Trinkkuranlage, Bad Nauheim, 12.08.2025
Einmal Auge in Auge mit Rock-Legende Ian Anderson von der weltbekannten britischen Band JETHRO TULL? Eine solche Möglichkeit bot sich, zumindest theoretisch, am gestrigen Dienstagabend im kleinen Städtchen Bad Nauheim in der hessischen Wetterau. Bereits im März war ich auf das im Rahmen der „Sommer-Reihe“ geplante Konzert aufmerksam geworden, dank einem der vielen Newsletter, die die bekannten Ticketverkäufer allwöchentlich in die Email-Postfächer spülen. Der stilvolle Ort der Veranstaltung, die sogenannte Trinkkuranlage, versprach ein schönes Ambiente unter freiem Himmel (so Petrus in diesem nicht immer erfreulichen Sommer ein Einsehen haben möge) und der Anfahrtsweg von etwa einer Stunde konnte auch nicht als Ausrede herhalten, sich dieses Schmankerl (fast) vor der Haustür entgehen zu lassen. Eine vermutlich einmalige Gelegenheit also, die ergriffen werden wollte.

Möglich war eine Sitzplatzbuchung des ausschließlich bestuhlten Events entweder direkt vor der in einer sogenannten Konzertmuschel gelegenen Bühne im – natürlich leeren – Wasserbassin sowie außen an dessen Rand, mit etwas weiter entfernten Plätzen mit schrägem Blick auf das Geschehen. Der Kartenkauf im Frühjahr war zeitig genug, um sich einen (recht bequemen, wie sich später
herausstellen sollte) Stuhl im zentralen Innenraum zu reservieren. Natürlich teurer als drumherum. Aber wenn schon, denn schon. Diese Plätze waren als erstes ausverkauft, später auch die am Rand. Insgesamt 3200 Rockfans sollten vor Ort sein.
Ankunft in Bad Nauheim. Der Einlass zum Gelände war für 18 Uhr terminiert, der Konzertbeginn erst für 20 Uhr (Warum eigentlich? Dazu später mehr.). Klar war, dass man nicht der Einzige sein würde, der einen Sitz in einer der vorderen Reihen anstreben würde. Das Event war zwar bestuhlt, aber es gab keine Platzkarten. Also früher dort sein. Doch wann? Das Publikum, soweit war ich sicher, würde im Schnitt etwa 60 Jahre alt sein. Und in dieser Altersklasse postieren sich wohl die wenigsten bei warmen Temperaturen mitten im Sommer drei Stunden vor der Show an einer Eingangspforte.
Gegen 17.30 Uhr standen etwa 50 Gäste vor insgesamt drei Schleusen, die die Konzertbesucher passieren mussten. Wildes Geschiebe gab es zum Glück nicht (ein Vorzug des Alters), als die Tore um Punkt 18 Uhr von der Security geöffnet wurden. Aber die Menschen schauten sich wachsam um: Bin ich in der richtigen Schlange? Wo geht es schneller vorwärts? Kollektives, lautloses Aufstöhnen, wenn weiter vorne wieder eine mitgebrachte, größere Tasche vom Personal
gefilzt werden musste und dadurch kostbare Sekunden ins Land gingen. Als nächstes musste noch ein Armbändchen abgeholt werden, mit dem man seine Berechtigung nachweisen konnte, einen der Plätze vor der Bühne einnehmen zu dürfen.
Ab diesem Zeitpunkt galt das Recht des Schnelleren – einige Leute liefen gar im Schweinsgalopp zu den besten Sitzen. Das war dann doch übertrieben, ein Konzert ist schließlich kein Sommerschlussverkauf auf der Einkaufsmeile. Mit zügigem Gehen reichte es immerhin für einen mittigen Platz in der zweiten Reihe, drei Meter vom Bühnenrand entfernt. Gut genug. Neben mir saß ein Metalhead mit Patches an seiner Weste und langen, unter einer Schirmmütze zum Zopf gebundenen Haaren, den ich eher bei einem Gig von SLAYER oder METALLICA verortet hätte. Aber wie wir wissen, gibt es ja auch bei den Prog- und Folk-Rockern JETHRO TULL metal-affine Stücke.
Knapp zwei Stunden waren noch zu überbrücken bis zum Start der Show. Viel konnte man auf dem Gelände nicht tun und selbiges auch nicht mehr verlassen. Hier setzt mein einziger Kritikpunkt zu dem ansonsten gut organisierten Event an: Es gab für diese Menge an Menschen zu wenig Verpflegungsstände, sodass die Schlangen davor stetig länger wurden (aber das ist bei Großveranstaltungen eigentlich immer so). Auch ein musikalisches Vorprogramm, dem man hätte
lauschen können, wäre schön gewesen. Zeit dafür gab es reichlich. Vielleicht hatten die Organisatoren Angst, die mehr als 3000 Gäste nur in einem Fenster von zwei Stunden auf ihre Plätze zu bringen. Aber soweit ich sah, gab es schon um 19 Uhr kaum noch Lücken in den Stuhlreihen.
En vogue bei zahlreichen Besuchern: Tour-Shirts der vergangenen Jahrzehnte, von arg verschlissen bis nagelneu schien alles dabei zu sein. Auf dem Shirt zur gerade betourten, just im März erschienenen Platte „Curious Ruminant“ fehlte allerdings der Gig in Bad Nauheim – warum, kann ich nicht sagen. Dass das Fotografieren während der Show untersagt sein würde, war den meisten Gästen durch die Kommunikation im Vorfeld des Konzerts – unter anderem durch ein Interview Andersons mit dem Hessischen Rundfunk (hier) – bewusst. Lediglich bei der Zugabe sollte es eine Fotomöglichkeit geben. Die Bitte, die Finger von den Handys zu lassen,
wurde unmittelbar vor dem Auftritt nochmal durch eine aufgenommene Ansage, die vermutlich bei allen Auftritten in Deutschland abgespielt wird, bekräftigt. Die Musiker müssten sich auf die teilweise sehr komplexen Songstrukturen konzentrieren, sagte die Stimme aus dem Off. Gut so, denn dann konnte sich das Publikum ganz auf die Musik konzentrieren.
Showtime. Zum Gongschlag der nahe gelegenen Kirche startete der Auftritt von JETHRO TULL, die anno 2025 aus Jack Clark (Gitarre), David Goodier (Bass), John O’Hara (Keyboard) und Scott Hammond (Schlagzeug) sowie dem Mastermind und letzten verbliebenen Gründungsmitglied der bereits seit 1967 (!) existierenden Formation, Ian Anderson, bestehen. Bei dessen Erscheinen auf der Bühne schwoll der Applaus noch einmal an; nicht jeden Tag kann man eine derartige Koryphäe des Rock ’n‘ Roll live erleben. 78 Jahre ist Anderson inzwischen alt –
die man ihm nicht anmerkt. Und in den folgenden zwei Stunden wurde deutlich, dass seine Musik für den begnadeten Songschreiber, Querflötisten, Gitarristen, Sänger und Mundharmonikaspieler so etwas wie ein Jungbrunnen zu sein scheint. Insofern waren der Bandchef und seine (jüngeren) Mitstreiter neben der auf dem gleichen Gelände, nur wenige Meter entfernten Quelle des Kurorts gut aufgehoben. Diese war zum Konzert abgesperrt, statt dem Natrium-Chlorid-Heilwasser (von dem der Schriftsteller Erich Kästner einst behauptete, es schmecke „wie Hering mit Lakritzen“) stand natürlich der Konsum von Bier und Wein im Vordergrund.
Welche Stücke kann eine Gruppe, die auf 24 Studio-Alben (dazu 7 Live- und 5 Compilation-LPs) zurückblickt, während eines auf zwei Stunden angesetzten Konzerts spielen? Und welche muss sie spielen, damit alle Fans zufrieden nach Hause gehen? Die Songauswahl kommt einer Quadratur des Kreises gleich. Am Ende wurden 17 Lieder präsentiert, auf die wichtigsten (das ist rein subjektiv, jeder Besucher würde vermutlich andere Schwerpunkte setzen) werde ich im Folgenden eingehen.
Das Konzert startete mit „Some Day the Sun Won’t Shine for You“ vom ersten Tull-Album „This Was“ von 1968. Anderson packte für diesen Blues, begleitet von Gitarrist Clark, zum Warmwerden seine Mundharmonika aus. Nach zwei weiteren bluesigen Nummern mein erstes Highlight: Ein Part von „Thick as a Brick“, jenes monumentalen Songs, der im Jahr 1972 Rockgeschichte schrieb, weil er sich auf der LP gleichen Namens über die Dauer von fast 44 (!) Minuten über beide Plattenseiten erstreckte. Etwa in der Mitte des ersten Sets des zweigeteilten Gigs ragte „Songs From the Wood“, namensgebendes Stück der Scheibe von 1977, heraus. Unmittelbar danach folgte mit „Weathercock“ ein schöner folkiger Track von meinem Lieblingswerk „Heavy Horses“ (1978). Ebenfalls ein Ohrenschmaus: Die „Bourrée in e-Moll“ (Bourrée in E minor), verfasst Anfang des 18. Jahrhunderts vom deutschen Komponisten Johann
Sebastian Bach (Anderson: „Jäi Ess Back“), in der Tull-Adaption zu finden auf dem Album „Stand Up“ von 1969. Danach zog sich die Band zu einer etwa 20-minütigen Pause zurück.
Nach der Auszeit erschallte noch einmal die Ansage bezüglich des Fotoverbots, zur Erinnerung. Im zweiten Teil der Darbietung kamen nun auch die Lichteffekte besser zur Geltung, da sich langsam die Dämmerung und schließlich Dunkelheit über die Trinkkuranlage senkte. Für unerwartetes Entertainment sorgte die Vorstellung der hervorragenden Musiker, die Ian Anderson vornahm: „On bass, from Bristol: David Goodier!“ Applaus. „On the keyboard, from Bristol: John O’Hara!“ Applaus. „On drums, from Bristol: Scott Hammond!“ Applaus. „And on guitar: Jack Clark from … MANCHESTER…“. Clark machte eine entschuldigende Geste, das Publikum lachte.
Ebenfalls amüsant war die Ankündigung des Frontmanns für das erste Lied des aktuellen Langspielers, den Titelsong „Curious Ruminant“ (schon in Set 1). Diese Bezeichnung passe sehr gut auch auf ihn, so der Bandchef, denn er sei selbst ein „curious ruminant“. Einige Sprachkundige im Publikum grinsten wissend,
die meisten hatten allerdings ein Fragezeichen im Gesicht. Inzwischen weiß ich, dass damit ein „neugieriger Wiederkäuer“ gemeint ist. Das neue Album ist übrigens äußerst empfehlenswert und wird mit einiger Sicherheit bei meinen „Platten-Top-10“ am Ende des Jahres auftauchen. In Set 2 folgte mit „Over Jerusalem“ ein weiteres Stück des Drehers. In Anbetracht des derzeitigen gewalttätigen Konflikts im Gazastreifen befürchtete ich Zwischenrufe. Doch alles blieb ruhig.
Weniger problematisch schien da der Track „Budapest“ (von „Through the Years“, 1997), vor dem Anderson schwärmte, wie gut man in der ungarischen Hauptstadt feiertechnisch unter die Räder kommen kann. Nun ging es in den Endspurt des Konzerts: Mit „Aqualung“ folgte der Titelsong des mit Abstand erfolgreichsten Tull-Werks aus dem Jahr 1971. Danach stand dann nur noch die Zugabe an: „Locomotive Breath“, der wohl größte Hit von JETHRO TULL und
essentieller Bestandteil des Kanons der besten Rock-Songs aller Zeiten.
Plötzlich: Fotoerlaubnis! Die Leute stürmten nach vorn, zückten ihre Handys und knipsten munter drauf los. Auch ich – sonst hätte es in diesem Konzertbericht keine Fotos gegeben. An dieser Stelle muss ich um Verständnis dafür werben, dass ich keine Bilder vom äußerst links platzierten Keyboarder und vom äußerst rechts sitzenden Schlagzeuger habe. Die Dauer eines einzigen Liedes war zu knapp, um – an den Köpfen der vor mir stehenden Fotografierenden und Filmenden vorbei – gute Fotos von allen Musikern zu machen. Schaut mal im Netz, dort sind sie in einigen Clips zu sehen. So endete ein denkwürdiger Konzertabend, von Angesicht zu Angesicht mit Ian Anderson (zumindest fast). Im kommenden Jahr werden, so verriet der Orga-Chef der „Sommer-Reihe“ in seiner Begrüßung, BARCLAY JAMES HARVEST in der Trinkkuranlage spielen. Wer sich das anschauen möchte, sollte sich rechtzeitig um Karten kümmern.
Setlist (ohne Gewähr): Some Day the Sun Won’t Shine for You / Beggar’s Farm / A Song for Jeffrey / Thick as a Brick / Mother Goose / Songs From the Wood / Weathercock / The Navigators / Curious Ruminant / Bourrée in E minor // (Pause) // My God / The Zealot Gene / The Donkey and the Drum / Over Jerusalem / Budapest / Aqualung / Locomotive Breath
Links: https://jethrotull.com/, https://www.facebook.com/officialjethrotull/, https://www.instagram.com/jethrotull_/, https://www.youtube.com/user/tullmanagement, https://www.last.fm/music/Jethro+Tull
Text & Fotos: Stefan
Alle Bilder:









