HAMMER OF DOOM FESTIVAL XIV, Teil 2

Posthalle, Würzburg, 16.11.2019

Iron WalrusHier folgt der zweite Teil unserer Berichterstattung über die 14. Ausgabe des HAMMER OF DOOM FESTIVALS in Würzburg.

Neuer Tag, neues Glück. Galt das auch für die Anreise mit der Deutschen Bahn? Nun, es hätte mich schlimmer treffen können. Dass ich mich schon lange vor der anvisierten Abfahrt in einem nagelneuen ICE ganz ohne bestehende Reservierungen räkeln konnte hing mit dem Unglück der Reisenden aus Köln zusammen, deren Zug aus technischen Gründen in Frankfurt ausgetauscht werden musste. Die ganze Umverteilung von Zug zu Zug dauerte jedoch ein wenig, was, bei aller gewonnenen Bequemlichkeit, leider einen Zeitverlust bedeutete, der zu Lasten der ersten Band des Tages ging. Ausgerechnet.

THRONEHAMMER, gleichermaßen aus England wie aus dem nahe gelegenen Fürth, schafften nämlich das Kunststück sowohl Doom-Traditionalisten als auch Grenzgänger zufriedenzustellen mit ihrer ultraschweren, dabei immer räudigen ThronehammerSoundmacht sowie Songs, die zum Teil kein Ende zu nehmen schienen. Punk-Spirit und Sludge-Anteile veredelten den fiesen Doom der Akteure um Vokalistin Kat Shevil Gillham, die auch schon bei BLESSED REALM ihre Duftmarke setzte und außerdem bei UNCOFFINED trommelt.

THRONEHAMMER

Ein starker Einstieg, dem ich bedauerlicherweise nur zur Hälfte beiwohnen konnte. Gillham blieb im weiteren Verlauf des Nachmittags und Abends Fangirl und beobachtete das Geschehen aus dem Publikum – es folgten schließlich noch Bands, welche sie in einem Interview hier als großen Einfluss bezeichnet hatte.

Iron WalrusAls nächstes standen IRON WALRUS aus Osnabrück auf dem Plan – und diese, mir vorher unbekannte Formation machte mir richtig Spaß. Optisch schon mal mit den bezahnten Sturmhauben über der schwarzen Kluft, die alle außer dem Sänger Aufi trugen – und musikalisch mit ihrem Auf-die-Fresse-Sludge, der noch mehr Punk-Attitüde ausstrahlte als bei THRONEHAMMER zuvor, Iron Walrusjedoch auf die tiefschürfende Ernsthaftigkeit des Doom zu pfeifen schien, die bei den Traditionalisten vorherrscht.

IRON WALRUS

Eine perfekte Band zum Trinken und Abfeiern, wozu Frontmann Aufi auch des Öfteren einlud. Mir war der Zeitpunkt für Verstärker allerdings noch zu früh, was die Freude an dem Auftritt aber keinesfalls schmälerte. Saugeile Combo (trotz des überflüssigen „Breaking The Law“-Covers), die ich gerne mal mit ein paar Bier am Hals in einem Club sehen möchte.

Überhaupt, der Gerstensaft: Ihm wurde schon derbst zugesprochen als ich die Halle betrat. Kann man ja machen, verringert die Chancen jedoch extrem, vom Headliner oder den Bands davor noch etwas mitzubekommen. Könnte Iron Walrusmir ja egal sein – dass ab dem frühen Nachmittag die Ränder der Halle von darnieder liegenden Kuttenträgern dominiert wurden, die ihren Rausch ausschliefen, könnte jedoch mit dem zusammenhängen, was später auf der einzigen Herrentoilette geschah. Erklärt das eventuell, entschuldigt es aber nicht. Noch war es aber zum Glück nicht soweit, meine Blase zwang mich bisher nicht zum WC-Gang.

TanithTANITH konnte ich somit noch stressfrei genießen. Die im Vorfeld mit viel Presselob

TANITH

überschüttete Formation um SATAN-Gitarrist Russ Tippins war die erste nebelarme des Festivals und mit ihrem an WISHBONE ASH geschulten Twin-Guitar-Hardrock so etwas wie die zeitgenössische Ausgabe solcher HoD-Line-Up-Perlen wie ASHBURY (2013) und WITCHWOOD (2017). Oder? In meiner subjektiv gefärbten Welt nicht ganz so. Den von Tippins sowie Vokal-TanithKollegin Cindy Maynard (auch am Bass) angepriesenen Einflüssen von BLUE ÖYSTER CULT oder FLEETWOOD MAC können die TANITH-Songs kompositorisch nicht immer das Wasser reichen, zu oft plätschern die Stücke gefällig wie dynamikarm vor sich hin (Ausnahme: der Konzert-Opener „Cassini’s Deadly Plunge“). Allerdings haben die „aparten“ (Rocks) TANITH erst ein Album draußen und die Diskografie von BÖC oder THE MAC ist auch nicht stinkerfrei, also was solls.

MessaMein persönliches Highlight sollte als nächstes kommen: Die von

MESSA

mir verehrten MESSA aus Cittadella (Italien) – die „scarlet Doomster“, die sich scheinbar ausschließlich rot illuminieren lassen und mich beim Dudefest in Karlsruhe schon niederknien ließen. Zum Dahinschmelzen, wie sie atmosphärischen, langsamen Rock mit psychedelischen Gitarreneskapaden, Drones sowie düsterem Songwritertum vereinen. JEFFERSON AIRPLANE meets BOHREN meets MessaEmma Ruth Rundle (für die sie in Italien eröffneten, glückliche Italiener). Schön, dass Oliver Weinsheimer sie nach vielfach im Deaf Forever-Forum geäußerten Wunsch für das Hammer Of Doom verpflichtete. Ihre 45 Minuten füllten sie mit vier Stücken ihrer beiden Longplayer, wobei „Hour of the Wolf“ am Ende für offene Münder sorgte bei all denen, die sich nicht entschlossen hatten, während der Show von MESSA ihre Mahlzeit einzunehmen. Kretins.

MESSA selbst dankten auf ihrem Twitter- sowie Facebook-Account „one of the best crowds we’ve had so far“ und wurden inzwischen unter anderem neben PRIMORDIAL oder MARDUK für das Dark Easter Metal Meeting am 12. April 2020 in MessaMünchen verpflichtet. Läuft. Der überwältigende Auftritt und vielleicht auch die Ausstrahlung von Frontfrau Sara ließen mich einen Teil meiner Bildaufnahmen verwackeln – ich war zwischen Begeisterung und Tobsuchtsanfall hin- und hergerissen und entschloss mich während des Auftritts, mein erstes Keiler-Weizen zu vernichten. Etwas früher als es mir mein biologischer Kalender riet, es sollten ja noch ein paar Eindrücke zu verarbeiten sein.

Mirror of DeceptionMIRROR OF DECEPTION standen als nächstes an, ein Einfluss beispielsweise für THRONEHAMMER sowie ein Höhepunkt für alle True-Doomer. Man mag erahnen, was das mit mir machte, zumal nach MESSA:

MIRROR OF DECEPTION

Ziemlich wenig. Die Institution aus Esslingen bei Stuttgart, laut Encyclopedia Metallum einer der „drei am längsten existierenden deutschen traditionellen Doom-Metal-Acts“ entzückte das Stammpublikum und addierte mit schwäbischem Liedgut („Der Student von Ulm“) ein paar reizende Klangfarben. Hochmotiviert und dadurch durchaus mitreißend, aber, wie bei späterer Intensivbeschallung zwecks Recherche am heimischen Rechner erlebt, nicht meine Tasse Tee. Muss ja auch nicht alles.

Lord VicarMit LORD VICAR folgte eine Formation, die bereits das vierte Mal auf dem HoD

LORD VICAR

gastierte und die laut Meinung eines Gastes „immer gut“ ist, was er an den pflichtbewussten Götz Kühnemund weitergab, als dieser den Pausenbereich verließ um sich seiner Rezensionspflicht zu widmen: „Schreib das doch einfach.“ Nun, falls Kühnemund dies in seinem Bericht über das Festival im nächsten Deaf Forever so ausdrücken wird, hat er diese Einschätzung wenigstens zum Lord VicarTeil überprüft. Ich ebenso, natürlich. Allerdings die erste Hälfte des Auftritts der finnischen Legende, deren Sprachrohr Chritus einst bei COUNT RAVEN das Mikro hielt.

LORD VICAR starteten im giftigsten Grün des Festivals und bedachten während ihrer 45 Minuten ihren letzten Tonträger „The Black Powder“ mit drei Stücken. Alten Stoff gab es nur in Form von „The Last of the Templars“ an zweiter Stelle, die agilere Performance blieb den jüngeren Stücken vorbehalten. Doch der Keiler forderte nun seinen Tribut. Es wurde Zeit den Gang zur einzigen Herrentoilette anzutreten, die unentwegt gewischt wurde vom fleißigen Klomann, mit dem ich nicht hätte tauschen wollen bei den Mengen an Urin, die nicht selten neben die Keramik flossen.

Lord VicarWie bereits erwähnt lagen diverse Gestalten bereits an den Hallenrändern, es war ja auch schon spät nachmittags. Es ist mir jedoch schleierhaft, wie man den Typen, der, alle Viere von sich streckend auf dem Rücken zwischen den eifrig genutzten Pissoirs lag, über den die Pissenden drüberstiegen und um den der Toilettenreiniger drumherumwischte – wie man diesen Mann ernsthaft mit den zusammengesackten Bierleichen verwechseln konnte. Vorausgesetzt, so ein (blödsinniger) Gedankengang fand überhaupt bei Lord Vicarden Pissnelken statt, die sich erleichtern wollten. Ich bückte mich, sprach den Mann an und war froh, dass er gleich die Augen aufschlug und antwortete. Wie es immer so läuft: Wenn einer damit anfängt kommen auf einmal weitere Helfer, unter anderem auch der Klomann, der sich noch fünf Sekunden vorher zu keiner Aktion außer dem Bodenwischen genötigt sah.

Hammer Of Doom XIV - Running OrderDer Angesprochene wurde nun von ihm sowie einer weiteren Person über die Schultern gelegt, als dieser sofort wieder sein Bewusstsein verlor. Eine Blutlache wurde zwischen den Pissoirs an der Stelle sichtbar, wo eben noch der Kopf des Mannes gelegen hatte. Die Mitarbeiter der Posthalle, laut Information des Ordners an der Tür sowie dem an der Einlasskontrolle „alle ausgebildete Sanis“, sorgten dann dafür, dass der Verunfallte per Ambulanz ins Krankenhaus gebracht wurde. Gesehen habe ich das nicht, aber es gibt keinen Grund daran zu zweifeln. Wohl aber an dem viel beschworenen „Gemeinschaftsgefühl der Metaller“ oder was da sonst noch für faule Phrasen oft bemüht werden. Über jemanden teilnahmslos rüberzusteigen, der offensichtlich Hilfe braucht ist das KhemmisLetzte – die Angesprochenen sind genauso oberflächliche Arschgeigen wie der kuttenlose Rest der Menschheit. Und das gilt gleichermaßen für den Klomann, der wischte und wischte und erst in die Puschen kam, als jemand anders es vormachte.

KHEMMIS

Musik noch? Ich war ein bisschen bedient danach, der Auftritt von KHEMMIS litt für mich anfangs etwas unter dem Vorfall. KHEMMIS hatte ich schon im Vorfeld versucht mir schön zu hören, was aber nicht zweifelsfrei gelang. Anlass dazu waren die mir äußerst sympathischen Umtriebe des langhaarigen Sängers sowie Gitarristen Ben Hutcherson, der neben seinem Studium der Soziologie an der Universität von Boulder, Colorado auch noch bei den Sludgern GLACIAL TOMB lärmt und mit dieser Combo das antifaschistische Black KhemmisFlags Over Brooklyn-Festival bespielte (mehr dazu hier). KHEMMIS wollte ich schon deshalb gut finden, da Teile von ihnen sich eindeutig gegen Rechts positionieren, was in der aktuellen Metal-Szene meiner Meinung nach viel zu wenig geschieht. Live klappte das besser als auf Konserve (also das Gutfinden). Der schwere Rock der Formation klingt ziemlich eigen, zündete aber bei mir erst nach bezeugtem Körpereinsatz. Seitdem klappt’s auch mit den Tonträgern, schon merkwürdig. Gute Band.

SWALLOW THE SUN aus Finnland sind das ebenfalls, das merkt man aber nicht immer. Ich hatte die melancholischen Düsterheimer zuletzt auf Tour mit ANTIMATTER 2013 erlebt – analog zu deren Sound ist der von STS doomy, aber weniger gitarrenorientiert, sphärischer und somit einlullender. Für viele ein Swallow the Sunweiterer Pausen-Act, obwohl sie meiner Ansicht nach grandios zum HoD passen. Die

SWALLOW THE SUN

BATUSHKA-artige Gewandung kannte ich bei den Finnen noch nicht – der Trend geht zur Robe, allerdings so heftig, dass es langsam etwas öde wird. Böse Zungen mögen dies deswegen passend finden. Für mich waren STS die perfekte Band um in Schwermut zu baden, was bei inzwischen einer Stunde Spielzeit vortrefflich gelang.

ScaldSchwermut mit Keiler-Weizen macht jedoch müde – mir tat langsam alles

SCALD

weh und ich freute mich auf die Heimreise. Dem Legendenalarm um die extra zum HoD wieder vereinigte Truppe SCALD wollte ich mich allerdings nicht verschließen. SCALD waren eine russische Epic-Doom-Formation, deren Sänger Agyl 1997 verstarb und die nicht nur in russischen ScaldUnderground-Kreisen große Wellen schlug. Für SCALD war danach Feierabend. Zum HoD erstanden sie jedoch wieder auf mit Felipe Plaza Kutzbach am Mikro – dem Felipe, der mit seiner Band PROCESSION schon häufiger das HoD bespaßte und der nebenbei noch den Bass spielt bei den Aussie-Assis DESTRÖYER 666, bei NIFELHEIM rumpelt sowie live SOLSTICE unterstützt. Mr. Metal schlechthin, so gesehen. Mit dem klingt alles geil. Den Mitgliedern von SCALD war das ScaldVergnügen, mit dieser Unterstützung ihr lange ungespieltes Material zu zocken, deutlich anzumerken, so dass der Auftritt durchaus Headliner-Qualitäten hatte.

Der eigentliche folgte jedoch ohne mich im Anschluss, als ich in den ICE-Sessel sank. ATLANTEAN KODEX spielten erstmals 2009 auf dem zweiten HoD und zieren nach zwei euphorisch rezipierten Alben inzwischen die Titelseiten der Metal-Presse. Wär eh nicht so meins gewesen, mich hätten jetzt höchstens nochmal Atlantean KodexIRON WALRUS wachhalten können. Das Hammer of Doom war mal wieder ein Fest, aber es hat mich auch fertiggemacht.

ATLANTEAN KODEX

Dem Angebot, für die Jubiläumsveranstaltung im kommenden Jahr gleich Tickets einzutüten, konnte ich mich mit einem leise gemurmelten „Nie wieder“ leicht entziehen. Doch was kümmert mich morgen mein Geschwätz von gestern…

Links:

https://www.facebook.com/Thronehammer/, https://thronehammer-cwr.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/ironwalrus666/, https://www.last.fm/de/music/Iron+Walrus, https://www.facebook.com/TanithNYC/, https://tanithnyc.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/messaproject/, https://messa666.bandcamp.com/, http://www.mirrorofdeception.de/, https://mirrorofdeception-doom.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/lordvicar/, https://lordvicar.bandcamp.com/, https://khemmisdoom.com/, https://khemmis.bandcamp.com/, http://swallowthesun.net/, https://www.facebook.com/swallowthesun, https://www.facebook.com/scaldepicdoom/, http://www.atlanteankodex.de/, https://atlanteankodex.bandcamp.com/

Text & Fotos (51): Micha
Fotos (3): Guido Babel

Alle Bilder:

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