Schlachthof, Wiesbaden, 29.04.2026
Australischer Abend im Schlachthof Wiesbaden: Während im Kesselhaus die Garage-Punks COSMIC PSYCHOS auf ihrer „I Really Like Beer“-Tour mit ihren Landsleuten GOOD SNIFF als Support vorbeischauten, gastierte nebenan in der Halle der Rock-Act KARNIVOOL, auch aus Down Under. Wir entschieden uns für den Gig der Punk-Legenden um Band-Urgestein Ross Knight (Foto rechts). Ein rechtzeitiger Kartenkauf schien angeraten, kommt das Trio doch nicht jedes Jahr um die halbe Welt nach Europa geflogen und nicht immer steht ein Auftritt in erreichbarer Nähe auf der Reiseroute. Doch vor Ort angekommen galt es festzustellen, dass sowohl Privatleute überzählige Tickets an den Mann zu bringen versuchten als auch die Abendkasse für Kurzentschlossene geöffnet war. Später sollte der Saal gut gefüllt, aber nicht ausverkauft sein.

Der Abend begann mit dem Auftritt von GOOD SNIFF (zu deutsch „gutes Schnüffeln, Schnuppern, Schniefen“, den Rest überlasse ich Eurer Fantasie). Das Duo stammt von der Bellarine-Halbinsel südwestlich der Millionenstadt Melbourne, die wiederum im Südosten des fünften Kontinents nördlich von
Tasmanien – also ziemlich exakt am anderen Ende der Welt – liegt. Es besteht aus Elias Hodson (Bass und Gesang) und Lachie Brown (Schlagzeug und Gesang). Die beiden sind erst Anfang Zwanzig und schon mit einer Institution wie den COSMIC PSYCHOS unterwegs durch Europa. Für diesen Sechser im Lotto kann man sie nur beglückwünschen. Aber natürlich hat die Wahl, dass sie diese Tour mitbestreiten dürfen, recht wenig mit Glück zu tun: Eher schon damit, dass die beiden Jungs tatsächlich auch was auf dem Kasten haben.
Gespielt wird ein räudiger Hybrid aus Garage- und Punk-Rock, die Lieder tragen schmucke Namen wie „Theft On Pig Street“ und „Bad News“ und können auf Bandcamp angehört werden. Während Brown auf seine Trommeln drischt, greift der links von ihm postierte Hodson in die vier Saiten – und schüttelt seinen Kopf dabei fast ununterbrochen hin und her, so dass man sein Gesicht nur kurzzeitig oder zwischen den Songs zu sehen bekommt. Zu dieser Halsmuskulatur muss man ihm gratulieren. Man merkt beiden an, wie sehr sie die Show und die Tour genießen – Schlagzeuger Brown, der den Großteil der Konversation mit dem Publikum übernimmt, lässt uns wissen, die Band „liebe diese Stadt“ (hoffentlich sagt er das nicht bei jedem Tourstopp) und dass es deren erste Konzertreise außerhalb Australiens sei.
Fakt ist, dass die Darbietung beim Gros der Gäste gut aufgenommen wird, nicht zuletzt weil die Youngster so authentisch, unverbraucht und enthusiastisch daherkommen. Und ich meine wahrzunehmen, dass sich der Saal stetig weiter füllt – und das nicht etwa, weil die Gäste verspätet zum Konzert angereist sind, sondern weil die Neugier sie vom Vorplatz draußen, wo man die Musik leise vernehmen kann, nach drinnen treibt. Wer indes Hörbares mit nach Hause nehmen möchte, geht leer aus: Lediglich ein paar T-Shirts liegen auf dem Merchtisch bereit. Da GOOD SNIFF auch auf Discogs schlicht nicht existent sind, ist davon auszugehen, dass das Duo noch keine Tonträger produziert hat. Wir werden das weiter beobachten.
Die Aktivitäten auf Facebook und Instagram stehen übrigens seit Tourbeginn fast still, vielleicht hat sich das Duo eine Social Media-Bremse auferlegt, um sich besser auf die Shows zu konzentrieren. In den wenigen Posts ist immerhin zu sehen, dass am Ende der Auftrittsserie in England eine Scheibe des Tour-Vans eingeschlagen und Kameras, Laptop und sogar die Pässe der Band gestohlen wurden. Dumm gelaufen, man hätte den Jungs wohl sagen sollen, dass es in Europa ein wenig rauer zugeht als in ihrer beschaulichen Heimatregion. Darüber hinaus wirft der Vorfall natürlich kein gutes Licht auf uns in der Alten Welt. Aber klar, miese Arschlöcher gibt es leider überall. Und mit dieser bedrückenden Wahrheit gebe ich weiter an meinen Kollegen Marcus, der im Folgenden über den Auftritt des Headliners berichtet.
Zwölf Jahre ist es her, seit wir in diesem Blog über das australische Powerhouse COSMIC PSYCHOS berichteten (hier). Damals mussten wir den Weg nach Köln antreten, um das kultige Trio live zu sehen, am gestrigen Abend gab es sich quasi vor unserer Haustür die Ehre. Und dies, obgleich die PSYCHOS auf ihrer
diesjährigen Europa-Tour lediglich in fünf deutschen Städten gastieren – neben Wiesbaden machen die Jungs Station in München, Düsseldorf, Berlin und Hamburg. Doch wer ist eigentlich diese Truppe, die seit 1982 existiert und neben den HARD-ONS (ebenfalls 1982 gegründet) zum bedeutendsten Punk’n’Roll-Export Australiens zählt?
Tatsächlich ist diese Frage nicht leicht zu beantworten, denn ein Vergleich zu anderen Bands fällt schwer, ein: „Die klingen so wie …“, lässt sich hier nicht anwenden. Die COSMIC PSYCHOS sind vielmehr ein Universum für sich, eine Formation, wie es sie kein zweites Mal gibt. Begriffe wie „raw“, „high-energy“ und „fuzzed-out riff rock“ treffen sicherlich zu und man mag das Trio auch als dreckigen Bastard aus den
STOOGES und den RAMONES bezeichnen. Doch letztlich sind all dies bemühte Versuche, einen Sound zu definieren, der zwar gewisse Parallelen zu anderen australischen Acts wie BEASTS OF BOURBON, THE BIRTHDAY PARTY und LUBRICATED GOAT aufweist, aber doch schneller und holpriger daherkommt – ebenso wie ein außer Kontrolle geratener Traktor. Und der Vergleich zum Traktor kommt nicht von ungefähr, denn Bassist Ross Knight, der 1984 und somit noch vor dem ersten Album zur Band stieß und seither als Kopf der PSYCHOS fungiert, ist eigentlich ein Farmer, der seine schweren Gerätschaften wie Bagger und Traktoren liebt und diesen nicht selten auch mal eine Ode widmet:
I always lived on a farm / Didn’t think it would be much harm
Daddy thought I was sick in the head / Pull my cock in the hay shed
You tried to play my mum / Mean time I was having fun
Had my gun and my motor bike /Do anything I like
I love my tractor! / Since I killed my mum and pappy
You could say I’ve been very happy / Any time of any year
Be on the farm just drinking beers / Long live Massey Ferguson!
(Auszug aus „Down on the Farm“ von der gleichnamigen EP von 1985)
Der Song steht stellvertretend für das gesamte Schaffen der Band: Es geht um Dinge, die auf der Farm geschehen, um Menschen, die dem geneigten Farmer auf den Zeiger gehen, ums Saufen, um Schießübungen (eines der Hobbys von Knight), um Frauen und um Kängurus, die man aus Versehen plattgefahren hat, weil man zu voll war. Kurzum, und damit sei der kurze Exkurs zur Combo
abgeschlossen: Die COSMIC PSYCHOS sind Australian Asi-Rock at it’s best, eine der authentischsten Bands dieser Tage und einer der wenigen Acts, der die ursprüngliche Idee des Punks am Leben hält.
Neben Knight gehört seit 2006 Gitarrist John „Mad Macka“ McKeering fest zur Gruppe und stellt mittlerweile – in allen Belangen – einen absolut ebenbürtigen Sparringspartner von Knight dar. Auf einem der angebotenen Shirts ist gar nur er zu sehen – und sein Bauch. Leider nicht mehr mit von der Partie ist der langjährige Schlagzeuger Dean Muller, der von 2005 bis 2024 zum Lineup gehörte, er schied aus gesundheitlichen Gründen aus. Seither wird er durch zwei Touring-Drummer vertreten, von denen auf der
Europa-Tour BC Michaels von den australischen Rockern DUNE RATS hinter der Schießbude saß.
Der gestrige Abend fühlte sich wie ein Klassentreffen an: Gut 20 Musikfans aus Frankfurt waren vor Ort, allesamt langjährige Fans der PSYCHOS, ein Kumpel war gar extra aus Kroatien angereist, um die Australier auf der Bühne erleben zu können. Die Setlist ließ (fast) keine Wünsche offen: Los ging’s mit „Pub“, gefolgt von „Nice Day to Go to the Pub“, zwei sehr treibenden Saufhymnen, bevor man ein feucht-fröhliches Potpourri des Schaffens der letzten 40 Jahre feilbot. Auffällig war, dass lediglich drei Tracks vom aktuellen Album „I Really Like Beer“ gespielt wurden. Vermutlich weil das Werk keiner weiteren Promotion bedarf, da es sich ohnehin aufgrund seines ikonischen Covers wie Hansa-Pils-Dosen verkauft.
Es gab fünf Songs aus der Frühphase der PSYCHOS, darunter der Klassiker „Lost Cause“, die restlichen Beiträge stammten von jüngeren Veröffentlichungen wie „Cum the Raw Prawn“ und „Loudmouth Soup“ – leider gab’s gar keine Nummer vom guten „Mountain of Piss“-Album. Ansagen wurden ebenfalls kaum getätigt, wohl aber eine, die sich an frisch Verliebte richtete, denen Knight den
Hinweis mitgab, dass ihre Beziehung ohnehin irgendwann vor die Hunde gehen wird. Das darauf folgende „Toothbrush“ lieferte dabei einen Tipp, wie man der Verflossenen einen letzten Gruß hinterlassen kann – das Ganze hat mit einer Zahnbürste und einem Hintern zu tun.
Weitere Highlights waren „Dead Roo“ (der bereits oben erwähnte Kangoroo-Song) sowie die Hymne „Fuckwit City“, das Lied zum wohl besten Musikvideo aller Zeiten. Eine kleine Überraschung folgte etwa in der Mitte des Gigs, als verkündet wurde, dass Roadie Digger – laut Knight „the world’s worst roadie but the PSYCHOS best mate“ – heute seinen 60. Geburtstag feiert. Aus diesem Anlass teilte Digger seinen Kuchen mit den Fans in der ersten Reihe –
unser Fotograf ging dabei allerdings leer aus, da ihm seine journalistische Pflicht wichtiger war.
Das Finale des Abends folgte einer langem Tradition: Gitarrist Mad Macka (auch bei THE ONYAS aktiv) entledigte sich seines Shirts, um dem Publikum seinen Astralkörper zu präsentieren und legte dabei noch eine kleine Bauchtanznummer hin – große Kunst. Nach dem letzten Track „David Lee Roth“ („I wanna be like David Lee Roth – I want 40 girls to suck me off“) kam schließlich der übliche Gruß an die Fans: Das Trio versammelte sich vor dem Schlagzeug, verbeugte sich vor dem Publikum, drehte sich um und zog blank. Es sind Momente wie dieser, die mich glauben lassen, dass der wahre Punk doch noch nicht tot ist. Lang leben die PSYCHOS!
Links: https://www.facebook.com/goodsniffband/, https://www.instagram.com/goodsniffband/, https://goodsniff.bandcamp.com/, https://cosmicpsychos.com.au/, https://www.facebook.com/cosmicpsychos/, https://www.instagram.com/cosmicpsychos/, https://www.youtube.com/channel/cosmicpsychos
Text (GS) & Fotos: Stefan
Text (CP): Marcus
Clip: am Konzertabend aufgenommen von Medusenbrut
Alle Bilder:









