Batschkapp, Frankfurt, 5.02.2026
Fast genau 28 Jahre ist es her, dass die Norweger GLUECIFER gemeinsam mit ihren Geistesverwandten THE HELLACOPTERS aus Schweden die Batschkapp am ehemaligen Standort im Frankfurter Stadtteil Eschersheim anzündeten und mich nachhaltig prägten. Wir schreiben das Jahr 1998. In diesem Jahrzehnt passierte so Einiges, was aktuell von vielen Musikmagazinen historisch aufgearbeitet wird, quer durch alle Musikrichtungen: Grunge schien, nach damaliger Lesart, den klassischen Rock’n’Roll nebst seinen Kindern Punk und Metal den Rang abgelaufen zu haben. Innovationen fanden im Extremismus statt, im Crossover sowie in anderen Genres, die in diesem Zusammenhang nicht von Interesse sind. Was Manchen (auch mir) zu dieser Zeit aber fehlte, war der breitbeinige, nach Bier wie Tabak stinkende Rock ohne Firlefanz und auf die
Zwölf; inhaltlich voll Plattitüden und ohne das Inklusive, welches vor allem NIRVANA dem Rock geschenkt hatten und was ich damals noch nicht sehen konnte oder sehen wollte. Rock in der Tradition der STOOGES, von AC/DC oder meinen besonderen Helden MOTÖRHEAD, den RAMONES sowie (ja, wirklich:) STATUS QUO. Die RAMONES waren da schon seit zwei Jahren Geschichte, MOTÖRHEAD bespielten Kleinsthallen und STATUS QUO waren bereits länger plattentechnisch absolut uninteressant. Dann kam die skandinavische Schweinerock-Welle. „Respect The Rock“ nannten GLUECIFER und THE HELLACOPTERS 1997 ihre Split-EP zum Tourabriss, und ja: Respekt erspielten sich beide. Parallel dazu verwöhnten TURBONEGRO aus Norwegen oder die BACKYARD BABIES aus Schweden die Ausgehungerten, die „Scandirock“-Welle war geboren.
In den Dekaden danach passierte mit deren Protagonisten das Übliche zwischen Auflösung, Tod, Besetzungswechseln, Stilbrüchen oder Leberschäden. GLUECIFER blieben eine Weile am Start und veröffentlichten bis zur Auflösung 2005 fünf Alben, etliche EPs und Splits mit befreundeten Bands. Einige in der Gruppe, darunter der Sänger Biff Malibu (der unter seinem zivilen Namen Frithjof Jacobsen hier 2005 ein interessantes Tagebuch zur Tour 2004 veröffentlicht hat) hatten im Gegensatz zum Gitarristen Captain Poon (Arne Skagen) keinen Bock mehr auf Rock. Letzterer versuchte sein Glück anschließend mit BLOODLIGHTS, mit der er vier Alben aufnahm und tourte, allerdings ohne damit jemals die Bedeutung zu erspielen, die er bei GLUCIFER hatte. Auch Marky Ramone wurde von ihm als Tourgitarrist unterstützt.
2017 dann die Reunion von GLUECIFER, der einige klärende Gespräche vorausgingen – vor allem zwischen Poon und Schlagzeuger Danny Young, mit dem er lange über Kreuz lag. Das Touren machte wohl wieder Spaß, der Band wie dem Publikum. 21 Jahre nach der Platte vor dem Split kam es zu einer neuen Songsammlung: „Same Drug New High“ ist inhaltlich selbsterklärend, ein gutes Album mit den klassischen Trademarks der Combo, vielleicht ein bisschen professioneller und entspannter, mitunter etwas cheesy. Sind ja alle keine jungen Hüpfer mehr.

Solche holten sich GLUCIFER dafür als Support ihrer aktuellen Tour, die sie auch in die, inzwischen nicht mehr ganz so neue, Batschkapp in Frankfurt führte – eine Stadt, in der GLUECIFER schon vor der Tour mit den HELLACOPTERS live im besetzten Haus in der AU (teils zwiespältigen) Eindruck hinterließen.
Die „Frischlinge“ im Vorprogramm stammen wie GLUCIFER aus Norwegen, genauer aus dem Distrikt Hadeland. Ihr Name THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY lehnt sich an den vermutlich besten Western aller Zeiten („The Good, The Bad And The Ugly“, 1966) an und verrät den Spaß der Band an Wortspielen: Ein Songtitel wie „A Blazer In The Northern Sky“ verweist auf die Metal-Formation DARKTHRONE, „Decade Of Regression“ auf SLAYER undundund.
Folgerichtig ertönt als Intro pünktlich um 20 Uhr Ennio Morricones Titelthema zum Film – ein beliebtes Intromotiv, welches z. B. ebenso die RAMONES vor ihren Konzerten benutzten. Schlagzeuger Magne Vannebo beackert sein Kit mit qualmender Kippe im Mund – selbst zu meinen diesbezüglich aktiven Zeiten
habe ich nie verstanden, was am Rauchen mit gleichzeitiger Bewegung so geil ist. Aber vielleicht war es ja nur für die Optik oder um zu zeigen, dass man auf Regeln scheißt, was weiß ich.
Mit „November Boys“ haben die fünf Norweger, bei denen mit Ivar Nikolaisen seit 2014 ein Tausendsassa das Mikro rockt, dessen „Zweitband“ seit 2018 KVELERTAK heißt und der in seiner Vita noch diverse andere Acts vorweisen kann (darunter SKITLIV um SHININGS‘ Skandal-Egozentriker Niklas Kvarforth, dort spielte er die Drums), eine Platte am Start die so klingt, wie man es sich von der neuen GLUECIFER wünschen würde: frisch, ansteckend und mit Riffs, die einen zum Pogen zwingen.
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Acht Alben sind seit Gründung der Gruppe 2011 erschienen, jede einzelne ist eine Empfehlung für die räudig-mitreißenden Liveshows. Dass das intellektuelle Niveau dabei vom ersten Song an plakativ unterirdisch bleibt, spielt einigen Konzertbesuchern, die jetzt schon kaum noch stehen können, gut in die Karten.
Für Nicht-Betrunkene ist das Gelaber von Nikolaisen, der ständig von „Low IQs“ oder „Mental Issues“ faselt, allerdings nur schwer erträglich.
Rockstage-Kollege Stefan bezeichnet die Band als „Berufsjugendliche“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Als auch noch Geschlechtskrankheiten zum Thema werden ist es mir fast schon egal, wie geil ich die Musik ansonsten finde. 50 Minuten lang brennen THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY musikalisch jedoch alles nieder und ja, eine Rampensau vor dem Herrn ist Nikolaisen zweifellos. Also doch alles richtig gemacht. Ob GLUECIFER, die nie den Wettbewerb scheuten mit Combos, die vor oder nach ihnen die Bühnenbretter bestiegen, da mithalten können?

Die bedrohlich wackelnden Herren in meinem Umfeld, die allesamt Patches oder Shirts von ebenso von mir vergötterten Formationen zur Schau stellen, sind heiß auf mehr. GLUECIFER machen es Ihnen und mir allerdings nicht allzu leicht, wenn sie gleich acht Stücke des Comeback-Albums auffahren.
Biff Malibu hat in seinem Tagebuch beschrieben, wie es funktioniert, die Menschen zu „rockschocken“ und betont die korrekte Setzung zwischen dem Abholen mit lange bekannten Klassikern sowie dem Einstreuen von Novitäten. Wer gleich acht mal Neuigkeiten platziert gibt damit ein Statement ab und ob das in diesem Fall ein gutes ist, ist diskutabel. Auch Malibu versucht sich in Konversation, sein Gewitzel ist etwas ironischer und tiefgründiger als das seines Vorredners. Er schlägt einen Bogen von
mangelnder Intelligenz (das Hauptthema heute, scheinbar) über die Epstein-Files zum „ekelhaften heiligen Wasser in Köln“, wo die Band einen Tag zuvor auftrat. Eine Zumutung für Norweger, die durch und durch mit Black Metal sozialisiert sind.
Von Schwierigkeiten bei den Grenzkontrollen („Sie können mich nicht stopfen, Herr Zollamt“) bis zur Heimat der Frankfurter Schule, die sie gerade beehren und die auf ein besonders intellektuelles Publikum schließen lässt, unterhält Malibu nicht unwitzig die, die nicht lautstark lallend fordern, dass er aufhören soll („Mach endlich Mussik“, so der Herr im Motörhead-Patch in meiner Nähe). Bei den letzten drei Stücken wird das Tempo angezogen und vermehrt in die Mottenkiste gegriffen, erst jetzt wird es ekstatischer und es dürfte eigentlich klar sein, dass nach 70 Minuten so noch nicht Schluss sein kann.
Trotzdem dauert es recht lange, bis GLUECIFER zurückkehren. Einige Anwesende möchten nicht so lange warten und ziehen nach draußen um zu rauchen oder nach Hause zu fahren. Sie verpassen weitere alte Sternstunden, die eine kleine Ahnung davon präsentieren, wie geil GLUECIFER vor fast 28 Jahren
an (fast) gleicher Stelle gewesen sind. Biff Malibu zeigt sich dankbar gerührt von dem Zuspruch und schlägt seine Mannen wieder zu den „Kings Of Rock“. Nostalgische Verklärung par excellence dann beim Outro von AEROSMITH: „I don’t wanna miss a thing“. Naja.
Dass das Festhalten an die Exzesse der Vergangenheit in der Regel nicht wirklich funktioniert, zeigt sich überdeutlich an dem Baum von Mann, der die Reise von der Batschkapp bis zum Hauptbahnhof noch schafft und dort, nach Bewältigung der Treppenstufen bis zur B-Ebene, in hohem Bogen alles aus seinem Magen hinauskatapultiert, was er vorher in der Kapp in sich hineingoss. „Gutes Konzert“ meint Kollege Stefan. Ich mag nicht widersprechen. Aber ich bin damit, glaube ich, durch.
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Text & Fotos (32): Micha
Fotos (4): Stefan
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