THE SLAGS

Frankfurt, Dezember 2018 – Interview

The SlagsFast 30 Jahre sind seit der Gründung der Frankfurter Rockband THE SLAGS vergangen, die bald zu einer der bekanntesten All-Girl-Combos der Republik avancierte, Major-Deal und Touren von Frankreich über Österreich und die Schweiz bis in die Tschechische Republik inklusive. Später wurde es ruhiger um das Quartett, das auseinander ging, sich wieder zusammentat und erneut trennte. Bestrebungen für die jüngste Reunion 2014 wurden vom Tod der Bassistin Anja überschattet. 2018 ließ die inzwischen wieder reformierte Band mit einer neuen Platte aufhorchen. Über das „The Bedroom Tapes“ betitelte Werk, die bewegte Vergangenheit der SLAGS sowie Nebenprojekte und Zukunftspläne sprachen wir mit Suse Michel (Gesang, Schlagzeug), Bine Morgenstern (Gesang, Bluesharp, Percussion), Conni Maly (Gitarre) und Daniel Schröter (Bass). Die Bilder im folgenden Text lassen sich durch Anklicken vergrößern und als Soundtrack beim Lesen empfehlen wir natürlich:


Den meisten der Leser/innen dieses Blogs werdet Ihr längst bekannt sein, aber einige werden Euch vielleicht nicht auf dem Schirm haben. Deshalb wäre es nett, wenn Ihr zu Beginn kurz auf die Vita von THE SLAGS und die Meilensteine seit der Bandgründung 1990 eingehen würdet.

Conni: Das sollen mal Bine und Suse erzählen!

Bine: Suse und ich hatten schon 1989 die erste Session zusammen gespielt. Das war so eine Zeit, in der sich die Musiker gegenseitig einluden, um zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Proberäumen neue Formationen auszuprobieren, um möglichst viele andere kennenzulernen, um zu kiffen und Bier zu trinken, um dann die perfekte Band zu bilden, eine mit der man reich und berühmt werden konnte! Suse war schon eine Legende und ich hatte sie schon einmal live The Slagsgesehen – eine Wahnsinns-Performance, dachte ich, so selbstbewusst und cool war die. Ich war schon in drei verschiedenen Bands gewesen und gerade frisch getrennt von meiner letzten Band, in der, wie auch schon bei den anderen vorher, immer ein Typ das Sagen hatte.

Cover-Fotoshooting für „So What“, 1992

Und ich wusste, dass Suse im Agentur-Business war und erfolgreich mit ihren Bands, sogar schon im Vorprogramm von Nina Hagen und Joe Cocker auf Tour gewesen war! Und dann fragte sie MICH, ob ich mit ihr eine Band gründen wollte! Nur Mädels, und sie kenne da eine, die Bass spielt und ich kannte eine, die Gitarre spielte und dann ging’s auch schon los. Und zwar ratzfatz! Wir hatten gerade fünf oder sechs Songs gemacht, da hatten wir den ersten Auftritt, und Suse lud sofort die Talent-Scouts von Plattenfirmen ein und tat so, als wären wir mords die Kartoffeln, und scheinbar waren wir das auch, denn der Markus Linde von Sony Music schickte uns auf Firmenkosten ins Studio nach Berlin – und wir nahmen die erste Platte auf.

The SlagsSuse: Haha… Bine hat es schon gesagt. Ich habe seit meinem 18. Lebensjahr immer schon Musik gemacht, zum Beispiel mit GODDELAU EXPRESS, C/NO und INFECTED VIRGINS, hatte immer mit Jungs in den Bands zu tun. Und irgendwann war das für mich durch – ich wollte was Anderes. Und ich wollte unbedingt Schlagzeug spielen.

Auftritt bei der Tour zu „Turn On, Tune In, Drop Out“, 1995

Wir gründeten die SLAGS 1990, nahmen nach drei Monaten die erste Single auf, dann den Frankfurt-Sampler für Sony, die erste CD „Everybody Seems to Know“ für Sony in Berlin. Dann stieß Conni zu uns, wir nahmen die „So what“ im Dierks-Studio auf, spielten insgesamt 13 Tourneen, unter anderem mit FIREHOSE, RAUSCH und THE MANIACS, waren viel in Frankreich auf Tour, in der Czech Republic, verließen Sony Music, gingen zu Subway Records in Wuppertal, nahmen „Alive, Unchained & Out of Money“ und die Lieblings-Cover-Versions „Turn on, Tune in, Drop Out“ auf, trennten uns 1996 für acht Jahre, um dann doch wieder zusammenzukommen. Ja, weil wir lieben, was wir The Slagstun – und eben auch uns… Um dann im blunoise-Studio mit Guido Lucas, der ja

Aufzeichnung Offener Kanal Worms, 1995

leider auch im letzten Jahr gestorben ist, unsere Reunion-CD „Run Free“ aufzunehmen. Danach erkrankte Anja schwer, sie starb 2014, knapp ein Jahr nach einer zunächst erfolgreichen Lungentransplantation. Mit ihr starteten wir einige Monate vor ihrem Tod die akustische Reise durch unser eigenes Song-Repertoire. Und das machte uns allen so viel Spaß, vor allem die Erkenntnis, welch großartige Songs wir eigentlich geschrieben hatten: Yeah! Und jetzt sind wir da mit unseren „The Bedroom Tapes“.

The Slags

Fotoshooting zur Tour „Turn On, Tune In, Drop Out“, 1995

Ich war kürzlich bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen von Connis Bandprojekt LAVA 303 im Frankfurter HoRsT Club und habe bei Euren Gesprächen auf dem „Podium“ den Eindruck gewonnen, dass Euch die Erlebnisse um die Entstehung von THE SLAGS und deren Aktivitäten noch sehr gut in Erinnerung sind, auch wenn vieles schon sehr lange zurückliegt. Inwiefern waren all diese Ereignisse prägend für Euch?

Bine: Ich sage immer, das war meine erste Ehe. Da hatte ich mich verliebt in die Idee und dann war alles okay, alles gehörte dazu und ich machte alles mit. Wir spielten endlose Touren und nahmen Platten auf, und ich war immer voller Glauben an die Band und das Potenzial, aber auch um viele blöde, unerfreuliche Erfahrungen reicher, als ich 1996 die Band verließ. Wenn wir kommerziellen Erfolg gehabt hätten wäre ich wahrscheinlich nicht gegangen, aber es kamen Bine, The Slagsviele Dinge zusammen die ich vorher nicht gekannt hatte. Da waren die Verträge mit der Band und die Schulden, die wir am Hals hatten, die ständige Bevormundung durch die Nüchternheit von Anja und Suse, meine unglücklichen Beziehungen und mein verborgener Wahnsinn. Ich war alles andere als nüchtern, ich wollte gerne mit Schlafsack um die Welt ziehen und Musik machen und ganz viel Rotwein trinken und Drogen nehmen. Aber man ließ mich nicht. Dann, als ich die Band los war, ging es so richtig los… Ich hab alles gemacht was ich wollte, jede Droge ausprobiert und bis 2000 durchgefeiert, aber ich blieb zuhause und glücklich war ich auch nicht. Dann war mein Langzeitarbeitsloser-Ex-Rockstar-Bonus ausgeschöpft und ich habe wieder zu arbeiten begonnen, aber abends und am Wochenende alles nachgeholt, was ich unter der Woche vermeintlich versäumt haben könnte. Ich machte meinen Führerschein, eine Gesellenprüfung, und all dies mit immer ordentlich Gas am Abend. Das ging bis Sommer 2005, dann kam der Cut – die große Einsicht – ich hielt es nicht mehr in mir aus! Ich ging in Therapie und wurde straight edge. Das erste Comeback-Album der Slags, „Run Free“ von 2006, war so quasi an Nüchternheit nicht zu überbieten!

Suse, The SlagsSuse: Ich kann für mich sagen, dass ich mit den SLAGS meinen Traum gelebt habe vom Musikmachen, auf Tour sein, im Studio, Rock‘n‘Roll – mit allem, was eben so dazu gehört. Ein kleiner Job nebenbei, um die Miete zu sichern, ansonsten war es bei mir anders als bei Bine: Mich hat der Rock‘n‘Roll von den Drogen weggebracht und – kann man sagen – mein Leben gerettet. Therapie durch Rock‘n‘Roll, das war eine Sinn-Findung für mich. Und eine musikalische Familiengründung obendrein, sozusagen – das sind für mich Freunde und Wegbegleiter für‘s Leben. Und wir haben einfach so viele tolle, spannende, wilde Sachen erlebt – die Geschichten würden Bücher füllen. Aber wir erzählen sicher einiges davon bei unseren Konzerten…

Conni: Das war mein Rock‘n‘Roll-Internat mit allen Höhen und Tiefen. Ich habe gelernt, wie man ein Album in einem großen Studio produziert, was Foto- und Video-Shootings sind, was es bedeutet, wochenlang auf Tour zu sein, wie das Musikgeschäft funktioniert… Es hat mich insofern geprägt, dass ich erkannt habe, dass es nicht mein Ding ist und ich versucht habe mich davon zu befreien und meinen eigenen Weg zu gehen.

Ihr habt Zeiten miterlebt, in denen Plattenfirmen wie wild das „nächste Ding“ suchten und alles signten, was nicht bei Zehn auf dem Baum war, den Zusammenbruch dieser Art von Industrie und macht jetzt Musik über Crowdfunding. Wir beurteilt ihr diese Veränderungen, wenn man vom „Wert der Musik“ spricht? Oder anders: Wobei fühlt Ihr Euch wohler?

Conni, The SlagsConni: Für mich bedeutet es die Freiheit, Musik unabhängig von Plattenfirmen produzieren und releasen zu können. Geld verdient man dabei nicht viel und wenn, wird es gleich in Equipment oder die nächste Produktion investiert. Aber man kommt ein bisschen rum, kriegt in Clubs und auf Parties umsonst zu Saufen und spart sich den Psychotherapeuten! Um unabhängig meine Musik machen zu können, arbeite ich als Musikerin auch in Kindergärten und Flüchtlingsunterkünften, da hat man ein internationales Publikum, das wirklich Lust auf Rock‘n‘Roll hat.

Bine: Heute ist es nicht einfacher, aber viel selbstbestimmter, was es dann natürlich auch wieder einfacher macht. Der Druck wurde rausgelassen. Wir haben alles selber organisiert – Stichwort: Crowdfunding – und bezahlt. Keine Schulden, kein Irren und Wirren wie früher, wenn es immer hieß: der Soundso hat gesagt, der Soundso meint… Ja klar, wir haben einen Produzenten gehabt im Studio und der hat seinen Job einfach super gemacht, danke Oli Rüger! Aber, kein anderer bedrängt uns mit Deadlines und Kreativzwang! Und wenn, machen wir das selber, nach eigenem Tempo.

Suse: Naja, wenn man die richtigen Leute um sich hat, kann das auch ein Management, eine Plattenfirma, eine Agentur sein – heißt, dann sind es kurze Wege der Kommunikation und Umsetzung. Das kann wohl sehr gut funktionieren. In jedem Fall fühlt es sich gut an, die Kontrolle zu haben und zu behalten.

Videoclip zu „Stupid People“ vom Album „So What“, 1992

Ihr habt es vorhin schon erwähnt: Im Sommer habt Ihr ein neues Album veröffentlicht. „The Bedroom Tapes“ heißt die Scheibe, die in allen Rezensionen, die ich gelesen habe, gelobt wurde und – wenn ich das an dieser Stelle mal sagen darf – auch mir sehr gut gefällt. Es ist Eure erste Platte seit dem letzten Release vor elf Jahren. In der Zwischenzeit ist viel passiert…

Conni: Ja, das war ein Prozess und eine bewusste Entscheidung, die im Prinzip Anja und ich als die Instrumentalistinnen der Band getroffen haben. Wir wollten mal was Neues ausprobieren. Ich hab ja erst in den Kindergärten angefangen akustische Gitarre zu spielen und viel mit Grooves herumexperimentiert. Da lag es nahe das auch mal mit der Band auszuprobieren. Und dann wurde mir noch die alte Artur Lang-Gitarre für meine Arbeit in den Flüchtlingsunterkünften The Slags - The Bedroom Tapes CDgespendet und die hat genau den richtigen Sound dafür. Die war viel zu schade, um sie den Kindern zu überlassen. Ich hab sie reparieren lassen und mit der habe ich das ganze Album dann eingespielt.

CD-Cover „The Bedroom Tapes“, 2018

Bine: Die ersten Jahre nach der Therapie waren sehr nüchtern… Ich stieg in eine alternative Selbsthilfegruppe ein und moderierte einige Jahre lang eine Gruppe in Darmstadt. Aß lakto-vegetarisch – Kakao und Kekse – und wurde schwerer, was ich durch Sport auszugleichen versuchte: Triathlon im Verein, Chorsängerin/Mezzosopran, Performance-Tänzerin bei CHIMÄRE, die mit LAVA 303 auf Tour ging. Ich lernte Filmen und Filmschnitt beim offenen Kanal Offenbach und verbrachte jeden Abend auf meiner Couch mit ein bis drei DVDs, OmU. Dann traf ich vor etwa acht Jahren meine Jugendliebe Wolf Schubert-K. wieder – und wir haben 2013 geheiratet.

Finanziert habt Ihr das Werk über Crowdfunding und eingespielt schließlich im Tonstudio Bieber bei Oliver Rüger. Erzählt doch bitte ein bisschen über den Entstehungsprozess der Platte von der Idee bis zur Umsetzung.

Suse: Nach Anjas Tod 2014 haben wir zunächst zu dritt weiter unsere Akustik-Sets gespielt. Und dann fingen wir an, nicht nur unsere eigenen, alten Songs zu „covern“, sondern hatten auf einmal neue Ideen, Themen, Riffs und Texte, so dass irgendwann die Umsetzung auf CD einfach unausweichlich war. Unsere Konzerte kamen so gut an, dass wir den Leuten nicht mehr guten The SlagsGewissens unsere alten Rock-Platten am Merchandise verkaufen konnten.

Im Tonstudio Bieber für „The Bedroom Tapes“, 2018

Wir mussten unser aktuelles Set einfach aufnehmen. Und dass das nur bei und mit Oli Rüger geht, war auch klar. So haben wir schließlich die Songs, die wir in Bines oder Connis Schlafzimmer geschrieben und geprobt haben, im April diesen Jahres im Tonstudio Bieber aufgenommen, in vier Tagen eingespielt, mit viel Spaß und The Slagsrichtig tollem Support und Input von Oli Rüger und Tobi Wehner. Vorher war uns gar nicht so richtig klar, wie wir dieses akustische Set up eigentlich am besten auf Band bringen sollen, zumal wir ja auch alle drei singen. Aber das hat am Ende genau so funktioniert, wie wir uns das gewünscht und erhofft haben: Wir sind super happy mit den „Bedroom Tapes“. Die nächste Platte würde ich absolut genauso angehen.

Conni: Ursprünglich hatten wir eher vor einige Stücke von den Rock-Alben mit dem neuen Sound aufzunehmen und zwei oder drei Songs, die Bine und ich mal spontan bei ihr zu Hause gemacht hatten. An Sylvester 2017 hat dann Suse noch einen Schreibflash bekommen und daraus sind dann noch einige neue Stücke The Slagsentstanden, so dass das jetzt ne ziemlich gute Mischung ist. Auch mit den zwei Leadstimmen, das finde ich super und an manchen Stellen darf ich jetzt auch mitsingen 😉 Ich hatte Crowdfunding schon mit MALY MACHT MUSIK gemacht und hatte es den SLAGS vorgeschlagen. Toll, dass es so gut geklappt hat! Wir haben alles in drei bis vier Tagen aufgenommen. Das ist natürlich schon etwas stressig. Ich bin es halt gewohnt bei mir zuhause im Studio rumzuhängen und da hat man alle Zeit der Welt. Aber irgendwie ist es auch ein aufregender Prozess, wenn Aufnahmen in einem Team entstehen und es noch dazu so tolles Studioequipment gibt. Der Oli hat uns jedenfalls zu einem tollen Album verholfen und der Sound ist einfach super geworden.

In den Songs der „Bedroom Tapes“ habt Ihr jede Menge Autobiographisches verarbeitet. Welches sind Eure persönlichen Lieblingslieder auf dem Album und warum?

Conni: Schwer zu sagen, da gibt’s mehrere. Die sind halt so unterschiedlich, aber definitiv unsere neuen Babies 😉

Bine: „International Lover“ und „Sorry, Scott“ sind in der Zeit entstanden als ich erste Bedroom-Sessions mit Conni bei mir zuhause machte. Sie, entflohen der Familie mit zwei kleinen Kindern und ich, einsam, aber nüchtern und allein. „International Lover“ ist eine Hymne an die Urlaubsliebe. Du weißt, es wird ein Ende haben, du gehst in deinen Alltag zurück und nimmst die süßesten Bine, The SlagsErinnerungen mit, und das beflügelt so ungemein, weil diese Liebe für immer hält!

Auftritt beim Slagoffice-Event in „Das Bett“, 2017

Wir haben da unsere Erfahrungen zusammengewürfelt und die Essenz war, dass wir beide unseren Lovern erzählt hatten, dass sie wahrscheinlich auf dem Cover unserer nächsten Platte landen werden! „Sorry, Scott“ ist da eher eine traurige Bilanz wie schnell die Vorfreude auf den eigenen Film zerstört wird, wenn der andere nicht mit ebensolcher ins Spiel geht. Jemanden bei einer Verabredung warten zu lassen ist das Allerletzte, zumal wir heute alle Handys haben – dann fehlt einfach das Interesse! Aber auch die Austauschbarkeit der Kandidaten, wenn du eigene Ziele verfolgst. Ich Suse, The Slagsmeine, der Song hat drei Strophen und der Text variiert kaum, bis auf Feinheiten, wer wen versetzt, die Namen… und funktioniert total gut!

Suse: „Sorry, Scott“ auf jeden Fall, aber auch „Perfume of the Rose“ mag ich total gern, weil es das älteste Stück auf der CD ist, aber immer noch so rau und frisch klingt und einen so reinsaugt. Gänsehaut. Ich schreibe zum Beispiel immer an Silvester meine Texte für das ganze nächste Jahr, weil ich diese dichte, leicht sentimentale und doch aufgeladene Stimmung liebe, dieses Erwartungsschwangere der Leute da draußen, die Millionen in die Luft böllern, sich besaufen, Blei gießen und um Mitternacht Wildfremden die Zunge in den Hals stecken, um sich dann weiter ins neue Jahr zu saufen. Toller Start, yeah! Das mache ich schon seit Jahren The Slagsnicht mehr mit, sondern schreibe Songs, meistens so zehn bis 18 Texte, während die Welt draußen durchdreht. Und so sind unter anderem „Can’t Stay“, „A Few Hot Minutes“ entstanden, die wir tatsächlich erst kurz vor’m Studio gefixt haben. Die Themen müssen mir akut auf der Seele brennen, mein Herz berühren – meistens allerdings geht es mehr um Schmerz, Psycho und warum eigentlich immer irgendwas ist. Meine jährliche, ganz persönliche Therapiestunde – und dann ab damit in den Rock’n’Roll, aber genau dafür ist er ja erfunden worden.

Videoclip zu „Sorry, Scott“ vom Album „The Bedroom Tapes“, 2018

In der Presseinfo gebt Ihr unter anderem HOLE, THE SLITS und Patti Smith als artverwandte Musik an. Früher wart Ihr selbst dem Heavy Rock zugetan, inzwischen spielt Ihr reine Acoustic-Sets. Inwiefern seht Ihr Euch auch heute noch in der Tradition der klassischen Frauenpower-Bands?

Suse: Ehrlich gesagt haben wir uns mit diesem „Frauenpower-Riot-Band-Ding“ nie beschäftigt. Das haben andere getan. Uns – oder mich – hat das nie interessiert, ich bin ein Praxis-Typ, heißt: machen, nicht reden.

Conni, The SlagsConni: Vom Spirit her schon, es hat ja immer noch Power, auch wenn es jetzt akustisch daherkommt. Aber Schlaggitarren-Musik war früher ja auch die Tanz- und Clubmusik, daher passt das schon so und es ist eigentlich ne logische Konsequenz, da mal Back to the Roots zu gehen. Irgendwann ist das Thema Elektrische und elektronische Musik ausgereizt und dann ist es interessant zu gucken, wo das eigentlich alles herkommt. Letztendlich hat das was mit dem Groove und der Energie zu tun, egal mit was man das spielt.

Bine: Wir sind einfach abgelöst von patriarchal gesteuerter Macht, was THE SLAGS angeht. Da haben wir seinerzeit einfach die richtige Entscheidung getroffen. Es kann einen Quotenmann am Bass geben, einfach weil Anja nicht mehr da ist, aber alles andere waren immer nur wir. Wer’s kennt, kann nachvollziehen, wie eng das zusammenschweißt, wenn man eigene Songs macht.

Daniel, Du bist auf der Platte und bei Auftritten mit den drei Damen am Bass zu hören. Wie war das für Dich, als einziger Kerl in diese eingeschworene Gemeinschaft zu kommen und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Daniel, The SlagsDaniel: Wir sind alte Weggefährten. Ich kenne und schätze die SLAGS seit den Anfängen in den frühen 90ern, als ich mit meinen Bands in derselben Szene unterwegs war. Wir haben uns nie so ganz aus den Augen verloren. Daher war es eine Freude und auch eine Ehre für mich, als vor zwei Jahren die Anfrage kam, die Band als „Dauergast“ zu unterstützen. Die Zusammenarbeit gestaltet sich einfach: Alle spielen und singen so gut, wie sie nur können. Hierarchisches Gedöns gibt es nicht. Es geht immer um die Songs. Und dass ich der einzige Kerl in der Band bin, spielt eigentlich keine Rolle – außer dass ich nach den Auftritten immer eine Dusche für mich alleine habe!

Wer im digitalen Zeitalter nicht im Wust der schnelllebigen Musikszene untergehen oder sich wieder ins Gespräch bringen will, sollte im Internet und vor allem den „sozialen“ Medien präsent sein. Ihr betreibt eine SLAGS-Homepage, seid bei Facebook und MySpace zu finden und habt Eure gesamte Discographie bei Bandcamp eingestellt. Wer kümmert sich um die zeitfressende Arbeit an all diesen Accounts, oder erledigt das jemand für Euch?

Conni: Bandcamp und die Homepage mach ich. Die Facebook-Gruppe machen wir zusammen. Suse postet auch noch was auf Instagram, das ist mir aber suspekt. Hab mich jetzt aber trotzdem mal angemeldet.

The SlagsSuse: Wir haben über slagoffice.frankfurt einfach super Möglichkeiten, unsere Kompetenzen und Netzwerke einzusetzen: Conni und Keiko von brückenschlag design kümmern sich um die

Backstage in der Sommerwerft, 2017

Homepages, Bine und ich sind die Orga-Queens, Booker und Finanzverwalter, das Backoffice sozusagen. Die sozialen Medien füttern alle parallel, je nachdem, was für welche Band eben gerade aktuell ist. Wir haben mit To Kuehne einen super Fotografen im Team, Katja Rarichs als Texterin, Oli Rüger vom Tonstudio Bieber als Produzenten und viele andere mehr. Es läuft besser, wenn man seine Kompetenzen bündelt und sich gegenseitig unterstützt.

Auf slagoffice.frankfurt wollte ich auch noch zu sprechen kommen. Ihr habt diese Konzertagentur für Künstler aus der Region vor knapp zwei Jahren aus der Taufe gehoben. Wir haben ja damals in diesem Blog über die große Eröffnungsparty berichtet. Wie läuft Euer Startup inzwischen, seid Ihr noch auf der Suche nach Bands und nach welchen Kriterien wählt Ihr diese aus?

Suse: slagoffice.frankfurt existiert immer noch, allerdings reich und berühmt werden wir – noch – nicht mit diesem Startup. Die Idee ist vorrangig – wie vorhin beschrieben – ein Netzwerk befreundeter, gleichgesinnter Musiker und Bands zu schaffen, eine non-Profit-Organisation. Leute, die sich gegenseitig The Slagssupporten und unterstützen, auch musikalisch beim ein oder anderen Projekt

Fotoshooting zu „The Bedroom Tapes“, 2018

aushelfen und sich gegenseitig „befruchten“. Das macht Spaß und enthebt auch ein wenig vom Druck, alles allein stemmen und „liefern“ zu müssen. Ein Gemeinschaftsprojekt sozusagen. Und wenn uns eine Band so gut gefällt wie zum Beispiel THE BLACK ME mit Oli Rüger, dann fragen wir sie, ob sie Pferd in unserem Stall werden möchten.

Conni: Das ist eigentlich Suses und Bines Projekt. Ich helf da nur’n bisschen mit. Ich seh das eher als Netzwerk. Und wir machen Veranstaltungen oder Bühnen auf Festivals, wo auch die ein oder andere Band dazukommen kann, zum Beispiel das slagoffice-Event im Bett und im Orange Peel, beim Playgarden Festival.

Ihr seid in Frankfurt und Umgebung heimisch, habt alle noch andere musikalische Projekten am Laufen und geltet als sehr gut vernetzt. Was mögt Ihr an der Musikszene der Mainmetropole und was ist aus Eurer Sicht verbesserungsfähig?

Conni: Ich habe mit der Band- und Rockmusik-Szene eher weniger zu tun, weil ich mit LAVA 303 doch mehr im elektronischen Bereich unterwegs bin. Aber ich finde es ist hier eine schöne, bunte Untergrund-Szene entstanden, was die Parties, Raves und Demos angeht. Da wachsen Leute nach und machen weiter, The Slagsdas ist schön zu sehen. Auch über die Tagtanz-Demo gabs da ne gute Vernetzung.

Auftritt im Brückenkopf Hanau, 2015

Frankfurt ist ja überschaubar und das ist auch ganz praktisch. Die Szenen überschneiden sich teilweise, man kann sich hier nicht völlig abkapseln, und das find ich eigentlich auch gut so. Was das Leben hart macht ist, dass es oft wenig Raum und auch wenig Verständnis für alternative Kultur gibt, dass hier die Mieten so teuer sind und dass man Hausbesetzungen sofort räumt. Die Stadt sollte ihre Subkultur und die Impulse, die daraus hervorgehen mehr schätzen und die Szene mit Infrastruktur, zum Beispiel Gebäude-Zwischennutzungen, unterstützen.

The SlagsSuse: Die Musikszene in Frankfurt gibt es eigentlich nicht. Es sind seit jeher verschiedene Lager – und eigentlich haben wir immer lieber außerhalb Frankfurts gespielt. Manchmal hindert einen eine „Szene“, die immer kritisch beäugt, was der andere so tut, auch daran, einfach wild und

Auftritt beim Silent Sound Garden, 2015

unbeirrt sein Ding zu machen. Das hat immer sowas von „unter‘m Weihnachtsbaum für die Familie spielen“. Raus in die Welt, unvoreingenommen, ist besser – und du bekommst ein neutraleres, objektiveres Feedback. So sind jedenfalls unsere Erfahrungen. Aber natürlich freut uns jetzt umso mehr, dass andere sich mit und über uns und unser akustisches Comeback freuen – auch in Frankfurt.

Im Winter und im kommenden Frühjahr steht auch eine neue SLAGS-Tour an. Wie ist der Stand der Planung und wo kann man Euch sehen?

Conni: Bisher stehen drei Gigs fest: am 19. Januar im Hamburger Knust, am Tag darauf im Goldenen Hahn in Berlin und am 24. Januar im Sonic Ballroom in Köln.

Verfolgt Ihr noch, was ehemalige Weggefährten von Euch musikalisch so treiben, falls sie es überhaupt tun? Und gibt es Aufnahmen, die Ihr mit anderen Formationen gemacht habt, die Ihr gerne noch veröffentlichen würdet?

Suse: Wir haben natürlich über die Zeit und unsere diversen Touren viele Musiker, Promoter, Agenten, usw. kennengelernt. Mit einigen sind wir bis heute gut befreundet und dank Social Media bekommt man mit, wer was wann macht. Das kommentiert man gegenseitig, klar! Und – wir haben, gerade in der Kreativ-Pause, die wir immerhin acht Jahre lang hatten, eigene Projekte gegründet, zum The SlagsBeispiel die Elektronik-Projekte Lava Enterprise, woraus dann

Backstage beim Bürgerfest Hanau, 2017

Connis Elektro-Projekt LAVA 303 und meine spacige Elektro-Kraut-Band NOVA DRIVE entstanden. Später kamen MALY MACHT MUSIK und meine „Jungs-Band“ THE IMPERIAL MUSTARD, auch wieder mein Free-Flow-Indie-Kraut-Projekt, dazu. NOVA DRIVE hat seinerzeit bei Guido Lucas von blunoise das Album „Headtrip“ veröffentlicht und zuvor in Eigenregie „Headlong“ selbst produziert. Und Bine spielt ebenfalls noch mit ihrer anderen Band EEKA THE GEEK und ganz super toll zusammen mit Wolf Schubert K. – müsst Ihr Euch unbedingt mal live anschauen!

Conni: Dadurch, dass ich mein eigenes kleines Studio habe, habe ich zumindest mit LAVA 303 immer Produktionen rumfliegen, die man noch releasen könnte. Ich würde aber gern mehr Zeit haben im Studio und für einzelne Produktionen mit anderen MusikerInnen und ProduzentInnen zusammenarbeiten. Aber das ist halt eine Zeit- und Finanzierungssache.

Ihr seid schon lange im „Geschäft“ und andere können sicher von Eurem Erfahrungsschatz profitieren. Gibt es etwas, das Ihr jungen Musikerinnen und Musikern mit auf den Weg geben möchtet?

Conni: Ich würde sagen, nicht darauf warten, dass da jemand kommt und einen groß rausbringt. Also möglichst viel selber machen und sich dann auch MitstreiterInnen und Kooperationspartner suchen, sich austauschen, Netzwerke The Slagsschaffen. Aber das ist schön daher gelabert und oft nicht so einfach. Und es hängt davon

Backstage beim Steinbruch-Festival, 2015

ab, was man musikalisch so macht, wie man drauf ist und ob man es sich finanziell und zeitlich leisten kann. Ich denke am Wichtigsten ist es, sich treu zu bleiben und den Spaß am Musikmachen nicht zu verlieren.

Suse: Macht Euer eigenes Ding, lasst Euch nicht reinreden, vernetzt Euch gut. Frechheit siegt! Sucht Euch die Leute, mit denen Ihr Euch wohl und verstanden fühlt, mit denen Ihr zehn Stunden schweigen könnt. Und nicht vergessen: Rock‘n‘Roll besteht zu 90 Prozent aus Warten – und dann ist die Kunst, von 0 auf 100 auf dem Punkt zu sein!

Vielen Dank Euch allen für das Interview!

Links: http://the-slags.de/, https://de-de.facebook.com/groups/306881452805189/, https://myspace.com/theslagsforever, https://the-slags.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/The+Slags

Interview & Fotos (5): Stefan
Fotos: To Kuehne (5), Oliver Tamagnini (1), Wolf Schubert-K. (1), Sony Music (1), The Slags (9)

1 Comment

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One Response to THE SLAGS

  1. Was waren wir in der Kick’n’Roll Redaktion Anfang der 90er alle hin und weg von den Slags 🙂 Tolles Interview!