Jahres-Roundup 2018 – Teil #1

Frankfurt, 26.12.2018

Mothers Finest ART 2018Schon seit 2011 stellen wir zum Jahresende unsere Rückblicke zu den abgelaufenen zwölf Monaten ins Netz – das ist auch 2018 nicht anders. Den Anfang macht diesmal Kollege Micha.

Diesen Jahresrückblick schreibe ich mit etwas weniger Hass und Verachtung als den im letzten Jahr. Nicht, weil alles viel schöner im Leben geworden ist. Im Gegenteil: Die AFD ist inzwischen in allen Landtagen; Trump ist immer noch da; Erdogan fängt gerade wieder an, Kurdengebiete anzugreifen; Seehofer nervt weiterhin; die CDU erwägte ernsthaft, Trottel wie Spahn oder elitäre Schwachmaten wie Merz zum Boss zu machen; in Frankfurt werden linke Zentren angezündet (mehr hier) sowie faschistische Cops entlarvt (hier), usw. Ich könnte ewig so weiter machen. Ich weiß, das ist kein Polit-Blog, aber wir (Kulturinteressierte, Menschen) werden Auswirkungen davon zu spüren bekommen oder spüren das bereits, wenn wir nicht weiß sind oder männlich.

Bild oben: „Baby Jean“ Joyce Kennedy von MOTHERS FINEST, aufgenommen am 5. Oktober in der Batschkapp, bearbeitet 12/2018 (Klick zum Vergrößern)

Trotzdem bin ich entspannter, aber aus einem faulen Grund: Ich hab mich mehr an den ganzen Scheiß gewöhnt, mich schockt erstmal nix mehr. Bin allerdings auch der gesellschaftliche Mainstream schlechthin (weiß, männlich, alt) und deswegen nicht betroffen von den Anfeindungen, denen sich Frauen, Migranten, bzw. Deutsche mit Migrationshintergrund sowie Homosexuelle und Andere jeden Tag stellen müssen. Anno 2018 bin ich aber eher frustriert als vor einem Jahr. Da war ich noch überraschter ob all der stetigen sozialen Verblödung – jetzt erwarte ich von der Spezies Mensch kaum noch etwas. Ausnahmen sind Künstler – in meinem Fall speziell Musiker. Künstler, die sich im besten Fall zur Lage der Welt positionieren und einen mit ihrem Werk intellektuell oder anderweitig weiter bringen oder einem hochwertigen Eskapismus frönen. Optimal wäre beides zusammen. Also zurück zu meiner Kernkompetenz bzw. zu dem, was ich dafür halte: Rock’n’Roll!

2018 habe ich 55 Abende mit Live-Musik verbracht. Festivals waren, wie meistens, nicht darunter – auf das Hammer Of Doom, sonst von mir sehr geliebt, verzichtete ich dieses Jahr. War wahrscheinlich ein Fehler. Über die meisten Club- oder Hallenshows habe ich in diesem Blog berichtet, aber es gab noch mehr. So zum Beispiel der Auftritt der G3: Joe Satriani – der Mann, der unter anderem Kirk Hammett (METALLICA), Joe SatrianiTom Morello (RAGE AGAINST THE MACHINE) sowie Alex Skolnick (TESTAMENT) Gitarre spielen beibrachte -, vereinigte sich live mit Uli Jon Roth (der ernsthaft fragte, wer von den

Joe Satriani in der Stadthalle, Offenbach, 27. März

Anwesenden bei einem SCORPIONS-Gig in Offenbach mit ihm dabei war, so ungefähr 1977, und wow, es hat sich echt jemand gemeldet. Props.) sowie mit John Petrucci (DREAM THEATER). Doppelwow. UJR sieht man selten näher an Frankfurt dran, seine Stammlocation ist der Colos-Saal Aschaffenburg (demnächst am 17. Januar ebenda), das war für mich Grund genug, die Stadthalle zu besuchen. Trotz hohem Eintrittspreis sowie relativer Unkenntnis der folgenden Acts. Nachdem Petrucci und Satriani ihren Solopart beendeten, präsentierten alle zusammen Klassiker von DEEP PURPLE Zola Jesus(bei denen Satriani etwa 5 Minuten lang mitspielte), LED ZEPPELIN sowie Jimi Hendrix bzw. Bob Dylan. Classic Rock-Treff galore. Sehr geil.

Zola Jesus im Luxor, Köln, 22. April

Weil Zola Jesus 2017 im Mousonturm eine solche Macht war und ihr Köln-Konzert, welches zu ähnlicher Zeit dort stattfinden sollte, auf den 22. April 2018 verschoben wurde, nutzten meine Freundin und ich die Gelegenheit, um uns das Ganze nochmal zu geben im Luxor zu Köln. Ein Laden, der weit kleiner ist als der Mousonturm, dementsprechend weniger Platz auf der Bühne bietet und in dem aus diesem Grund nicht so eine ausladende Performance zelebriert wurde wie in Frankfurt. Ich musste an den verblichenen Club Negativ denken, als ich Zola Jesusdas Luxor inspizierte. Ausverkaufte Konzerte sind dort sicher eine Qual, vor allem, wenn man zur Toilette muss, deren Zugang sich ausgerechnet neben der Bühne befindet. Ausverkauft war es aber nicht. Wir standen Aug‘ in Aug‘ mit der großartigen Nika Roza Danilova und ihren beiden Mitstreitern und waren geflasht. Es sollte nicht der letzte Konzertbesuch in der Domstadt 2018 bleiben, dazu weiter unten mehr. Zwei Tage später ging es in der Heimat grandios weiter: GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR schlugen in der Batschkapp auf und zelebrierten ihren Post-Rock mithilfe eines Filmvorführers, der mit vier Abspulmaschinen Bilder auf Musiker nebst Rückwand werfen ließ und füllten damit den Begriff „Gesamtkunstwerk“ einmal mehr mit Leben. Zwei Stunden lang wurde verkopfte Innerlichkeit vollzogen, die nicht immer verstanden wurde (von mir schon mal gar nicht), sich aber erlesen anhörte.

Jex ThothAls alle meine Kollegen im Mai erwartungsvoll THE DAMNED in der Batschkapp begrüßten zog es mich wieder zur Hohepriesterin Jessica Toth aka JEX THOTH nach Wiesbaden. Da es keine neue Platte gab, war auch „nur“ eine Oldschool-Setlist zu hören, aber die

Jex Thoth im Schlachthof, Wiesbaden, 17. Mai

schlägt in meiner Welt jede Oldiepunk-Setlist um Längen. Neu waren lediglich einige Bandmitglieder. Fotografieren war wegen extremer Dunkelheit kaum möglich. Egal, JEX herrschte mal wieder über ihre Jünger im Kerzenschein und gehört eigentlich zur Königin des okkulten Rock gekrönt. Aber die gibt es bereits in Gestalt von Esther „Jinx“ Dawson, der CovenSängerin von COVEN, welche bereits 1969 ihr Meisterwerk „Witchcraft: Destroys Minds & Reaps Souls“ veröffentlichten und im Juni erstmals in Frankfurt gastierten (Kollege Marcus schrieb hier darüber).

„Jinx“ Dawson von Coven in Das Bett, Frankfurt, 18. Juni

Der Abend war die Erfüllung eines Traums, auch wenn außer Jinx keiner der alten Recken mehr an Bord ist. Die verpflichteten Youngster machten jedoch einen Top Job und Jinx selber war großartig, heiß sowie extrem gut bei Stimme. Wenn Roky Erickson jetzt auch noch mal kommt, habe ich keine Wünsche mehr offen, was die Livepräsenz klassischer Rocker angeht. Fühlt Euch gerne aufgefordert, Veranstalter.

„Are You Gonna Go My Way“? Live immer, lieber Lenny Kravitz. Erst recht, wenn Gail Ann Dorsey in Deiner Band den Bass spielt (of David Bowie-Fame und mit herausragenden, aber weitgehend unbeachteten eigenen Einspielungen) und Du Curtis Harding als Opener mitbringst. Von vorne bis hinten eine fantastische Rock/Soul-Show mit fettem Hippie-Touch, der auf Lenny KravitzPlatte oft nervt (vor allem auf der neuen, die erst nach dem Konzert rauskam und außer den vorab veröffentlichten, hochklassigen Stücken nicht viel Originelles zu bieten hat), aber live zum Feiern animiert wie kaum etwas.

Lenny Kravitz in der Festhalle, Frankfurt, 13. Juni

Auf der Bühne gelingt Kravitz der Schulterschluss zwischen dem breitbeinigem Rock seines Schulbuddies Slash mit GUNS’N’ROSES und den Funk-Parties von PRINCE ganz famos, nur mit der Innovationsfreudigkeit kann er Letzterem kein Stück den Most kredenzen. Macht nix, wer kann das schon. Im kommenden Jahr probiert Kravitz sein Glück am 22. Mai in der noch mächtigeren SAP-Arena zu Mannheim – ich warte lieber, bis er wieder vor meiner Haustür spielt. Dann bin ich aber gern wieder dabei.

MegadethMannheim geht eigentlich aber oft – der Besuch beim Maifeld Derby war wegen des

Megadeth in Mannheim, 20. Juni

Crossover-Lineups mit NEUROSIS, ALL THEM WITCHES, SUDAN ARCHIVES, WOLVES IN THE THRONE ROOM oder IBEYI (meine subjektive Auswahl) eigentlich Pflicht – ich hab es verbaselt, schaffte den Besuch in dem kleinem Bierdorf um das große Zelt jedoch, als JUDAS PRIEST mit Vorprogramm MEGADETH da antraten. Lohnte sich, war toll und bereits um 21:30 Uhr zu Ende. Dass es trotzdem mit der Bahn Ewigkeiten dauerte, vom Gelände weg und wieder nach Frankfurt zu kommen, sagt alles darüber, warum ich so selten in diesem Blog über Konzerte aus Mannheim berichte. Dabei spielen da im MS Connexion Complex die allergeilsten Metal-Bands. Mal schauen, wie es 2019 läuft: NECROS CHRISTOS sagen Adieu ebenda; ALCEST, Alela Diane, THE TWILIGHT SAD und mehr haben sich zum Maifeld Derby 2019 verpflichtet. We keep you posted.

Emma Ruth RundleDie von mir abgöttisch verehrte Emma Ruth Rundle tourt jetzt auch privat mit Evan Patterson von JAY JAYLE (Bericht von 2017 hier) – das frisch getraute Paar gastierte 2018 u. a. in Wiesbaden und in Köln.

Emma Ruth Rundle im Museum, Wiesbaden, 13. Juli

Im Museum Wiesbaden jeweils solo, hochklassig und – recht kurz. So kurz, dass ich nach Emmas Seelenstriptease noch zu meinen Kollegen in das Kesselhaus rennen konnte, die dort mal wieder dem Punkrock frönten in Gestalt der DWARVES (Bericht hier). Ein kontrastreicher, aber gelungener Abend. Feine Bilder vom Museumsgig gibt es übrigens hier zu sehen. Köln jedoch war die Macht. Im Gebäude 9 gastierte das Paar mit ihren Bands: JAY JAYLE wieder Emma Ruth Rundleim selben gelben Schummer wie weiland im Frankfurter Zoom, diesmal jedoch mit mehr Songs vom völlig genialen 2018er Album „No Trail and Other Unholy Paths“ und mit Gattin, die vollkommen unbeleuchtet gleich zu Anfang ihren Part bei „No Trail (Part Two)“ lieferte und

Emma Ruth Rundle im Gebäude 9, Köln, 20. Oktober

beim Verlassen der Bühne zärtlich die Hand ihres Mannes drückte. Hach. Später wurde Evan Patterson Teil der Band von Emma Ruth Rundle und eroberte mit ihr Köln – das Publikum war ebenso begeistert wie die Musiker, die den Gig auf ihren sozialen Netzwerken ganz besonders lobten.

Zurück zum Sommer: Der 6. August war wieder einer dieser Tage, an denen es viel zu viel Auswahl gab. Am liebsten wäre ich zu ARMORED SAINT nach Aschaffenburg gefahren – das ließ sich aber nicht mit meinem Dienstplan Convergevereinbaren. Wiesbaden schon. Im Schlachthof headlineten MINISTRY nach den geschätzten GRAVE PLEASURES und den bisher von mir kaum wahrgenommenen CONVERGE. Dieser Abend änderte vieles. GRAVE PLEASURES waren, nach dem dritten Mal innerhalb

Converge im Schlachthof, Wiesbaden, 6. August

von zwei Jahren, überraschungsfrei – aber gut. CONVERGE vernichteten alles und definierten HC in meiner Welt neu: Meine Fresse, war das geil. MINISTRY dagegen? Von denen erwartete ich gar nichts mehr nach miesen Wacken-Auftritten, die ich im TV erlebt hatte. Diese Erwartungshaltung wurde nicht bestätigt – MINISTRY schlugen sich wacker (haha), setzten Zeichen gegen MinistryTrump und wären mit einer anderen Vorband vielleicht sogar ein Abrissunternehmen gewesen. Ging nach CONVERGE halt nicht mehr.

Ministry im Schlachthof, Wiesbaden, 6. August

2017 hatte ich noch empfohlen, MOTHERS FINEST, die wahren Crossover-Pioniere, beim nächsten Gig unbedingt live aufzusuchen, weil es sich eben sowas von lohnt. Ich habe meinen Rat beherzigt – nicht sofort (MF spielen gegenwärtig an jeder Ecke in Rhein/Main), aber als sie wieder nach Frankfurt kamen. Diesmal in die Batschkapp, was etwas zu groß gedacht war: Der Laden wurde durch Trenner halbiert und bot immer noch viel Luft im Publikum. Die Truppe startete mit der obligatorischen halben Stunde Verspätung und bot fast Mothers Finestdas Gleiche wie 2017 im Club „Das Bett“ (Bericht hier),

Mothers Finest in der Batschkapp, Frankfurt, 5. Oktober

weswegen ich meine dort vollzogene Einschätzung nicht länger teilen mag. Das aus dem Publikum ständig „Jesus Loves You“ von Glaubensgenossen der Familie um „Baby Jean“ Joyce Kennedy, Sänger Murdock und dem Filius am Schlagzeug skandiert wurde, befremdete mich ebenso wie die vollmundige Ankündigung Kennedys, „Zwei Stunden Party“ zu vollziehen um dann nach einer Stunde zu gehen. Immerhin murmelte Kennedy „I promised you two hours“ und zog dann noch 30 Minuten nach. Die Lobpreisungen des „Herrn“ in den neueren Songs nervten mich aber kollossal und dominierten am Ende bei mir Monoden Gesamteindruck, weswegen ich diesmal zu einem konträren Resümee komme und ausdrücklich nicht empfehle, die Band am 28. Januar 2019 in „Das Bett“ zu besuchen. Außer, man sah sie lange nicht. Oder man hat Bock auf Bibelstunde. Dann viel Spaß.

Mono im Schlachthof, Wiesbaden, 10. Oktober

Andersrum wars bei MONO: Die japanische Postrock-Band wirkte bisher meist unter meinem Radar – ihr Auftritt vor SÓLSTAFIR in Wiesbaden 2015 änderte das, weswegen ich gerne ebenda im Oktober deren Headliner-Gig bestaunte. Dass A STORM OF LIGHT mitreisten war schön – weggeblasen wurde ich jedoch vom Opener Jo Quail, die solo ihr merkwürdiges Cello mit diversen Pedalen bearbeitete und so ihren Jo QuailSound mehrfach multiplizierte. Die Londonerin, die bereits mit Peter Brötzmann

Jo Quail im Schlachthof, Wiesbaden, 10. Oktober

spielte und am Ende auch noch bei MONO einstieg, unterbrach ihre hochkonzentrierten Vorträge mit lockerer Konversation und bot einen grenzerweiternden musikalischen Einblick, der den der nachfolgenden Bands easy in den Schatten stellte. Tagessieger für mich.

Als Kylie Minogue im November in die Jahrhunderthalle lud, ließ ich mich nicht lange bitten. Die Australierin hat im Laufe ihrer Karriere eine Menge Alben veröffentlicht, bei denen von Schund bis Weltklasse in meiner Welt alles dabei Kylie Minogueist. Außerdem arrangiert sie ihre Klassiker live meist um und bietet nie eine überraschungsfreie Greatest Hits-Revue. Ihr (in diesem Fall) mit düsterem Indie-Touch gebotenes „Confide In Me“ (Clip dazu weiter unten)

Kylie Minogue in der Jahrhunderthalle, Frankfurt, 18. November

wurde ja nicht ohne Grund auch schon von ESBEN AND THE WITCH gecovert – und „Can’t Get You Out Of My Head“ (ohnehin ein Klassesong) live mit „The Chain“ von FLEETWOOD MAC zu fusionieren hatte Geschmack und passte. Absolut groß auch ihre Hommage an das Studio 54, in der noch Carole King sowie Donna Summer zitiert wurden. Schade nur, dass dabei „Your Disco Needs You“ ausgelassen wurde.

Die Disco rief wenige Wochen später wieder in die gleiche Location, dann sogar noch lauter: Dass Nile Rodgers dort gastierte war fast schon sensationell. Der Gitarrist von CHIC und SISTER SLEDGE verantwortete unwiderstehliche Riffs und Licks aus der Zeit des besagten Studios; sein Sound veredelte Aufnahmen von Madonna, David Bowie („Let’s Dance“) oder Nile RodgersDiana Ross. Nach einer überstandenen Krebserkrankung hat die Legende Lust auf Leben und Musik und teilt diese überaus unterhaltsam und fanfreundlich mit einer Mega-Party, viel Händeschütteln, Autogrammen sowie Selfies vor und nach der Show.

Nile Rodgers in der Jahrhunderthalle, Frankfurt, 5. Dezember

Auch seine spätere Kollaboration mit AIR war Teil des Programms, bei der satte Bläser und der Gesang von Kimberly Davis und Folami Ankoanda den Umstand vergessen machten, hier nicht die anderen Originalmitglieder von CHIC vor sich zu haben. Dass das aktuelle Album der erneuerten CHIC sowie auch Kylies Scheibe das Niveau der Shows nicht halten, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt, hatte aber keinen Einfluss darauf, wie erlesen diese Veranstaltungen waren.

Zwischen diesen beiden Dates mit der Disco wurde im Mousonturm dubbiger getanzt, wenn man wollte: Sly & Robbie, legendärstes Rhythmus-Gespann des Reggae, veröffentlichten 2018 ein Album mit nordischen Jazzern wie Nils Petter Molvær und Eivind Aarset. Vladislav Delay addierte Elektronik dazu. Mit Reggae oder Dub hatte ich nie viel am Hut – als Fan des Soundtüftlers und Trompeters Nils Petter Molvær & RobbieMolvær hörte ich jedoch rein, mit zunehmender Begeisterung. Dass diese Formation nach Frankfurt kam, war ein Präsent, welches man vielleicht nie wieder erhält – der Besuch damit Ehrensache und die Darbietung vorzüglich.

Nils Petter Molvær und Robbie Shakespeare im Mousonturm, Frankfurt, 23. November

Molvær, dessen Ton an den von Miles Davis erinnert und der mit diesem die Experimentierfreude teilt, bewegte sich schon häufiger in dubbigen Gefilden. Mit den Altmeistern, die einst bei BLACK UHURU starteten und die von den STONES über Dylan bis Ian Dury alle möglichen Koryphäen tanzbar machten, wurden diese Versuche organischer und runder. „Mann, ist das eine geile Musik“ stieß mein angetrunkener Nachbar beim intensiven Stand-Grooven regelmäßig hervor. Recht hatte er.

Herzerweichend klare Stimmen mit wunderbaren Harmonien gab es am 30. November mit FIRST AID KIT im Wiesbadener Schlachthof. „Was heute wohl für ein Publikum kommt?“ fragte eine Bedienstete des Ladens eine Kollegin vor Beginn. „Keine Ahnung“ antwortete diese. Stimmt, sowenig First Aid Kitoptische „Szene-Zugehörigkeit“ verirrt sich seltener in die Halle, deren Folk sonst eher „Indie-“ bzw. „Alternative-“ als Vorsilbe enthält. Die Schwestern Johanna und Klara Söderberg aus Stockholm kratzen weit mehr am lupenreinen Country,

First Aid Kit im Schlachthof, Wiesbaden, 30. November

beziehen sich in „Emmylou“ explizit auf Emmylou Harris und June Carter und haben in Jack White einen namhaften Fan und Protegierer in Nashville sitzen. Ihren aus der Werbung bekannten Song „Silver Linings“ gibt es unten als Clip. Ein Cover von Kate Bush sowie ein starkes Plädoyer gegen die leider immer noch vorherrschende Meinung, wie auch immer sexuell bedrängte Opfer hätten eine „Teilschuld“ an ihrer Pein, rundeten den Abend ab, der stellenweise einfach zum Heulen schön war.

Ja, auch Männer können eben Gefühle zeigen. Zum Beispiel durch Freundschaft und seliges Feiern unter Gleichgesinnten, am besten mit ordentlich Stoff. MAMMOTH MAMMOTH aus Australien, wir sahen sie bereits vor Jahren im Nachtleben (Bericht dazu hier), waren Special Guest Anfang Dezember bei MUSTASCH. Mammoth MammothAlle kamen und verstopften den Keller an der Frankfurter Konstablerwache mit massig Kaltgetränken und Kurzen, die eifrig von Publikum sowie Band konsumiert wurden. Die Opener DIRT FORGE zelebrierten vorher schon heftigen Stoner, der im Vergleich zu dem, was die Truppe um Mikey Tucker später anbot, fast schon als progressiv durchging. Keine Beschwerde von meiner Seite Mammoth Mammothdiesbezüglich. MAMMOTH MAMMOTH sind wie AC/DC meets Punk auf Kellerniveau, und das ist perfekt so. Das Nachtleben wird jedoch langsam zu klein für die Truppe.

Mammoth Mammoth im Nachtleben, Frankfurt, 3. Dezember

MUSTASCH tat ich mir danach nicht mehr an, wegen fehlender Bewegungsmöglichkeiten, Verschleißerscheinungen meinerseits und weil da auch nichts mehr kommen konnte, eigentlich. Sieben Konzerte in zwölf Tagen, da kommt der Rock-Opa langsam an seine Grenzen. KADAVAR fielen diesem Umstand leider ebenso zum Opfer. Es gab schließlich noch zwei (mehr oder weniger) Thrash Metal-Gipfeltreffen zu erleben zum Jahresabschluss.

KREATOR lockten in die Jahrhunderthalle. Sie kamen mit Death Metal (BLOODBATH), Hardcore (HATEBREED) und ganz leicht angeschwärztem Symphonic Metal (DIMMU BORGIR) – live alles nicht verkehrt, den wahren Abriss lieferten in meinem Universum aber nur die Leader der German Big Four. Ernsthaft – während ich mich von einigen meiner Jugendlieben, gerade im KreatorThrash Metal, mehr und mehr verabschiede (Tschüss, METALLICA),

Mille von Kreator in der JHH, Frankfurt, 2. Dezember

manifestiert die Truppe aus Essen jedes Mal ihre Vormachtsstellung im internationalen Thrash. Meisterhaft. Mille schwenkt die „Flag of Hate“ und fordert „Zerstörung“ – ist dabei aber nicht nur ein ganz Lieber, sondern auch ein Offener und Kluger. Immer gewesen. Und fabriziert mit jedem neuen Album ein Statement mit Bedeutung. Das schaffen wenige Kollegen der Zunft. Keiner, wenn man das Dienstalter berücksichtigt.

SodomDie German Big Four-Kollegen SODOM beschlossen mein Jahr am 11.12. im Schlachthof – in Begleitung von EXODUS, die in den letzten Jahren öfter in Rhein/Main-Clubs auftraten. Was sie ja nicht zur schlechten Band macht.

Sodom im Schlachthof, Wiesbaden, 11. Dezember

Ihren Headliner-Status auf der diesjährigen „MTV Headbangers Ball“-Tour konnte ich deswegen aber nicht nachvollziehen – nach Gerüchten, dass eventuell VENOM diesen Posten übernehmen würden, eine Enttäuschung für mich. Ordentlich war deren Oldschool-Setlist natürlich trotzdem. SODOM dagegen, runderneuert mit dem ehemaligen Mitglied Frank Blackfire und nun als Quartett auftretend, zelebrierten einen amtlichen Rumpelmetalalarm vom Feinsten, Sodomebenfalls oldschool as fuck. Connaisseure hatten da nix verloren, die konnten sich vorher an DEATH ANGEL erlaben. SODOMs Onkel Tom ließ sich grün und von unten illuminieren und stellte damit eine optische Nähe zu seinem sowie meinem Idol Lemmy zu „Orgasmatron“-Zeiten her, die man durchaus als anmaßend empfinden kann. Aber abgesehen davon, dass niemand einen zweiten Lemmy braucht, weil wir eben den ersten hatten und jeder lieber der/die/das eigene Erste sein sollte: Wer, wenn nicht der „Angelripper“ Thomas Such, dürfte sowas? Eben. Vorverlegte Festtage.

Über die anderen beeindruckenden Konzertabende 2018 habe ich einzeln im Blog geschrieben. Am großartigsten waren dabei KING GIZZARD AND THE LIZARD WIZARD am 21. August, EVERLAST am 11. September (beide in der Batschkapp) sowie PRIMORDIAL am 26. April im King Gizzard and the Lizard WizardColos-Saal. Ganz erlesen waren auch ALGIERS im Zoom am 26. Februar. Ob ich über das britisch/amerikanische Quartett heute, nachdem sie inzwischen lautstark die BDS-Bewegung

King Gizzard and the Lizard Wizard in der Batschkapp, Frankfurt, 21. August

unterstützen, nochmal schreiben würde, wage ich jedoch gegenwärtig zu bezweifeln. Wahrscheinlich würde ich sie ebenso boykottieren wie sie es mit allem tun, was aus Israel kommt. Was sie nicht zu einer verkehrten Band macht. Aber zu einer, die die falschen Leute bestraft. Ich teile diesbezüglich ausdrücklich die Einschätzung Nick Caves, die er in einem offenen Brief an sein Idol Brian Eno formuliert hat (hier).

Zum Abschluss möchte ich noch etwas über die von mir frequentierten Clubs und Hallen sagen: „Das Bett“ war in den vergangenen Jahren bei mir immer die Nummer 1 – und das ist sie 2018 definitiv nicht mehr. Vielleicht hat das was mit dem Rausschmiss von Frank Diedrich zu tun, der die Location aufbaute, Zoometablierte und seine Konzerte inzwischen eher im Nachtleben, im Cave oder im HoRsT veranstaltet: Schnittmengen zwischen dem Programm und meinem Geschmack gab es dieses Jahr jedenfalls kaum. Bei den wenigen Malen, die ich 2018 dort verbrachte, nahm ich

Zoom, Frankfurt

jedoch durchaus zur Kenntnis, dass der erneute Umbau einiges zur Verbesserung beitrug. Toller Laden weiterhin, vielleicht kommen wir in der Zukunft programmtechnisch auch wieder mehr zusammen. Über das Zoom dagegen habe ich immer gemeckert – fast ausschließlich, weil mir das Bier dort nicht schmeckt. Alles andere ist aber perfekt, das Licht und der Sound im Besonderen. Trink ich halt Äppler, macht ja auch schlanker.

Die Pfunde kommen aber wieder drauf im Colos-Saal Aschaffenburg. Bestes Bier dort. Sehr nette Mitarbeiter. Großartige Gitarrenrock-Konzerte, von denen 2019 schon einige fest eingeplant sind. Batschkapp sowie Nachtleben sind von der Colos-Saal AschaffenburgProgrammvielfalt her fast die Spitzenreiter bei mir. Das Weizenbier mag ich auch und Ordner sowie

Colos-Saal, Aschaffenburg

Thekencrew sind sehr liebenswert dort. Fast die Lieblingslocations, wenn der Schlachthof in Wiesbaden nicht wäre. Das Musikangebot ist dort ungeschlagen, Weizenbier und das Helle sind vorzüglich. Nette Mitarbeiter überall. Das einzige, was ich nicht besonders schätze, ist die Gastronomie dort bzw. im 60/40. Als Vegetarier esse ich da meist BatschkappPizza, die langweilig schmeckt aber sonst okay ist, oder Pommes,

Batschkapp, Frankfurt

die klein sind und teilweise (vielleicht deswegen) kalt serviert werden. Oder bereits verbrannt sind. Blöderweise ist das Angebot am Bahnhof Wiesbaden auf dem Weg zum Schlachthof auch eher suboptimal. Aber das sind Kleinigkeiten, das ist ja auch kein Gastroblog hier. Und kein Politblog. Wünsche schöne Feiertage, wir sehen uns 2019 in den rauchfreien Clubs.

Micha / Rockstage-Riot-Team

Fotos: Micha

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