Das Bett, Frankfurt, 17.05.2026
Sonntagabend. Keine ideale Zeit für Konzertbesuche, weil die Arbeit ruft am nächsten Morgen, aber was solls. Es sind die UNDERTONES! Und die absolvieren gerade ihre „50th Anniversary Tour“, die die Band bis zum Jahresende durch halb Europa führen wird. Der Frankfurter Club „Das Bett“ ist zu Beginn nur mäßig mit Menschen älterer Jahrgänge gefüllt. Ein paar haben ihre Kinder mitgebracht. Vorbildlich. Einige Leute tummeln sich noch draußen bei einer Zigarette oder einem Bier. Mir fällt auf, dass man nicht soo viele bekannte Gesichter sieht.
Die UNDERTONES, eine unpolitische Band, haben eine bewusst sehr politische Formation als Support. Trotzdem passt alles wunderbar zusammen. Die SWIPES aus Frankfurt sind allseits bekannt und so betreten Stefan Becker (Gesang & Gitarre), Ralf Unterstab (Gesang & Bass) und Patrick Bernhagen (Gesang
& Schlagzeug) fast pünktlich um 20 Uhr die Bühne. Die Shirts der SWIPES („Anti Fascist Action“) geben schon zu erkennen, dass sie eine Botschaft haben, die sie ebenso mitreißend wie routiniert rüberbringen. Auch Trumps Stimme wird zitiert: „They’re eating the dogs, they’re eating the cats“.
Bandchef Becker verweist am Ende des Auftritts mit den Worten: „Sie haben noch viel mehr drauf als ‚Teenage Kicks’“ auf die UNDERTONES und auf den britischen Star-DJ John Peel, dessen Lieblingsband sie nachweislich waren. Well done SWIPES, die uns mit einer krachenden halben Stunde Punkrock gut unterhalten haben. Das neue Album „Action against NZ DYSNLD“ ist in allen Tonträgerformen am Merchstand zu haben, ebenso wie diverse
Shirts, Sticker und dergleichen.
In der Umbaupause führe ich ein interessantes Gespräch mit Radiolegende Peter Lack. Was ist der Grund für die recht hohen Ticketpreise (auf vielen Stationen der Tour rund 50 Euro), die manche Menschen davon abhalten, sich die UNDERTONES anzuschauen? Er meint, die Spätfolgen der Pandemie und die Tatsache, dass die Gruppe nichts Neues mehr gemacht habe würden auch dazu beitragen, dass die Eintrittspreise hoch sind und weniger Menschen kämen. Wir fragen uns, ob die UNDERTONES jetzt eigentlich eine „Oldie“-Band sind? Für mich sind die Folgen des Brexits einer der Gründe, warum Acts aus dem Vereinigten Königreich Probleme haben kostendeckend zu arbeiten. Auch wenn die UNDERTONES sich sicher als Iren fühlen und nicht als UK Residents.

Die ungefähr zu 70 Prozent gefüllte Halle beginnt sich warmzutrinken, vorne einige Irishmen und -women. Enter THE UNDERTONES, in der Mitte Sänger Paul McLoone und Bassist Michael Bradley, eingerahmt von den Brüdern Damian O’Neill links an der Les Paul Junior und John O’Neill rechts an der
Gibson SG. Am türkis glitzernden Schlagzeug sitzt Billy Doherty. Abgesehen vom Sänger ist dies die Originalbesetzung seit 1976! Los geht’s mit „Jimmy Jimmy“. Vorne kann jeder alles mitsingen, Menschen tragen Shirts mit der Aufschrift „Undertones 40 Years“ und sind sicher nicht zum ersten Mal dabei.
Paul McLoone stolziert über die Bühne, macht Faxen, wackelt mit dem Po, streckt seinen roten Doc Martens-Stiefel über den Bühnenrand. Er ist ein Frontmann, der seinen Job beherrscht und auch stimmlich absolut mit dem ehemaligen Sänger Feargal Sharkey (bis 1983) mithalten kann. Die Rolle des „Conferenciers“ in der Band obliegt Bradley. Mit „Let’s try our best with song number three“ geht es weiter mit „You’ve Got My Number“.
Die Herren legen eine große Spielfreude an den Tag. Ein Wort gibt das andere, so dass McLoone manchmal vor Lachen Mühe hat Songs anzufangen. Freunde, die sich gut verstehen und noch immer gern gemeinsam auf der Bühne stehen. Diese Freude überträgt sich auf das Publikum. UNDERTONES, die Meister des Powerpop! Als die Die-Hard-Fans vorne sehen, dass ich mir eifrig Notizen mache, werde ich freundlich an den Rand geschoben, wo ich für den Rest des Konzerts stehe.
Alle UNDERTONES stammen aus Derry, sind katholisch und teilweise in sehr großen Familien aufgewachsen. So ist der Spruch: „We’re not supposed to play on Sundays, cause we have to go to mass!“ mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Bei der Ansage zu „Thrill Me“ wird der Schlagzeuger angesprochen,
der Billy heißt. Er grinst freundlich. Und überhaupt: Hat Billy einen Ventilator da hinten am Schlagzeug, der ihm während der Show seine Haarsträhnen aus dem Gesicht bläst? Es sieht fast so aus.
Der Track „It’s Going to Happen“ erinnert an den Hit „Happy Hour“ von den HOUSEMARTINS. Ob die bei den UNDERTONES geklaut oder sich ein paar Anregungen geholt haben? Mit „This was our first song before electricity was invented!“ kündigt Bradley dann das wohl bekannteste Stück der Gruppe an: Bei „Teenage Kicks“ läuft bei allen vollends der Schweiß, Handys werden gezückt und spätestens jetzt können alle mitsingen.
„When Saturday Comes“ kommt für die UNDERTONES ungewohnt in Moll daher und behandelt ein ernstes Thema: „Teenage Escapism“. Der Samstag ist die Erlösung für die Schinderei während der Woche. Nach diesem eher schwermütigen Song geht es wieder ausgelassen mit dem Glam-Rock-Kracher
„Hard Luck“ weiter. Das klingt nach Gary Glitter! McLoone und Bradley animieren die Menge zum Mitklatschen. Die Bemerkung: „This is not a serious song“ bringt alle auf der Bühne zum Lachen.
Mit „You don’t have to start booing, you haven’t even heard the song!“ reagiert Bradley auf die Rufe des Publikums, nachdem „Get Over You“ als letztes Lied angekündigt wird. Mit der Aufforderung an Damian O’Neill seine Gitarre gut festzuschnallen, da es jetzt abgehen wird, präsentiert das Quintett mit „Johnny“ die erste Zugabe. Das Tempo hat deutlich angezogen und Doherty am Schlagzeug muss sich ordentlich ins Zeug legen.
McLoone hat etwas Mühe das hohe Falsett von Sharkey im Song „Here Comes the Summer“ zu trällern. Ansonsten hat der „neue“ Frontmann, der auch schon seit 1999 dabei ist, einen stimmgewaltigen, vollen Tenor. Er ist ausgebildeter Sänger, Radiomoderator, DJ und natürlich ein „Derryman“. Er kommt von der
Bogside, seine Mitstreiter aus Creggan, beides katholisch/republikanische Stadtteile von Derry.
Dritte Zugabe ist der Rock’n’Roll-Knaller „Emergency Cases“, danach folgt „Billys Third“. Die Backing Vocals und Damian O’Neills ikonisches Gitarrenriff sind besonders begeisternd. „My Perfect Cousin“, der chartmäßig größte UNDERTONES-Hit, der es im Jahr 1980 in Großbritannien sogar in die Top Ten schaffte, beendet (fast) diesen wunderbaren Konzertabend. Anschließend gibt es nach insgesamt 35 (!) Stücken auf der Setlist den fröhlichen Mitgröhlsong „Mars Bars“ als Extrazugabe.
Nach dem Konzert erwische ich noch Michael Bradley, der mir in mein Exemplar seines Buches „My Life as an Undertone“ eine Widmung schreibt. Ich muss loswerden, was mir an seinem Buch so gefällt und warum ich es sehr intensiv „studiert“ habe. Es ist der Zusammenhalt in den Familien und der Community
im Derry der Siebziger, der es den UNDERTONES ermöglichte, das zu werden, was sie inzwischen sind. Die tiefe Verbundenheit der Bandmitglieder mit ihrer Heimatstadt trotz der von den „Troubles“ geprägten Umstände beeindruckt mich besonders.
Die UNDERTONES haben sich damals entschieden „schöne“ Musik zu machen. Lieder, die wir angesichts der bedrohlichen Weltlage im Moment gut gebrauchen können und genießen sollten. Offen politische und gesellschaftskritische Songs machen andere in Irland. Dafür gab es und gibt es KNEECAP, die MARY WALLOPERS, die STIFF LITTLE FINGERS und viele andere. Thanx UNDERTONES für die wunderbaren Songs voller Harmonien und schöner Melodien. Youse are legends!
Links: http://www.the-swipes.com/, https://www.facebook.com/the.swipes.frankfurt, https://www.instagram.com/the_swipes, https://www.youtube.com/@the_swipes, https://www.theundertones.com/, https://www.facebook.com/OfficialTheUndertones, https://www.instagram.com/theundertones.official/, https://www.youtube.com/channel/undertones
Text: Ilka
Fotos: Stefan
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