TOXOPLASMA & N.T.Ä.

Das Bett, Frankfurt, 28.11.2025

ToxoplasmaGenerationenübergreifender Punkrock-Abend im Frankfurter Club „Das Bett“: Mit den bereits 1980 (!) gegründeten TOXOPLASMA um Sänger Wally Walldorf (Foto links) aus Neuwied präsentierte sich eine Formation, die ihren Legendenstatus längst innehat. Dazu stieß mit den 2019, also fast 40 Jahre später ins Leben gerufenen N.T.Ä. ein aufstrebender Act aus dem Saarland, der auf dem Weg in Richtung Punk-Olymp zurzeit große Schritte macht. Und in der Tat war das Publikum, das den Saal an einem kalten Novemberabend zu etwa zwei Dritteln bevölkerte, bunt gemischt: Auf der einen Seite jüngere Leute mit den aufgedruckten Namen ihrer Helden WIZO, LOIKÄMIE, TOXOPLASMA, HASS und SLIME auf den Shirts. Auf der anderen Seite die älteren Semester, die lieber Pulli oder Jacke anbehielten, da sie wussten, dass sie sich sowieso nicht im Moshpit tummeln würden. Und so war das Terrain innerhalb des Clubs schnell aufgeteilt: Der (relativ überschaubaren) Meute, die schwitzen wollte, gehörte der Bereich mittig vor der Bühne, die Punkrock-Veteranen gruppierten sich drumherum.

Das interessante Doppelpack startete mit dem Trio N.T.Ä.. Für alle, die unser langes Interview aus dem vergangenen Jahr (hier) nicht gelesen haben: Die drei Anfangsbuchstaben der Vornamen der Musiker*innen Nadine Nevermore (Gesang, Bass), Tommy Crack (Gitarre) und Äxel Äxport (Schlagzeug) bilden den Bandnamen. Und alle guten Dinge sind drei: Zum nunmehr dritten Male traten N.T.Ä. als Support-Act in „Das Bett“ auf, im November 2023 vor THE CASUALTIES, im November N.T.Ä.2024 vor den UK SUBS und im November 2025 nun vor TOXOPLASMA. Wen sich N.T.Ä. für das nächste, fast tradionelle Punk-Event Ende 2026 wünschen würden, war an der Bekleidung abzulesen: GBH (mit den Briten haben sie auch schon die Bühne geteilt) und LEFTÖVER CRACK (für die US-Combo, über die wir 2013 aus der AU berichtet haben, dürfte „Das Bett“ allerdings ein bisschen zu groß sein) lauten zumindest die Präferenzen bei Drummer Äxel und Gitarrist Tommy.

N.T.Ä.N.T.Ä. hat mit „Dark Stories“ in diesem Jahr seinen zweiten Langspieler vorgelegt, auf dem sowohl die vier Lieder der Debüt-EP „Dark Stories – Part 1″ (2020) als auch fünf neue Songs (als Dark Stories – Part 2“) enthalten sind. Zwischen dem neuen Album und der EP wurde 2024 noch die LP „Stories That Pave The Road To Hell“ veröffentlicht. 

Nach einem Intro startete die Show mit „Society“ vom neuen Album, danach die beiden Kracher „Boys“ und „Combat“. Im Grunde folgen alle Tracks einem bewährten Muster: Sie sind schnell, aggressiv und werden getragen von der originären Stimme von Sängerin Nadine. Themen sind u. a. gesellschaftliche Missstände wie Unterdrückung und Armut, die Songs wenden sich aber vor allem auch gegen Sexismus (auf dem N.T.Ä.Schlagzeug-Podest stand das Schild mit der Aufschrift „It’s A Dress Not A Yes“, das bei allen Auftritten gut sichtbar aufgestellt wird) und gegen Faschismus (nicht zu übersehen: der legendäre Spruch „This Machine Kills Fascists“ des US-Folk-Musikers Woody Guthrie auf der Bass Drum). Gut so. Wir brauchen noch viel mehr ambitionierte politische Bands, die auf diesem Niveau spielen, sich gegen Rechts positionieren und gerade die jungen Leute mitreißen können. 

Ich bin zwar nur noch im Geiste jung, aber mitreißen konnte mich die Show auch. Als meine persönlichen Höhepunkte machte ich neben „Lost“ von der Debüt-EP auch „Conceal“ (mit schönem Mitgröhl-Refrain) sowie „Away“ (auf dem Album ist bei dem Stück übrigens STEAKKNIFE-Frontmann Lee Hollis als N.T.Ä.Gastsänger zu hören) aus. Es ist einer jener furiosen „Wolf im Schafspelz“-Songs, die wie eine Ballade beginnen, dann Fahrt aufnehmen und schließlich im Stile einer Rakete abgehen. 

Insgesamt 13 Lieder in 45 Minuten wurden kredenzt, die dem Trio einige neue Fans eingebracht haben dürften. Auch am Merchstand herrschte nach dem Auftritt einiger Betrieb. Mir hat es einmal mehr großen Spaß gemacht, dem unprätentiösen, politischen Streetpunk der Saarländer zu lauschen und die Musiker*innen agieren zu sehen.

N.T.Ä.

Aber: Alle guten Dinge sind ja (nur) drei. War es das also nun mit den N.T.Ä.-Novembershows in „Das Bett“? Ich hoffe nicht. Ich denke, wir fangen einfach wieder von vorne an zu zählen! Und damit gebe ich weiter an meinen Kollegen Marcus, der seine Eindrücke zum Auftritt von TOXOPLASMA verschriftlicht hat.

Über TOXOPLASMA hatten wir in diesem Blog bereits 2014 berichtet, als die Band in der zweiten Inkarnation des Frankfurter Elfer Clubs gastierte. Damals hatte die Formation aus Neuwied mit „Köter“ (2013) ein aktuelles Album am Start und erfreute die Fans mit einigen neuen, hasserfüllten Songs. Seither hat Toxoplasmasich im Hause TOXOPLASMA veröffentlichungstechnisch nichts Wesentliches getan, sieht man mal von einem Sampler („Aggropunk Volume 4“) im Jahr 2019 ab, der das Lied „Nahtod 2.0“ enthielt, welches auch Teil der Setlist des gestrigen Konzerts war.

Das Nichtvorhandensein eines aktuellen Werks bedeutete zum einen, dass mehr alte Songs gespielt wurden, war zum anderen aber auch ein bisschen traurig, denn „Köter“ war ein gutes Album und als Fan würde man sich mal wieder über einen frischen Longplayer freuen. Dass es diesen nicht gibt, mag vor allem mit den stetigen Besetzungswechseln zu tun haben: Der aktuelle Drummer Sven ist gerade mal seit 2022 Teil der Band und der Gitarrist Florian stieß erst 2023 zur Truppe. Lediglich Frontmann Wally und Bassist Stefan sind seit Gründung 1980 dabei und scheinen unverwüstlich, Toxoplasmawobei Letzterer gestern angeschlagen wirkte, er lehnte während des gesamten Gigs an einer hinter ihm stehenden Box und bewegte sich kaum. Respekt, dass er dennoch auftrat und gute Besserung.

Auch wenn TOXOPLASMA seit 2013 kein neues Album veröffentlicht haben, so steht außer Frage, dass sie mit SLIME und HASS zu den wichtigsten noch existierenden Vertretern des traditionellen Deutschpunks gehören. „Traditionell“ las sich auch die Setlist, die mit 25 Songs sechs Tracks weniger beinhaltete als beim Gig vor elf Jahren. Rausgeflogen sind dabei vor allem Lieder des „Köter“-Albums, von dem nur noch vier gespielt wurden. Erwischt hat es aber auch die Hymne „Razzia“ und „Arschlecker“, jener Song, der die Band ihren Auftritt beim AU-Fest 2022 kostete, warum auch immer.

ToxoplasmaEröffnet wurde – auch das ist Tradition – mit „S.O.S“, im Anschluss folgte ein Hit-Cocktail, der unter anderem (fast) das komplette Debüt der Band umfasste. Besonders die letzten 15 Minuten des Auftritts ließen sich als Manifest des Deutschpunks bezeichnen – Songs wie „Polizeistaat“, „Ordinäre Liebe“, „Schwarz Rot Braun“, „Asozial“ und „1981“ gehören zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Erfreulich war, dass sich – neben den Veteranen – auch viele junge Punks Toxoplasmaeingefunden hatten, die ordentlich für Stimmung sorgten – Bierduschen und Rangeleien inklusive.

Etwas schade fand ich, dass Wally kein Wort zu den aktuellen politischen Themen verlor: Am nächsten Tag beispielsweise sollte die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen stattfinden, ein Ereignis, dem man ja den Song „Schwarz Rot Braun“ hätte widmen können. Doch Wally war nie ein Mann der großen Worte und dies wird sich wohl mit 60+ nicht mehr ändern.

ToxoplasmaUnterm Strich war’s ein solider Auftritt der Legende, der in einer kleineren Location noch mehr Laune gemacht hätte. Ich hatte dennoch Spaß und werde den Jungs auch weiter treu bleiben – wer weiß, wie lange man noch in den Genuss kommt, die Hymnen der Band live erleben zu können.

Setlist: S.O.S. – Vakuum – Zack Zack Zack – Träumer – Nahtod 2.0 – Uniform – Gut und Böse – Kontrollautomat – Der Teufel verdirbt die Jugend – Leben verboten – Platz an der Sonne – Deutsch in Kaltland – Bunkerparty – Noch mehr Orden – Stillstand – Pass dich an – Weltverbesserer – Allesfresser – Polizeistaat – Ordinäre Liebe – Schwarz Rot Braun – Asozial – Danke – 1981 – Wir warten

Links: https://www.facebook.com/N.T.A.PunkBand/, https://www.instagram.com/n.t.a._punk/, https://ntapunk.bandcamp.com/, https://www.last.fm/music/N.T.Ä., https://www.facebook.com/p/toxoplasma/https://www.instagram.com/toxoplasma_band/https://www.last.fm/music/Toxoplasma

Text (N.T.Ä.): Stefan / Text (Toxoplasma): Marcus
Fotos: Boris, @borisschoppner

Alle Bilder:

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