PIG SWEAT, THE MELMACS, EA80

Au-Sommerfest, Frankfurt, 6.06.2026

EA80Hier nun der zweite Teil unserer Berichterstattung zum traditionellen Sommerfest der AU im Frankfurter Stadtteil Rödelheim. Nachdem wir in Teil 1 unsere Eindrücke zu den Bands DAS HUHN, SHITSHOW und THE DEAD END KIDS geschildert haben (zu lesen hier), geht es in diesem Post um PIG SWEAT, THE MELMACS und den Headliner EA80 (Foto links). Das Gelände hatte sich im Verlauf der ersten Hälfte des Festivals stetig weiter gefüllt, der Run auf die ausschließlich veganen Speisen war ungebrochen. Unkenrufe, es würde gegen 20 Uhr böse was vom Himmel kommen, erwiesen sich als nicht zutreffend: Es gab einen kurzen Nieselregen, und das wars auch schon. Wieder mal Schwein gehabt, und das im zweiten Jahr in Folge.


Als vierte Band des Abends enterte die Schweizer Formation PIG SWEAT die Bühne, die nicht zum ersten Male in Frankfurt gastierte. Im September 2025 zerlegten die Jungs bereits den Dreikönigskeller und empfohlen sich dort vermutlich für den gestrigen Auftritt beim AU-Fest. Das Quartett stammt aus Pig SweatBern, einer Stadt, die als augezeichnetes Pflaster für dreckigen Punk, Garage und Rock’n’Roll gilt, sind dort doch auch der grandiose Reverend Beat-Man und sein Label Voodoo Rhythm angesiedelt.

Pig Sweat

Doch Bern scheint noch mehr zu bieten zu haben, denn mit den genannten Stilen haben PIG SWEAT wenig am Hut. Geboten wurde vielmehr klassischer 80s-Hardcore, der sich im brachialen Gewand früher amerikanischer East-Coast-Acts, allen voran AGNOSTIC FRONT, WARZONE und CRO-MAGS präsentierte. Der Vierer scheint die Tradition dabei nicht nur musikalisch zu leben, sondern auch inhaltlich.

Pig SweatSo könnten die Cover-Artworks der bisherigen zwei Longplayer tatsächlich auch von nihilistischen New Yorker Formationen jener Tage stammen. Und wenn selbst das US-Magazin Maximum Rocknroll die Schweizer mit den Worten „Energy level cranked to ten“ beschreibt, dann darf dies durchaus als Ritterschlag verstanden werden. PIG SWEAT waren ohne Zweifel die härteste Band des Festivals und trieben mit ihrem energetischen Abrisscore das Publikum zu Höchstleistungen.

Pig SweatMehr Action auf und vor der Bühne sollte man an diesem Abend nicht mehr erleben. Hinter der Schießbude saß übrigens ein alter Bekannter – Juli, der Shouter von NASTY RUMOURS, die 2024 Teil des AU-Festes waren. Unterm Strich hinterließen die Eidgenossen einen Eindruck, der dem einer Abrissbirne gleichkam: Die Zuschauer wurden voll erwischt und waren danach erstmal platt. Aber noch gab es ja Äppler an der Theke, der half, Geist und Körper wieder zu beleben. Auf zum nächsten Act…

Pig Sweat

Es ist selten, dass eine Gruppe, die im vorletzten Slot eines AU-Sommerfestes spielt und bei der daher ein gewisser Bekannheitsgrad vorausgesetzt werden kann, komplett an mir vorbeigelaufen ist. Tatsächlich hatte ich von THE MELMACS noch nie gehört. Das Quartett aus Dresden und Leipzig bezeichnet The Melmacsseine Musik selbst als „Power-Pop-Punk“ und hat im April 2026, also just vor zwei Monaten, einen neuen Tonträger mit dem Titel „Euphancholia“ vorgelegt.

The Melmacs

Er ist der zweite Langspieler nach dem Debüt „Good Advice“ (2022) und einigen (überwiegend digitalen) Singles. Klappt man die Innenseite des Gatefold-Covers der neuen LP auf, prangt dort der große Schriftzug „Sending Love and Hugs Your Way“. 

Und so langsam wird mir klar, warum ich die muntere Truppe, die ebenso wie zuvor DAS HUHN, die SHITSHOW und THE DEAD END KIDS mit einer quirligen Sängerin aufwartet, bisher verpasst habe. Bimmi (Gesang und Keys), Remo (Gitarre), Max (Bass) und Connie (Schlagzeug) sind einfach extrem The Melmacssympathisch, nett und konziliant. Für ältere Menschen wie mich, die mit Punk-Acts wie SLIME, DAILY TERROR, GBH und EXPLOITED aufgewachsen und da einfach auch ein bisschen kleben geblieben sind, ist das eine andere Welt. Vorbei sind die Gigs, bei denen für die Liedtexte eine „Parental Advisory“ benötigt und auf die Bühne oder ins Publikum gerotzt wurde – das erlaubt sich heute kaum noch eine Band, auch nicht in der AU. Hugs & Kisses? Dafür wäre man früher gelyncht worden.

The Melmacs

Andere Zeiten also, glitzernde und herzliche. Das Publikum auf dem Festival war weniger unwissend als ich und so hörte ich schon vor Beginn der Show, das sich die ein oder der andere extrem auf den Auftritt der 2018 gegründeten Combo freute. Und in der Tat sind deren Lieder wie „The Tide is High“ (als Opener des gestrigen Gigs The Melmacsund außerdem der erste Song des brandaktuellen Albums), „Lazy Hearts“ und „Run For Your Life“ (die Gleichheit des Namens mit dem Klassiker der CREEPSHOW ist rein zufällig) echte Stimmungsbringer und es dauerte nicht lange, bis der Großteil der Gäste vor dem Podest heftig seine Gliedmaßen schüttelte. Von der ersten Platte überzeugten im ein Dutzend Stücke umfassenden Set unter anderem „Watch Out“ und gegen Ende „Stage Fright“ (zu deutsch: Lampenfieber“). 

The MelmacsVon Letzterem war dem Quartett nichts anzumerken: Sängerin Bimmi strahlte eine ansteckende Fröhlichkeit aus, da konnten sich die Jüngeren im Publikum auch dazu hinreißen lassen, in die Hocke zu gehen (Foto in der Slideshow unten) – manch einer der etwas betagteren Festbesucher ließ das dann doch lieber sein. Auch dem Stagediving wurde gefrönt, und was gibts Schöneres bei einbrechender Dämmerung unter freiem Himmel? Insgesamt ein mitreißender Auftritt der sächsischen Formation. Ist es schade, auf THE MELMACS erst jetzt aufmerksam geworden zu sein? Vielleicht schon. Aber um solche Bands kennenzulernen, haben wir ja zum Glück das AU-Fest. Danke an dieser Stelle an das Orga-Team für die neuerliche Horizonterweiterung.

The Melmacs

Als Headliner durften wir uns diesmal über eine Legende freuen: Die Mönchengladbacher Deutsch-Punks EA80, gegründet 1979 und somit bereits seit 47 Jahren aktiv, gaben sich die Ehre. Kurz vor dem Konzert fragte mich eine Freundin: „Wie stehst Du zur Band? Es gibt nur zwei EA80Möglichkeiten – entweder man liebt sie oder man hasst sie!“ Meine Antwort dürfte sie enttäuscht haben, denn ich stehe EA80 weder positiv noch negativ gegenüber.

EA80

Für mich sind sie so etwas wie dieser unscheinbare Cousin, der immer zu Familienfeiern eingeladen wird und bei dem man sich im Nachhinein fragt, ob er überhaupt anwesend war. Soll heißen, ich habe gar keinen Bezug zu EA80, habe immer mal versucht, mit ihnen warmzuwerden, gelungen ist es mir aber nie. Vielleicht liegt es ja daran, dass die einzige Scheibe des Quartetts, die sich in meinem Besitz befindet, das Debütwerk „Vorsicht Schreie“ aus dem Jahre 1983 ist, auf dem eine Mischung aus Neue-Deutsche-Welle-Sound und Indie-Rock dargeboten wird, die mich EA80nicht dazu verleitet hat, die Truppe aus NRW weiter zu verfolgen.

Der jüngste Longplayer „Stecker“ (2024), in den ich als Vorbereitung für den Auftritt reingehört hatte, gefällt mir allerdings recht gut, bietet er doch schnelle, aggressive Punk-Songs, die mit viel Wut im Bauch aufwarten und so gar nichts mit dem frühen Schaffen zu tun haben – abgesehen von den melancholisch-philosophischen Texten, die eines der Markenzeichen von EA80 darstellen.

Dies ist etwas, das man der Band zugutehalten muss, sie ist immer ihren eigenen Weg gegangen, ist nie auf den Zug des oftmals plump-plakativen Deutsch-Punk aufgesprungen und hat mit ihrem melancholischen Sound und den dazu passenden Lyrics bereits früh ein eigenes Genre im deutschsprachigen Punk EA80geschaffen. Ebenfalls sympathisch ist, dass EA80 bis heute ihrer DIY-Attitüde treu geblieben sind: Das Quartett veröffentlicht seine Tonträger in der Regel im Eigenvetrieb, es gibt kein Merchandise, keine Werbung, Interviews sind rar und die Setlist ist bei jedem Gig eine andere.

Mit ihrem Depri- oder Melancholie-Punk haben sie gar viele andere Formationen beeinflusst, die bekanntesten darunter dürften FLIEHENDE STÜRME, MUFF POTTER und die BOXHAMSTERS sein – alles Gruppen, mit denen ich ebensowenig anfangen kann. Dann doch lieber das Original hören und diese Chance ergab sich nun beim AU-Fest. Und der Auftritt der Veteranen hat EA80Spaß gemacht. Außer „Vergoldet“ und „Kaum Widerstand“ – beides Lieder vom erwähnten Album „Stecker“ – wusste ich zwar keinen der Songs einem Album zuzuordnen, doch die Setlist präsentierte sich äußert abwechslungsreich: Schnelle, aggressive Tracks wechselten sich mit melancholisch-finsteren ab, hier und da wurde auch mal theatralischer Sprechgesang eingesetzt, der ein wenig an die pathetischen Lieder von Achim Reichel erinnerte.

EA80

Passend dazu schwebten im Halbdunkel glänzende Seifenblasen über das Publikum, die von einem der Zuschauer erzeugt wurden. Für die anwesenden Fans von EA80 war all dies sicher großes Kino, denn allzu viele Gelegenheiten, das Quartett zu sehen gibt es nicht. Mir gefielen vor allem die schnellen Songs EA80und die Tatsache, dass Frontmann Junge die Lyrics nicht nur gesungen, sondern auch mit einer imposanten Theatralik zum Besten gab, die sich auch aufs Publikum übertrug. Hat mich der Auftritt zum Fan von EA80 gemacht? Sicher nicht, aber ich bin froh, dass ich eine für die deutsche Punk-Szene wichtige und einflussreiche Band noch einmal live erleben durfte. Insofern war der Headliner des AU-Fests diesmal hervorragend gewählt.

EA80Schade war, dass die Theke bereits um Eins dicht machte, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass es von Jahr zu Jahr immer schwieriger wird, Freiwillige für Theke und Einlass zu finden – die Leute werden eben nicht jünger. Wer schlau war, hatte sich rechtzeitig vor Thekenschluss mit einigen Bieren eingedeckt (der Äppler war bereits früh alle) und blieb noch einige Stündchen. Unterm Strich war es einmal mehr ein gelungenes Fest mit einem abwechslungsreichen Lineup und der gewohnt angenehmen Atmosphäre. Wir sehen uns 2027!

Links: https://www.instagram.com/pigsweat_hc/, https://pigsweat.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/TheMelmacs/, https://www.instagram.com/themelmacs, https://themelmacs.bandcamp.com/, https://www.youtube.com/@themelmacs, https://www.facebook.com/EA80.de, https://ea80.net/ (Fanpage)

Text (Pig Sweat, EA80) & Fotos (4): Marcus
Text (The Melmacs) & Fotos (18): Stefan
Fotos (27): Torsten, @toddecore53
Fotos (4): Caren
Clip: am Konzertabend aufgenommen von the live fd

Alle Bilder:

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