Nachtleben, Frankfurt, 8.04.2026
Wow, was für ein Abend. Einen größeren Kontrast zum am Tag zuvor erlebten Happening in der Frankfurter Jahrhunderthalle (Bericht hier) kann man sich kaum vorstellen. Gestern saß ich für sehr viel Geld in einer Event-Arena, um der überraschungsfreien Nostalgie zu frönen, heute stand ich schwitzend in der ersten Reihe eines ausverkauften kleinen Clubs, um im unmittelbaren Hier und Jetzt Rock’n‘ Roll so heftig zu erleben, als gäbe es kein Morgen mehr. Das darüber hinaus durch den ukrainischen Headliner 1914 trotz Retro-Thematik ein Gegenwartsbezug besonderer Art dominierte, verstärkte den Kontrast um ein Vielfaches. Obwohl mein Alter mich inzwischen mehr in Sitze zwingt als stehend eskalieren zu können, ist völlig klar, was meiner Definition von einem besonderen Konzertabend mehr entspricht. Vorhang auf für 1914 sowie ihre Unterstützer, KATLA aus Dänemark.
„Unterstützer“ ist in diesem Fall mehr als wörtlich zu verstehen, das Wirken des Trios aus Kopenhagen war weit mehr als das übliche Warmspielen eines Support-Acts. Ursprünglich war ich fest davon überzeugt, dass die isländischen KATLA. um Ex-SÓLSTAFIR-Schlagzeuger Guðmundur Óli Pálmason mit 1914 die Tour bestreiten würden, doch da bin ich wohl einer Ente aufgesessen. Aufmerksame Menschen werden bemerken, dass man die Isländer mit einem Punkt hinter dem Namen schreibt, die Dänen nicht. Wobei man Letztere darüber hinaus noch mit anderen KATLA verwechseln könnte, die ebenso
aus Kopenhagen stammen wie das voll tätowierte Trio direkt vor mir. Die kamen allerdings nie über den Demo-Status hinaus und teilen sich mit 1914 dementsprechend auch nicht das Label Napalm Records.
Während andere Supports also das Publikum warm spielen und dem Headliner gern einige Danksagungen zukommen lassen, bevor der eigene Merch beworben wird, machte der KATLA-Drummer und Sänger Rasmus Bang durchgehend Werbung für 1914: Zum einen unterstrich er die menschlichen Qualitäten seiner Mitstreiter und zum anderen die Besonderheit, als Band aus einem von Krieg geschundenem Land zu stammen und welche Probleme dies mit sich bringt. Zweimal sei eine Headliner-Tour von 1914 bereits gescheitert, da
nur wenige Musizierende dort einen Status als Kulturbotschafter der Ukraine innehaben (wie z. B. JINJER) und deswegen freier ausreisen dürfen. Ob das alles fair zugeht, mag ich nicht beurteilen – ich habe von 1914 allerdings weit mehr zur Situation der Ukrainer gehört als 2024 von JINJER. Vielleicht durften die das als Vorband (von SEPULTURA, Bericht dazu hier) nicht.
KATLA aus Dänemark also. Was für eine Combo. Ich kannte sie vorher nicht. Ihre Spielfreude, die sympathischen Ansagen und ihr derbes, rifflastiges Zeug zwischen Doom und Sludge, gewürzt mit Black Metal-Gekeife, traten so amtlich Arsch, dass ich meine Kamera zunehmend als Luftgitarre behandelte und headbangte, soweit das mein marodes Gestell noch zuließ.
45 Minuten spielten sie, immer mal wieder unterbrochen von kurzweiligen Ansagen á la „Fuck Putin“ oder „Fuck Grenzpolizei“; mit Appellen wie „This should be a free world for free people“ oder der Nachfrage, ob jemand sie unlängst im selben Raum als Support von CRYPTA gesehen habe. Knirsch. Leider nein.
Bei „Dead Lover“ vom superben, hiermit über alle Maßen empfohlenen Debüt-Album „Scandinavian Pain“ teilte Olexa Fisjuk von 1914 die Bühne mit dem Trio – anders als später in seiner Uniform als „K.K. LIR Stanislau Nr. 20 Zugsführer“ gewandet mit Metal-Kutte mit KATLA-Patch an der rechten Schulter (Foto in der Slideshow unten). Stoff von den älteren EPs wurde ebenso gegeben und am Ende kam dann der Song, der in Deutschland häufig für Irritationen gesorgt haben soll: „Dragonlord“ ist nicht über den Deutschen, der ebenso genannt wird. „Its a song about a dragon and not that fucking guy!“ versicherte Bang dem erheiterten Publikum. Eine Erheiterung, die ich ziemlich widerwärtig finde. Der „deutsche Dragonlord“ Rainer Winkler ist trotz aller Ambivalenz vor allem ein Mobbing-Opfer enormen Ausmaßes, Näheres dazu hier. Aus „Fucking Guys“ besteht meiner Meinung nach der Mob, der Winkler das Leben zur Hölle macht. Dass Bullytum hier gefeiert
und der weltpolitischen Variante davon in Form von Putin oder Trump gleichermaßen eine verdiente Absage gemacht wurde, ist mit „unterkomplex“ noch dezent beschrieben. In meiner Welt ein kleiner Wermutstropfen bei einem ansonsten perfekten Gig.
Als nach knapp 20-minütiger Umbaupause das Schlagzeug von „K.K. LIR. Lemberg Nr. 19 Fähnrich“ Rostyslaw Potopljak mit Bildern der Škoda 305 mm Haubitze flankiert wurde, die man vor dem Konzert mit viel Mühe auf die Seitenbühne des Clubs Nachtleben geschoben hatte, folgte dieser mit dem Rest der Truppe in weiteren Uniformen aus dem 1. Weltkrieg.
Ein Thema, das 1914 auch in ihrer akribischen, detailversessenen Aufarbeitung mit KANONENFIEBER gemein haben, die weitaus größere Hallen mit ihrer Interpretation des Sujets füllen. Die beiden Bands eint der thematische „Geschichtsunterricht“, der den Krieg nicht verherrlicht sondern versucht Ereignisse vor dem Vergessen zu bewahren. 1914 kommen jedoch aus einer
Region der Welt, die nicht nur vor knapp hundert Jahren unter solchen Geschehnissen zu leiden hatte, sondern die es aktuell immer noch/wieder tut.
Neben den historischen Fakten lassen sich viele Erzählungen von 1914 auch als Allegorie auf die Gegenwart lesen, gerade, wenn es um persönliche Leidensgeschichten geht. Ihr aktuelles, viertes Studioalbum „Viribus Unitis“ (Mit gemeinsamer Kraft) ist, laut Legacy, ihr aggressivstes. Eingerahmt wie immer in Samples namens „War In“ und „War Out“ verstärken dieses Mal Gäste wie MY DYING BRIDE-Stimme Aaron Stainthorpe oder Jérôme Reuter alias ROME (der der Ukraine mit „Gates Of Europe“ ein ganzes Album gewidmet hat, lesenswerte Review dazu hier) mit beeindruckenden Features dieses Werk, das für den Legacy-Rezensenten das Zeug zum Album des Jahres hat.
Mir persönlich fällt es schwer, die Stücke einfach nur zu hören und auf deren Unterhaltungsfaktor zu begrenzen – im Gegensatz zu manch Anderen, die bei Gigs in der Vergangenheit wohl keinen Bock hatten, sich mit Politik oder gar Krieg zu beschäftigen. Sänger „k.u.k. Galizisches IR Nr. 15, Gefreiter“ Dmytro Kumar unterbrach den Auftritt zweimal für eine Ansprache – bei einer berichtete er von Stimmen aus dem Publikum des Partisan-Festivals, die von ihm verlangten weniger über Politik zu schwätzen und lieber Musik zu machen. Seine Botschaft an solche Fans: „Fuck You, Cunts!“. Im Nachtleben musste er sich mit solchen Gestalten nicht abmühen, die volle Soli der Beteiligten war ihm und seiner Band sicher. Bei der anderen Ansprache erzählte er über seinen Alltag als Familienvater, der zum Beispiel die Nachricht von der durch russische Drohnen zerstörten Schule bekommt, die seine Tochter gerade besucht.
Eine Stunde währte das Programm, welches vom aktuellen Album dominiert wurde (minus der Gastbeiträge). Am Anfang begrüßte Kumar die Anwesenden PRIMORDIAL-mäßig mit „We are 1914 from Ukraine“ um dann ihre Maxime in drei Schlagsätzen zu verdeutlichen: „Fuck War! Fuck Imperialism! Fuck Putin!“. Zweimal intensivierte er seinen Vortrag mit Gängen durch das Publikum, suchte
Augenkontakt mit den Menschen auch in den hinteren Reihen.
Der meist stoisch mit geschlossenen Lidern vor dem Publikum stehende Kumar eskalierte mit seinen Mitstreitern, darunter noch „K.K. LIR Czernowitz Nr. 22 Oberleutnant“ Witalij Wygowskyj (Gitarre) sowie „k.u.k. Galizisch-Bukowinasches IR Nr. 24, Feldwebel“ Armen Oganesjan (Bass) ansonsten nur sporadisch und machte damit klar, dass das im Gegensatz zum Auftritt von KATLA vorher kein Spaß ist. Trotzdem war der angeschwärzte Death/Doom Metal unterhaltsam, weswegen sich das euphorisierte Publikum mit „A7V Mephisto“ von „The Blind Leading The Blind“ (2019) noch eine Zugabe sicherte. Weitere Zugabenrufe wurden von Teilen des Publikums unterbunden: „Ist gut jetzt!“ hieß
es von dort, meiner Wahrnehmung nach weniger aus Genervtheit, sondern weil anerkannt wurde, dass das da eben ein krasses Stück Arbeit, vor allem emotionaler Art war. Ein Hammerkonzert, aufwühlend wie mitreißend.
Der Merchstand wurde anschließend umlagert und wer nicht unbedingt ein Motiv einer Schlacht des Ersten Weltkrieges als Leibchen spazierentragen wollte, konnte ebensogut Geld in das Sparschwein für die Ukraine stopfen, ohne zwangsläufig etwas kaufen zu müssen. Das letzte Wort über 1914 obliegt ihrer Vorband KATLA, die auf ihrer Facebook-Seite folgenden Gruß hinterließ: „We’re beyond grateful to be sharing this experience with 1914. Truly, truly a bunch of heart warming guys who will have our eternal respect and love.“ Darüber hinaus gilt nach wie vor: „Slava Ukraini!“
Links: https://www.facebook.com/katladk/, https://katladk.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/1914OfficialPage/, https://www.instagram.com/1914_official_page, https://x1914x.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/de/music/1914
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:









