orderte er auch schon die Ergebnisse meiner Mühen. Scherzkeks. Im Gegensatz zu mir lieferten die Süddeutschen jedoch ab: Die 45 Minuten ihres Vortrags waren aufwühlend, zermalmend, inspirierend und beeindruckend. Highlight schon jetzt. Geplättet wie fasziniert ruhte ich mich erstmal während des folgenden Umbaus aus, bis mein Begleiter mich fragte, wann es denn nun auf der anderen Bühne weitergehen sollte. Der anderen Bühne? Oh, Mist.

Jo QuailDie andere, die größere Bühne: Sie war nur einen Gang weiter, jedoch gut schallisoliert, weswegen ich als bisher Unkundiger nicht mitbekam, dass dort bereits seit etwa 20 Minuten die Londoner Komponistin und Cellistin JO QUAIL spielte. Quail, die für mich nach einem großartigen Auftritt in Wiesbaden 2018 der Hauptgrund meines Erscheinens war. Mit ausreichend Licht.  Ich wollte sterben. Aber erst noch den Rest verfolgen, bitte.

Eineinhalb Stücke von letztlich wohl gespielten drei aus ebensovielen Veröffentlichungen bekam ich noch mit, hoch konzentriert und ebenso energetisch präsentiert, aufgelockert mit sympathisch-freundlichem Geplauder. Jo QuailBeeinflusst gleichermaßen von alten und neueren Klassikern wie Tschaikowski oder Arvo Pärt, sowie auch von WHITESNAKE 1987 („a great year in rock“ – The Cross Eyed Pianist) schafft Quail das Kunststück, gleichermaßen mit Künstlern wie MONO, FM Einheit oder Poppy Ackroyd die Bühne oder das Studio zu teilen sowie zwischen Metal- und Psychedelic-Bands auf Festivals zu überzeugen.

Mit Jo QuailMONO tourt sie nun schon eine ganze Weile und besucht diese zum Ende von deren Gigs auch häufig, doch (neuer Spoiler): Diesmal nicht. Egal: Wer sich einlässt auf diese Solistin, die mit diversen Pedalen ihren Sound ständig dupliziert und sich damit fast zu einem kleinen Orchester aufbläst, dem ist danach sowieso alles andere egal. Aus Dummheit habe ich leider nur 25 Minuten mitbekommen. Toppte alles andere an diesem Abend, in dieser Woche, auf diesem Planeten.

Und danach? Wurde es rockiger, psychedelisch und – im Vergleich zu der Performance zuvor sowie streng subjektiv – gewöhnlicher. EARTH SHIP aus Berlin zockten die kleine Bühne wieder relativ lichtarm, sie taten das tight, schwer und dampfend. Das Trio um Jan Oberg, der das Hidden Earth ShipPlanet Studio (in dem neben EARTH SHIP unter anderem THE OCEAN, SPACE CHASER, DEATHRITE oder SUN WORSHIP aufgenommen haben) betreibt und mit seiner Gattin und EARTH SHIP-Bassistin Sabine Oberg noch das Duo GRIN bildet, spielt gut reinlaufenden Stoner/Doom/Sludge, der zum Bier trinken und Kopf schütteln animiert. Schön. Hat mich, so direkt nach Jo Quail, jedoch nicht gekriegt. Können EARTH SHIP aber auch nix für.

ArabrotDie Norweger ÅRABROT, eigentlich Kjetil Nernes plus, schoben den Pegel anschließend wieder mehr in Richtung außergewöhnlich. Nernes, dessen Leben sich nach einer überstandenen Krebserkrankung 2014 komplett verändert hat und der seit Kurzem auch Vater ist, weilt textlich, konzeptionell und spirituell in Gegenden, die mir fremd sind und das auch gern bleiben können – musikalisch ist das aber in der Regel mitreißend. Beim Klassiker “Sinnerman”, am bekanntesten gespielt Arabrot1965 von Nina Simone, kam Jo Quail nochmal auf die neblige Bühne, augenscheinlich um Interaktion bemüht. Nernes Gattin Karin Park war dieses Mal anderweitig verpflichtet, leider. Im Vergleich zum Gig in Wiesbaden 2016 (hier) erschlugen mich ÅRABROT nicht ganz so. Etwas hysterisch wurde die Messe gelesen, nicht wirklich rund im Gesamtsound. Hier war entweder jemand tourmüde (ÅRABROT) oder festivalmüde (ich) – so richtig funzte das diesmal nicht zwischen uns.

Dass wahrscheinlich Letzteres zutraf wurde beim folgenden, letzten Auftritt im kleinen Saal deutlich. Bei HEADS. Die bekamen fünf Minuten mehr Spielzeit als die Formationen davor, waren also quasi der Co-Headliner, aber ich bekam Headskaum noch etwas von ihnen mit. Dabei waren HEADS. die Band, die mich beim Festival-Vorhören via Streamingdienst am meisten begeisterte. HEADS. spielten in den letzten Wochen viel mit den YOUNG WIDOWS und begleiteten RADARE in Wiesbaden. Die gute Gesellschaft verrät es: Noisiger, bissiger Rock zwischen Post-Punk und Sludge. Ein großartiges Trio mit Sitz in Berlin, das ich unbedingt nochmal in kleinerem Rahmen besuchen muss. Ich war jedoch erstmal fertig. Die Wechselzeiten zwischen den Sälen betrugen knapp fünf Minuten – Klo, Brötchen und Sitzen waren gerade meine Prioritäten. Als Begleitmusik dazu waren HEADS. sicher zu schade, aber trotzdem geil.

MonoDann: MONO. Die seit 2000 existierende japanische Post-Rock-Legende verlor 2017 zum ersten Mal ein Mitglied (Schlagzeuger Yasunori Takada), arbeitete eine Zeit lang als Trio weiter und stopfte die klangliche Lücke 2018 mit einem Amerikaner aus Louisville, Kentucky: Dahm Majuri Cipolla, oder, wie er bei THE PHANTOM FAMILY HALO immer noch heißt: Dominic Cipolla. Die kürzlich mit JAYE MonoJAYLE tourenden Neal Arghabright und Corey Smith haben ihren musikalischen Ursprung in der gleichen Formation: Allesamt Drummer sowie Multiinstrumentalisten. Kreatives Pflaster, dieses Louisville. Auch in Karlsruhe begannen MONO wieder mit dem Anfang ihres 2018er-Albums “Nowhere Now Here”, auf welchem die Bassistin Tamaki Kunishi erstmals zarten Gesang zum instrumentalen Klang addiert. Die Gitarristen Takaakira Goto und Yoda waren wie immer ab Reihe drei kaum zu sehen, da sie sitzend an ihren Instrumenten oder knieend an den Pedalen schraubten, selbstvergessen und ekstatisch.

MonoWie beim Post-Rock im Allgemeinen kann man MONOs Performance Realitätsflucht unterstellen oder das Schwelgen in new-agigen Plattitüden. Man kann diesen Klangsog aber auch als eine Art Meditation begreifen, als reinigende Katharsis, bevor man sich wieder dem Noise und Schmutz des Lebens zuwenden mag und muss – eventuell gestärkt, vielleicht sensibilisiert. Ein hochgradig befriedigender Abschluss des zweiten Teils des Dudefestes 2019, welches ausfallslos kraftvolle Audiokunst verschiedener Macharten präsentierte. Wir kommen wieder zum dritten Teil. In drei Tagen.

Links: https://www.facebook.com/this.is.jeffk, https://jeffk.bandcamp.com/, http://www.codeia.de/, https://codeia.bandcamp.com/, http://www.joquail.co.uk/, https://www.reverbnation.com/joquail, http://wearetheearthship.com/, https://earthship.bandcamp.com/, http://www.arabrot.com/, https://arabrot.bandcamp.com/, https://www.headsnoise.com/, https://headsnoise.bandcamp.com/, https://www.monoofjapan.com/, https://monoofjapan.bandcamp.com/

Text, Fotos & Clips: Micha

Alle Bilder:

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