Das Bett, Frankfurt, 28.09.2025
Hasserfüllte Soundbatzen mit provokanten Inhalten gibt es im Black Metal zuhauf – vereinnahmt längst vom Feuilleton, etabliert selbst in den Mainstream-Medien. Vom Fandom werden extreme Inhalte gleich welcher Art schulterzuckend zur Kenntnis genommen, mit etwas Glück werden Nazibands ignoriert bis abgelehnt, oft jedoch noch nicht einmal das. „Aber die Musik ist doch so geil“, jaja, lasst stecken. Heavy Metal wird in der Selbst-Wahrnehmung der Protagonisten als „rebellisch“ wahrgenommen, trotzdem, obwohl kaum am Status Quo gerüttelt wird. In großen Teilen des gorigen Death Metal gehört es zum „guten“ Ton, dass Frauen in den Texten massakriert, gefoltert oder vergewaltigt werden – CANNIBAL CORPSE füllen mit diesem Konzept nach wie vor die größten Hallen und sonnen sich im Ruhm indizierter Scheiben. Sind dabei alles nette Jungs, ist doch nur Spaß.

Toxizität, ausschließlich männliche, dominiert das Genre wie die gesamte Gesellschaft und bildet damit den Mainstream genauer ab, als die Pseudo-Rebellen es wahrhaben wollen. Dass einige der Protagonisten der ersten sowie zweiten Black Metal-Welle sich als Personen verändert haben und weniger elitär oder rigide auftreten als früher kann man als Verwässerung abtun oder als
Entwicklung begrüßen. Dasselbe gilt für neu entstandene Strömungen, die sich nur noch musikalisch beeinflussen ließen und andere, inkludierende oder introvertiertere Inhalte anbieten. Der Schock, der Aufschrei, der Skandal bleibt dabei jedoch aus. Kann man bedauern, muss man aber nicht. Dann kamen WITCH CLUB SATAN.
Drei Frauen aus Norwegen – dem Land, in dem zur Blütezeit des Black Metal Kirchen brannten und Szene-Protagonisten durch Menschenverachtung oder Mord glänzten. Drei Frauen, die rohen, aggressiven, stark Punk-beeinflussten Black Metal zocken, der musikalisch an die frühen Veröffentlichungen der Landsleute von MAYHEM anknüpft. Dabei spielt wahrscheinlich eine Rolle, dass Victoria F. S. Røising (Bass), Nikoline Spjelkavik (Gitarre) und Johanna
Holt Kleive (Schlagzeug) wohl erst kurz vor der Bandgründung anfingen, das Spiel ihrer Instrumente zu lernen. Vor allem jedoch: drei Frauen.
Inhaltlich könnte der Kontrast zu beispielsweise MAYHEM kaum größer sein: WITCH CLUB SATAN sehen sich als Hexen. Im Gespräch mit Christina Wenig im Diffus (Oktober 2024) führt Roising dazu aus: „Eine Hexe zu sein, bedeutet für mich, frei von den gesellschaftlichen Erwartungen zu leben, was oder wie eine Frau sein sollte. Es ist eine Person, die das Bild zerstört, dass das Patriarchat von Frauen zeichnet – unabhängig von Gender.“ WITCH CLUB SATAN sind in ihrem Anspruch dabei (im Gegensatz zu den musikalischen Großvätern) nicht elitär. Das Bad im, bzw. auf den Händen des Publikums zum
Ende eines jeden Gigs verdeutlicht, dass WITCH CLUB SATAN sich als Teil einer Menge begreifen, in Solidarität miteinander gegen die Mächtigen des Patriarchats. Im Kleinen wie im Großen (dazu später mehr).
Die Gatekeeper spucken dabei Gift und Galle. In der Rezension ihres selbstbetitelten Debüt-Albums auf Metal Archives wird dem Trio vorgeworfen, 1000 mal Gehörtes zu reproduzieren; die Texte dabei gehässig auseinander nehmend. Texte, die genrekonform durchaus blutig sind. Allerdings sprechen wir hier nicht über das Blut irgendwelcher fabulierter Feinde, sondern von Menstruationsblut. Immerhin ein ständig wiederkehrendes Thema für fast die Hälfte der Menschheit. „Dieses Album ist für Leute, die Black Metal hassen“
schließt der Rezensent, „und die sich bloß dessen Ästhetik aneignen wollen.“ Ein Vorwurf, den man(n) als bösartiger Mensch gern der Sängerin und Songwriterin Natalie Mering machen könnte, die als WEYES BLOOD agiert und deren Merch mit ebendieser Ästhetik spielt. Wenn man nichts Sinnvolles zu tun hat. Bestimmt aber niemandem, der hochgradig aggressiv sowie gegen alle Konventionen selbstverwirklichend handelt und dazu ein klares Feindbild hat. Das ist nämlich Black Metal as fuck.

Was für ein Vorprogramm präsentiert man vor so einem Spektakel? Ein lokaler Act sollte es wohl sein (check). Einer, der musikalisch zum Headliner passt? Gelang eher weniger. Einer, der ideologisch zum Headliner passt (check). Die Ehre ging an Johanna Amberg (Gesang & Bass) und Robin Lexow (Gitarre,
Programmierungen) aka LATEX. Das Darmstädter Duo spielt Post-Punk oder wavigen Rock im Stile der 80er und gibt THE CURE, X-MAL DEUTSCHLAND sowie COCTEAU TWINS auf ihrer Bandcamp-Seite als Referenz an. Von mir verstandene Textfragmente wie „I wear my lipstick like warpaint“ lassen eine Geistesverwandtschaft zum Headliner vermuten.
Ambergs Vortrag und die abwechslungsreichen, stimmigen Gitarreneinsätze Lexows machten zumindest mir extrem gute Laune, weil ich diese Art von Musik sehr schätze und diese originell wie eigen präsentiert wurde. Ein Tape musste mit heim („Defective“, 2025), es enthält vier Songs die ich hiermit uneingeschränkt empfehlen möchte. Hätten zwei Tage vorher gut ins Vorprogramm von DRANGSAL gepasst, das ist
jedoch ein anderes Thema. LATEX kamen trotz stilistischer Andersartigkeit gut an beim Publikum, das aber in der Mehrzahl nicht mit einem Vorprogramm gerechnet hatte und heiß war auf den Hauptact. Wusste auch Amberg: „Gleich kommen WITCH CLUB SATAN. Ich glaub, das wird geil.“
Und ja, das wurde es. Mit recht merkwürdigen Kopfbedeckungen und freien Brüsten, deren Warzen zugeklebt waren, stolzierten die Protagonistinnen des Abends nach ewig langem, doomigen Synthie-Intro sowie mit duftendem Räucherwerk in den Händen im roten Fast-Dunkel auf die Bühne, das Räucherwerk dabei an Menschen in den ersten Reihen verteilend. Ich nehme an, dass diese es hätten weitergeben sollen, aber mein punkiger
Nachbar sah das wohl anders und behielt das Lichtlein für sich. Shows, die sich „Ritual“ schimpfen, können nicht mehr ohne sowas. Das ist wohl das „Okkulte“ im Konzept von WITCH CLUB SATAN.
Die Hexen beginnen nachvollziehbar mit „Birth“ vom bisher einzigen Album. Die Musik ist astrein, wenn man traditionellen Black Metal mag – ungewöhnlich sind in diesem Kontext jedoch die theatralischen Momente, die sich in diesem ersten von drei Teilen (wenn nicht sogar: Akten) Bahn brechen durch zum Beispiel die lange Erzählung über eine Meerjungfrau. Die Akteurinnen sind im Nebel nur partiell zu erhaschen, die Schlagzeugerin bleibt meist unsichtbar. Aber: es sind vier, nicht drei. Im späteren Verlauf wird der Name des Gastes enthüllt, mir blieb er aufgrund meines schlechten Hörvermögens (Metalfan, hallo?) verborgen.
Im zweiten Akt mehrt sich der Nebel, die Kopfbedeckungen (die mich ein wenig an die Hauben aus der inzwischen fast schon wahr gewordenen Dystopie „The Handmaid’s Tale“ erinnern) verschwinden, die Textilien fallen komplett. Etliche Fotografen (alles Männer, ich bin einer von ihnen) knipsen, was das Zeug hält.
Ist ja auch schwer, bei dem Nebel ein gutes Bild zu bekommen. Trotzdem wirkt das alles falsch: Ich (sowie meine Kollegen) haben zwar einen Auftrag durch die Akkreditierung – die ersten Reihen zu verstopfen (und das nicht nur bei drei Songs, wie es bei Fotogräben Usus ist, sondern permanent) bei einem feministischen musikalischen Manifest, bei dem Cis-Männer einfach mal Platz machen sollten, fühlt sich falsch an. Weswegen ich mich relativ zeitig nach hinten verziehe und das Fotografieren lasse (ich hätte es wohl noch früher tun sollen) beziehungsweise im dritten Akt nur noch mein Smartphone bemühe, bei dem die Ladies wieder bekleidet sind und eine von ihnen durch „Das Bett“ mit „Fuck Nation“-Rufen crowdsurft.
Eine Nation, die von WITCH CLUB SATAN besonders gefickt wird, ist Israel. Künstler*innen, die sich politisch äußern, sind mir immer lieber als solche, die sich unpolitisch geben – die Menge an Bands und Performer*innen, die wegen des Gaza-Konflikts auf Israel, den Zionismus oder das Judentum generell eindreschen, ist allerdings gegenwärtig Legion. Wie unzählige andere Musizierende nutzen WITCH CLUB SATAN ihre Möglichkeiten, um tagespolitisch relevant zu sein und um auf das Leid der Bevölkerung im Gaza-Streifen aufmerksam zu machen. Zu Recht. Dabei wird vor allem Benjamin Netanjahu, der Staatschef von Israel, der fast täglich von Demonstranten in seinem Land massiv kritisiert wird, angefeindet. Zu Recht. Dass dieser
erwartungsgemäß vor „Black Metal Is Krig“ (norwegisch für „Krieg“) beschimpft wird ist von daher folgerichtig – wobei sich einmal mehr die Frage stellt, warum von all diesen Künstler*innen aus der ganzen Welt selten gleichermaßen eine queerfeindliche sowie misogyne Mördertruppe wie die Hamas kritisiert wird. Oder Staatschefs aus anderen Ländern, die Terror verbreiten wie zum Beispiel Wladimir Putin oder Donald Trump. Immerhin – und das erlebe ich nach den Nachrichten der vergangenen Wochen durchaus als Genugtuung – wird von WITCH CLUB SATAN ebenso gegen Antisemitismus Stellung bezogen. Ohne diese Anmerkung hätte ich mir das Verfassen dieses Berichtes wohl auch geschenkt.
Nach einer Stunde und 15 Minuten; nach der gewisperten Ansage „Palastine“ und der Feststellung, dass dies nun die letzte Möglichkeit sei, mit WITCH CLUB SATAN zu tanzen, endet mit „Solace Sisters“ ein beeindruckender Abend. Trotz Unwohlseins wegen der zu erwartenden Positionierung in der Gaza-Frage, die
mich vor fast jedem Konzertbesuch gegenwärtig umtreibt. Menschen, die WITCH CLUB SATAN jedoch wegen ihrer Themenwahl, aufgrund ihrer musikalischen Ausdruckskraft oder gar wegen ihres Geschlechtes aussortieren, haben meiner Meinung nach das Subversive von Black Metal noch nicht mal ansatzweise verstanden. WITCH CLUB SATAN ist mit Abstand das Beste, was dem Genre passieren konnte, wenn es mit irgendeiner Art von Rebellion oder Widerstand assoziiert werden möchte.
Links: https://www.facebook.com/people/LTX/, https://www.instagram.com/latex.band/, https://latexband.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/witchclubsatan, https://www.instagram.com/witchclubsatan/, https://witchclubsatan.bandcamp.com/, https://www.last.fm/de/music/Witch+Club+Satan
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:







