MELODIEN FÜR MILLIONEN

Knabenschule, Darmstadt, Februar 2026 – Interview

5 Farben ScheisseJedes Jahr pilgern mehrere hundert Menschen kurz vor Weihnachten zu einer zweitägigen Veranstaltung, die ihresgleichen sucht: Unter dem Motto „Melodien für Millionen“ (MFM) spielt ein gutes Dutzend Darmstädter Bands zur Belustigung des Publikums im großen Saal der Knabenschule auf. Sie müssen nur eine einzige Regel beherzigen: Sämtliche präsentierten Lieder dürfen ausschließlich Coversongs sein. Heraus kommt eine extrem wilde Mischung – wo sonst hört man unter anderem die Hits von IDEAL, PEARL JAM, TURBONEGRO, BLACK SABBATH, THE POLICE, IRON MAIDEN, DIE ÄRZTE, ACHIM REICHEL und den PIXIES an einem Abend, oft vorgetragen in einem völlig anderen musikalischen Gewand und in bizarren Kostümen? Wir nahmen die 2025er-Ausgabe des beliebten Spektakels zum Anlass, mit Jule und Jürgen aus dem Organisationsteam ein Interview zu führen.

Hallo Jule, hallo Jürgen! Schon mehrfach bin ich bei den „Melodien für Millionen“ zu Gast gewesen und freue mich jetzt, dass Ihr uns für dieses Gespräch zur Verfügung steht. Könnt Ihr Euch bitte kurz vorstellen?

Melodien für MillionenJürgen: Ich bin seit über 20 Jahren fest angestellt im Kulturzentrum Bessunger Knabenschule. Ich habe vorher schon Shows hier und in anderen Locations gemacht – seit 25 Jahren unter dem Namen Starwhore Corp., da wird es dieses Jahr auch einiges zum Jubiläum geben. Außerdem habe ich in diversen Bands gespielt die zum Teil auch auf Eurer Webseite zu finden sind wie zum Beispiel BLOOD PATROL, GOLDEN GORILLA, SKELETON ARMY, und viele mehr.

oben: Jule und Jürgen vom Orga-Team

Jule: Ich bin seit ungefähr 25 Jahren in der Darmstädter Subkulturszene unterwegs und durfte schon bei unterschiedlichen Veranstaltungsreihen und anderen Späßen mitmischen. Selbst auf der Bühne stehen ist nicht so mein Ding, ich mache lieber alles drumherum: Orga, Theke, Kasse und was sonst noch anfällt.

Welche Aufgaben nehmt Ihr für die Knabenschule im Allgemeinen und für das MFM-Festival im Besonderen wahr?

Jürgen: Ich mache eigentlich alles was anfällt. Das reicht von Hausmeister-Tätigkeiten für unsere ganzen Räume und Nutzungen bis hin zu Booking, Verwaltung, Buchhaltung, usw. Als Jule mich gefragt hat, ob ich mitmachen will Melodien für Millionen - Aloha Brothersdas MFM fortzuführen nachdem die alte Orga-Crew keinen Bock mehr hatte, habe ich natürlich gleich zugesagt. Sie unterstützt ja auch das Zentrum und mich speziell bei den Starwhore-Shows seit Jahrzehnten.

links: Aloha Brothers

Jule: Ich bin bisher ehrenamtlich bei vielen Veranstaltungen am Start, vor allem bei den Starwhore-Shows und bei MFM. Vor zehn Jahren war bei den ursprünglichen Veranstaltern von MFM ein bisschen die Luft raus, da haben Jürgen und ich die Organisation übernommen. Seit drei Jahren gehöre ich auch zum Vorstand der Knabenschule. Diesen Posten werde ich aber abgeben, weil ich ab April fest in der Knabenschule arbeiten darf – Jürgen ist dann mein Chef, da freue ich mich schon sehr drauf.

Wieviele Leute sind insgesamt an der Organisation des Events beteiligt, wie groß ist Euer Team?

Branko Slava SuperbandJule: Beim Festival selbst ist eine großartige Truppe aus rund 20 Freundinnen und Freunden am Start, die Supercrew. Kasse, Theke, Tür, Technik und Küche – mit denen läuft alles wie geschnitten Brot. Auf sie

rechts und unten:
Branko Slava Superband

können wir uns jedes Jahr aufs Neue verlassen. Was für ein Glück, denn ohne die Supercrew gäbe es kein MFM. Die Organisation im Vorfeld – Crew und Bands zusammentrommeln – machen Jürgen und ich.

Bitte lasst uns an der Geschichte der Veranstaltung teilhaben. Wer hatte die Idee, wann und mit wievielen Bands ging es los und wie entwickelte sich das Spektakel zu dem, was es heute ist?

Jürgen: Soweit ich mich erinnern kann war das erste MFM 1993 in der Oetinger Villa, damals nur an einem Tag. Wieviel Bands damals gespielt haben weiß ich leider nicht mehr. Wir waren auf jeden Fall mit meiner damaligen Band DEAD Branko Slava SuperbandBEAT am Start und haben TRIO, THE STOOGES und die Titelmelodie von „Wickie“ gespielt. Außerdem hat unser Sänger fast die Decke mit einer Feuerspuck-Show abgefackelt. Danach war ein Jahr Pause weil die Artcore-Crew, die auch das Open-Air am Steinbrücker Teich veranstaltete, sich von der Villa verabschiedet hat. 1995 ging es dann in der Knabenschule weiter. Die Intention von Artcore war damals Gelder zu generieren um das Open-Air zu finanzieren.

Ab wann wird für die nächste Ausgabe geplant? Wieviel Vorlauf braucht Ihr, damit alles funktioniert und in welchen Schritten geht ihr dabei vor?

Jule: Ui, gute Frage. Im Spätsommer/Herbst trudeln die Bandanfragen ein, manche melden sich schon früher. Dann wird gesammelt, bis alle Plätze voll sind. Aber wir sprechen auch Bands an, wenn wir meinen, dass die mal bei MFM dabei sein sollten. Die Darmstädter Musikszene ist ja ziemlich groß. Da wir mittlerweile an unsere Grenzen stoßen und mehr Bands mitmachen wollen, als wir Plätze haben, werden wir das Prozedere leicht anpassen: Kein „first come, first served“ mehr, sondern Anfragen bis zu einem Stichtag im Herbst sammeln und dann zur Not auswählen oder auslosen.

Melodien für Millionen - Blick in den Saal

Zwei, drei Wochen vor dem Festival gibt es dann noch ein Bandtreffen, bei dem alle zusammenkommen. Da wird das Line-up verkündet und Technikkram geklärt. Und das war’s dann auch schon. Okay, meistens gehen noch ein paar Mails hin und her, irgendwas ist ja immer, und auf den letzten Metern geht uns eigentlich immer noch mindestens eine Band krankheitsbedingt flöten. Aber alles in allem läuft die Planung sehr smooth.

Was ist für die Bands Voraussetzung für eine Teilnahme und wie und bei wem können sie sich bewerben?

Melodien für Millionen - MitGiftJule: Da MFM das Weihnachtsfest der Darmstädter Musikszene ist, sollten die Bands auch aus Darmstadt und Umgebung kommen. Und, ganz wichtig: Wir wollen keine reinen Coverbands ansprechen, sondern Bands, die normalerweise ihren eigenen Kram spielen und für Melodien für Millionen extra covern. Wenn das passt, dann gerne über die Knabenschule oder bei mir melden!

oben: Blick in den Saal
rechts und unten: MitGift

Warum wird die Reihenfolge der Acts ausgelost und erst am jeweiligen Veranstaltungstag bekannt gegeben?

Jule: Gleiche Chancen für alle. Wir haben keine Lust, das Line-up zu kuratieren und irgendwelche Kriterien für eine Rangfolge festzulegen. Die Reihenfolge bleibt bis zum Festivalabend geheim, weil man zu MFM nicht wegen einer bestimmten Band kommen soll, sondern wegen allen. Früher ging es auch noch darum, dass alle möglichst früh kommen sollen und nicht erst, wenn die Kumpels auf der Bühne stehen, damit auch die erste Band schon ein Publikum hat. Das war manchmal ein Problem, heute sieht das anders aus.

Melodien für Millionen - MitGiftStimmt! Und im vergangenen Dezember prangte auch wieder das „Ausverkauft“-Schild an der Tür. Wieviele Leute werden maximal eingelassen und sollte man sich schon im Vorfeld um Tickets kümmern?

Jule: Bei 199 Leuten ist leider Schluss. Vorverkauf gibt es bei uns gar nicht, und das wollen wir auch so beibehalten. Die erste Band fängt um 20 Uhr an zu spielen, und früher ist es oft passiert, dass dann gerade mal 15, 20 Leute da waren und es erst später voll wurde. Das war für die erste und oft auch die zweite Band einfach Mist. Wir freuen uns wie Bolle, dass mittlerweile die Hütte schon gleich am Anfang voll ist. Ich kann verstehen, dass es nicht alle so früh in die Halle schaffen, und es macht uns überhaupt keinen Spaß, Leute abweisen zu müssen. Vermeiden lässt es sich aber leider nicht.

Wisst Ihr schon vor den Auftritten, welche Lieder von den Bands gecovert werden? Es könnte ja sein, dass bestimmte Stücke bei Euch auf dem Index stehen…

Jule: Ich will das auf keinen Fall wissen und wie alle anderen überrascht werden. Wenn sich eine Band zum Obst machen will, dann bitte – the stage is yours!

Melodien für Millionen 2026Der Name „Melodien für Millionen“ wurde ja eigentlich bekannt durch eine biedere Fernsehshow im ZDF mit Dieter Thomas Heck. Gab es jemals Schwierigkeiten wegen des Namens? Hat sich Heck oder die Erbengemeinschaft irgendwann mal bei Euch gemeldet?

Jule: Oha, ich hoffe, etwaige Ansprüche sind verjährt… Also nein, bis jetzt ist uns noch niemand auf die Schliche gekommen.

Ich habe bei meinen Besuchen bei MFM noch nie erlebt, dass die Getränkevorräte zur Neige gingen. Und auch Hunger muss niemand leiden, denn im Hof steht ein Foodtruck bereit…

Jule: Genau, beim Goldenen Hirsch gibt’s Essen und Schnaps für unsere Gäste. Für die Supercrew und die Bands gibt es zudem exklusiven Zugang zu Nudeln. Die beiden Soßen werden schon seit Ewigkeiten von unserer Freundin Birgit gezaubert. Für mich ist das der Geschmack von Weihnachten!

Melodien für Millionen - Läs Vegäsoben: Läs Vegäs

Haben sich schonmal Gäste beim Festival daneben benommen und wer gibt dann den Rausschmeißer?

Jule: Da haben wir echt Glück. Wenn mal jemand aneckt, kann das eigentlich immer schnell und ohne großen Wirbel geklärt werden. Ich erinnere mich nur an einen Vorfall, bei dem tatsächlich jemand gehen musste. Da war eine Gästin ziemlich schräg unterwegs und Jürgen hat ihr klargemacht, dass der Abend damit für sie gelaufen ist.

Was die Kostüme und die Stimmung betrifft, erinnern die „Melodien für Millionen“ hin und wieder auch an Fasching. Würdet Ihr Darmstadt und die MFM-Fans als faschings-affin bezeichnen?

Melodien für Millionen - 5 Farben ScheisseJürgen: Ich bin auf jeden Fall alles andere als faschings-affin und mir geht das Ganze ziemlich am Arsch vorbei. Ich habe auch keinen Bock mich zu verkleiden – aber wenn Bands das möchten, dann sollen sie. Ich glaube auch nicht, dass Darmstadt eine Faschingshochburg ist. Aber ein paar Versprengte gibt es immer.

Manche Bands geben sich bei ihrem Outfit, dem Make-Up und der Deko extrem viel Mühe. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel bei MITGIFT unter anderem Plastikpalmen, Riesenbananen und Sombreros auf der Bühne gesehen. Bei 5 FARBEN SCHEISSE wurde die Nebelmaschine angeworfen und der Sänger stieg aus einen handgemachten Sarg. Dies stellt bei den kurzen Umbaupausen bestimmt eine besondere Herausforderung dar…

Jürgen: Das stimmt, aber dafür sorgen hauptsächlich die Bands und wir unterstützen vielleicht mal etwas dabei. Unser Tontechniker kümmert sich ausschließlich um die Abnahme der Instrumente, etc.

Melodien für Millionen - 5 Farben Scheisseganz oben, oben und unten: 5 Farben Scheisse

An welche anderen kuriosen Auftritte könnt Ihr Euch über die Jahre erinnern? Welche lustigen Anekdoten sind Euch besonders im Gedächtnis geblieben?

Jule: Bei der BRANKO SLAVA SUPERBAND ist die Mama Branko mal auf einem Bügelbrett über die Menge gesurft. Und es gab keine Verletzten. Das war schon ganz großes Kino.

Jürgen: Für mich waren die Auftritte von BORMUTH auf jeden Fall die Highlights. Einmal in den eigens dafür erworbenen, Melodien für Millionen - 5 Farben Scheissesehr fighten Kakerlaken-Kostümen und beim letzten Mal, als sie bei uns zu Gast waren, mit einem kompletten MODERN TALKING-Set und entsprechendem Outfit, sogar mit Kette!

Jetzt kommen wir zum Ende. Beschreibt das „Melodien für Millionen“-Festival bitte zum Schluss mit ein oder zwei Sätzen!

Jule: Das schönste Weihnachtsfest der Welt!

Jürgen: Ein super Treffpunkt für ganz verschiedene Leute, die teilweise auch nur kurz vor Weihnachten mal wieder in die Heimat kommen um ihre Familie oder Freunde zu besuchen. Von der Bandauswahl ist es natürlich immer bunt gemischt – manchmal findet man was gut und die nächste Band ist vielleicht zum Fremdschämen.

Jule und Jürgen, wir danken herzlich für das Interview und wünschen Euch und uns noch viele tolle Festivals in der Knabenschule!

Melodien für Millionen

Links: https://www.knabenschule.de/, https://www.facebook.com/bessungerknabenschule, https://www.instagram.com/kulturzentrum_knabenschule/

Interview & Fotos: Stefan

Alle Bilder (bitte Pfeiltasten anklicken):

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Alle Fotos aufgenommen am 19.12.2025 beim „Melodien für Millionen“-Festival in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt.

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