MEATMEN

Dorfplatz Stockstadt, 7.09.2012

Als bekennender Anhänger des Non- PC-Punks stehen die aus Detroit stammenden MEATMEN schon lange ganz oben auf meiner Liste der Bands, die es unbedingt noch zu sehen gilt. Die Jungs treiben zwar bereits seit 1981 ihr Unwesen, hatten aber bisher nie den Sprung über den großen Teich geschafft. Vermutlich deshalb, weil europäische Konzertveranstalter sich aufgrund der Texte der Combo – die natürlich stets überspitzt, ironisch und nicht ernst gemeint sind – keinen Ärger einhandeln wollten. Nun hat die Berliner Agentur M.A.D. dennoch den Schritt gewagt und die Band nach Europa geholt.

Passend zu deren schrägen Lyrics, deren Optik und deren Plattencovern bot sich auch der Schauplatz des ersten MEATMEN-Konzerts in Europa dar: Ein Grillplatz vor den Toren Stockstadts, der an diesem Abend das Fotz Attack-Festival beherbergte.

Ja, ihr habt richtig gelesen, die Veranstaltung nennt sich tatsächlich so, wurde von Aktivisten der Aschaffenburger Punkszene ins Leben gerufen und spielt vom Namen her auf das bekannte Force Attack-Festival in Norddeutschland an. Nach einer kleinen Odyssee durch Stockstadt erreichten wir, weit abgelegen vom Ortskern, den Ort des Geschehens: Eine schicke Party-Location im Wald, die zum einen aus einem geräumigen und überdachten Grillplatz, zum anderen aus mehreren nebeneinander gelegenen Garagen bestand, die als Ausschank, Stage und Merchandise-Stand der MEATMEN herhielten.

Das Publikum war bunt gemischt und dem Anlass würdig: Asi-Punks, Dorf-Schönheiten, vergeistigte Hippies auf LSD, Spaziergänger mit Hunden und Leute, die offensichtlich vom Krawall angelockt wurden oder einfach neugierig waren. Und mitten drin: Tesco Vee, der 1,95 Meter große Frontmann der MEATMEN, der mit seinen 57 Jahren sicherlich schon viel erlebt hat, sich aber dennoch über die ungewöhnliche Location wunderte.

Als Opener des Abends fungierte eine Band, deren Namen mir leider niemand sagen konnte, aber vielleicht hießen sie ja DIE DREI WEIHNACHTSMÄNNER,

denn in eben diesem Outfit betraten die Kerle die Bühne. Das sah optisch nett aus, passte zu dem, was noch kommen sollte, zog sich aber leider wie Kaugummi und war musikalisch doch eher Punkrock-Durchschnittskost, die erst endete, als man den Musikern als Wink mit dem Zaunpfahl das Garagentor zuklappte. Nach kurzer Besprechung, wer denn nun als nächstes spielen solle (es waren noch zwei weitere Support-Acts vor Ort), war schließlich klar, dass nun Tesco und seinen Mitstreitern die „Bühne“ gehören sollte.

Die MEATMEN, 1981 gegründet und in frühen Jahren sogar aus ehemaligen Mitgliedern von MINOR THREAT, NECROS und NEGATIVE APPROACH bestehend, sind anno 2012 eigentlich nur noch Sänger Tesco Vee, der auf Tour von einer jungen Backingband begleitet wird, in diesem Fall vom Gitarristen, Basser und Schlagzeuger der Band CHAPSTICK aus Detroit. Und die Jungs legten sich richtig ins Zeug: Während Gitarrist Hindu Kush und Drummer Bun Length für den nötigen Druck sorgten, agierte Bassist Biff Baloney als ständiger Sidekick von Tesco und bewies echtes Show-Talent (siehe Videoclip unten).

Die Playlist der Band umfasste nicht alle Klassiker, aber immerhin die meisten. Und bei Songs wie „Shut Up and Suck“, „Tooling for Anus“, „Lesbian Death Dirge“, „Pope on a Rope“ und „Crippled Children Suck“ dürfte bereits deutlich werden, warum die US-Boys nicht allerorts mit offenen Armen empfangen werden und von einigen Veranstaltern gar boykottiert werden. Tesco’s Kommentar zum Thema war schlichtweg: „Fuck ’em if they can’t take a joke!“

Doch nicht nur lyrisch, auch visuell hatte die Band einiges zu bieten. Neben dem eindrucksvollen Einmarsch mit Riesenpenis und den wechselnden Perücken des Bassers, fanden sich einige der illustren Songtitel auf bedruckten Stofffetzen wieder, die Tesco gelegentlich ins Publikum schleuderte.

So zum Beispiel bei den Liedern „I Want Drugs“ und „2 Down 2 To Go“, ein Stück, das auf die vom ihm gehassten BEATLES anspielt. Lediglich die bekannte Penis-Kanone kam nicht zum Einsatz, da sich in Deutschland nicht die passenden Patronen finden ließen. Zwischen den MEATMEN- Songs huldigte der Sänger seinen Lieblingsbands: Neben einem FEAR- Medley („Beef Baloney“/„I Love Living In The City“) wurden VENOM’s „In Leage With Satan“ (in ultraschneller Version) und der GANG GREEN-Klassiker „Alcohol“ zum Besten gegeben.

Selbst wenn die Doppelgarage, in der die Band performte, nur wenigen Leuten Platz bot, war die Stimmung doch hervorragend. Vor der Bühne tobte ein wütender Pogo-Mob und auch die Damenwelt zeigte sich vom Sound der MEATMEN inspiriert. Dabei fiel besonders eine Frau auf,

die sich im schnieken Straßenstrich-Outfit präsentierte und, offensichtlich das Motto der Veranstaltung wörtlich nehmend, ununterbrochen den Basser besprang (Foto links). Das Ganze mutete wie eine skurrile College-Haus-Party an, die mit Drogen, Alkohol, Sex (gebumst wurde in Büschen und auf dem Klo) und lauter Musik aus den Fugen zu geraten drohte. Erst als die MEATMEN nach etwa 70 Minuten ihr Set beendeten, wurde abrupt die musikalische Hypnose aufgehoben und es kehrte wieder Normalität ein.

Allen Anwesenden war aber bereits in diesem Moment klar, dass sie Zeugen eines ganz großen Auftritts geworden waren, der zugleich die Premiere der Band in Europa markierte – und das auf dem Dorfplatz von Stockstadt. Wer schon immer mal wissen wollte, wie sich der Begriff Punk definiert, der sollte die Gelegenheit nutzen und sich auf eines der noch anstehenden Konzerte, z. B. in Weinheim (14.9.) oder Bingen (29.9.), begeben und sich belehren lassen. Long live THE MEATMEN!

Mit dem Auftritt der Amerikaner war das Fotz Attack allerdings noch lange nicht zu Ende. Zwei weitere Bands sollten noch folgen, von denen ich allerdings nur noch SBASSTIC, das Side-Project von SCHEISSE MINNELLI-Basser Dash mitbekam, der eindrucksvoll bewies, wie gut er sein Instrument beherrscht. SBASSTIC liefern ein Funk/Hardcore-Crossover-Brett, das in eine ähnliche Kerbe schlägt wie einst MR. BUNGLE, PRIMUS oder INFECTIOUS GROOVES. Musikalisch war das nicht unbedingt meine Baustelle, es machte aber dennoch Spaß, den Jungs zuzuschauen. Auch die bereits zuvor erwähnte Dorfschönheit war wieder am Start und penetrierte erneut den Basser. Die letzte Band BILLY PIANO SCHEITEL EXPRESS schenkten wir uns, weil sie vermutlich nicht vor zwei Uhr angefangen hätte und wir schließlich für das Backstage-Straßenfest am nächsten Tag fit sein wollten.

Zurück bleibt auf jeden Fall die Erinnerung an eines der schrägsten Konzerte, das ich bisher erlebt habe und die Erkenntnis, dass die MEATMEN eine der größten Kapellen auf unserer verrotteten Erde sind.

Links: http://www.myspace.com/themeatmenrule, http://www.tescovee.com/

Text & Fotos: Marcus
Clip: am Konzertabend aufgenommen von VodkaViolator

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