HOWE GELB

Zoom, Frankfurt, 27.06.2014

Howe Gelb„Hau-i“ ist falsch. Ich selber habe Howe Gelbs Vornamen immer so und damit falsch ausgesprochen. Dabei hatte ich nun wirklich genug Zeit, die korrekte Aussprache zu lernen. Howe Gelb macht seit knapp 30 Jahren Musik – am bekanntesten ist seine Band GIANT SAND, bei der er u. a. mit Joey Burns und John Convertino musizierte, welche später mit CALEXICO weit größere Erfolge einfuhren. An mehr als fünfzig Platteneinspielungen war er beteiligt – neben GIANT SAND und der personell aufgestockteren Version GIANT GIANT SAND erschienen zahllose Alben unter seinem Namen sowie Kollaborationen mit Künstlern wie Amparo Sánchez, Lucinda Williams, Vicki Peterson (Bangles), Cat Power und Ex-Sinkkasten-Stammgästen wie Steve Wynn und Chris Cacavas, kurz: die Créme de la Créme des alternativen Country, Folk, Paisley Underground und Wüsten-Singer/ Songwritertums. Auf Tour gesellen sich kurzfristig oft lokale Musiker dazu.

Bevor und nachdem das Frankfurter Zoom Sinkkasten hieß, beherbergte der Club in der Brönnerstraße oft Leute wie Steve Wynn; manchmal kam er, in wechselnden Formationen, auch mehrmals im Jahr vorbei. Seitdem der Laden Howe GelbZoom heißt, neu verputzt wurde und sich der besten Biersorten entledigte, die er einst anbot (seufz), spielen verstärkt „hippere“ Indie-Folker im Laden, Hip-Hopper und zu meiner Freude auch Brachialrocker wie SLIME oder OBITUARY, sehr schön. Allerdings vermisse ich diese Anlaufstelle für Americana und war deswegen hochgradig entzückt, dass Gelb nun dort auftreten sollte – nicht mein Howe GelbLieblingskünstler in dem Genre, aber eine beeindruckende Persönlichkeit, der man in meiner Welt respektvoll seine Aufwartung macht, wenn er sich zu Besuch niederlässt. Das sahen noch ein paar andere so, aber nicht annähernd so viele, wie bei den Ex-Kollegen von CALEXICO, wenn sie die Region bereisen und weit größere Hallen füllen. Da nützte leider auch der Hinweis nichts, dass dieser Freitag ein spielfreier Abend der Fußball-WM war.

Gabriel SullivanAls Begleitung und außerdem Vorprogramm hatte Gelb den ebenso wie er aus Tucson, Arizona stammenden Gabriel Sullivan (links) dabei, der, wegen anschließender Disco im Club, früher als von einigen erwartet die Bühne gegen 20 Uhr enterte. Leise und meist mit geschlossenen Augen intonierte er ein paar Songs, sprach bzw. nuschelte Gabriel Sullivanüber sein „The Crucible“- Projekt, welches (wenn ich es korrekt verstanden habe) beinhaltet, dass er jeden Tag einen Song schreibt, aufnimmt und zur freien Verfügung stellt, wenigstens eine Weile lang (näheres hier). Das Ganze hat wohl was mit den viel beschworenen, alternativen Vertriebswegen in der Musik zu tun und damit, dass keiner mehr Platten oder CDs kauft. Habe ich auch nicht, um ehrlich zu sein. Hätte man aber tun können. Die fragilen Folkstücke waren nicht übel, gewannen aber enorm, als sich nach und nach weitere Akteure auf die Bühne gesellten und ihren Teil zum Soundvolumen beitrugen.

Maggie BjorklundDie erste war die Steel-Guitar-Virtuosin Maggie Bjørklund (links). Die Dänin spielt in den Staaten mit Leuten wie John Doe (X), CALEXICO oder Mark Lanegan und ist vor allem Mitglied von Jack Whites Frauenbegleitband THE PEACOCKS. Zum jetzigen Zeitpunkt standen hier schon Hochkaräter auf der Bühne, mit deren Mitwirken man ruhig im Vorfeld hätte werben können, wie ich finde. Dann stieß ein gewisser Christof dazu, dessen Zunamen ich leider nicht verstanden habe (Ihr vielleicht? Checkt den gleich folgenden Clip): Noch eine dezente, erlesen nuancierte Gitarre dazu, wunderbar. Und dass erstmals an diesem Abend ein leichter Rhythmus am Schlagzeug zu erleben war ging auf das Konto des sich reinschleichenden Meisters himself: Howe Gelb schlug ein paar

zarte Rhythmen und nahm nach diesem Song den Platz in der Mitte der Bühne ein. Es war halb 9, der Übergang vom Vor- zum Hauptact verlief mehr als geschmeidig. So sehr, dass man an der Tür die später erschienenen (weil sich an den sonstigen Einlasszeiten des Zoom orientierenden) Gäste mit der Aussage beruhigte, „dass da noch die Vorband spielt“. Weit gefehlt.

Howe GelbDas erste Drittel der knapp 90 folgenden Minuten war das für mich musikalisch interessanteste, weil von drei superben Gitarren veredelt (Christof oder Christoph war schon wieder weg, sonst wären es vier gewesen). Mr. Gelb intonierte ein Stück, sinnierte und kam dann zu dem Schluss, das jetzt dasselbe Lied noch mal kommen müsse. Allerdings mit anderer Melodie. Und anderem Text. Alle hingen der beeindruckenden, piekfein gestylten Figur an den Lippen (einschließlich der Mitmusikanten); es wurde entspannt und erlesen dargeboten und wirkte sehr spontan, was es wahrscheinlich gar nicht war. Songs von Gelb habe ich kaum bis gar nicht im Ohr, die aktuelle Scheibe „The Coincidentalist“ habe ich mir vor dem Konzert Howe Gelbeinmal angehört und fand sie ganz nett; hängen blieb da aber bei mir noch nichts. Mit diesem Urteil stehe ich übrigens ziemlich alleine da – Kritiker von Rolling Stone und Frankfurter Rundschau haben für das Werk nichts übrig, trotz aller Bewunderung für Gelb. „It’s Friday Night“ stellte Gelb mehrmals fest und orderte dazu ein kaltes Bier – dann darf man ja wohl mal. Mir gefiel es, wenn der Gitarrensound etwas eruptiver wurde – reizvoll illuminiert und mit Massen an übel riechendem Qualm unterlegt hatte das schon was von einer Messe WATAIN’schem Ausmaßes (minus der Sauerei). Ob Songtitel wie „Robes of Bible Black“ und der häufige Blick nach oben etwas mit einer religiösen Orientierung zu tun haben, entzieht sich meiner Kenntnis, kann aber ganz und gar nicht ausgeschlossen werden.

Zweites Drittel: Bjørklund verlässt die Bühne, Gelb setzt sich ans Keyboard und Sullivan ans Schlagzeug. Dieses Drittel hatte für mich etwas von einer öffentlichen Probe. Sullivan musste genau aufpassen, was Gelb da so treibt – der erzählte viel, spielte eine verspulte Version von „House of the Rising Sun“ und unterstrich damit sein Credo, dass Musik sich verändern muss („Music in its most pure form is in a state of evolution constantly. I believe that whatever you are doing, however you are playing, it has to keep Howe Gelbchanging. It is always on its way somewhere. Whatever the music wants from you it will apply itself through you.”, Zitat von Gelbs Homepage). An Randy Newman fühlte ich mich erinnert, ein wenig auch an Tom Waits. Der Kollege von der FR musste an Zappa und an dessen Epigonen Helge Schneider denken. Alles große Individualisten und Charakterköpfe, weswegen das auch alles passt. Und eben auch nicht.

Drittes Drittel. Sullivan bleibt an den Drums, Bjørklund kehrt zurück und verzaubert uns noch ein wenig mit ihrer Steel-Guitar. Nach 15 Minuten ist Schluss, die schätzungsweise 100 Gäste rufen das Trio aber noch mal zurück, und es werden weitere 10 Minuten gewüstenrockt. Am Ende bedankt sich Gelb und stellt seine Mitstreiter vor; zuletzt sich selbst: „I’m Howe“. Klingt wie Ho-u. Merk ich mir jetzt.

Der anschließende Publikumsaustausch (Country-Fans um die 45 raus, Dancehall-Fans um die 20 rein) illustrierte sehr schön die Entwicklung vom Sinkkasten zum Zoom. Tja, alles verändert sich. Wenn, wie heute, die Brücken zu den Wurzeln nicht nur dieses Clubs offen bleiben, ist das auch alles sehr begrüßenswert. Nur über das Bier sollten wir echt noch mal reden…

Links: http://gabrielsullivanmusic.com/, https://myspace.com/gabrielsullivan, http://www.reverbnation.com/thetarafdetucson, http://www.lastfm.de/music/Gabriel+Sullivan, http://howegelb.com/, https://myspace.com/howegelb,http://www.lastfm.de/music/Howe+Gelb


Text, Fotos & Clips: Micha

Alle Bilder:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Kommentare deaktiviert für HOWE GELB

Filed under 2014, Konzerte, Videoclips

Comments are closed.