Centralstation, Darmstadt, 13.05.2026
Mit dem SHARON MANSUR TRIO gastierte eine Formation in der Darmstädter Centralstation, die als klassisches Jazz-Trio mit Piano, Bass und Schlagzeug auftrat, deren Ausdrucksweise jedoch weit über das hinaus ging, was man in der Regel mit dem Begriff Jazz-Trio assoziieren mag. Sharon Mansur, die federführende Kraft dieser Vereinigung, hat dabei einen musikalischen Hintergrund, der alles mögliche von Klassik bis zum Techno inkludiert – angefangen als Kind mit einer Begeisterung für den Soundtrack von Disney’s „Lion King“, die den Wunsch hervorbrachte, eine Ausbildung am Klavier zu beginnen. Dabei stand selbstverständlich Klassik auf dem Lehrplan. Daneben entwickelte sie allerdings noch großes Interesse an härterer Rockmusik und jammte mit allen möglichen Blues- sowie Funk-Bands.
Dem werkgetreuen Nachspiel der Alten Meister stand somit die Freude am interaktiven Zusammenspiel und der Improvisation gegenüber, angefeuert durch Neugierde und Offenheit für alle anderen Stile. Solche Freiheit musste zwangsläufig irgendwann zum Jazz führen. Darüber hinaus findet die begeistert Suchende weitere Inspirationen in der arabischen Musik, die mit eigenen Intervall-Strukturen die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten signifikant erweitert,
sowie als „Ausgleich zum Jazz“ Elektronika und Techno, wie sie in einem Interview mit dem Magazin Jazzthetik ausführt.
2023 veröffentlichte die israelische Folk-Metal-Band ORPHANED LAND das Live-Album „A Heaven You May Create“ zu deren 30-jährigen Jubiläum, bei dem mit großem Orchester geklotzt wurde. An den Keyboards dabei: Sharon Mansur. Als SHASHA brachte sie elektronische Musik sowie ihr Solo-Piano-Debüt „The Gap“ (2021) heraus. Seit 2025 gehört sie zur ACT-Label-Familie, die unter anderem mit dem ESBJÖRN SVENSSON TRIO sowie dem von Michael Wollny zwei absolute Referenzen am Jazz-Piano beheimatet.
„Trigger“ heißt ihr Trio-Album, das sie auf der aktuellen Tour vorstellt. Am Bass ist David Michaeli, als Teil des Trios SHALOSH ebenso ACT zugehörig und dabei ziemlich erfolgreich, sowie Drummer David Sirkis, der auf dieser Tour allerdings nicht zugegen war. Auch nicht der im Programm der Centralstation
angekündigte Aviv Cohen, sondern Yali Stern, vergangenes Jahr noch mit der israelischen Bass-Legende Avishai Cohen unterwegs.
Hört man „Trigger“, geistern einem alle möglichen Referenzen im Kopf herum. Mansurs perlendes Klavierspiel wird erweitert durch die Keyboard-Tasten, die sie auf ihrem Steinway-Flügel drapiert und auf denen sie klanglich dem Progressiv-Rock frönt oder Musik-Sphären erforscht, die den arabischen Raum oder östliche Mittelmeerstaaten bestimmen. Oft im gleichen Werk, wie zum Beispiel bei „Big Dreams Of Kadikoy“. Bei der Live-Umsetzung der Platte unterbrach sie die musikalischen Gespräche mit ihren Unterstützern ein paar Mal, um Näheres zur Entstehung der Stücke zu berichten (zum Beispiel
wie es war, aus dem „The Gap“-Soloteil „Tunnel Maze“ eines für das Trio auf „Trigger“ zu machen und dann zum schlagzeuglosen Duo auf diesem Konzert) oder über arabische Taktarten zu referieren, denen sie sich auch wegen ihres aus dem Irak stammenden Vaters sehr verbunden fühlt.
Der Elefant im Raum, der eigentlich nicht da sein sollte, war der Gaza-Konflikt. Künstler*Innen aus Israel wird das Auftreten außerhalb ihrer Heimat wegen Boykott-Aufrufen immer schwerer gemacht, jüdischen Menschen gleich welcher Staatsangehörigkeit durch Terrordrohungen die Sichtbarkeit genommen. Von Israelis will man genau wissen, wie sie denn zu ihrer Regierung stehen, so man ihnen überhaupt zuhört. Weit mehr, als es von US-Bürgern
verlangt wird, die ständig Europa bespaßen ohne Repressalien befürchten zu müssen.
Im Jazz ist dieser Druck weniger präsent als im Rock oder Pop, was an dem inkludierenden Charakter dieser Musik liegen mag. Mansur hält sich diesbezüglich etwas bedeckt, erwähnte in Darmstadt allerdings „die harten Zeiten“, denen ihre Region ausgesetzt sei und dass sie versuche, mit „etwas Schönem“ dagegen zu halten. Im Jazz Thing erweitert sie diese Aussage auf Nachfrage mit Empathie für die israelische wie auch für die palästinensische Bevölkerung.
Schönheit schaffen – das kann dieses Trio vortrefflich, wie Album und Auftritt eindeutig bewiesen. David Michaeli spielte seinen Bass nicht nur unterstützend, sondern so soulful wie intuitiv, als wäre er ebenso ein Leadinstrument – ich bin mir sicher, er hätte auch solo einen beeindruckenden Konzertabend fabrizieren
können. Yali Stern merkte man nicht an, dass er weniger Zeit als seine Kolleg*Innen hatte in diese Zusammenkunft hinein zu wachsen – vor allem sein zweites Schlagzeug-Solo am Ende der Show, teilweise ohne Stöcke dargeboten, war eine absolute Wucht.
Und Sharon Mansur? Ihre Freude an den Klängen war ebenso ansteckend wie begeisternd; ihr Jazz so animierend und körperlich, als würden Keith Jarrett und Keith Emerson in Personalunion aufwarten. Fürwahr, ein Traum-Konzert einer ganz herausragenden Künstlerin nebst einem großartigem Gefolge. Denen in Zukunft weit mehr Publikum zu wünschen ist.
Links: https://sharonmansur.com/, https://www.facebook.com/sharonmansur.music/, https://www.instagram.com/_sharonmansur/, https://www.youtube.com/channel/sharonmansur
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:








