Jahrhunderthalle, Frankfurt, 7.04.2026
1992 präsentierte der Würzburger Konzertveranstalter Manfred Hertlein erstmals die Rock meets Classic-Tour, die 2026 mit einer sieben Konzerte umfassenden Reise durch hauptsächlich Bayern ein Ende nimmt. Interessiert hat mich das nie, trotz Menschen im Billing, deren musikalisches Schaffen für mich durchaus von Belang ist oder zumindest war. Menschen wie Percy Sledge und Christopher Cross (beide 2002) zum Beispiel. Oder Ian Gillan von DEEP PURPLE und Chris Thompson von MANFRED MANN’s EARTH BAND (beide 2012). Musizierende von Hardrock- oder AOR-Institutionen wie STATUS QUO waren am Start, von den EAGLES oder LYNYRD SKYNYRD. Von URIAH HEEP oder THIN LIZZY. Rick Springfield war dabei wie auch Kim Wilde. Viele von mir sehr geschätzte Musiker*innen also, allerdings mindestens ebenso viele, deren Tonträger ich nicht mit der Kneifzange anfassen würde oder wegen denen ich seit Jahren kein Radio mehr ertrage.
Das Konzept der Show: Eine Rock-Band spielt mit einem Symphonie-Orchester Klassiker der Rockgeschichte, die im optimalen Fall von der Originalstimme des Klassikers live vorgetragen wird. Diese Stimmen verbleiben, je nach Popularität, für zwei bis fünf Songs auf der Bühne und geben sich quasi die Klinke in die Hand. Abschließend wird noch etwas von allen gemeinsam performt. Der „Klassik“-Teil wird darüber hinaus durch Solo-Performances einzelner Orchester-Mitglieder oder durch ein mehr oder weniger klassisch anmutendes Orchesterwerk zwischen den Rock-Stimmen intensiviert.
Trotz diverser Ausreißer in Bereiche wie Pop oder Soul, bei denen eine fette Orchestrierung ja eher zur Regel als zur Ausnahme gehört, ist der heraufbeschworene Gegensatz, der hier nun zusammengefügt wird, am ehesten zwischen Rockband und Orchester spürbar. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mikro
versus alles von Trompete über Geige bis Oboe und Cello. Aufgeweicht wird dieser Kontrast bereits durch die Verwendung von
links: Teil des Rock meets Classic-Orchesters
Keyboards oder wenn die Stimmen von Rockbands auftreten, für die Keys und Synthies essentiell sind. Bands wie ULTRAVOX (Midge Ure war 2014 sowie 2016 dabei), PROCOL HARUM, TOTO, KANSAS, SUPERTRAMP, ASIA oder gar BARCLAY JAMES HARVEST, die alle personell bereits Teil des Festivals waren. Oder bei EUROPE. Deren Frontlocke Joey Tempest war schon häufiger auf diesen Touren am Start – augenscheinlich so erfolgreich, dass ihm auf dieser Abschiedstournee der Headliner-Status zuerkannt wurde.
Ich hasse EUROPE. Wie beschissen ich „The Final Countdown“ finde, ihr Signature-Stück mit der Keyboard-Tonfolge, die sich erbarmungslos in das Gehirn fräst und nicht vorhat, dieses in den nächsten Stunden oder gar Tagen zu verlassen, musste ich erst letztes Wochenende wieder feststellen, als im Finale
von The Voice Kids ein neun- oder 10-jähriger Teilnehmer das Stück zu seinem Beitrag auserkor. Warum ich mir das überhaupt angeschaut habe, möchte ich hier nicht unbedingt begründen. Als Zehnjähriger hätte ich solche
rechts: Rock meets Classic-Band mit Tom Naumann (l) und Alex Jansen (r)
Klänge vielleicht und unter gewissen Umständen ja auch gemocht, obwohl ich selbst das bezweifle. Als der Song 1986 erschien war ich jedoch bereits 21. Dieser Jahrgang bescherte Metal in allen verfügbaren Härtegraden, häufig vom Allerfeinsten. Und darüber hinaus alles mögliche, was mich weniger ärgerte als EUROPE. Letztlich ist das wie immer ja alles Geschmackssache, aber: Wo ist bei diesem Bombast-Tralala bitte der Kontrast zwischen Rock und Orchester? Oder: Wo ist hier überhaupt der Rock?
Als ich die Eintrittskarte kaufte, 122 Euro für einen Platz in der ersten Reihe, war von Joey Tempest in diesem Zusammenhang noch nichts zu lesen. Geworben wurde mit Michael Schenker, dessen Schaffen ich Einiges abgewinnen kann, sowie mit Ronnie Atkins, Leadsänger der dänischen Hardrock-Band PRETTY
MAIDS, die es, zumindest in ihrer Anfangszeit, schafften, kommerzielle Hardrock-Weisen und Balladen mit mitreißenden Stampfrock-Nummern zu verbinden. 1985 teilten sie sich die Bühne des Metal Hammer Festivals an der Loreley mit u. a.
links: Michael Schenker
WISHBONE ASH, METALLICA sowie VENOM und ja, das passte. Der Grund für den Kauf meines Tickets war in erster Linie, dass diese erfolgreiche Konzerttour, die bis ins Ausland expandierte und ebenso ein Gastspiel vor 80.000 Menschen beim Wacken Festival 2015 einschloss, nun in Rente ging und ich wenigstens einmal wissen wollte, ob ich all die Jahre zurecht meine Nase rümpfte über dieses Konzept, welches meiner persönlichen Auffassung von Rock’n’Roll diametral gegenüber steht. Schenker und Atkins waren dabei positive Entscheidungshilfen.
Als Grund für das Ende von Rock Meets Classic führt Hertlein in
rechts: Dirigent des Rock meets Classic-Orchesters
der Presse an, dass die große Ära des Classic Rock zu Ende geht. „Auch Rock-Legenden altern, werden krank oder sind bereits von uns gegangen. Es wird somit immer schwerer, ein gewohnt hochkarätiges Feld an legendären, tollen Musikern zu finden.“ Er wird wissen, wovon er spricht.
Die Kutten und Shirts in meiner Sitznachbarschaft verrieten Vorlieben vor allem für die später auftretende Tarja Turunen, Gründungsmitglied von NIGHTWISH und deswegen noch nie auf meiner Must-See-Liste. Ebenso konnte ich aus den Gesprächen um mich herum erlauschen, dass sich viele Anwesende bereits von ähnlichen Gigs kannten, teilweise sogar mehrere Stopps dieser Tour
aufsuchen würden. Besonders herzlich begrüßten sich diverse Frauen, die in verschiedenen Sprachen kommunizierten und von meinen Nachbarn als „der obligatorische EUROPE-Fanblock“ identifiziert wurden.
links: Tarja Turunen
Etwas irritiert war ich, als sich Anwesende, die höchstens halb so alt erschienen wie ich, über steigende Flugpreise mokierten, welche die Konzertbesuche in der näheren Zukunft erschweren würden. War da nicht mal was mit Flugscham aus Sorge um die Endlichkeit unserer planetaren Ressourcen? Juckt das niemanden mehr? Mir kann das ja alles egal sein, viel Zeit werde ich nicht mehr haben, aber Millennials und darunter: Ist Euch das wurst? Oder war das bloß ein Fensterblick auf diese Szene hier, welche mir zunehmend fremder erschien?
Als das Konzert pünktlich um 20 Uhr begann mit dem Einzug des Orchesters und dem darauf folgenden der Band, erschien mir das ganze Szenario noch suspekter. Ich war nie ein Freund von Coverbands, aber gerade sah ich eine, für 120 Euro, mit durchaus fähigen Musikanten. Identifizieren konnte ich bisher bloß Alex Beyrodt an der Gitarre, bekannt u. a. durch SINNER, PRIMAL FEAR
und SILENT FORCE; Tom Naumann an eben dieser (ebenso SINNER und PRIMAL FEAR), Alex Jansen am Bass sowie Alessandro Del Vecchio an Keyboard und Vocals, der u. a. bei SILENT FORCE Spuren hinterließ sowie
rechts: Tom Naumann, unten: Naumann und Alessandro Del Vecchio
in der Vergangenheit mit jedem Hard & Heavy-Musiker interagierte, der nicht bei Drei auf den Bäumen sitzt. Der Schlagzeuger sowie zwei Sängerinnen, die im Background unterstützten, sind mir namentlich nicht bekannt. Fähig waren sie alle. Trotzdem machte es keinen Spaß, als diese illustre Truppe plus Orchester „Paranoid“ von BLACK SABBATH darbot und maximale Ekstase einzufordern schien. Von einem Publikum, das komplett saß, diese „Ekstase“ trotzdem mit maximalem Mitgeklatsche darbot. So wie im Fernsehgarten oder bei Andy Borg. Jetzt machte das langsam auch Sinn mit der fehlenden Flugscham.
Eine Cellistin im wallenden, weißen Kleid sorgte flankierend zu dem Stück mit einem Solo für einen ersten Lichtblick. Damit war der „Classic“-Part fast abgehakt für den Rest des Abends, den ich mitbekam. Ronnie Atkins erschien daraufhin, eingeleitet, wie alle seine berühmten Kolleg*innen, mit einer
Begrüßung auf der zentralen Leinwand hinter dem Orchester. Zwei Stücke durfte er darbieten, „Future World“ sowie „Little Drops Of Heaven“, eine Ballade von 2010. Da war ich bei den
rechts und unten: Ronnie Atkins
PRETTY MAIDS längst schon draußen. Vielleicht übertreibe ich, aber ich hatte den Eindruck, Atkins war nicht einverstanden damit, dass nicht alle Anwesenden sofort aufsprangen und mitsangen. Dabei gaben sich doch alle klatschend so eine Mühe. Ich kannte die Nummer gar nicht, hoffte eigentlich auf „Red Hot & Heavy“ oder sowas; aber im Gegensatz zu denen, die ein Hochglanzprogramm erworben hatten in dem ganz genau aufgeführt wurde, wann welches Lied zu Gehör gebracht werden würde, konnte ich nicht mit diesem Song rechnen. Schwamm drüber.
Als nächstes beehrte uns Robert Hart mit seiner Anwesenheit. Seit 2011 ist er die Stimme von MANFRED MANN’s EARTH BAND, welche (mit Pausen) seit 1971 existiert. Studioalben hat der Brite, der in der Vergangenheit ebenso schon bei BAD COMPANY sang, mit dieser Formation nie eingespielt. Wenn eben dieser Hart also zwei Hits eben dieser Band darbietet, dann sind das Hits, mit
denen er kompositorisch nichts zu tun hatte. Ergo ist auch Hart, trotz seiner aktuellen Mitwirkung bei Manfred Mann, ein
links und unten: Robert Hart
Coversänger, wenn er Songperlen wie „For You“ und „Davy’s On The Road Again“ (mehr gab es nicht) feilbietet. Oder? Wenn schon nostalgische Gefühle (für viel Geld) heraufbeschworen werden, dann muss das auch passen, meiner Meinung nach. Tut es aber leider nicht mit Hart. Ich möchte Chris Thompson bei diesen Songs hören, der in der Vergangenheit ja auch schon bei Rock Meets Classic zugegen war. Ich habe die EARTH BAND leider nie gesehen. Sie tourt immer noch unermüdlich, aber mit dieser Stimme brauche ich das nicht, da reicht mir eine Coverband auf dem Frankfurter Museumsuferfest.
Weiter ging es mit Eric Martin – und es ist mir fast schon peinlich, das zu erwähnen, aber abgeholt haben mich seine drei Songs ebenso wenig. Was daran liegen kann, dass mir seine Stammformation MR. BIG vollkommen wumpe ist. Vielleicht der größte kommerzielle Erfolg von MR. BIG ist ebenfalls ein Cover, nämlich „Wild World“ von Cat Stevens. Band/Sänger, die mir egal sind covern
also einen Singer/Songwriter, den ich nicht ausstehen kann: Kein Wunder, dass das mit uns heute nicht funzte. Stimmlich gab es da allerdings zu meckern, der Mann kann schon was.
links: Eric Martin
Bevor Tarja Turunen mein Weltbild komplett ins Wanken brachte, gab es noch mal „Classic“ alleine vom Orchester. Dass ich das Stück erkannte verrät schon, dass es so klassisch nicht gewesen sein kann – doch ich zweifle keine Sekunde daran, dass die Filmscores von John Williams irgendwann als genauso hochwertig erachtet werden wie die Werke von Schostakowitsch, Strauss oder gar Bach. Ich glaube, es war die Overtüre von „Star Wars“, die das Orchester zu Gehör brachte – ein Stück, das am Ende eines Orchesterwerkes geschrieben wird, um alle folgenden Parts anzureißen, daher
jedoch quasi als Intro gespielt wird. „Star Wars“ ist durch seine zahllosen Fortsetzungen längst Kanon – alle anderen Soundtracks des Meisters sind jedoch ebenso empfehlenswert. Großes Kino war das, fast im Wortsinn.
rechts und unten: Tarja Turunen
Dann Tarja. Ja nun. NIGHTWISH waren mir immer relativ egal, aber: Wenn die Verbindung Rock bzw. Metal mit „Klassik“ Sinn macht, dann beim sogenannten „Symphonic Metal“. Und NIGHTWISH gehören zur Ursuppe dieses Genres, dessen Epigonen inzwischen längst die größten Hallen füllen. Die Finnin, die seit 2005 künstlerisch auf eigenen Füßen steht, rannte bei diesem Konzert (wie auf diversen Rock Meets Classic-Touren zuvor) offene Türen ein. Turunen ist eine Sopranistin, die Rockmusik spielt und ihren klassischen Background dabei
immer in die Wagschale wirft, durchaus auch pathetisch. Eigentlich gehöre ich da nicht zur Zielgruppe. Doch, oh Wunder: Von ihrer Darbietung war ich mehr als verzückt, erachtete ihren Auftritt als stimmig wie unterhaltsam und hatte dubioserweise überhaupt nichts zu meckern. Fünf Stücke gab es, zwei von NIGHTWISH, eines aus dem „Phantom der Oper“ und noch zwei, die wohl von ihren Soloplatten stammen. Ich war sehr angetan, zu meiner eigenen Verwunderung.
Aber eigentlich war ich ja wegen Michael Schenker hier, dessen erste vier MSG-Alben ich himmelhoch schätze und der ebenso bei UFO markante Spuren hinterlassen hat, wie man sie vor allem auf der Live-Doppel-LP „Strangers In The Night“ nachhören kann. „Rock Bottom“ – uff, was für eine Version. Um annähernd Geniales zu hören, hätte ich zwei Wochen vorher ins Frankfurter
Zoom pilgern müssen, wo der Meister mit seiner neuen Band ausschließlich UFO-Songs zockte. Der Rocks-Rezensent & Ehrenmensch Peter Engelking schreibt in seinem aktuellem Blatt dazu,
links: Michael Schenker; unten: Tom Naumann, Alex Jansen, Roberto Dimitri Liapakis, Michael Schenker
„dass der 71-Jährige noch immer wesentlich mehr Gefühl im kleinen Finger hat als manche seiner Kollegen in zwei Händen“. Tja. Für „Rock Bottom“ fehlt bei so einem Format wie hier natürlich die Zeit (elf Minuten auf dem Live-Album) – knackig kürzere Klassiker waren allerdings auch hier Pflicht. „Lights Out“, „Doctor Doctor“, „Only You Can Rock Me“ sowie „Love To Love“ wurden zelebriert; die Anwesenden mochten es. Ich ebenso. Thanks to Roberto Dimitri Liapakis, der selbstverständlich ebenfalls keine Originalstimme darstellt, aber das Ganze mehr als passabel zelebrierte. Ging hier ja auch primär um die Klampfe.
Als dann „Ladies & Gentlemen… would you please welcome… Mr. Joey Tempest“ zu hören war, war ich raus. Ich bahnte mir einen Weg durch den kreischenden, multinationalen Fanclub und hinterließ einen weiteren leeren Platz in der ersten Reihe – einige waren im Lauf des Abends gar nicht besetzt. Ich verpasste dadurch den Auftritt aller Beteiligten nach dem, was Tempest fabrizierte – das war mir allerdings lieber, als mich dieser Tonfolge hinzugeben, die mich beim bloßen Erwähnen schon halb in den Wahnsinn treibt.
Auf YouTube findet man diesen Clip, der das zum Schluss von allen performte „The Show Must Go On“ von QUEEN darstellt. Mal sehen, wie diese Show weitergehen wird. Veranstalter Hertlein spricht jedenfalls davon, „2027 mit einem ganz neuen Ansatz zurückzukommen“. Ich bin ein wenig gespannt.
Links: https://rockmeetsclassic.de/, https://michaelschenkerhimself.com/, https://tarjaturunen.com/, https://www.ericmartin.com/, https://www.facebook.com/RonnieAtkinsOfficial/, https://www.manfredmann.co.uk/, https://www.europetheband.com/
Text & Fotos: Micha
Clip: am Konzertabend aufgenommen von Sailormarinero
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