Posthalle, Würzburg, 20.12.2025
Ein Metal-Festival, vier Tage vor Weihnachten im knapp 100 Kilometer von Frankfurt entfernten Würzburg. Auf dem Billing stehen sieben Bands – drei davon interessieren mich, zwei davon brennend. Eine ist mir relativ egal, drei kenne ich nicht. Also gar nicht – Namen noch nie gehört und nie in der nach wie vor von mir viel gelesenen Metal-Presse bemerkt. Der Jahresendspurt bei der Arbeit sitzt mir jedoch in den Knochen, ein/e Kolleg*in nach der anderen verschwindet dabei krankheitsbedingt in das vorfestliche Chaos, welches ja so „besinnlich“ zu sein hat. Soll ich mir das wirklich geben? Ich denke schon. Nicht nur wegen der drei für mich interessanten Bands, sondern ebenso ein wenig aus nostalgischen Gründen: Das leider nicht mehr existente Festival Hammer Of Doom wurde oft und gern von mir dort besucht (einige Reviews dazu findet Ihr in diesem Blog). Und: Durch seine Lage direkt am Würzburger Hauptbahnhof ist
das Festival für mich sehr gut mit dem Zug zu erreichen.
Da der Dezember 2025 so frühlingshaft die Natur narrt, das einige Sträucher schon wieder zu blühen beginnen, ist darüber hinaus nicht zu befürchten, dass Kälte das Gerät der Deutschen Bahn überfordert. Bleibt noch ein Blick auf die Running Order: Da der letzte ICE nach Frankfurt gegen 23 Uhr Würzburg verlässt, wäre es blöd wenn eine der Bands, auf die ich am heißesten bin, dann gerade erst anfängt. Aber auch da habe ich Glück, Headliner sind die Finnen INSOMNIUM. Die verpasse ich nicht zum ersten Mal, was mir nichts ausmacht. Hauptsache, ich kann das Heimspiel von DER WEG EINER FREIHEIT sehen, die ich dieses Jahr in Wiesbaden wegen Krankheit ausfallen lassen musste. Also auf geht’s in die Poha, wie die seit Jahren vom Abriss bedrohte Posthalle genannt wird – mein erstes Mal seit 2019.
Abgesehen von der Sitzplatzreservierung ging bei der Hinfahrt alles gut. Da ich an die Verköstigung in der Poha weniger schöne Erinnerungen hatte (2019 war ich zum Glück noch nicht vegan), stopfte ich mir ein paar Spinatteile vom Backwerk am Bahnhof in die Tasche, die aber am Eingang bereits zerkaute Geschichte waren.
Dvalin
Die ersten drei Bands des Festivals, um die es in diesem ersten Teil des Berichts zum Skaldenfest geht, waren die mir komplett unbekannten. DVALIN um den Festival-Veranstalter Marcus „Muscus“ Deschler (danke an dieser Stelle für den Fotopass) begannen. Sie spielen ebenso wie die anschließend performenden ŪKANOSE Pagan Metal. Ein stilistisch sehr weites Feld, in dem ich mich hörtechnisch kaum noch aufhalte und in dem von Kult bis Katastrophe meiner
Meinung nach alles zu finden ist. Ich hatte also durchaus die Befürchtung, heute einiges, ähm, nicht so gut zu finden und um Formulierungen ringen zu müssen, die weniger respektlos und in diesem Fall sogar fast undankbar wirken würden. Sorgen, die recht schnell während des Auftritts des Würzburger Openers verflogen.
Das Festival-Konzept, das auf Pagan- sowie Black Metal fußt, in seiner knapp 10-jährigen Geschichte jedoch immer mal wieder Ausreißer in andere Genres, vor allem in den Melo-Death hatte, kulminiert in dem Sound des Sextetts, welches auf dem offiziellen Bandfoto sieben Mitglieder zählt, laut Metal Archives aber nur zu fünft spielt. Harte, teils breaklastige Riffs, die vom Dudelsack eher unterstützt als kontrastiert werden, laden mehr
zum kompromisslosen Abschädeln oder Slamdancen als zum fröhlichen Ringelreihen ein. Selbst zarte Ausreißer in Richtung Prog-Metal kann man auf der 2016 veröffentlichten LP „Aus dem Schatten“ und der EP „Ravenous Dreams“ (2023) genießen, die beide in diesem Zusammenhang von mir sehr empfohlen werden. Doch obacht: Auf einigen Streamingdiensten findet man unter dem gleichen Namen auch komplett KI-generierte Werke.
DVALINs neuem Sänger Simon war die Nervosität anfangs noch anzumerken, als die Posthalle sich langsam füllte, die Fans in den ersten Reihen allerdings bereits ordentlich Alarm machten. Muscus wechselte während DVALINs knapp 40-minütiger Spielzeit zwischen Dudelsack und Keyboard und verbrannte wie seine immer exzessiver spielenden Kollegen an den Saiten einige Kalorien. Am
Ende kam Max Macharowsky von den Würzburger Black Metallern DAGDRØM als Gast auf die Bühne, der in der Vergangenheit schon mit DVALIN auf dem Podest stand und dessen exzellentes Schaffen hier entdeckt werden kann. Ein Einstand nach Maß, meiner Meinung nach. Ein Interview mit Muscus, in dem die Geschichte des Skaldenfest für Neulinge wie mich zusammengefasst wird, findet man in einer sehenswerten Dokumentation des Konzerttags (hier), bei der nur das völlige Fehlen von DER WEG EINER FREIHEIT etwas irritiert.

Schunkeliger wurde es dann bei der zweiten Band des Tages, ŪKANOSE aus Vilnius (Litauen), 2012 gegründet von Gitarrist Linas Petrauskas. Im Line-Up des Septetts gab es über die Jahre einige Veränderungen – Sänger Jokūbas Giedraitis ist seit 2018 am Start, seine zur Rechten wie zur Linken vokal unterstützenden Mitstreiterinnen Dominyka Šeibokaitė (plus Flöte) sowie
Simona Lukaševičiūtė (plus Geige) erst seit 2025.
Ükanose
Und doch flutschte das Zusammenspiel vortrefflich, als würden sie das bereits seit Jahren so machen. Begann der Soundcheck, bei dem jede/r Musizierende mit „Up! Up!“ lautstark mehr Hörbarkeit forderte, etwas kauzig, so überzeugten ŪKANOSE während ihrer 45 Minuten Spielzeit komplett mit Lebensfreude und Hingabe, die, nach etwas angespanntem Beginn, zu einer Folk-Rock-Party par Excellence mutierte. Musik, die mit einigen Bier mehr intus zum Headliner der Herzen hätte avancieren können, doch dazu war es schlicht zu früh. Da die folgenden Formationen alle musikalische Spielereien weit komplizierterer Art feilbieten würden, wäre ein früher Halb- bis Vollsuff mehr als kontraproduktiv gewesen.
Die Anspannung erklärt sich wohl auch durch die Anwesenheit der Fotografierenden im Graben, die naturgemäß bei den ersten drei Liedern stattfand. Danach tauten eigentlich alle Protagonisten des Tages merklich auf und wurden lockerer. Dankenswerterweise durften wir aus dem Publikum heraus weiter fotografieren. „Do you know CORVUS CORAX?“ fragte Giedraitis zum Schluss, inzwischen in arger Feierlaune, und präsentierte mit seiner Crew anscheinend eine Coverversion von diesen. Hätte es gar nicht gebraucht, um einen Eindruck zu hinterlassen. Aber gut.
Die dritte Band des Tages (und die letzte, bei der ich überhaupt keine Vorstellung hatte, was auf mich zukommen könnte) waren COUNTLESS SKIES aus Hertfordshire in England. Ein Quartett, existenzialistisch leger schwarz gekleidet, mit sehr warmer und freundlicher Ausstrahlung. Das lag vielleicht daran, dass sie auf dem Skaldenfest keine Unbekannten waren – bereits 2018 sorgten
sie in der damaligen Spielstätte, dem B-Hof, für akustische Erweiterungen des Profils, sehr zu ihrem sowie dem Gefallen des Publikums.
Countless Skies
Die bekennenden Fans des Headliners INSOMNIUM benannten sich nach einem Song der Australier BE’LAKOR und spielen einen Melo-Death, dessen besondere Originalitäten sich nicht sofort erschließen. Man mag solch einen Sound entweder oder nicht – ich habe mit solch einem Grundgerüst kein Problem, bin aber schnell gelangweilt. Nicht jedoch von COUNTLESS SKIES, was verschiedene Gründe hat: Zum einen die stimmige Dynamik zwischen Melancholie und Raserei, welche recht originell wie überzeugend dargebracht wird; zum weiteren die Gitarrenarbeit, die sehr
interessante Nuancen offenbart, wie man sie eher im Postrock, im Black Metal oder sogar im Jazzrock verorten würde. Außerdem die vokale Aufteilung von Ross King (Growls, Gitarre, Wasser) und Phil Romeo (Klargesang, Bass, Bier). Romeo singt dabei nicht einfach nur klar, sondern wie ein Epic-Metal-Sänger, was den Naturthemen der Band noch mal eine Extraportion Pathos verleiht. Das versunkene Gitarrenspiel von James Pratt war obendrein eine absolute Klasse für sich.
Dieses waren meine Eindrücke zu den ersten drei Gruppen beim Skaldenfest, das mir bisher großen Spaß machte und eine Formation präsentierte, die sogar das Zeug zu einer neuen Lieblingsband hat. In Teil 2 stehen die Acts an, wegen denen ich eigentlich nach Würzburg gefahren bin: DISILLUSION, SYLVAINE und DER WEG EINER FREIHEIT. Diesen Konzertbericht findet Ihr hier.
Links: https://dvalin-band.com/, https://www.facebook.com/Dvalinmetal/, https://www.instagram.com/dvalinofficial/, https://dvalin.bandcamp.com/music, https://www.facebook.com/Ukanose/, https://www.instagram.com/ukanose.band/, https://ukanose.bandcamp.com/, https://www.countlessskies.com/, https://www.facebook.com/CountlessSkies/, https://www.instagram.com/countless.skies/, https://countlessskies.bandcamp.com/music
Text & Fotos: Micha
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