Schlachthof, Wiesbaden, 10.09.2015
Von Jello Biafra haben wir in diesem Blog bereits den Auftritt in der Garage in Saarbrücken anno 2009 dokumentiert, im Rhein/Main-Gebiet gastierte der Amerikaner seither zweimal in der (alten) Frankfurter Batschkapp (2010 und 2013) sowie einmal im Schlachthof Wiesbaden (2014), aber wir hatten es trotz Anwesenheit aus diversen Gründen versäumt, darüber zu berichten. Dies sollte beim neuerlichen Gig in der Landeshauptstadt nun nachgeholt werden. Kurz vor dem Konzert wurde der zunächst für die große Halle des Schlachthofs angekündigte Gig ins kleinere Kesselhaus verlegt, wobei man die Annahme, dass Biafra 600 oder gar 1000 Leute ziehen würde, als etwas mutig bezeichnen muss. Nachteil des Ortswechsels war, dass die Location mit 300 Besuchern nun ausverkauft war und einige meiner Begleiter zunächst draußen bleiben mussten. Nett hingegen, dass auf der Terrasse der Kneipe gegrillt wurde und man sich mit leckeren Burgern stärken konnte – gute Idee der Betreiber.

Los ging’s um halb neun zunächst mit SCHEISSE MINNELLI, die gerade so etwas wie eine Abschiedstour unternehmen, denn Drummer Dudel verlässt aus Zeitgründen die Band, sodass man zumindest unter dem bekannten Namen
nicht weitermachen wird – schade. Die Frankfurter präsentierten sich gewohnt spielfreudig und rockten mit ihrer Mischung aus Hardcore und Skate-Punk gehörig den Saal, wenn auch nur für etwa 20 Minuten, denn nach dem Klassiker „We’re Socially Retarded“ gab es einen fliegenden Wechsel und die aus Oakland stammende Formation PARTY FORCE betrat die Bühne. Diese ist eng mit den Jungs von SCHEISSE MINELLI befreundet, hatte am Vortag in Karlsruhe gespielt und nun einen Day-Off, sodass man ihnen kurzerhand einen Teil der Spielzeit vermachte.
Dabei gabs ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten, denn Gitarrist Brian „Hoody“ Hood hat schon in allerlei Combos die Axt geschwungen, unter anderem bei STRYCHNINE und EVERYTHING MUST GO, die bereits beide in der Frankfurter Au gastiert haben. Die Kalifornier lieferten furiosen 80s-Punk mit sinnfreien Lyrics wie „Fight, Fuck, Cry Tequila“ oder „Drink Skate Smoke“ und hinterließen einen durchweg positiven Eindruck. Es wäre schön, sie im nächsten Jahr noch einmal zu sehen, dann vielleicht mit einem kompletten Album im Gepäck, statt nur einer EP. Mit dem kurzweiligen Party-Punk wurde die Stimmung für den Headliner jedenfalls schon mal optimal angeheizt.
Gegen halb zehn betrat mit Jello Biafra schließlich eine lebende Punk-Legende das Podest. Der Ex-Sänger der DEAD KENNEDYS hat nach dem Ende derselben herausragende Alben mit Künstlern wie D.O.A, den MELVINS, MINISTRY-Frontman Al Jourgensen, NOMEANSNO und Mojo Nixon geschaffen, zeigt sich stets politisch aktiv, legt auf seinem Label Alternative Tentacles regelmäßig alte Klassiker neu auf und bietet jungen Bands ein Zuhause. 2009 hat Biafra schließlich das erste Mal seit dem Ende der DEAD KENNEDYS im Jahr 1986 wieder eine eigene Formation ins Leben gerufen, die bis heute Bestand hat.
Die GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE rekrutiert sich aus ehemaligen Musikern der Gruppen VICTIMS FAMILY, HELIOS CREED und MÖL TRIFFID und blickt mittlerweile auf drei Alben zurück, deren Songs sich alle an das anlehnen, was bereits die DEAD KENNEDYS auszeichnete: Komplexe, aber dennoch eingängige Songs mit politischen Texten. Und obgleich mir ernsthafte politisches Statements in Bandlyrics in der Regel gehörig auf den
Zeiger gehen, so muss man dem 57-Jährigen doch zugestehen, dass die Art und Weise, in der er seine Botschaften an den Mann bringt, durchaus unterhaltsam ist. Dennoch wage ich zu bezweifeln, dass jeder Gast eines Konzertes die Aussagen bewusst zur Kenntnis nimmt, denn viele Besucher wollen einfach nur feiern und die bekannten DK-Songs mitgrölen.
Doch wie auch immer, bei Biafra ist beides möglich, sogar der Protest des Publikums. Beim gestrigen Gig waren beispielsweise einige jugendliche Dorf-Punks mit „Manta Manta“-Gedächtnisfrisuren zu beobachten, die sich vor der Bühne herumtrieben und ausschließlich damit beschäftigt waren, dem Frontmann den Stinkefinger zu zeigen, warum auch immer. Vielleicht galt die Geste ja dem geschmacksbefreiten Hemd, das der Sänger zu Beginn des Gigs noch trug.
Biafra live ist nicht nur Musik, sondern auch eine verbale Abrechnung mit allem, was den Amerikaner derzeit politisch beschäftigt. Ob Euro-Krise, Griechenland-Pleite, Kapitalismus-Katastrophe, die Außenpolitik der USA oder die obskure Präsidentschaftskandidatur eines Donald Trump, hier bekam jeder sein Fett weg. Allerdings muss man schon ein Faible für Biafra und die Art seiner Darbietung hegen, um das Ganze genießen zu können. Der Mann hüpfte wie ein
bunter Flummi über die Bühne oder ins Publikum und erinnerte in seiner Gestik nicht selten an – Verzeihung – Louis de Funès, wenn dieser sich aufregt.
Hier und da wäre vielleicht auch etwas weniger (Gerede) mehr gewesen und zudem mag man bemängeln, das lediglich drei DEAD KENNEDYS-Stücke („California uber alles“, „Nazi Punks Fuck Off“ und „Holiday in Cambodia“) präsentiert wurden. Doch auch das ist Biafra, der Mann schaut nach vorne und nicht zurück, und somit war klar, dass die Songs seiner aktuellen Formation im Mittelpunkt stehen würden. Denn spätestens seit dem 2013er Album „White People and the Damage Done“ hat er mit dieser auch ein Album am Start, dass durchaus auf dem Niveau alter DK-Werke anzusiedeln ist.
Ist Biafra also auch im Jahre 2015 noch eine bedeutende Größe im Punk-Genre? Definitiv. Der Auftritt war über jeden Zweifel erhaben, die Musiker spielten auf den Punkt und das eigenwillige Songwriting und Biafras markante Stimme sind ohnehin einzigartig. Allerdings habe ich das Ganze nun bereits zum dritten Mal gesehen und muss gestehen, dass sich die Live-Performance dann doch etwas abnutzt.
Einige frische Elemente – vielleicht ausgewählte Songs seiner unzähligen Kollaborationen mit anderen Bands – würden sicherlich nicht schaden. Doch dies ist Jammern auf hohem Niveau, ich werde definitiv auch beim nächsten Gig wieder dabei sein.
Links: http://scheisseminnelli.com/, https://myspace.com/scheisseminnelli, http://www.reverbnation.com/scheisseminnelli, http://www.lastfm.de/music/Scheisse+Minnelli, https://www.facebook.com/PartyForce666, https://www.facebook.com/JBGSM, https://myspace.com/jellobiafraandthegsm, https://jellobiafra.bandcamp.com/, http://www.last.fm/de/music/Jello+Biafra+and+the+Guantanamo+School+of+Medicine
Text & Fotos (SM/PF): Marcus / Fotos (JB) & Clip: Kai
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