THE BLUES AGAINST YOUTH TRIO & THE TRÈS BIENS

Kunstkeller O27, Fürth, 20.03.2026

The Blues Against Youth TrioMal raus aus der Komfortzone, über den Tellerrand blicken, eine andere Stadt und natürlich außerdem eine „neue“ Konzertstätte kennenlernen: Das war das Ziel einer kleinen Reise in das gut 200 Kilometer vom Ausgangspunkt in Frankfurt gelegene mittelfränkische Fürth. Dort befindet sich der kultige Kunstkeller O27. In diesem spielten mit dem dort heimischen Quartett THE TRÈS BIENS und dem THE BLUES AGAINST YOUTH TRIO aus Italien zwei Bands, die beide vor wenigen Wochen – allerdings getrennt voneinander – in Frankfurt live zu erleben waren. In beiden Formationen steht je ein Künstler, der den Stammlesenden dieses Blogs bekannt sein dürfte: In der Reihen der Fürther befindet sich der Sänger und Gitarrist Mäkkelä, über den wir im Jahr 2022 eine Konzertreview und 2024 ein Interview veröffentlicht haben. Und dem Trio aus Kunstkeller O27Rom gehört der versierte Multiinstrumentalist Gianni TBAY an, der uns bereits 2017 für ein Interview Rede und Antwort stand.

Zunächst aber einige Worte zum Ort des Geschehens, dem Kunstkeller O27, wobei O27 für die Adresse in der Ottostraße 27 steht. Bei dem Club handelt es sich um einen ehemaligen Luftschutzkeller, der seit dem Jahr 2000 durch einen gemeinnützigen Verein umgebaut und fortan als Raum für Konzerte, Lesungen, Kleinkunst, etc. betrieben wird. Im hinteren Teil befinden sich Proberäume, Künstlergarderoben und der Backstage-Bereich, über den Türen stehen noch heute Schriftzüge wie „Schutzraum A“ und „Kranken-Raum“. Auf der Bühne des kleinen Veranstaltungssaals fanden inzwischen rund Kunstkeller O27600 Events statt. Welche Acts dort bisher gastierten, wird auf zahllosen an den Wänden hängenden, weißen Zetteln mit Bandnamen, Foto, Herkunft und Konzertdaten dokumentiert. Und am an der hinteren Längsseite gelegenen Tresen werden Getränke zu Preisen gereicht, die denen im Schlaraffenland ähnlich sein müssen. Aber klar, es ist ein Verein und keine kommerzielle Location, die Gewinne erwirtschaften muss. Das Personal arbeitet ehrenamtlich und wenn am Jahresende unter dem Strich eine schwarze Null steht, ist alles gut.

Den musikalischen Reigen eröffete der Vierer mit dem bescheidenen Namen THE TRÈS BIENS („Die sehr Guten“) mit Mäkkelä (Gitarre und Gesang), Oli Engelhardt (Gitarre und Gesang), Tom Ebert (Bass und Gesang) und Ralf Irmler (Schlagzeug). Wie ich am Konzertabend erfuhr, kennen sich die vier The Très BiensBandmitglieder bereits seit den Achtziger Jahren aus der vielfältigen Musikszene der Metropolregion Nürnberg/Fürth. Sie stehen alle seit Jahrzehnten auf der Bühne und haben in etlichen Bands und Projekten gespielt, wie zum Beispiel DÅY HØUSTEN (Ebert), THE TRUFFAUTS (Engelhardt), den WEAK WILLIES (Irmler) und THE GOHO HOBOS (Mäkkelä), um nur einige zu nennen. Mäkkelä bestreitet zudem etwa 120 Auftritte als Solokünstler im Jahr. 

Die THE TRÈS BIENS gibt es nun seit fast 20 Jahren, sie starteten als Spaß- und Freizeitprojekt unter guten Freunden (das ist es vermutlich noch immer), nur dass sich die vier Musiker inzwischen aufgrund ihrer Erfahrung und ihres Spielniveaus zu einer echten „All-Star-Band“ entwickelt haben. Da stimmt jeder Ton und jeder Einsatz – die Combo ist spieltechnisch auf einem hervorragenden The Très BiensLevel angelangt. Ihre Musik entzieht sich indes einer eindeutigen Klassifikation. „Fürth’s erste und einzige Pubrock-Band“ nennt sich die Gruppe selbst auf ihrer Facebook-Seite. 

Moment, Pub Rock? Hier stellt sich die Frage der Definition. Für mich hatte Pub Rock stets den Ruch von Coversongs, zu denen man Bier trinkt, nebenbei Gespräche führt und zu fortgeschrittener Stunde die besten Refrains mitgrölt. Musikhistorisch betrachtet ist er aber eine Spielart des Rock aus dem England der Siebziger, der sich auf Beat und R&B bezieht und vor allem durch die Nähe zum Publikum der Arbeiterklasse besticht. Auch wird der Pub Rock von Mitte der 70er als Vorläufer des Punk bezeichnet und da kommen wir der Sache schon näher. Was THE TRÈS BIENS machen, ist eine ausgefeilte Mischung aus Pub- und Garage- bis hin zum Punkrock.

The Très Biens

Diese für sich, ihre Fans und die Nachwelt festzuhalten, hat das Quartett 2025 endlich in Angriff genommen. Nachdem bisher im Frühjahr 2015 lediglich die EP „Modern Low“ veröffentlicht wurde, kam im Herbst des vergangenen Jahres der erste Langspieler heraus. Warum THE TRÈS BIENS das erst jetzt realisiert haben, kann ich Euch nicht wirklich sagen. Ich vermute, dass es aufgrund von The Très Bienszahlreichen Verpflichtungen mit anderen Bands, Familien und Beruf schlicht an Zeit gefehlt hat, ins Studio zu gehen. Die Platte heißt „You Can’t Win“ und präsentiert 13 Songs. Schon das Cover ist ein Hingucker: Hier zeigen sich die vier als Gentlemen ganz juvenil mit Billard-Queue, Fußball, Cricket-Schläger und Rugby-Ei. Très sportif!

Der Auftritt bestand aus insgesamt 13 Stücken, von denen zehn von besagtem Album stammten, ein Lied („Factory Boy/Factory Girl“) von der EP und ein Titel („Moving On“) ist durch das Solo-Schaffen von Mäkkelä bekannt. Natürlich springen die Herren jenseits der 60 nicht mehr wild auf der Bühne herum (obgleich die Musik dazu schon animieren könnte). Das bleibt dem Publikum überlassen. Mir gefällt, dass sich Engelhardt, Ebert und Mäkkelä The Très Biensbeim Gesang mehr oder weniger abwechseln und das alle auch können.

Die Highlights des Konzerts waren für mich das sehr tanzbare „Don’t Be Late For The Riot“, das auch den ADVERTS oder THE CLASH zur Ehre gereicht hätte, der starke LP-Titelsong „You Can’t Win“ mit seinen Tempiwechseln, das schrammelig-schöne „Going Down“ (mir kamen die LEMONHEADS in den Sinn), „Alien“ und „Are You Ready“ (assozierte ich mit R.E.M.). Als Zugabe gab es eine schöne Cover-Version des DEAD MOON-Klassikers „Walking On My Grave“. Ich weiß nicht, ob Toody Cole, die immer noch musizierende Witwe des verstorbenen DEAD MOON-Sängers Fred Cole mitbekommen hat, wie gut Oli Engelhardt das singen kann. Falls ja, wird er irgendwann vielleicht für die nächste Welttournee angefragt… 

Nach einer kurz gehaltenen Umbaupause war es dann Zeit für die Gäste aus Italien, das THE BLUES AGAINST YOUTH TRIO. Bandchef Gianni Serusi alias Gianni TBAY ist, wie bereits oben erwähnt, bisher zumeist als Solo-Künstler aufgetreten und bezeichnet seine Musik als „Country Blues Primitive One Man Experiment“ The Blues Against Youth Trio(Bandcamp). Nun steht er mit zwei unterstützenden Musikern auf der Bühne, Giorgia Malagò (auch tätig beim Punk-Trio SNÜFF) am Schlagzeug und Paolo Negretto (der auch bei der Rock-Combo ANTARES spielt) am Bass. Die drei absolvieren zurzeit ihre lange „Winter Tour 2026“ durch Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien und die Schweiz. Der drittletzte Stopp führte das charismatische Trio nun nach Fürth, danach stehen nur noch Villingen und St. Gallen auf dem Plan.

The Blues Against Youth TrioEine Platte hat der Dreier (noch?) nicht produziert, gespielt werden Lieder, die Gianni TBAY seit 2008 bei rund 1600 Shows allein mit Gitarre, Schlagzeug und Kazoo performte sowie einige ausgewählte Cover-Songs. Als Stage Opener wurde „Far Out Of Hand“ vom 2019er-Album „Evil Flatmates“ gewählt – nicht ohne Bedacht, denn das Stück verrät (genauso wie der später noch folgende „Particle Filter Blues“, den man als auch als Blaupause des TBAY’schen Schaffens bezeichnen könnte) schon viel von dem, was das Publikum in den nächsten knapp eineinhalb Stunden zu erwarten hat: der lässige Rhythmus auf der asphaltierten Straße zwischen Country und Blues, auf dem sich hier und da ein Schlagloch in Form von Garage-, Desert- und sogar Psych-Rock auftut (dazu später mehr).

The Blues Against Youth TrioDazu die sonore Stimme des Sängers und Gitarristen, unterbrochen hin und wieder durch den Sound der an seinem Mikrofon festgeklebten Kazoo. Das Ganze wird ergänzt vom Drumming an der Schießbude (natürlich mit der ikonischen, orangefarben leuchtenden Lampe in Form eines Hirschschädels mit Geweih auf der Bassdrum, die auf keinem THE BLUES AGAINST YOUTH-Konzert fehlen darf) und vom Bass, der den Songs zusätzliche Wucht verleiht. Zudem beteiligten sich alle drei, wie schon zuvor bei THE TRÈS BIENS, am Gesang.

The Blues Against Youth Trio

Vom aktuellsten, inzwischen siebten Langspieler „Gianni TBAY’s Blues Against Youth“, der Mitte 2025 veröffentlicht wurde, schafften es gleich fünf Stücke (besonders prägnant: „Discomfort Zone“, „Learn This Right“ und „Emissions“) ins 17 Tracks umfassende Programm. Daneben würde ich den „Uncle’s Blues“, der sich auch im Portfolio der großen ZZ TOP nicht schlecht machen würde, zu The Blues Against Youth Trioden Höhepunkten des Gigs zählen. Mein Favorit war das etwa zehnminütige Epos „Oblivion“ (von der LP „As The Tide Gets High And Low“, 2022), das mit seinen mantraähnlichen Rhythmen in Psych-Rock-Gefilde driftete und mich sofort in seinen Bann zog. So würden die DOORS heute spielen. Mit „Over The Falls“ der Alternative-Rocker PRIMUS wurde als Zugabe ein feines Cover präsentiert, bevor der Song „You Said I Praised The Devil?“ von der 2012er-EP die Show beendete. 

Eine Show, an der es nur eines zu beanstanden gab: Sie war schlicht zu laut. So laut, dass das vordere Drittel des Platzes vor der Bühne fast menschenleer war, weil man sich in der Nähe der Lautsprecher kaum aufhalten konnte (ohne Gehörschutz schon gar nicht). Das ist nicht schön für die Band, wenn der erste The Blues Against Youth TrioGast erst in drei Meter Abstand auftaucht und der Stimmung kommt es auch nicht zugute. Ich würde mir wünschen, dass die Jungs am Mischpult vor den Auftritten mal in den Runde schauen, wie das Publikum strukturiert ist. Gestern gab es kaum junge Leute und viele, so wie ich, um die 60 Jahre. Hey, wir haben in diesem Leben schon jede Menge Gigs gesehen und müssen uns nicht auf der Zielgeraden unserer Konzertbesucherkarriere noch das Gehör komplett rausblasen lassen. Klar, Rockmusik muss laut sein und das alles ist auch kein Kindergeburtstag, aber 20 Dezibel weniger hätten es auch getan. Wie ich später hörte, handelte es sich beim Sound-Team um eine Vertretung, die es wohl etwas zu gut gemeint hat. Was solls – es war dennoch ein großartiger Abend und die Reise nach Fürth wird in guter Erinnerung bleiben.

The Blues Against Youth Trio

Links: https://www.facebook.com/TheTresBiens/, https://www.instagram.com/thetresbiens_official/, https://thetresbiens.bandcamp.com/, https://thebluesagainstyouth.com/, https://www.facebook.com/thebluesagainstyouth/, https://www.instagram.com/thebluesagainstyouth/, https://thebluesagainstyouth.bandcamp.com/

Text & Fotos: Stefan

Alle Bilder:

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