Zoom, Frankfurt, 23.06.2026
Zum Zeitpunkt des Gastspiels von Curtis Harding im Frankfurter Club Zoom ächzt die Republik unter einer abartigen Hitzewelle. Seit fünf Tagen wird jede Nacht tropischer, jede Stunde nähert sich der 40-Grad-Marke weiter an, die ein paar Tage später erreicht und überboten werden wird. Die Motivation, mich in irgendeiner Form zu bewegen, solange diese Bewegung nicht im Wasser stattfindet, tendiert gen Null. Konzerte? Ja, eigentlich ganz nice, aber bei diesem Wetter? Sollte es aber Musikrichtungen geben, die bei Hitze vielleicht sogar noch ein wenig intensiver rüberkommen, dann gehört Soul sicherlich dazu. Gepflegte Hotness im heruntergekühlten Saal des Zoom, soviel kann man da nicht falsch machen. Zum Radfahren war ich zu faul und hoffte auf ein klimatisiertes Gefährt des ÖPNV. Die Anzeigetafeln der Straßenbahnen kündeten von Schwierigkeiten um den Hauptbahnhof, zumindest S- und U-Bahnen schienen aber verlässlich zu fahren. Mir egal. Musste in die Gegenrichtung.
Der Vorverkauf für dieses Konzert lief wohl eher semi, voll würde es sicher nicht werden. Zum Glück. Die beste Klimaanlage nützt nichts, wenn man eingepfercht zwischen Achselhaaren und Füßen im Slipper die Arbeitstage der Mitmenschen nachriechen kann, bin da selber ein abschreckendes Beispiel.

Um Kurz vor Acht schließlich sah der durch Tücher leicht verkleinerte Saal gut genug gefüllt aus, um den Künstler*innen Glaubenskrisen zu ersparen. Harding ließ kurzfristig noch einen Special Guest im Zoom ankündigen: Charlotte Colace, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Kuba und wohnhaft in Berlin.
Sie ist wohl häufiger mit größerem Besteck unterwegs – im Zoom trat die Chanteuse mit etwas Playback sowie dem Saxophonisten Johannes Schwarting an. Der gebürtige Mainzer entdeckte laut Landesmusikakademie NRW im Alter von neun Jahren das Saxophon für sich und entwickelte seinen Stil, der von „Jazz, Funk, Neo Soul und Pop“ geprägt ist und diverse Zusammenarbeiten sowie Veröffentlichungen als Teil des MIMIKOTO PROJECT (mehr dazu hier) inkludiert.
Im dunkelblauen Gegenlicht begann und endete der etwa 35-minütige Auftritt des Duos – dazwischen gab es viel Herzerwärmendes wie Persönliches, welches von Colace stimmstark wie emotional vorgetragen wurde und ihr eine Menge
neuer Freunde in Frankfurt bescherte. „After darkness there is light“ tat sie nach einem emotional aufwühlenden Stück über Abhängigkeiten kund und ließ mit der Ankündigung „I’ve got a little light for you“ ihre „cuban influences“ raus, was von ihr durchaus als politisches Statement zu verstehen war: „Weil Trump sich nehmen will, was ihm nicht gehört“ führte sie dazu aus und ergänzte: „Was niemandem gehört“.
Im vorletzten Stück bezauberten sie und Schwarting ohne Band aus der Konserve das Publikum komplett, bevor im Finale größere Arrangements folgten, die Colaces Stimme auch mehr als angemessen waren. Ein toller Opener war das, hoffentlich beehrt uns Charlotte Colace bald wieder; in Heidelberg ist sie am 5. August 2026 im Rahmen des Metropolink Festivals zu sehen.

Dann, um 21 Uhr, betrat die Band von Curtis Harding die Bühne. 2018 sah ich sie schon einmal, im Vorprogramm von Lenny Kravitz in der Festhalle, und war ziemlich entzückt. Die Positionen am Schlagzeug sowie Gitarre waren von den
gleichen Menschen besetzt wie beim aktuellen Auftritt, allerdings kann ich diese namentlich nicht zweifelsfrei benennen. Der Kollege von der Frankfurter Rundschau (FR), Stefan Michalzik, identifizierte den „Mod“ an der Gitarre als Sean Thompson, ein solcher ist auch auf den Platten von Harding zu hören. Es gibt jedoch weitere Gitarristen gleichen Namens, deren Internetpräsenz deutlich dominanter ist als seine. Die Namen des altgedienten Schlagzeugers, des Mannes an Keyboard und Saxophon sowie die wandelnde Coolness am Bass? Kann ich leider nicht mit dienen. Harding stellte sie im Verlauf des Abends vor, mein betagtes Gehör verstand jedoch nichts Deutliches.
Betagte Ohren fühlen sich ansonsten bei den Klängen eines Curtis Harding, dessen Sound wie eine modernisierte Version seines (verstorbenen) Vornamensvetters Curtis Mayfield erscheint, äußerst wohl. Michalzik wies in seiner FR-Kritik darauf hin, dass Harding gleichermaßen als Traditionalist wie auch als Erneuerer gefeiert wird – ich bin nicht genug in der Materie, um mich da in irgendeiner Weise zu positionieren. Das Vorprogramm von Lenny Kravitz damals war aus meiner Sicht jedenfalls enorm passend, fußen doch die Klänge beider Musiker knietief in musikalischen Traditionen, die jedoch eine befreiende Frischzellenkur durchlaufen haben und deswegen nicht als klasssischer Retro-Act durchgehen.
Den Schwerpunkt seiner insgesamt mehr als 90 Minuten dauernden Harding-Performance nahmen Songs seines aktuellen Albums „Departures & Arrivals: Adventures of Captain Curt“ ein. Ein Konzeptalbum, eine „Space Opera“, über einen Reisenden im All und seine Gedanken oder Sehnsüchte auf der Suche nach
dem Weg nach Hause. Darin eingebettet sind private Gedanken, die auch auf dem Mutterplaneten Erde Bestand haben sowie feine Anspielungen auf den Zustand des heutigen Zusammenlebens, vor allem in seiner Heimat USA. Hoffnungsvoll natürlich, wir waren ja nicht bei einer Punkshow.
„Warum ist es in Frankfurt so heiß?“ fragte Harding. „Klimawandel“ antwortete jemand aus dem Publikum korrekt, aber stimmig war auch die Antwort „Because You Are!“, die nicht lange auf sich warten ließ. „Ihr seid auch heiß“ gab Harding das Kompliment zurück, „Applaus für Euch“ und später ein „Danke schön, dass Ihr hier seid. Ihr könntet bei dieser Hitze überall sein, aber Ihr seid hierher gekommen und das weiß ich wirklich zu schätzen!“.
„I Need Your Love“ beendete nach etwas mehr als einer Stunde energetisch den offiziellen Set. Harding und sein Anhang hatten sich da gerade warm gespielt, es ertönte noch bisher auf dieser Tour Ungespieltes und als die Bassistin nach 90 Minuten gehen wollte machte Harding einfach weiter und zwang den Rest nochmal einzusteigen. Spielfreude vom Feinsten an einem hochklassigen Abend.
Was wollte man mehr? Vielleicht stressfrei wieder nach Hause kommen? Meine Faulheit bezüglich des Radfahrens rächte sich nun. Die meisten Straßenbahnen fielen aus, der Hauptbahnhof wurde nach wie vor nicht angefahren – was aber niemand wusste, der eine fahrende Tram erwischte, weil es weder Durchsagen gab noch die Elektronik im Zug darauf hinwies. Statt
leerer wurde die Bahn bei jeder Haltestelle mit U- oder S-Bahn-Anbindung voller, weil bundesweit (!) keine Fernzüge fuhren und die U-Bahn-Strecke gewartet wurde.
Der Hauptbahnhof war nach einem Vorfall mit Schusswaffengebrauch am Nachmittag um 23.30 Uhr immer noch gesperrt, was alle Trams nicht ins Gallusviertel fahren ließ, sondern ins Depot bei mir um die Ecke. Ich habe keine Ahnung wie die Menschen, die woanders hin mussten, nach Hause kamen und war froh, dass ich nur aus dem Ostend kam und nicht, wie so oft, aus Wiesbaden oder Aschaffenburg. Aber immerhin: Anders als in Leipzig schmolzen die Schienen nicht von der Straße bei diesen Temperaturen. Was nicht ist, kann aber noch werden: Mit der Hitze sind wir in diesem Sommer noch lange nicht durch. Danke Merz.
Links: https://www.charlottecolace.com/, https://www.facebook.com/charlottezoecolace/, https://www.instagram.com/charlotte.colace/, https://charlottecolace.bandcamp.com/music, https://curtisharding.com/, https://www.facebook.com/curtishardingofficial/, https://www.instagram.com/curtisharding, https://www.youtube.com/@curtishardingofficial
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:









