Posthalle, Würzburg, 20.12.2025
Hier folgt nun der zweite Teil der Berichterstattung zum diesjährigen Skaldenfest in der Posthalle zu Würzburg. Nachdem ich in Teil 1 (nachzulesen hier) meine Eindrücke zu den Bands DVALIN, ŪKANOSE und COUNTLESS SKIES geschildert habe, erwarten Dich in diesem Post die Auftritte von DISILLUSION, SYLVAINE (Foto links) und DER WEG EINER FREIHEIT – jenen drei Acts, wegen denen ich eigentlich in die Poha gereist war. Vor deren Shows wurde es jedoch Zeit, etwas Essbares aufzutreiben. Als Veganer ist das manchmal gar nicht so einfach – doch der vegetarisch/vegane Wrap-Stand der Veggie Bros. vor der Halle sorgte für Abhilfe. Neben der vegetarischen Joghurt-Soße waren alle weiteren Soßen vegan und ziemlich köstlich, der Wrap dabei fett mit Gemüse belegt. Ich war glücklich, gestärkt und hatte nun Basis für mein erstes Weißbier.

Ich fing erst vor relativ kurzer Zeit an, mich mit den Leipzigern DISILLUSION zu beschäftigen, die laut Rock Hard-Schreiber Patrick Schmidt mit ihrem Debüt „Back To Times Of Splendor“ (2004) ein Werk geschaffen haben, dass „zu den fünf besten deutschen Prog-Metal-Alben überhaupt“ gehört. Ihr aktuelles, viertes Studioalbum „Ayam“ (2022) – das erste, das meine Ohren erreichte –
spiegelt die Pandemie sowie die weltpolitische Lage im Allgemeinen und ist, laut Schmidt, ein „Meisterwerk“. Darüber hinaus lobt er die „absolute künstlerische Freiheit der Band“ und ich bin, obwohl noch nicht mal ansatzweise so sehr in der Materie wie er, geneigt ihm zuzustimmen.
Disillusion
Vieles, was ich zum Beispiel an RIVERSIDE mag, bekommt hier noch ein paar Adrenalin-Schübe mehr: Fette Orchestrierungen, geniale Riffs, atemberaubende Songwendungen, tolle Arrangements und ein Killer von einem Sänger/Gitarristen in Form von Andy Schmidt. Der sprach auf der Bühne locker wie ungestelzt davon, wie schön es sei, dass es das Skaldenfest wieder gibt und bedankte sich beim Publikum für die Musik; wohl
zum Ausgleich für den ganzen anderen Scheiß, den man gegenwärtig so erdulden bis erleiden muss. Ein Dank, der eigentlich Leuten wie ihm und Bands wie DISILLUSION gebührt.
Diese brachten mit „Am Abgrund“ gleich zu Beginn den Eröffnungskracher des aktuellen Tonträgers, der mit seinen 11 Minuten und 11 Sekunden Lauflänge schon eine Ansage an das Zeitalter der kurzen Aufmerksamkeitsspannen darstellt. Zumal als Album-Opener. Insgesamt wurde „Ayam“ ebenso wie das legendäre Debüt live mit jeweils drei Songs berücksichtigt, je ein Stück der beiden anderen Scheiben komplettierte neben der Single „Alea“ die knappe Stunde Spielzeit. War richtig gut und macht den Headliner-Auftritt von DISILLUSION am 25. April im Rüsselsheimer Club „Das Rind“ zu einer Veranstaltung mit Erscheinungspflicht.
Mein verstorbener Konzertfreund Ralf fuhr in der Vergangenheit, wenn ich in Würzburg weilte um beim Hammer Of Doom genüsslich abzuschädeln, regelmäßig zum fast immer zeitgleich stattfindenden Gloomar Festival nach Neunkirchen im Saarland. Im Jahr 2021 gastierten dort SYLVAINE um die Multiinstrumentalistin Kathrine Elizabeth Shepard. Ralf war enthusiastisch
nach deren Gig und empfahl sie mir aufs Wärmste, weswegen ich mir einige Platten zu Gemüte führte und auf eine Gelegenheit wie heute wartete, um sie endlich live erleben zu können.
Sylvaine
Auf ihren bisher vier Studioalben komponierte sie alles selbst und spielte, bis auf das Schlagzeug oder den einen oder anderen Einsatz eines Gastes, sämtliche Instrumente ein. Die Liveband der in den Vereinigten Staaten geborenen Norwegerin mit Sitz in Oslo besteht aus Musikern aus Frankreich – Dorian Mansiaux (Drums, Samples) und Maxime Mouquet (Bass, Backing Vocals) – sowie dem Deutschen Florian Ehrenberg (Lead guitar, Backing Vocals). Stilistisch ist der Blackgaze der Formation in der Nachbarschaft von ALCEST anzusiedeln – die Franzosen nahmen SYLVAINE bereits 2014 mit auf Tour. Bandboss Neige gastierte auf dem SYLVAINE-Album „Wistful“ (2016), Shepard revanchierte sich
2019 mit Gastgesang auf ALCESTs „Spiritual Instinct“.
Zart bis manchmal elfenhaft verströmt Shepard Eskapismus auf höchstem Niveau, konterkariert ab und an von so räudigem Black Metal-Gekeife, dass man sich verwundert die Augen wie Ohren reibt und kaum fassen mag, dass solche Töne aus diesem Körper stammen können. Das Hauptaugenmerk des knapp einstündigen Auftritts lag auf dem aktuellen Album „Nova“ (2022), das mit dem ebenso in Würzburg gespielten „I Close My Eyes So I Can See“ einen Track enthält, der laut Sounds & Books als „ultimativer Genre-Song“ durchgeht, für den man „das Meiste, was unter Symphonic-Metal mit Sängerinnen subsumiert wird, (…) in die Tonne treten“ kann (mehr dazu hier).
Laut Shepard war das Skaldenfest für sie ein „schöner Jahresabschluss auf einem tollen Festival“ nach einem „sehr harten Jahr“. Letztere Aussage formulierte sie sogar zweimal – ob sie sich damit auf gesellschaftliche/politische Themen bezog oder auf persönliche Struggles, führte sie nicht weiter aus. Dafür eskalierte sie mit ihren Jungs immer ansteckender auf der Bühne. Ralf hat, wie immer, Recht behalten: SYLVAINE wohnen spätestens seit diesem Jahr in meiner Schublade mit Lieblingsbands.
Die nun folgenden DER WEG EINER FREIHEIT residieren da übrigens schon länger. Ein paar Mal waren sie bereits Thema in diesem Blog, seitdem hat sich meine Hingabe zu ihrem Schaffen stark vergrößert. Ihr letztes Album „Innern“ gehörte zu meinen meistgehörten Metal-Scheiben 2025; ihrem Auftritt mit HERETOIR im ausverkauften Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthofs musste ich leider
krankheitsbedingt fernbleiben. So gesehen war die Ankündigung, dass DWEF in ihrer Heimatstadt einen Festivalgig spielen, für mich wohl der Hauptgrund des Erscheinens.
Der Weg einer Freiheit
Mastermind Nikita Kamprad agiert bei DWEF ähnlich wie Kathrine Shepard bei SYLVAINE, heißt: von Komposition über Einspielung der meisten Instrumente minus der Drums bis zur Produktion verantwortet er fast alles. Allerdings änderte sich das seit „Noktvrn“ (2021) etwas, bei dem die Gruppe ihre Instrumente auch im Studio live einspielte. Bei „Innern“ ist der Input der Bandmitglieder noch größer – Gitarrist Nicolas Rausch hat beispielsweise erstmals einen Song beigesteuert. Der Verbund von Kamprad
(Gründer 2009), Schlagzeuger Tobias Schuler (offiziell seit 2011 dabei), Gitarrist Rausch (seit 2017) und Bassist Alan Noruspur (seit 2025) ist eine arschtighte Einheit, die absolute Headliner-Qualitäten hat. Über Letzteren ist im noch aktuellen Musikmagazin Visions (Februar-Ausgabe) übrigens ein lesenswertes Porträt erschienen, in dem der gebürtige Iraner von seiner Flucht sowie seiner Seelenverwandtschaft mit den Würzburgern spricht.
Wie immer eindrucksvoll illuminiert (und fordernd für die Fotografierenden) starteten DWEF mit dem Einstiegshammer „Marter“ vom aktuellen Album, welches mit weiteren drei Stücken bedacht wurde. Bei „Monument“ von „Noctvrne“ wechselte die Grundfarbe von meist Rot und manchmal Grün passend zum Albumcover zu Lila. 70 Minuten hatten die Lokalmatadore Zeit für ihren fulminanten Abriss, nachdem aus meiner Sicht eigentlich nichts mehr kommen konnte. Ob das zutraf, kann ich nicht beurteilen – der letzte Zug nach Frankfurt fuhr gegen 23 Uhr, um diese Zeit betraten INSOMNIUM erst die Bühne. Ich verließ Würzburg hochzufrieden und glücklich nach einem Tag ohne Ausfälle, weder musikalisch noch kulinarisch.
Die Frage nach einer Fortführung der guten Zusammenarbeit mit der Posthalle (gestellt in der im ersten Teil vorgestellten YouTube-Dokumentation) kann Veranstalter Muscus nach einem Betreiberwechsel der Halle bisher noch nicht beantworten. Schön wäre es, so ein Event in der ohne Auto erreichbaren Nähe zu haben. Hoffen wir, dass wir uns in einem Jahr überhaupt noch Gedanken über Festivals machen können.
Links: https://disillusion.de, https://www.facebook.com/disillusionBand/, https://www.instagram.com/disillusion_band/, https://disillusion-official.bandcamp.com/music, https://www.sylvainemusic.com, https://www.facebook.com/sylvainemusic/, https://www.instagram.com/sylvainemusic/, https://sylvainemusic.bandcamp.com/music, https://derwegeinerfreiheit.de, https://www.facebook.com/derwegeinerfreiheit, https://www.instagram.com/derwegeinerfreiheit/, https://derwegeinerfreiheit.bandcamp.com/
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:










Toller Konzertbericht, der auch meine gewonnen Eindrücke widerspiegelt. Es war schön, Dich getroffen und ein paar Worte gewechselt zu haben!
Danke Dir. Hab mich ebenfalls gefreut, Dich kennenzulernen.