DEAD LORD & NIGHT

Das Bett, Frankfurt, 3.09.2017

Dead LordIn den fünfeinhalb Jahren ihres Bestehens haben sich DEAD LORD aus Schweden eine beachtliche Reputation erspielt. Besucher von Festivals wie dem „Bang Your Head“ oder „Rock Hard“ berichten von schweißnassem Freudentaumel, flächendeckende Touren mit u. a. AUDREY HORNE oder 77 lassen anno 2017 erste Anzeichen von kommerziellem Erfolg erkennen – der wenige Tage vor dem Gastspiel in „Das Bett“ erschienene Longplayer „In Ignorance We Trust“ steht gerade immerhin auf Platz 48 in den Album-Verkaufscharts. Der Frankfurter Club war diesbezüglich trotz einiger von weit her angereister Fans etwas leer, für einen Montag Abend jedoch ansprechend gefüllt. Bier holen und WC-Gang ging immer, Grundfläche war aber bedeckt – und Raum zum Zappeln gab es auch. Relativ optimale Bedingungen für einen netten Abend waren also gegeben.

Dead LordDass dieser aber letztlich ziemlich klasse werden würde, war mir vorher nicht klar – live hatte ich DEAD LORD wohl als Einziger im Saal bisher nicht gesehen, beim Reinhören in die Scheiben zudem nie den Eindruck einer gewissen Einzigartigkeit gehabt. Solide Songs, denen von den meisten Schreibern eine mal mehr, mal weniger existente stilistische Nähe zu THIN LIZZY attestiert wird (ein Vergleich, der dem Sänger und Gitarristen Dead LordHakim Krim inzwischen zum Hals heraushängt) – Einflüsse von Classic-Rock-Giganten wie WISHBONE ASH (die zwei Lead-Gitarren, halt. Schnarch.), BÖC, KISS oder sogar Roky Erickson werden von anderen Quellen angegeben. Letzteres für mich nicht nachvollziehbar. Ein weiteres Beispiel von schwedischer, rückwärts gerichteter Unterhaltungskunst, also. Können die halt, die von da oben. Mit die besten Bands mit Retro-Touch stammen von dort. Zumindest textlich sind DEAD LORD jedoch eindeutig im Hier und Jetzt verankert und machen sich Gedanken über die zunehmende faktenignorierende Verblödung der Menschheit, unter anderem.

Andere Themen hat der ebenfalls aus Schweden stammende Opener NIGHT. Auch hier wird das Bewahren der Siebziger- bis frühe Achtziger-Traditionen hoch gehalten, die Einflüsse sind aber weitaus metallischer, inklusive dem (Fast)-NightKastraten-Geschrei von Sänger Oskar „Burning Fire“ Andersson. Die im Programm von „Das Bett“ angepriesenen Spandex-Hosen waren zum Glück nicht zu erleben, eher Black Denim, Weste und Pornobalken (bei Andersson). Ich kannte NIGHT fast gar nicht und war schwer angetan von ihrem knapp 45-minütigem Einsatz, bei dem vor allem Bassist Joseph Max poste wie ein Weltmeister. Aber wie bei den Nightschwedischen Schwestern und Brüdern im Geiste von BULLET, HONEYMOON DISEASE oder ENFORCER höchst unpeinlich. Das war energietechnisch schon auf einem sehr hohen Level und animierte zum Luftgitarre- Spielen, auch ohne die Songs zu kennen.

Heute, ein paar Tage nach dem feinem Konzertabend, ist dieser Umstand behoben: Die drei Releases der Formation laufen bei mir in Dauerschleife. Richtig geil, im „Bett“ livetechnisch aber wirklich nur die Vorspeise. DEAD LORD anschließend rissen alles ab. Und das konnte ich mir in diesem Maße nach vorangegangenem Studium ihrer Platten kaum vorstellen.

Die THIN LIZZY-Assoziation passt schon zu den meisten Songs, in meiner Welt. Oder warum habe ich immer, nachdem ich ein DEAD LORD-Album gehört habe, für den Rest des Tages THIN LIZZY-Ohrwürmer in meinen Gehirnwindungen? Naja, vielleicht liegt das auch am Alter und daran, dass man sich irgendwann neuen Input nicht mehr so gut merken kann. Die aktuelle Scheibe zündete bei mir auch rascher als die Vorgänger – dass sich das live aber alles so erlesen anhören würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Schon beeindruckt von der Live-Präsenz NIGHTs, schaffte es das folgende Quartett mit identischer instrumentaler Besetzung und unfassbarer Leichtigkeit mehrere Schippen Spielspaß zu addieren. Waren die Songs schneller, räudiger, verändert? Nein, kein Stück. Sie überzeugen einfach mehr, wenn man den Akteuren dabei zusehen kann, dass sie Dead Lordselbst die größten Fans ihres Schaffens sind. Und dem anderer: Nach einem leichten „Since You’ve Been Gone“- Schwenker (RAINBOW) gab es schon ein deutlicheres Zitat später (SLAYERs „Raining Blood“) und ein längeres zum Ende hin (JUDAS PRIESTs „Breaking The Law“). Eines von drei Stücken in der Zugabe war das komplett gespielte „Stone Dead Forever“ (MOTÖRHEAD). Während ich dazu Dead Lordmeine Kehle wund grölte, stieß das einigen Anwesenden eher sauer auf: „MOTÖRHEAD covert man nicht“ sagte einer, der es gut meinte, aber trotzdem irrte – und im Forum des Deaf Forever wird von einem geschätzten Kollegen sogar die Ansicht vertreten, der Band könnte es zum Verhängnis werden, nicht 90 Minuten nonstop eigenes Material zu performen (hier).

Dead Lord„Stone Dead Forever“ kommt sogar als erstes Studio-Cover auf die Special Edition des aktuellen Albums (ja, über solche Releases kann man sicherlich streiten, vor allem, wenn sie nicht gleichzeitig mit der Standard-Veröffentlichung erscheinen) – im Rock Hard meint Schlagzeuger Adam Lindmark (vormals bei den großartigen MORBUS CHRON): „Wir haben uns wie damals mit 15 Jahren gefühlt, Dead Lordals wir in unseren Proberäumen einfach drauflosgezockt haben.“ Fans halt. Mit derselben Leidenschaft für großartige Rockmusik wie die zahlenden Gäste dieser Clubtour, der Frank Schäfer vom Rolling Stone am liebsten hinterherfahren würde. Wer würde das nicht, nach einem solchen Abend und über 80 ekstatischen Minuten. Für Selfies mit den Anhängern blieb noch ein wenig Zeit, für Autogramme auch. Haltet sie in Ehren, Ihr werdet damit mal schwer angeben können.

DEAD LORD treten nochmal in der Gegend auf, nämlich am 24.11. im Café Central in Weinheim. Dort eröffnen sie für IMPERIAL STATE ELECTRIC um Förderer und Freund Nicke Andersson. Der ist selber Rampensau vom Feinsten, wird sich aber bei diesem Opener warm anziehen müssen. Wir sehen uns.

Links: http://heavymetalinthenight.com/, https://www.facebook.com/nightbandofficial/, https://gaphals.bandcamp.com/album/night-stand-your-ground, https://www.reverbnation.com/nightlkpg, https://www.last.fm/de/music/Night, http://www.deadlord.com/, https://www.facebook.com/deadlordswe, https://www.last.fm/music/Dead+Lord

Text, Fotos (15) & Clips: Micha
Fotos (15): Eric, https://www.flickr.com/photos/vanreem

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