Nachtleben, Frankfurt, 14.06.2026
Manchmal ist das Verhalten von Konzertbesuchern nur schwer nachzuvollziehen. Ich hatte die Band aus Portland, Oregon, die gestern im Nachtleben gastierte, 2022 beim Rebellion Festival in England gesehen, ging aber davon aus, dass sie hierzulande gänzlich unbekannt ist. Denn weder waren die BRIDGE CITY SINNERS schon einmal in Frankfurt zu Gast, noch ist eines ihrer bisherigen vier Alben auf einem europäischen Label erschienen und somit nur zu schwer erhältlich. Das Konzert fand zudem an einem Sonntag statt, ein Tag, an dem man sich zweimal überlegt, ob man vor der anstehenden Arbeitswoche unbedingt das Haus verlassen muss. Und dennoch hieß es: Ausverkauft! Und dies bereits Wochen vor dem Gig. Woran lag es also, dass der Club an einem Sonntag aus allen Nähten platzte?
Die Antwort dürfte „Social Media“ lauten, denn das Musikvideo zum BRIDGE CITY SINNERS-Song „Devil Like You“ ist nicht nur fantastisch, sondern hat auch 2,5 Millionen (!) Aufrufe und dürfte somit oft geteilt und verschickt worden sein. Interessant war, dass unter den Besuchern viele Anhänger der Gothic-Szene auszumachen waren, auch diese werden durch den besagten Videoclip auf die US-Combo aufmerksam geworden sein.

Eröffnet wurde der Abend mit dem nicht minder interessanten Opener JOHANNA ROSE & THE DREAMBOATS aus New Orleans, die ihre Musik auf demselben Label wie die BRIDGE CITY SINNERS veröffentlichen. Johanna Rose ist eine professionelle Jazz-Bassistin und Songwriterin, die bereits seit
Jahren eine feste Größe in der Musikszene ihrer Heimatstadt ist und auf eine illustre Biografie zurückblickt – unter anderem bewohnte sie aufgrund nicht bezahlbaren Wohnraums in New Orleans eine zeitlang ein Baumhaus.
Um die Tour durch Europa überhaupt mitmachen zu können, hatte Johanna in den sozialen Medien eine Spendenaktion gestartet, bei der immerhin 7000 Dollar zusammenkamen – die Tour mit den SINNERS war für sie eine Herzensangelegenheit. Die Bandchefin hat alle präsentierten Lieder selbst geschrieben und für die aktuelle Tour eine charismatische Band zusammengestellt. Musikalisch wurde genau das geboten, was man sich bei einer Gruppe aus New Orleans vorstellt: düsterer Louisiana-Swamp-Jazz, der
die Zuschauer direkt in eine verrauchte, finstere Bar der US-Metropole entführte. Johanna lieferte dabei Reibeisen-Vocals und spielte den Upright-Bass, begleitet wurde sie von zwei Resonatorgitarren, einer Klarinette sowie einigen weiteren jazztypischen Blasinstrumenten.
Die Gitarristin Myra Burnette betreibt mit MYRA & THE MOONSHINERS übrigens eine eigene Band, die Vintage-Jazz aus den 1920er- und 30er-Jahre performt. Gutter-Jazz nennt Johanna Rose ihre Musik; erhältlich ist aktuell eine Solo-Scheibe mit dem Titel „Chain Smoking Below Sea Level“ (2025). Das Ganze war äußerst atmosphärisch, romantisch und besinnlich und damit so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, die im Anschluss mit den BRIDGE CITY SINNERS folgen sollte.

Eine zeitaufwändige Umbaupause war nicht vonnöten, da beide Acts ohne Schlagzeuger spielen, und so dauerte es nicht lange, bis der Headliner des Abends auf der Bühne stand. Dass die Truppe aus Portland durch Auftritte, Mundpropaganda und nicht zuletzt ihre Videoclips mittlerweile viele Fans
gefunden hat, machte sich bereits durch den mit 280 Besuchern ausverkauften Club bemerkbar. Etwas überrascht war ich aber, dass viele Anwesende die Songs der BRIDGE CITY SINNERS textsicher mitsingen konnten.
Das Quintett agierte mit Kontrabass, Akustikgitarre, Banjo, Banjolele und Geige. Den Gesang lieferte die bezaubernde Libby Lux, die optisch eher zu einer der vielen illustren Punk-Bands ihrer Heimatstadt passen würde. Musikalisch wurde indes eine Mischung aus düsterem Folk, Hillbilly, Bluegrass, Blues und Western-Moritaten dargeboten, die allgemein dem Genre Dark Folk zugeordnet werden kann, dem auch Acts wie THE GODDAMN GALLOWS, THOSE POOR BASTARDS oder AMIGO THE DEVIL angehören.
Die BRIDGE CITY SINNERS agierten extrem abwechslungsreich: Los ging’s mit zwei eher gemächlichen Blues-Tracks, die für viel Atmosphäre und Stimmung sorgten. Mit „Heavy“ vom aktuellen Album „In the Age of Doubt“ wurde dann erstmals aufs Gaspedal gedrückt und besonders Teufelsgeiger Luke ließ durchblicken, wie furios sein Instrument klingen kann.
Beim folgenden Song „Doubt“ bewies Libby mit hohen, keifenden Metal-Vocals gar, dass sie nicht nur stimmungsvollen Blues-Gesang zu bieten hat und bei „Ashes“ wurde es persönlich: Libby widmete den Song ihrem verstorbenen Partner Thomas, mit dem (und Kontrabasser Scott) sie zuvor die Formation PROFANE SASS betrieben hatte und der plötzlich und
unerwartet aus dem Leben schied – es folgte eine traurige Ballade.
Bei anderen, mit viel Tempo gespielten Liedern wurde gar zum Circle Pit aufgerufen, eine Aufforderung, die vom Publikum nicht ungehört blieb. Und obgleich die Darbietung mit Punk musikalisch recht wenig zu tun hatte, so besitzt der Sound der BRIDGE CITY SINNERS doch ebenjene Energie, die auch dem Punk innewohnt. Der Gig weckte sogar Erinnerungen an die POGUES zu deren besten Zeiten, in denen das Publikum in ähnlicher Manier mitgerissen wurde – es war eine einzige Party! Dazu passte auch, dass im Song „Kreacher“ ein „Monster“ im Plüschtier-Outfit die Bühne enterte und das Publikum erheiterte (zu sehen auf den Fotos in der Slideshow und im Videoclip unten).
Geboten wurden insgesamt 21 Songs, von denen zehn vom aktuellen Werk stammten und die anderen sich auf die drei weiteren Longplayer verteilten, die seit der Gründung im Jahr 2015 erschienen sind. Als letzter Track des regulären Sets fungierte übrigens der millionenfach geklickte Track „Devil Like You“, doch damit sollte das Set nicht enden – aufgrund lautstarker „Zugabe“-Rufe folgten noch drei weitere Lieder des illustren Schaffens des Quintetts. Es war ein herausragender Auftritt, der – so war sich die anwesende, vierköpfige Rockstage-Riot-Crew einig – am Ende des Jahres sicher zu den besten Gigs 2026 zählen wird.
Links: https://www.bridgecitysinners.com/, https://www.facebook.com/bridgecitysinners/, https://www.instagram.com/bridgecitysinners/, https://www.youtube.com/BridgeCitySinners
Text: Marcus
Fotos: Micha
Clip: am Konzertabend aufgenommen von zandalee68
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