Frankfurt, 22.01.2026
Wer die Beiträge in diesem Musikblog regelmäßig verfolgt, dem wird der folgende Name sicher schon aufgefallen sein: Thorsten „Todde“ Sindel hat schon des Öfteren für uns geschrieben und noch häufiger für uns fotografiert – zum Beispiel bei den Auftritten von SNFU (2014), den SUBHUMANS (2015), den SWINGIN‘ UTTERS und RAZZIA (beide 2017), den FEHLFARBEN und DIRT BOX DISCO (beide 2018) sowie zuletzt bei THE BRIEFS (2019). Außerdem realisierte er für Rockstage Riot die Berichterstattung von drei „Rock am Berg“-Festivals im thüringischen Merkers. In den vergangenen Jahren lag der Fokus von Todde unter anderem auf der Arbeit für das Ox Fanzine und 2025 brachte er in Eigenregie den tollen Fotoband „GOLD aus der GRUBE – Konzert-Fotografien 2015-2024“ heraus. Auf diesen möchten wir Euch im Rahmen eines Interviews mit dem Fotografen aufmerksam machen.
Todde Sindel (l) mit Mr. Chi Pig von SNFU in der AU, 2014
Hallo Todde, besten Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Bitte gib uns zum Einstieg ein paar Eckdaten zu Deiner bisherigen Vita…
Ich wurde in dem Jahr geboren, in dem der Rock explodierte – was wohl auch erklärt, warum Musik für mich bis heute so einen großen Stellenwert einnimmt! In den frühen Achtziger Jahren klopfte der Punk an und mit Band, Fanzine, Kassetten- und Plattenveröffentlichungen sowie selbst organisierten Konzerten in unserem Jugendzentrum in Verden/Aller war ich mitten in der D.I.Y.-
Punkkultur unterwegs. Zum Studium wechselte ich Ende der 80er nach Hamburg, quasi ein Sehnsuchtsort, nicht nur was die Zahl der Konzerte anging.
Toxoplasma, 2018
Meine Magisterarbeit habe ich übrigens zum Thema Punk-Lyrik in den Vereinigten Staaten geschrieben. Nach einer Zwischenstation in Braunschweig bin ich schließlich in Waldhessen gelandet, weil ich unbedingt ein Zeitungsvolontariat machen wollte. Nach etlichen Jahren im Bereich des Lokaljournalismus habe ich die Seite des Schreibtischs gewechselt und bin seitdem im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation tätig. Der Umgang mit der Kamera gehört da natürlich zu meinem Handwerkszeug.
Wie bist Du zur Fotografie gekommen und wann hast Du die Konzertfotografie für Dich entdeckt?
Eigentlich schon in meiner frühen Jugend, durch meinen Vater, der selbst begeisterter Hobbyfotograf war. Als ich 1981 mit dem Tennisclub auf Jugendreise in den USA war, drückte er mir eine alte Voigtländer in die Hand: „Blende 8, 125tel oder 250tel und mit dem vorderen Ring scharf stellen.“ Die Abzüge sind mir letztens wieder in die Hände gefallen: unzählige Aufnahmen von den Wolkenkratzern in New York und Gräberreihen auf dem Soldaten-
Friedhof in Arlington. Alles sehr statisch. Ein paar Jahre später habe ich dann die Pocketkamera meiner Oma mit auf Konzerte genommen und die ersten Livefotos
Nichts, 2022
gemacht. Tatsächlich sind mir aber Ende der Achtziger die besten Fotos durch die Lappen gegangen: NOFX, GREEN DAY, TOXIC REASONS auf ihren ersten Touren – alles Konzerte, die wir in unserem JZ Verden organisiert hatten. Während der Studienzeit Anfang der Neunziger hatte ich schon öfter die Kamera dabei. Richtig „ernst“ wurde es in meinem Volontariat, da musste die Kamera immer mit. Für die lokale Berichterstattung besuchte ich damals einige coole Konzerte: MOTÖRHEAD 1998 in Vacha, TURBONEGRO ’98 im Spot Kassel und die REAL McKENZIES 2002 auf Schloss Buchenau. Und so langsam entwickelte sich in dieser Zeit das Faible für Konzertfotografie.
The Casualties, 2024
Was fasziniert Dich an der Konzertfotografie?
Die Verbindung zweier Dinge, die mir lieb und wichtig sind: laute Musik und Fotografie. Dabei mag ich es, wenn richtig Action auf der Bühne ist. Das kann ausdrucksstarke Mimik ebenso sein wie wildes Rumgehopse. Und schön ist es natürlich, wenn es Interaktion mit dem Publikum gibt.
Den Konzertbetrieb kennst Du aber auch von der anderen Seite, also nicht der des Publikums, sondern der Musiker und Veranstalter…
Das ist richtig. Wer Anfang der Achtziger in der Provinz aufgewachsen ist, der musste sich selbst um sein Freizeitprogramm kümmern, denn neben Sportclub, Gesangs- und Schützenverein gab es da nicht viel. Da kam uns der D.I.Y-Spirit
von Punk gerade recht. Wir haben dann einfach eine Band gegründet, ohne dass jemand ein Instrument spielen konnte, und einfach gemacht.
Sick Of It All, 2022
Dabei haben wir uns offenbar ganz gut angestellt, denn immerhin haben wir es in den Folgejahren zu zahlreichen Auftritten, auch im benachbarten Ausland, etlichen Veröffentlichungen auf Cassetten und einigen Schallplatten-Releases gebracht – darunter 1985 der legendäre „Keine Experimente II“-Sampler des Hamburger Punk-Labels Weird System. Erst Ende 2023 wurde – sozusagen posthum – die LP „Spätgeburten“ mit einigen unveröffentlichten Studio- und Livetracks auf Power it up Records veröffentlicht. Ein treffender LP-Titel für eine Band, die sich AGEN 53 nannte!
Los Pepes, 2019
Kommen wir jetzt zu Deinem Fotoband „GOLD aus der GRUBE“, der mit mehr als 400 Fotografien aufwartet. Welche Idee steckt hinter der Veröffentlichung?
Ich wollte eigentlich schon immer ein Fotobuch, einen Bildband oder Ähnliches veröffentlichen. Einen Teil der Fotos zeige ich ja online auf verschiedenen Social Media-Plattformen, aber das ist nichts Haptisches. Ein, zwei Wochen später ist das meist schon wieder weg. Das ist nichts Bleibendes, so wie ein Druckprodukt.
Ich hatte aber nie so richtig ein Thema, einen echten Aufhänger: Bilder des Jahres 2020 oder sowas erschien mir zu wenig konkret.
Cover des Foto-Fanzines „GOLD aus der GRUBE“
Als ich vom Fundraising für den Kasseler Club Goldgrube hörte, um durch den Kauf der Immobilie die Konzertstätte dauerhaft zu sichern, hatte ich meinen Aufhänger. Der Blick in mein Fotoarchiv hat dies noch einmal deutlich verstärkt. Mir war gar nicht mehr so bewusst, dass ich über einen Zeitraum von fast zehn Jahren dort so viele Konzerte dokumentiert hatte. Diesen Fundus wollte ich in den Dienst der guten Sache stellen – und zwar in Form eines Foto-Fanzines ähnlich dem Kult-Heft „ My Rules“ von Glen E. Friedman aus den frühen Achtzigern.
Wieviel Zeit verging von der Idee bis zur Realisierung und mit welchen Schwierigkeiten hattest Du dabei zu kämpfen?
Das ging dann alles sehr schnell. Nach meiner spontanen Spendenüberweisung habe ich mit Markus von der Goldgrube und Claudia vom Punkrockkollektiv telefoniert und die Idee vorgestellt. „Klasse Idee, aber wir können dir da wegen den ganzen anderen organisatorischen Dingen nur wenig helfen“, kam es unisonso zurück. Also nochmal alles überlegt, Druckpreise verglichen, alles
wieder durchgerechnet und mich für eine Auflage von 300 Exemplaren in Eigenregie entschieden.
The Darts, 2024
Dann das Layout erstellt, Text geschrieben, Fotos bearbeitet, Druckunterlagen fertiggestellt. Dabei kam mir meine Berufserfahrung zugute und ich habe das Ganze realisiert, als ich nach einer geplanten OP und Rehazeit noch nicht wieder in Vollzeit im Berufsleben stand. Quasi nach dem Motto: Jetzt oder nie!
Bist Du mit der Veröffentlichung ein finanzielles Risiko eingegangen? Die Kosten wollen ja auch gedeckt sein…
Nicht nur die Kosten wollen gedeckt sein, sondern es soll auch was für die Goldgrube rausspringen: Bei einem Verkaufspreis von 10 Euro ist die eine Hälfte zur Deckung der Druckkosten gedacht und die andere geht direkt an die Goldgrube. Noch liegen hier ein paar Exemplare…
Fotogalerie – bitte aufs Startsymbol oder die Pfeile klicken
Etwa 80 Prozent der Bilder in dem Band präsentierst Du in Schwarz-Weiß. Worin bestehen für Dich die Vorteile der Schwarz-Weiß-Fotografie?
Ich finde, Schwarz-Weiß-Fotos haben oft mehr Kontrast, sind aufs Wesentliche reduziert und dadurch oft spannungsgeladener, emotionaler. Live-Musik weckt Emotionen! Teilweise ist das auch aus der Not geboren, wenn der Lichtmensch dauerhaft die Bühne in ein blaues, rotes oder violettes Licht taucht, das sieht in Farbe meist grässlich aus und es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit in Schwarz-Weiß umzuwandeln.
Inwiefern hat sich der Umstieg von der analogen auf die digitale Fotografie auf Dein Arbeiten ausgewirkt?
Ich fotografiere schon sehr lange mit Digitalkameras, berufsbedingt, und ich würde sagen, dass damals der Faktor Zeit entscheidend war. Die Bilder waren sofort erhältlich und mussten nicht erst noch entwickelt werden.
Night Punch, 2024
Damals war man es auch noch gewohnt, sich über Bildaufbau, Perspektive, etc. Gedanken zu machen. Heute ertappe ich mich öfter dabei, einfach draufzuhalten. Das ist im Pogo-Gewühl vor der Bühne sicherlich ein probates Mittel – insbesondere, wenn man keine Möglichkeit hat, durch den Sucher oder auf das Display zu schauen. Das sind dann manchmal einige hundert Fotos, die nach einer Show gesichtet werden wollen. Früher habe ich fast alles aufgehoben, heute sortiere ich knallhart aus, denn die Digitalfotografie frisst schon einiges an Speicherkapazitäten.
In der Goldgrube gibt es keinen „Fotograben“ und um solche Bilder schießen zu können, musst Du weit vorn stehen. Ist Dir so nah an der Bühne schonmal etwas Schmerzhaftes oder Ärgerliches widerfahren?
Eigentlich habe ich da immer Glück gehabt: Klar, mal ein paar Rempler abbekommen, aber ich versuche die bauliche Beschaffenheit der Goldgrube zu nutzen. Da steht eine Säule ziemlich
Subhumans, 2021
mittig vor der Bühne. Da kann ich mich wunderbar anlehnen, sie schützt vor plötzlichen „Attacken“ von hinten und es meckert auch niemand, dass man im Weg stehen und die Sicht nehmen würde, haha.
Ich erinnere mich noch an einen Abend in der Frankfurter AU, als das ganze Rockstage-Team auf die Suche nach Deinem mutmaßlich verschwundenen Rucksack gegangen ist…
Oh ja, da habe ich Blut und Wasser geschwitzt… Ich hatte meinen Fotorucksack mit Objektiven und der zweiten Kamera an der Seite der Bühne deponiert. Als ich später im Konzert Linsen wechseln wollte, war das Ding auf einmal weg. Nochmal in die Ecke geschaut: nichts. Schon während des Gigs und direkt danach panisch Leute gefragt: nichts, keiner hatte was gesehen. Da hatte ich echt mit dem Schlimmsten gerechnet: Equipment weg, 1000 Euro Schaden, Mist.
The Turbo A.C.s, 2022
Dann traf ich noch jemanden, der mir den Tipp gab, mal hinten an der Bühne nachzufragen, der Gitarrist hätte bei der Show etwas aus dem Weg geräumt. Und tatsächlich: Als ich nachfragte, entschuldigte sich der BRIEFS-Gitarrist Daniel Travanti sogar dafür, den Fotorucksack weggeräumt zu haben. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Das wäre echt der GAU gewesen, wenn mir der Rucksack abhanden gekommen wäre.
In welchen musikalischen Genres bist Du persönlich zuhause und welche sind Deine Lieblingsbands?
Im Prinzip sind das hauptsächlich Punk- und Indie-Sachen mit allen Variationen und Spielarten – vom klassischen Punkrock über Hardcore und Emo bis hin zu Post-Punk und Cold Wave. Lieblingsbands
Dick Move, 2024
wechseln immer so ein bisschen – zuletzt habe ich vor allem australische Sachen wie SPLIT SYSTEM, PUBLIC HOUSE mit dem STIFF RICHARDS-Sänger und BODY MAINTENANCE abgefeiert. Dann gibt’s neben den bekannten Bands wie LION’S LAW oder SYNDROME 81 auch sehr viel coole Bands aus Frankreich wie CUIR oder CLAIMED CHOICE. Zu den Alltime Faves gehören natürlich Bands wie SNFU, X, RADIO BIRDMAN, DESCENDENTS, TEENAGE BOTTLEROCKET, und und und…
Gibt es noch Acts, die Du unbedingt mal vor die Kameralinse bekommen möchtest?
Dadurch, dass ich in den vergangenen Jahren auch auf Festivals wie zum Beispiel dem Rebellion in Blackpool mit Fotopass unterwegs war, habe ich natürlich auch ganz viele „große“ Bands fotografieren können. Ich hoffe, dass ich eines Tages Jello Biafra mal auf der Bühne erleben kann. Im Oktober 1980 sind die DEAD KENNEDYS nur 25 Kilometer von meinem Elternhaus entfernt in der
The Giraffe Men feat. Marietta Sisters, 2019
Aula der örtlichen Realschule in Rotenburg/Wümme aufgetreten. Von dem Auftritt habe ich erst Tage später aus der Zeitung erfahren, weil es etwas wilder zuging und einige Konzertbesucher hinter die Bühnenvorhänge gepinkelt haben sollen. Auch die GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE habe ich bisher immer verpasst. Und AMYL AND THE SNIFFERS und THE HIVES sind Acts, die ich gern fotografieren würde, aber Großveranstaltungen mit tausenden Zuschauern sind nicht so mein Ding. Am liebsten mag ich kleinere Läden wie die Goldgrube oder die AU, weil man dort viel dichter an den Bands ist.
Hast Du ein absolutes Lieblingsfoto?
Aus dem Fanzine? Schwer zu sagen, aber sicher mit in der Verlosung wären das großformatige Foto von Elisa Dixan von LOS FASTIDIOS, das ganzseitige Foto von der HEADLINES-Sängerin Kerry und der Crowdsurfer vom TOXOPLASMA-Gig.
Los Fastidios, 2023
Zum Schluss sag uns bitte noch, wie Interessierte das DIN A4-Foto-Fanzine erwerben können.
Das Heft kann direkt über meine Email toast.t.sindel(at)t-online.de bestellt werden: 12 Euro inklusive Porto und das Ding sollte am nächsten Tag in Deinem Briefkasten liegen.
Die Kosten kommen ja zum Teil auch einem guten Zweck zugute…
Wie gesagt, die Hälfte, also 5 Euro, geht direkt an die Goldgrube. Wenn alles gut läuft, kann ein vierstelliger Betrag zum Erhalt der Kulturlandschaft in Nordhessen übergeben werden. Das ist die Mühen dann in jedem Fall wert gewesen.
Razzia, 2019
Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Dir weiterhin tolle Bilder!
Links: https://www.facebook.com/thorsten.sindel.7/, https://www.instagram.com/toddecore53/, https://www.flickr.com/photos/todde53/
Interview: Stefan
Fotos: Thorsten „Todde“ Sindel












