DEAD PIONEERS

Schlachthof, Wiesbaden, 5.03.2026

Dead PioneersGut 50 Jahre alt ist das Punk-Genre inzwischen, zumindest behauptet dies das englische Magazin BIG in seiner aktuellen Ausgabe (Issue 1708) und feiert den Anlass mit einem schönen Cover, das einen Punk zeigt, der statt eines Iros viele kunterbunte, brennende Geburtstagskerzen auf dem Kopf trägt. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass man sich auch anno 2026 noch an ein Genre erinnert, das in seiner frühen Phase als unhörbar, nicht gesellschaftsfähig und jugendgefährdend galt. Doch trotz des bereits 1979 veröffentlichten CRASS-Songs „Punk is Dead“ existiert Punk heute noch, auch wenn er zahmer, langweiliger und leiser geworden ist und inzwischen mehr das musikalische Drei-Akkorde-Vermächtnis als das Rebellische im Mittelpunkt steht. Dennoch gibt es sie noch: Bands, die den ursprünglichen Gedanken des Punk verfolgen, Wut im Bauch haben und denen es wichtig ist, ihr Anliegen zu vermitteln.

Die aus Denver stammenden DEAD PIONEERS fallen in ebenjene Kategorie und liefern zudem einen frischen, ungewöhnlichen Sound, den man so noch nicht gehört hat – und das will etwas heißen in einem Genre, in dem die Grenzen eng gesteckt sind. Doch von Anfang an: Die DEAD PIONEERS sind ein Projekt, das Dead Pioneersvom indigenen Künstler Gregg Deal ins Leben gerufen wurde, der dem Stamm der Pyramid-Lake-Paiute angehört. Deal ist bereits seit geraumer Zeit als Künstler, Aktivist und Stimme der indigenen Bevölkerung seines Landes tätig.

Im Jahr 2020 schuf er unter dem Titel „The Punk Pan-Indian Romantic Comedy” (die bei YouTube gestreamt werden kann) eine Stand-up-Show, welche die Diskriminierung der indigenen Völker in den USA zum Inhalt hat und am Beispiel von Deals eigenem Leben erzählt wird. Da die einzelnen Themenblöcke der Show mit Musik verbunden werden sollten, tat er sich mit einigen Musikern zusammen und begann Songtexte zu schreiben. Daraus entstanden schließlich die DEAD PIONEERS, die sich quasi als Weiterentwicklung des ursprünglichen Stand-up-Konzeptes sehen.

Dead PioneersÜbrig geblieben von der ursprünglichen Performance sind einige Spoken-Word-Sequenzen, die Deal auch am gestrigen Abend im etwa zu drei Vierteln gefüllten Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthofs darbot. Die restlichen Mitglieder der DEAD PIONEERS sind Gitarrist Abe Brennan (rechts), der seit 2025 auch als Sänger der RICH KIDS ON LSD fungiert, Bassist Lee Tesche, der auch Teil der experimentellen Hip-Hop-Jazz-Band ALGIERS ist sowie Gitarrist Joshua Rivera und Schlagzeuger Shane Zwegardt. In dieser Besetzung sind bisher zwei Alben erschienen: Das selbstbetitelte Debüt aus dem Jahr 2023, dessen Cover von einem Junior-High-Foto von Deal geziert wird sowie das 2025 veröffentlichte Werk „Po$t American“, das zu den besten Punk-Scheiben der Dekade gezählt werden kann.

Dead PioneersTatsächlich war es bereits der zweite Gig der Formation im Schlachthof, denn im Mai 2025 gastierte sie bereits nebenan in der größeren Halle, dort allerdings als Opener von Acts wie PENNYWISE, PROPAGANDHI und COMEBACK KID. Nun also stand der erste Headliner-Gig im Kesselhaus an.

Da die Bahn mal wieder auf halber Strecke schlapp machte, erreichten wir die Location erst zu Beginn des Sets der DEAD PIONEERS. Davor stand, wie uns berichtet wurde, ein Trio namens BAD ASSUMPTION auf der Bühne, das in Jogginganzügen auftrat und die US-Amerikaner während deren „Po$t American UK/EU Tour“ auf den Stationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz supportet. Vielleicht ergibt sich ein andermal die Gelegenheit, die Münsteraner Tracksuit-Punks zu begutachten.

Dead Pioneers

Um Punkt 21 Uhr betraten die DEAD PIONEERS untermalt von indigenem Getrommel (das Intro des zweiten Albums) den Saal. Was folgte, war eine furiose Mischung aus Punk, Post-Punk, Cross-Over, Spoken-Word-Performance und illustren Cover-Songs. Der Sound der DEAD PIONEERS ist dabei nicht einfach zu beschreiben. Als Grundlage dient sicherlich der klassische Punk, der Dead Pioneershier und da aber mit Elementen des Rap, Jazz und Post-Punks untermalt wird.

DEAD KENNEDYS meets RAGE AGAINST THE MACHINE könnte als Umschreibung dienen, ebenso SLEAFORD MODS meets BLACK FLAG, wobei der traditionelle Punk doch stets die Oberhand behält. In der ersten Hälfte der Show gab es drei Breaks, in denen Deal mal kurze, mal längere Texte aus einem schwarzen Buch im Poetry-Slam-Stil rezitierte, die die Message der Band noch einmal untermauerten: Es geht um die Unterdrückung der Indigenen in den USA, um Kolonialismus, Rassismus, um die Ausbeutung der Arbeitenden, den daraus resultierenden Klassenkampf sowie um die aktuelle politische Lage im Heimatland der DEAD PIONEERS.

Dead PioneersAufgrund der Spoken-Word-Parts und der einleitenden Kommentare zu einzelnen Songs kam die Botschaft deutlich an – und dies, ohne den Fun-Faktor des Gigs zu mindern. Passend zur politischen Agenda wurden mit „World Up My Ass“ (CIRCLE JERKS), „The Punch Line“ (MINUTEMEN) und „White Minority“ (BLACK FLAG) drei Cover-Songs gespielt, die sich perfekt ins bandeigene Portfolio einfügten. Mit „Nazi Teeth“ gab’s zudem ein brandneues Lied.

Dead PioneersUnterm Strich war’s ein kurzweiliger Abend, der auch dramaturgisch perfekt inszeniert war – angefangen bei langsameren Stücken und Spoken-Word-Beiträgen über treffend gewählte Cover-Songs bis hin zu den schnellen Fist-in-your-Face-Tracks wie „Dead Pioneers“, mit dem der Gig schließlich nach einer guten Stunde sein Ende fand. Es war ein Auftritt, der allen Anwesenden sicher noch länger in Erinnerung bleiben wird. Außerdem ist zu hoffen, dass die Jungs bald wiederkommen und uns ein neues Album bescheren.

Dead Pioneers

Links: https://www.deadpioneers.band/, https://www.facebook.com/dead.pioneers/, https://www.instagram.com/dead.pioneers, https://deadpioneers.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/dead+pioneers

Text & Fotos (5): Marcus
Fotos (23): Stefan
Fotos (2): Achim O.

Alle Bilder:

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