PRIMORDIAL, MOONSORROW, DER WEG EINER FREIHEIT

Colos-Saal, Aschaffenburg, 26.04.2018

Primordial„We are PRIMORDIAL. We are from the Republic of Ireland.“ Die einzige Ansage, der ich verzückter lauschen würde, wäre: „We are MOTÖRHEAD. And we play Rock’n’Roll.“ Letztere ist inzwischen jedoch Geschichte. PRIMORDIAL ist eine aktuellere Formation, die in meiner persönlichen Werte-Skala den Status von MOTÖRHEAD erben könnte. PRIMORDIAL sind eigen, besonders, großartig. Und sie haben mit Alan „Naihmass Nemtheanga“ Averill (rechts) einen Frontmann voller Charakter, Ausdruck und Leidenschaft. Achtung, hier spricht nicht nur ein Fanboy (bzw. Fangreis), sondern so etwas wie ein Jünger. Der gestrige Abend im Aschaffenburger Colos-Saal sollte das zementieren.

Unter dem Motto „Heathen Crusade 2018“ waren PRIMORDIAL einmal mehr mit den finnischen Pagan-Metallern MOONSORROW unterwegs. Pagan Metal ist ja so eine Sache: Übereinstimmend kann man diesem Subgenre eine mehr Primordialoder weniger stark ausgeprägte Vermengung von heftigem Rock (so wie Metal) sowie paganer (also heidnischer, ergo nicht christlicher) Ideologie attestieren, welche sich mehr oder weniger stark mit traditionellen Instrumenten schmückt. Diese spielen beim Pagan-Metal mal eine dominierende Rolle und sind manchmal auch nur Beiwerk – zuweilen sind sie auch gar nicht präsent.

Dafür taucht der Paganismus dann eher in den Texten auf. So wie bei PRIMORDIAL. MOONSORROW dagegen benutzen alte Instrumente häufiger, Primordialjedoch eher auf Platte. Live dominiert der Metal. Viele heidnische Metal-Bands frönen dem Musizieren eher aus Lust an eskapistischer Feierei, besonders in Form exzessiven Trunkzuspruchs. Bei den in der Vergangenheit durch das Land ziehenden Pagan- oder Heiden-Festen teilten Formationen wie PRIMORDIAL oft die Bühne mit Party-Combos wie HEIDEVOLK oder KORPIKLAANI – gut sichtbar für Jünger wie mich, weil die meisten Gäste wegen eben dieser Bands anwesend waren und während der Auftritte von beispielsweise PRIMORDIAL oder SÓLSTAFIR Biernachschub holten, Nahrung aufnahmen oder quatschten. Welch Narretei.

PrimordialPRIMORDIAL bzw. deren Texter Averill, der auch bei DREAD SOVEREIGN doomigeren Metal zockt (Bericht hier) sowie dem BATHORY-Tribut TWILIGHT OF THE GODS vorsteht, ausgebildeter Journalist ist und neben Beiträgen in der deutschen Heavy-Postille Deaf Forever eine regelmäßige Kolumne im britischen Metal-Mag Zero Tolerance pflegt, erzählt in seinen Beiträgen nichts übers Saufen und Feiern, obwohl er das in der Vergangenheit gerne tat. Und manchmal auch immer noch tut. Er beschäftigt sich in seinen Texten mit Geschichte sowie in den Kommentaren mit den Konsequenzen, die Geschichte oder Nihilierung derselben auf die Gegenwart haben.

Seine Beiträge sind meist unbequem und entsprechen nicht dem gesellschaftlichen Mainstream, auch nicht dem Metal-Mainstream. Während alle Welt z. B. MEGADETH’s Dave Mustaine wegen seines Konservatismus oder Primordialseinen Knebelverträgen für Fotografen verfluchte (ich auch), schaffte es Averill, in einer Zero Tolerance-Geschichte Person sowie Gedankengänge Mustaines nachvollziehbarer zu machen. Er hält nicht viel von Journalisten und Bloggern, die Geschriebenes unreflektiert übernehmen und wettert gegen automatisierte Abstrafungen oder Boykotterklärungen gegenüber Bands oder Musikern, die im jugendlichen Leichtsinn ideologischen Schwachsinn öffentlich äußerten. Averill ist dabei eine reflektierte Person, mit der es sich gut streiten lässt. Und die trotzdem zu den fanfreundlichsten Gestalten gehört, die die Szene zu bieten hat: Selfies mit ihm, Autogrammwünsche in der verdienten Pause – kein Problem. Wird gemacht.

Bevor PRIMORDIAL die Bühne des Colos-Saal betraten kamen die Würzburger Opener DER WEG EINER FREIHEIT zum Zug. Diese wurden, studiert man Foren von diversen Heavy-Magazinen, im Vorfeld von vielen Fans als nicht Der Weg einer Freiheitwürdig erachtet. Zu sehr haftet ihnen der Ruf als „Hipster Metaller“ an, weil sie postrockigen Black Metal spielen und eben nicht durch dämliche oder gar faschistoide Äußerungen in der Vergangenheit auffielen, sondern eher anno 2018 durch eine von Hermann Hesse geprägte Innerlichkeit von sich reden machen sowie „Die Wand“ von Marlen Haushofer auf ihrem aktuellen Album „Finisterre“ zitieren. Und kurze Haare haben/hatten sie teilweise auch noch. Sakrileg.

DWEF sind damit eher eine Visions-Band, nerven aber sogar da einen Kritiker, der sie eine „atavistische Blackgaze-Version von SCHANDMAUL“ schimpft. Krass, aber nicht ganz unnachvollziehbar. Live stehen die seit unserem letzten Der Weg einer FreiheitBesuch (Bericht hier) personell veränderten Würzburger martialisch da, mit Leibchen von GORGOROTH sowie dem Bekenntnis zum „Metal Of Death“ – auch akustisch 45 Minuten lang erste, heftigste Sahne. Vor einem angetanen Publikum, welches noch Platz ließ für die reinen Paganisten, optisch die Reihen aber bereits ganz gut schloss. Hater gab es auch, rauchend vor der Halle. „Viel Feind, viel Ehr“ würde Alan Averill diesbezüglich wohl zustimmen.

MOONSORROW nannte Averill bei der von mir zuletzt erlebten Zusammenkunft beider Gruppen (2011 im Steinbruch Darmstadt/Mühltal) „A bunch of cunts“. Ich hielt das damals für eine Verunglimpfung, es war am End‘ Moonsorrowjedoch eher ein Kompliment: Die Finnen und die Iren sind oft zusammen unterwegs, verstehen sich wohl prächtig. Die 1995 gegründete Band um die Cousins Ville Sorvali (Bass/Gesang) und Henri Sorvali (Keyboard, auch bei den partytauglicheren FINNTROLL) veröffentlicht Songs, die auch mal eine halbe Stunde dauern dürfen ohne langweilig zu werden und kombiniert Black- mit Prog- und eben Pagan-Metal.

Die Geschichten um die ganze nordische Mystik werden in finnisch vorgetragen, weswegen niemand ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man sie ignoriert. In Aschaffenburg zelebrierte der Fünfer 75 Minuten lang Moonsorrowein frostiges Metal-Fest, welches sich aus sechs Stücken speiste, drei davon vom aktuellen Dreher „Jumalten Aika“. Die Spezialisten im Saal waren zufrieden, und die zahlreichen Gelegenheitshörer wie ich ebenfalls. So langsam pressierte es aber mit der Ansage der Iren, ich hatte schließlich nicht den ganzen Abend Zeit. Den letzten Zug gen Heimat um 23.30 Uhr musste ich bekommen.

Dann: Intro. PRIMORDIAL laufen ein. Alan Averill als Letzter, das Intro verstummt und Averills am Anfang erwähnte Ansage folgt, exakt so wie auf dem Live-Album „Gods to the Godless“. „Ich liebe diese Band“, raune ich zu meinem PrimordialNachbarn im Fotograben; kann dabei schon während des Eröffnungssongs „Nail Their Tongues“ meinen Kopf nicht gerade halten. Das Licht ist, wie bei den meisten meiner Lieblingscombos, grenzwertig – weswegen ich zwischendurch meine Kamera öfter zum Luftgitarrespielen nutze. Dass das eventuell ein wenig peinlich oder unprofessionell rüberkommen kann wird von mir nicht in Betracht gezogen, das ist hier einfach zu geil für solche Gedanken.

Primordial„Gods To The Godless“ folgt anschließend; und nach dem besonders von mir geschätzten „Exile Among the Ruins“ verlassen sämtliche Berichterstatter den schmalen Fotografenspalt. Mit dem Smartphone versuche ich weiter draufzuhalten, als ein Ordner auf mich zusteuert und mich anspricht. Oje. Was habe ich jetzt falsch gemacht? Gibt es ein offizielles Smartphone-Verbot? Doch der Mann spricht PrimordialWunderliches: „Du darfst weiter Fotos machen“ eröffnet er mir. „Du kannst wieder in den Graben.“ Wieso das denn? Ich hatte und habe keine Ahnung weshalb, nehme das Angebot aber natürlich gern an, mache weiter Bilder und habe damit weit mehr Platz zur altersbedingt eingeschränkten Eskalation als alle anderen Konzertgänger im gesamten Saal. Ein nahezu perfekter Abend bahnt sich an, mit Songs wie „No Grave Deep Enough“ von 2011 sowie einigen weiteren von 2007.

Im Vorfeld wurde viel über die lange Spielzeit PRIMORDIALs spekuliert – auch Averill könnte sich vorstellen, drei Stunden auf der Bühne zu stehen, sollten die Zuschauer das mitmachen (Legacy Nr. 113). Ich musste nach knapp 75 Minuten die Segel streichen und zum Bahnhof humpeln. Schade, Knaller wie zum BeispielPrimordial„Heathen Tribes“ verpasste ich deshalb leider. Doch ich will nicht jammern. PRIMORDIAL als Headliner zum größten Teil gesehen zu haben, zudem mit dieser Sonderbehandlung, setzte einer sowieso schon großartigen Konzertwoche mit Zola Jesus in Köln und GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR in Frankfurt die Krone auf. Demnächst geht es munter weiter mit MYRKUR. Auch da werden Alan Averills Worte bei der Rezeption eine Rolle spielen. Stay tuned.

Links: http://derwegeinerfreiheit.wordpress.com/, http://derwegeinerfreiheit.bandcamp.com/, http://www.lastfm.de/music/Der+Weg+einer+Freiheit, http://moonsorrow.com/, https://www.facebook.com/moonsorrowofficial/, https://www.reverbnation.com/moonsorrow, https://www.last.fm/de/music/Moonsorrow, http://www.primordialweb.com/, https://de-de.facebook.com/primordialofficial/, https://primordialofficial.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Primordial

Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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