DAUGHTER

Zoom, 16.04.2013

„Quiet is the new loud“ wurde bereits 2001 von der Musikpresse attestiert, als nach und nach immer mehr Menschen in klassischer Punkmanier (DIY) zur akustischen Klampfe (oder gar zum Banjo) griffen und sich an der Musik ihrer Großväter orientierten. (Indie-) Folk oder gar sogenannter Antifolk (meiner Meinung nach ist der Begriff ein blöder und überflüssiger Versuch, sich vom klassischen Folk abzugrenzen) begeistert nach wie vor sehr viele junge Menschen; bei allen konservativen Sounds sind die Vertriebswege jedoch mehr als zeitgemäß: Bands werden bekannt durch YouTube und Internetklicks, manchmal noch durch myspace, mehr durch Facebook. Dem klassischen Musikzeitungsleser wie mir, der jeden Monat mindestens zehn verschiedene Magazine aus Deutschland und England erwirbt, fallen DAUGHTER erst jetzt auf, nach zwei EP’s von 2011, einer Single und dem Album „If You Leave“, das jüngst erschien. Und doch ist das Zoom ausverkauft, und zwar schon eine Weile.

Dass ich DAUGHTER kennen und lieben lernen durfte, habe ich der Tatsache zu verdanken, dass meine Freundin gerne „Grey’s Anatomy“ schaut, eine Arztserie, in der alle irgendwie amourös miteinander verbandelt sind und in der am Staffelende immer etwas Schlimmes geschieht, um ein paar Hauptdarsteller auszutauschen. Sehr geschickt wird dort schöne Musik platziert; Fans können im Internet nachlesen vom wem dieses ergreifende Stück gerade war, im Idealfall den Song runterladen und den Bekanntheitsgrad der Musikanten enorm vergrößern. Eine Tour mit Ben Harper tat das übrige, um DAUGHTER in Frankfurt einen ausverkauften Club zu bescheren; es war wohl nicht der einzige auf der Tour.

Im Vorprogramm durfte die britische Folktruppe BEAR’S DEN (links) ran. Das Trio war mir völlig unbekannt, konnte aber schon als Support von MUMFORD & SONS glänzen und stellt im Vergleich zu denen auch keinen Stilbruch dar. Folk, ohne ein Rock oder etwas anderes dahinter, sehr straight, aber weitaus weniger tanzbar als etwa MUMFORD & SONS. In meiner Welt ganz nett, aber keine Offenbarung. Von den Ansagen habe ich so gut wie nichts verstanden, weil die Herrschaften extrem leise sprachen, sogar flüsterten, gehört wohl dazu. Ich erwarte ja nicht, dass da rumgegrölt wird wie bei DANKO JONES, aber ein bisschen mehr wäre in diesem Fall wirklich ein bisschen mehr gewesen. So meine ich nur gehört zu haben, dass die mitgebrachte EP entweder in Kartoffelschalen eingeschlagen wurde oder mit Kartoffeldruck verziert, irgendwas Ländliches halt, von mir aus.

Irgendwann kamen dankenswerterweise DAUGHTER (ein wenig zappeln ließ man das Volk schon, soo viel umzubauen gab es nicht, was die Band übrigens selbst erledigte); und es war richtig übel voll. Auf den Pressefotos ein Trio, live zu viert. Die erste EP wurde, glaube ich, zu zweit eingespielt, wenn das in dem Tempo weiter geht sind sie 2020 eine Big Band. Im Gegensatz zur Vorgruppe heißt „Folk“ bei DAUGHTER, dass die Lieder auch am Lagerfeuer funktionieren

würden, mit einer ordentlichen, post-punkigen Indieklampfe aber nochmal so viel Spaß machen. Davon gab es zeitweise zwei: Chefin Elena Tonra spielte mal die eine, mal den Bass. Ihr musikalischer und Lebenspartner, Igor Haefeli, spielte die andere und gab auch mal den Jimmy Page, wenn er sein Instrument mit dem Geigenbogen bearbeitete. Aus diesem Kontrast zwischen der klaren, zarten und trotzdem sehr nuancenreichen Stimme Tonras und dem dynamischen Gitarrensound in bester THE JESUS AND MARY CHAIN-Manier (minus der Feedbacks) entsteht für mich die besondere Attraktivität dieser Band.

Auch Tonra und Haefeli zogen es vor, mit dem Publikum zu flüstern; da Tonra bei ihren Ansagen jedoch ständig in ein schüchtern-verhuschtes Kichern versank, hätte ich wohl so oder so nicht viel davon verstanden. Aber egal, die im Spex als „Suicide-Folk“ bezeichnete lyrische Nabelschau war gesungen gut zu verstehen. Erstaunlich, dass so zart dargebrachte Verletzlichkeit zu so einem Statement von Stärke werden kann. Da bist du platt von, das erschlägt unter Umständen mehr als ein Hardcore-Konzert, wenn man sich drauf einlässt.

Dankenswerterweise wurden die EPs nicht vergessen und ein sehr schöner Schnitt aus allen bisherigen Veröffentlichungen gegeben. Wer die Scheibchen noch nicht hatte, konnte sie für kleines Geld am Verkaufsschalter erwerben. Ich war begeistert, der überwiegende Teil des Publikums wohl auch. Nur bei den Leuten, die ständig ihre Shouts bei Facebook checkten, bin ich mir nicht sicher. Aber wenigstens hielten die die Klappe.

Links: http://www.ohdaughter.com/, http://de.myspace.com/ohdaughter, http://www.musicglue.com/bearsdenmusic/

Text & Fotos (2): Micha
Fotos (9): Christoph, http://meinzuhausemeinblog.blogspot.de/
Clip: am Konzertabend aufgenommen von Liena75

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