Schlachthof, Wiesbaden, 27.04.2026
Mich würde ja schon mal interessieren, ob irgendjemand, der die Stadion-Tour von VOLBEAT im Herbst 2025 besucht hat, nach dem aufmerksamen Genuss des Openers WITCH FEVER dachte: „Die sind ja geil. Die muss ich unbedingt nochmal sehen.“ Oder ob das Ganze eher achselzuckend verquasselt wurde oder gar vor der Halle verqualmt. Wobei man es VOLBEAT hoch anrechnen kann, eine Band zu präsentieren die so gar nicht ins Beuteschema der Fans passt. Aber auch, wenn man es VOLBEAT seit Jahren schon nicht mehr anhört: Boss Michael Poulsen steht nach wie vor auf energetische Sounds, die er ja in seinem Zweitprojekt ASINHELL auslebt. Ich wage trotzdem mal die These, dass die Schnittmenge von Liebhabenden der in den letzten Jahren veröffentlichten VOLBEAT-Diskographie und dem, was das Quartett WITCH FEVER aus Manchester vom Stapel lässt, ziemlich klein ist. Oder nicht existent.

Das Kesselhaus des Schlachthofes war jedenfalls mit knapp 40 Anwesenden recht dürftig gefüllt, was Sängerin Amy Walpole im Verlauf des Abends zu der amüsierten Bemerkung „We impressed with VOLBEAT so many people in Weißbaden“ veranlasste, garniert mit einem sympathisch-dreckigen Lachen. Die
England-Tour als Support von POPPY (2022) war da sicherlich stimmiger.
WITCH FEVER existieren seit 2017 und bestehen, laut dem französischen Eintrag auf Wikipedia, nicht von Beginn an aus derselben Truppe um Amy Walpole – sie scheint sich aber recht schnell gefunden zu haben und spielt seitdem in unveränderter Besetzung. Textlich anfänglich geprägt von Walpoles Sozialisation in einer christlichen Gemeinschaft in Yorkshire, thematisiert die Band die patriarchalen, autoritären Strukturen nicht nur in diesem Umfeld sondern ebenso in ganz England. Und in der Punk-Szene. Musikalisch wurde sie zu Beginn als „Doom-Punk“ etikettiert, was auch ohne Weiteres zutreffend sein kann, allerdings längst nicht mehr als Schublade reicht.
Einflüsse des Grunge sind omnipräsent, elektronische wie klassische Instrumente spielen spätestens seit ihrem zweiten Album „Fevereaten“ (2025) eine ebenso große Rolle. Und der kleine, aber feine Witch House-Hype der 2000er Jahre findet meiner Meinung nach ebenso einen starken Nachhall in den Tönen des Quartetts, das neben Walpole noch Alisha Yarwood an der Gitarre, Alex Thompson am Bass und Annabelle Joyce am Schlagzeug beheimatet. Ihre Liebe zu Horrorfilmen lebt die Band in ihren Videos gleichermaßen aus wie in Anspielungen in ihren Texten. In ihrem Heimatland England hat sich die Formation inzwischen eine beachtliche Reputation erspielt, mit Auftritten auf Festivals, Touren u. a. im Vorprogramm der IDLES sowie einer Titelstory im KERRANG! (hier).

Kleiner, allerdings mit ähnlich euphorischen Live-Reviews gesegnet, ist noch der Status von CITY DOG, die WITCH FEVER auf dieser 18 Stopps beinhaltenden Tour zehnmal im Vorprogramm dabei haben. Als das Trio um 20.15 Uhr auf die Bühne des Kesselhauses tritt wirken zumindest Schlagzeuger Keelan Shepard
und Bassist Aaron Butler etwas angespannt. Sänger/Gitarrist sowie (mit Shepard) Bandgründer Deri Bovaird (links) ist nichts anzumerken, im Gegenteil: Er treibt seine Jungs kompromisslos und augenscheinlich gut gelaunt auf die Spielwiese.
Das Trio präsentiert in 35 Minuten einige seiner bisher auf Kleinstformaten veröffentlichten Songs, mit denen es laut englischer Presse dort bereits Clubs ausverkaufte und anzündete. Ganz gelang das in Wiesbaden nicht – wie auch, bei so wenig Publikum. Irgendwann dominiert allerdings bei der Rhythmus-Crew eine durchaus performance-dienliche „Scheiß Drauf“-Attitüde. Der von Bovaird geforderte Geburtstagsgruß an Kollege Butler bricht endgültig das Eis und das Trio macht sich an diesem Abend nur Freunde, allerdings leider in überschaubarem Rahmen.
Bei WITCH FEVER wiederholt sich mein Eindruck – hier wirken die Instrumentalistinnen zuerst ebenso etwas angespannt, während Sängerin Walpole gleich in die Vollen geht und dabei von Anfang an einen Riesenspaß zu haben scheint – der sich Song um Song auf ihre Kolleginnen überträgt. Mit zehn Stücken dominiert der aktuelle Longplayer die Setlist, aber auch die neue Single „I reflect the sun, it bounces back“ wird neben einigen älteren Stücken zu Gehör gebracht. Zwischendurch betreibt Walpole Smalltalk und regt sich etwas über die rutschige Bühne auf, die sie fortan nur noch barfuß bereist. Die Fotografen (bis auf die Fotografin, die zur Band gehörte, übrigens alles Männer) wurden dabei ermahnt, dies nicht abzulichten.
Sie disst Journalisten, denen sie „zu happy für heavy music“ erscheint, mahnt an, Merch zu kaufen („unsere einzige Einnahmequelle“) und reflektiert über ihre Privilegien, umherreisen und Musik spielen zu können. Dabei schlägt sie die Brücke zum Gedenken an Menschen in Krisengebieten („Palestine“, „Sudan“)
und zu Betroffenen von patriarchalen Strukturen im Allgemeinen.
Auch wenn die Musik von WITCH FEVER nicht so klingt wie aus 1977 ist das vollumfänglich Punk mit diversen Ausdrucksmitteln. Oder wie Bassistin Thompson im KERRANG!-Magazin ausführt: “I think that there’s a punk revival, but it’s more in attitude rather than actual sound.” Am Ende dieser hoch energetischen Stunde wird das Publikum gefragt, ob es die DEFTONES mag. Eine rhetorische Frage, mein gemurmeltes „Nein“ ist selbstverständlich irrelevant. Zusammen mit CITY DOGs Deri Bovaird zocken WITCH FEVER noch deren „My Own Summer“ (Fotos in der Slideshow) und machen die Bühne damit endgültig zur Partyzone. Fein gemacht. Nächstes Mal wird’s voller.
Links: https://citydogband.com, https://www.instagram.com/citydog_uk, https://www.youtube.com/channel/citydog, https://soundcloud.com/666citydog, https://www.witchfever.com/, https://www.facebook.com/witchfever, https://www.instagram.com/witchfever/, https://www.youtube.com/@witchfever/videos, https://soundcloud.com/witchfever/
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:






