Colos-Saal, Aschaffenburg, 13.05.2025
„We’re gonna do some older, classic ANATHEMA-Songs later. That’s only fair for two reasons. One: I wrote them. Two: If we don’t do them, nobody else will.“ stellt Danny Cavanagh klar, bevor er mit „Are you there? Part 2“ ein neues Stück seiner Band WEATHER SYSTEMS präsentiert – ein Lied, das inhaltlich anschließt an „Are you there?“ von, eben: ANATHEMA. So wie sich der Name WEATHER SYSTEMS auf das gleichnamige ANATHEMA-Album von 2012 bezieht. Deutlicher kann gar nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass Cavanagh das Kapitel ANATHEMA nicht ruhen lassen kann und will. Ein Thema, dass ihn mit seinen Brüdern Vincent und Jamie von 1990 bis 2020 beschäftigte, erfolgreich 13 Studioalben veröffentlichen ließ neben diversen Live-Platten sowie Kleinformaten und welches durch diese verdammte Pandemie zum
Erliegen kam. Am 23. März 2020 sollten sie in Stuttgart aufspielen. Das Ticket lag in meinem Schrank, doch nach dem 11. März war erst mal Feierabend mit Livemusik. Optimistisch wurde der 9. September als Ersatztermin anvisiert, doch wie wir heute wissen, blieb es das für eine ganze Weile.
Die Band ANATHEMA überlebte diese Zäsur nicht. Ursprünglich angekündigt als Pause für unbestimmte Zeit, gab Cavanagh 2024 dem Rock Hard zu Protokoll: „ANATHEMA sind tot“. Bruder Vincent, der, wie Danny in besagtem Interview weiter ausführt, „seit ‚Judgement‘ keine Gitarre mehr in der Hand gehabt“ hat und wachsendes Interesse an „Keyboards und Soundscapes“ zeigt, hat inzwischen ein Projekt namens THE RADICANT am Start (zu hören hier) – erwartungsgemäß den starken Trip Hop-Einfluss, der bei ANATHEMA immer mal wieder eine Rolle spielte, ausbauend.
Danny dagegen liebt seine Gitarre nach wie vor, und das nach eigener Aussage „heavy“ – mit dem tonnenschweren Doom Metal der Anfangstage, der ANATHEMA in eine Reihe stellte mit Zeit- wie Soundgenossen wie PARADISE LOST und MY DYING BRIDE (die man wegen der gemeinsamen Plattenfirma auch die „Peaceville Three“ nannte), hat diese „Heavyness“ allerdings überhaupt nichts mehr zu tun.
Demnach wird diese bei WEATHER SYSTEMS komplett ausgespart, welche mit dem Untertitel „feat. many classics of ANATHEMA from ‚Fragile Dreams‘ to ‚Springfield’“ gegenwärtig touren und dabei mehr ANATHEMA- als WEATHER SYSTEMS-Songs zu Gehör bringen. Mit Daniel Cardoso hat Cavanagh dabei einen Schlagzeuger auf Platte wie auf Tour dabei, der ebenso bei ANATHEMA seit 2012 seine Brötchen verdiente (und gleichermaßen Vincent bei THE RADICANT unterstützt).

Als Gäste fungieren auf dieser Tour die Briten HAUNT THE WOODS, für die der Aschaffenburg-Gig der zweite in Deutschland überhaupt war. Ihre Plattenfirma bezeichnet sie als „musical Mavericks“, was man als „Alleingänger“ oder „Außenseiter“ übersetzen kann. Ihre stark folkige Variation von Indie- bis
Progrock hat in der Tat wenige Brüder oder Schwestern im Geiste zu bieten – und doch drängt sich mir als Referenz ständig MUMFORD & SONS auf, obwohl HAUNT THE WOODS meist melancholischer, introvertierter wie musikalisch diffiziler agieren. Und doch…
Der Sänger und Rhythmusgitarrist Jonathan Stafford erinnert darüber hinaus klangfarbentechnisch und wegen seiner ausdrucksstarken Darbietung enorm an Jeff Buckley. Was bedeutet, dass von zart/filigran über klagend wie schmetternd bei ihm alles mit Gänsehautfaktor passiert. Vor dem Konzert hörte ich einmal ihre zweite LP durch, war erst relativ uninteressiert und dann zunehmend fasziniert.
Live war das eine absolute Machtdemonstration, die als solche von den Gästen gewürdigt wurde (was wiederum HAUNT THE WOODS extrem anzustacheln schien). Im Gegensatz zu mir hatte das Aschaffenburger Publikum, wie immer in Sachen Prog, mehr Plan als ich und wusste zum Teil bereits von der Klasse der Band – in der ersten Reihe wurden sogar Stücke der ersten, selbstvertriebenen EPs mitgesungen. Respekt.
So wie für die gesamte Truppe, neben Stafford noch bestehend aus Phoenix Elleschild (Lead Guitar), Jack Hale (Bass) und Oliver Bignell (Schlagzeug). Am Ende seines kurzweiligen Sets performte das Quartett einander zugewandt mitten im Publikum „Sleepwalking“ vom aktuellen Longplayer „Ubiquity“ akustisch – und spätestens jetzt dürfte niemand mehr die MUMFORD & SONS-Assoziation in Frage stellen. Großes Kino, Riesenentdeckung und Headlinermaterial. Bitte bald wiederkommen.
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Hatten es WEATHER SYSTEMS danach also schwer, das Niveau zu halten? Sicher nicht. Wobei der große Unterschied zwischen den beiden Formationen ist, dass die eine die Vergangenheit am Leben erhält und die andere in die Zukunft weist. Leidenschaftlich vorgetragen wurde von beiden, weswegen beides
gleichermaßen legitim wie unterhaltsam war. Zwei Stunden lang zelebrierte ein stetig aufgeräumter wirkender Cavanagh ein Set zum Zungeschnalzen, bei dem angefangen mit „Deep“ von ANATHEMAs „Judgement“ (1999) über ein paar WEATHER SYSTEMS-Stücke, die auf dem nächsten Album von ANATHEMA erscheinen sollten, 15 Songs lang ANATHEMA-Fans glücklich gemacht wurden.
Meiner Einschätzung nach am erstaunlichsten dabei: Wie gut sich Cavanagh eine Gesangsstimme draufgeschafft hat, die zwar dem Vergleich zu der seines Bruders Vincent nicht standhalten kann, allerdings keinesfalls enttäuscht. „I have missed this more than you ever know“ entfuhr es ihm sichtlich gerührt bei dem Zuspruch und der Liebe, die ihm und seinen wunderbaren Songs entgegen gebracht wurden.
Böse Zungen mögen WEATHER SYSTEMS eine Coverband nennen, bei der vor allem Sängerin Lee Douglas fehlt. Soraia Silva am weiteren Mikrofon passt gut zur Stimme Cavanaghs, bekam allerdings nicht den Raum und die Möglichkeit, ANATHEMA-Klassiker wie „A Natural Disaster“ zu performen. Wenn man mit diesem Manko klarkommt, ist WEATHER SYSTEMS eine würdige ANATHEMA-Nachfolgeband. Vielleicht hat Vincent in Zukunft ja wieder Bock, mitzumachen. Falls nicht – auch gut.
Links: https://www.hauntthewoods.com/, https://www.facebook.com/hauntthewoodsofficial/, https://www.instagram.com/hauntthewoods/, https://www.youtube.com/c/hauntthewoods, https://www.last.fm/de/music/Haunt+the+Woods, https://www.facebook.com/p/Weather-Systems/, https://www.instagram.com/weathersystemsband/, https://www.youtube.com/@WeatherSystemsOfficial, https://www.last.fm/de/music/Weather+Systems
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:








