DISARSTAR

Schlachthof, Wiesbaden, 3.02.2026

DisarstarMehr oder weniger regelmäßig als Soundtrack auf Demonstrationen gespielt zu werden, bedeutet eine Auszeichnung ganz eigener Art. Am Anfang meiner „Demokarriere“ lernte ich so die Niederländer BOTS kennen – eingedeutschte, leicht folklastige Rock-Weisen mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zum zeitgeistigen, sozialen Engagement; ebenso tauglich zur Unterstützung gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens wie zu den friedensbewegten Ostermärschen. Ausgerechnet ein prominent-berüchtigter Politiker der Linken (jetzt BSW) übersetzte und produzierte diese und verdiente damit nicht schlecht. Wie die gesamten Ostermärsche ist diese Person längst indiskutabel und „verbrannt“. Schwamm drüber.

Am beständigsten funktionierten über Jahre hinweg Songs von TON STEINE SCHERBEN. Die Anarcho-Band um Rio Reiser schuf brillant formulierte Klassiker über besetzte Häuser oder soziale Utopien, die heute noch passen und auch ohne Demonstrationen gut hörbar sind. Ebenso vieles aus dem Fundus von DisarstarSLIME, solange es um die Stücke ging, die nicht der Zensur zum Opfer fielen und die eine sofortige Auflösung der Demo hätten nach sich ziehen können. Doch das ist alles Opa-Mucke. Die Hymnen zum Widerstand gegen die AFD und andere Weltverschlimmerer liefert inzwischen der Rapper DISARSTAR – ebenso wie SLIME aus Hamburg kommend.

„Meine Songs auf der Demo und Eure Songs in der Disco“ sagt DISARSTAR, bürgerlich Jan Gerrit Falius, selber in dem Lied „Alles nur Business“ auf „Overdose“ (2024), einem seiner Kollabos mit den JUGGLERS. Noch deutlicher formuliert er sein Standing im Gegensatz zu vielen seiner männlichen Kollegen im Rap im Intro von „Deutscher Oktober“ (2021):

„Wir leben in Zeiten von NSU, Black Lives Matter
Die Schere zwischen Arm und Reich geht wie zu erwarten weiter auseinander
Und du kommst auch noch aus der Scheiße oder gibst vor,
aus der Scheiße zu komm’n

Sprichst aber nicht über die Begebenheiten und Umständen,
in denen die Leute leben

Sondern redest nur Scheiße und Müll in deiner Musik“.

Im Macchiavelli Deep Dive-Podcast zum Thema (hier) wird „Deutscher Oktober“ sogar als „eines der politischsten deutschen Alben überhaupt“ bezeichnet. Nimm das, Rio Reiser. Ernsthaft, diese Aussage ist ein wenig übertrieben und ignorant gegenüber vielen anderen Werken aus mehreren DisarstarGründen – im Vergleich zum ubiquitären Dicke-Hose-Rap ist DISARSTAR allerdings in der Tat auf eine gute Art sehr politisch; viele Kollegen, die meinen gar nicht politisch zu sein, sind es auf eine ungute. Außerdem steht DISARSTAR – trotz seiner Begeisterung für Sport und Körperkultur – mit einem Bein in der Szene der meist jüngeren, (selbst-) reflektierenden Verbalakrobaten, was man an Gast-Features sieht wie das mit dem jungen Shooting-Star JASSIN. Ebenso erkennbar an seinem Umgang mit persönlichen oder textlichen Fehltritten in der Vergangenheit.

Disarstar

DISARSTARs dezidiert linke Haltung speist sich aus einer politischen Bildung, die anfänglich von mehr als zweifelhaften YouTube-Vlogs geprägt wurde und später durch den Einfluss des Roten Aufbaus Hamburg (Näheres dazu hier) in eine konstruktive Richtung gelenkt wurde. Darüber hinaus lässt DISARSTAR in seinen Tracks viel Platz für Persönliches, indem er beispielsweise seinen Vater, Disarstarseine Frau und seine Kinder, beziehungsweise deren Wichtigkeit und Einfluss auf seine Entwicklung zum Thema macht. Bisweilen musikalisch unterfüttert mit treibenden Trap, Drill oder Grimebeats, greift der Sänger in einigen Songs auf Samples zurück, die extrem bekannt sind und deswegen schnell Vorlieben oder eben auch Animositäten triggern – Rare Grooves findet man eher woanders. Das alles sorgt für ein ständig wachsendes Publikum, dass auf der gegenwärtigen Tour, die im vergangenen Herbst begann, reihenweise ausverkaufte Venues mit Kapazitäten um die 2500 Menschen umfasst, worüber DISARSTAR dankbar ist und dies regelmäßig zum Ausdruck bringt. Sein Publikum ist dabei sympathisch kunterbunt wie divers.

Neben dem prall gefüllten Merch-Stand konnte man in Wiesbaden für eine Spende kiloweise Aufkleber mitnehmen, um zum Beispiel Nazi-Propaganda zu überkleben. Auf der Bühne sorgte ein Transparent mit der Aufschrift „Antifa Überall!“ hinter dem anfangs noch verdeckenden Vorhang für Klarheit. Ohne DisarstarVorprogramm ging es kurz nach halb Neun los: DISARSTAR fängt an, als der Vorhang noch hängt, mit „Saint-Tropez“ und „Großraumbüro“ (vielleicht auch umgekehrt), den Eröffnungssongs des aktuellen Albums „Hamburger Aufstand“. Von Anfang an ist Bewegung in der Menge. Das Licht kommt meist von hinten – Schlagzeuger und DJ sind kaum auszumachen, was sich erst nach dem dritten Stück ändert, als die Fotografierenden den Graben verlassen müssen. Mit „Rolex Für Alle“ sorgt das Trio für den ersten Circle Pit, es bleibt hoch energetisch. „Meine Stadt schläft Disarstar (Band)nie“ ist durch sein Sample von „Insomnia“ (FAITHLESS) ein Selbstläufer. Immer wieder skandiert das Publikum Parolen wie „Free Maja“, „ACAB“, „Jin, Jiyan, Azadî” (Frau, Leben, Freiheit) oder “Free Palestine”. Letzteres begleitet von geschwenkten Kufiyas, zum Teil verziert mit den Farben der Regenbogenfahne. Man kann dankbar sein, dass DISARSTAR trotz seines antiimperialistischen Hintergrunds inzwischen eindeutig klar gemacht hat, dass er im Gegensatz zu einem, nicht gerade kleinen Teil der Palästina-solidarischen Szene das Existenzrecht Israels vollumfänglich Disarstar (Band)anerkennt, wie es 2023 in einem Interview mit der SZ zu lesen war, welches nur mit Paywall zu finden ist. Zitat daraus: “Heute erkenne ich an, dass ein israelischer Nationalismus, ein kurdischer Nationalismus oder auch ein palästinensischer Nationalismus eine wenigstens in Teilen andere Funktion hat als ein deutscher oder ein englischer. Deswegen ist eine Aussage wie ‚Tod den Zionisten‘ letztlich eine Absage an einen Schutzraum für Juden. Und darin eben grauenhafter Antisemitismus.”

Disarstar

Mit „Zwischen Hoffnung & Melancholie“ wird es balladesk, „Supergirl“, DISARSTARs Version des Rea Garvey-Songs, trägt er auf einem Hocker sitzend vor. „Wie ist die Stimmung?“ fragt er und addiert eine herzerwärmende Liebeserklärung an seine Frau, die „alles zum Positiven verändert hat, seit sie da ist“. Anschließend wird das Tempo wieder angezogen, „Weiße mit Dreads“ Disarstarballert durch die Masse und DISARSTAR eröffnet den ersten von mehreren FLINTA*-Kreisen: „Jetzt gehen die ganzen schwitzigen Macker, die ich so sehr liebe, mal beiseite“ dirigiert er und ermöglicht Freiraum zur Eskalation ohne Testosteron-Dominanz. Die Menge tobt, wartet auf den Überhit und ruft „Alerta! Alerta! Antifascista!“. Doch der lässt noch auf sich warten, als DISARSTAR nach etwa 75 Minuten zu einer Zugabe erscheint – unsichtbar für viele, weil er mitten ins Publikum geht. Zurück auf der Bühne stellt er klar: „Meine Söhne geb‘ ich nicht“, sein Beitrag zur Wehrpflichtdebatte, zu der er hier mehr erzählt, durchaus auch Diskussionswürdiges. Die Flagge Kurdistans wird auf der Bühne geschwenkt. Nach einem detaillierten Dankeschön, bei dem vom Publikum über Disarstardie Techniker und dem Busfahrer bis zu seinen Co-Akteuren auf der Bühne allen gedankt wird, entsteht bei „Robocop“ nochmal ein FLINTA*-Kreis, bis am Ende alle wieder rein dürfen, nicht ohne für Rücksichtnahme und Vorsicht zu werben. „Siamo Tutti Antifa!“ zerlegt dann wohlverdient das Haus – der Demo-Klassiker, nach knapp 100 Minuten Rap-Sternstunde. Bei DISARSTAR stimmt es, dass wir alle Antifa sind. Schön.

Links: https://www.disarstar.de/, https://www.facebook.com/disarstarhh/, https://www.instagram.com/disarstarhh/, https://www.youtube.com/c/MrDisarstar, https://www.last.fm/de/music/Disarstar

Text & Fotos: Micha

Alle Bilder:

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