Jahres-Roundup 2021 – Teil #1

Frankfurt, 23.11.2021

Mäkkelä - ArtEin seltsames Jahr 2.0. Die Corona-Pandemie hatte alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens von Beginn an bis einschließlich des Frühjahrs fest im Griff, im Sommer war unter freiem Himmel in puncto Live-Musik immerhin einiges möglich und im Herbst wurde die Situation durch diverse „3G“- und „2G“- Veranstaltungen in Innenräumen nochmals ein wenig besser. Auf die Lage im Spätherbst und vor dem beginnenden Winter gehe ich am Ende dieses Posts noch kurz ein. Fest steht, dass wir auch zu den besten Zeiten dieses Jahres noch meilenweit von so etwas wie Normalzustand entfernt waren (falls der jemals wieder kommt). Das betraf auch die Anzahl der Shows, die aufgrund der jeweils geltenden Auflagen stattfinden durften. Denn das waren wie schon 2020 viel, viel weniger als wir das sonst gewohnt sind.

Bild oben: MÄKKELÄ, aufgenommen am 23.10.2021 im Hafeneck Mainz, bearbeitet 11/2021 (Klick zum Vergrößern)

Für alle, deren Lohn und Brot nicht vom Konzertbetrieb abhängt, bieten solche Umstände andererseits auch Chancen. Zu entschleunigen zum Beispiel. Und das wenige, das geboten werden konnte, mehr wertzuschätzen als wenn man – wie in Vor-Corona-Zeiten – zwei bis drei Shows pro Woche besuchte und sich danach fragte, ob dieser Overkill vielleicht nicht doch ein bisschen zuviel war.

Wie auch immer, für das ablaufende Jahr bietet sich nun im Rahmen dieses Rückblicks die Möglichkeit, über fast alle der von mir an elf Nachmittagen oder Abenden gesehenen 14 Bands ein paar Worte zu verlieren (unter den Tisch fällt diesmal nur, was mir nicht gefiel). Wann kann man das schonmal – obgleich ich natürlich inständig hoffe, dass sich diese Situation so schnell wie möglich wieder ändern wird.

Die meisten Konzerterlebnisse spielten sich genau wie im Vorjahr im Freien ab. An altbekannten Stätten, aber auch an neuen, so genannten Pop-ups. Dazu später mehr. Für mich begann Live-Musik 2021 im Juli, nachdem sie 2020 im Oktober geendet hatte. Dazwischen: neun Monate nichts. Aber wem erzähle ich das, Euch wird es ähnlich ergangen sein. Leider spielte auch das Wetter nicht immer mit, der diesjährige Sommer wird wohl nicht wegen seiner permanenten

Regen im DKK-Hof

Sonnenbrandgefahr in die Annalen eingehen. Schade für alle, die mit viel Herzblut Events organisierten, die dann im Platzregen absoffen, von der finanziellen Komponente ganz zu schweigen. Aber für die „Konsumenten“ war auch die Saison 2021 für ein paar tolle Momente und Erinnerungen gut, und im Folgenden werde ich auf meine schönsten Eindrücke eingehen.

oben: Regenwetter im Hof des Dreikönigskellers
unten: The Recalls ebenda, Juli 2021

Mein Konzertjahr begann Mitte Juli. Die Garage-Beat-Formation THE RECALLS war aus der Metropole des Schwabenländle angereist, um gute Laune im corona-konform bestuhlten Hof des Frankfurter Dreikönigskellers zu versprühen. Die erste Hälfte des Sets wurde dominiert von einigen langsameren Stücken, die nicht wirklich dazu ermunterten, sofort von den Sitzplätzen The Recallsaufzuspringen. In der zweiten Halbzeit gab die Combo, die in den vergangenen Jahren schon in so gut wie allen einschlägigen Frankfurter Locations zu Gast gewesen ist, allerdings mehr Gas. Da wurde dann klar, warum tanzen bei einer RECALLS-Show eigentlich erste Bürgerpflicht ist. Außerdem boten die Jungs für alle Vinyl-Freunde ihr frisch erschienenes Album „There is no End“ in der limitierten Version zum Kauf feil. Ein gelungener Auftakt!

Die FREEBORN BROTHERS aus Polen kannte ich bisher nicht, doch der Ankündigungstext und die auf der Internetseite des Hafen 2 in Offenbach geteilten YouTube-Videos machten neugierig. Um es kurz zu machen: Ich habe die Anfahrt zu einem der schönsten Plätze unserer Nachbarstadt einmal mehr nicht bereut. Der „Gypsy Hobo Trash Grass“ (Discogs) der Truppe aus Rzeszów

The Freeborn Brothers

war mitreißend, originell, gewürzt mit amüsanten Anekdoten zwischendurch und sowohl musikalisch als auch optisch perfekt dargeboten. Diesmal wurde auch getanzt: Ein paar Dutzend Besucher*innen hopsten sich teils barfuß auf der unbestuhlten Freifläche vor der Bühne die Seele aus dem Leib, um sie herum die an Biertischgarnituren sitzenden Gäste, die ihre Gelenke lieber schonen wollten.

oben: The Freeborn Brothers im Hafen 2, Juli 2021
unten: Wolf Schubert-K. & Friends beim HorsT Pop-up, Juli 2021

Das englische Wort „Pop-up“ (zu deutsch „plötzlich auftauchen“) war mir in der Zeit vor der Pandemie eher in anderem Kontext geläufig. Seit Mitte 2020 poppt aber überall etwas auf, sei es Außengastronomie auf für Autoverkehr gesperrten Straßen, neue Radwege und eben auch Veranstaltungsorte. Die Betreiber des HorsT im Frankfurter Gallusviertel haben Wolf Schubert-K & Friendsihren Club ja leider schließen müssen, erfreuten in den Sommermonaten aber durch ein knappes Dutzend Konzerte lokaler Musiker*innen an einigen Pop-up-Standorten. Ende Juli konnte man zu beginnender Dämmerung auf einer Grünfläche gegenüber einer Kleingartensiedlung zwischen dem Gallus und Griesheim dem Folk/Country-Sänger und Gitarristen Wolf Schubert-K. samt befreundeten Musiker*innen lauschen. Eine liebevoll organisierte Veranstaltung mit klasse Musik, leckerem Essen und sehr gechillter Atmosphäre.

Mitte August, wieder Hafen 2: LA FANFARRIA DEL CAPITAN aus Argentinien, über die wir in diesem Blog 2017 schon berichtet haben, machten während ihrer zehnten Europa-Tournee Station am Offenbacher Mainufer. Kurz vor der angekündigten Startzeit der Show ging ein Starkregenschauer nieder, der die Absage des Konzertes befürchten und die Laune kurzzeitig in den Keller sinken

La Fanfarria del Capitan

ließ. Doch nichts da: Nachdem Bühne und Instrumente von schützenden Planen und Stühle und Bänke notdürftig vom Wasser befreit wurden, konnte der Gig mit etwas Verspätung doch noch stattfinden. Die Latin-Cumbia-Ska-Rock-Band aus Buenos Aires präsentierte sich – diesmal mit schwangerer Sängerin Victoria – erneut in prächtiger Form; die Zahl der Tanzenden toppte sogar die des o. g. Konzerts der Kollegen aus Polen.

oben: La Fanfarria del Capitan im Hafen 2, August 2021
unten: Dr. Bontempi’s Snake Oil Company im Yachtklub, August 2021

Erneut Mainufer, diesmal Frankfurt: Der Yachtklub hatte geladen und DR. BONTEMPI’S SNAKE OIL COMPANY sich, ebenfalls Mitte August, für einen nachmittäglichen Auftritt angesagt. Das Quartett um Mastermind Marcel Bontempi spielte zwar im Gegenlicht (was allen, die ein vernünftiges Foto machen wollten, einen Strich durch die Rechnung machte), dafür aber bei Dr. Bontempi's Snake Oil Companyherrlichem Sommerwetter auf den Planken des beliebten Schiffchens. Die Mixtur aus Country, Blues und Hillbilly sorgte bei dem bestuhlten Auftritt auf Deck für nimmermüdes Fußwippen und viel Applaus bei reichlich Apfelwein und Bier, während sich nebenan auf dem Uferweg die völlig ausgepumpten Teilnehmer der „Ironman European Championship“ die Laufstrecke entlangschleppten. Was für ein Gegensatz. Ein reich gedeckter Merchtisch rundete das Konzerterlebnis ab.

Und nochmal Mainufer, aber wieder in Offenbach: Ich hatte mich zwar auf die auf der Internetseite des Waggon vielleicht etwas zu vollmundig angekündigten „jonglierenden Schlagzeuger und kletternden Akkordeonspieler“ der Berliner Band CIRCUS RHAPSODY gefreut, doch es sollte anders kommen: Von den Circus Rhapsodysieben Mitgliedern der Rock’n’Roll-Ska-Melodicpunk-Combo waren nur zwei am kultigen Eisenbahnwagen erschienen, die Formation würde wohl am folgenden Tag in voller Besetzung beim Flörsheimer Open Air spielen, erfuhr ich. Die beiden Musiker*innen lieferten mit Gitarre und Geige dennoch eine feine Unplugged-Show aus eigenen Stücken und ein paar ausgesuchten Cover-Songs z. B. von SOCIAL DISTORTION, den RAMONES und den MISFITS (alles mit Violine!), Gänsehautmomente bei der unfassbar guten Akustik-Version des SOCIAL D-Klassikers „Reach for the Sky“ inbegriffen. Ein wunderbarer Sommerabend, der Lust auf den Auftritt beim FOA machte, bei dem ich aber leider keine Zeit hatte.

oben: Circus Rhapsody am Waggon, August 2021
unten: Blue Blistering Barnacles vor Das Bett, August 2021

Immer noch August, zurück in Frankfurt: Die Irish-Folker BLUE BLISTERING BARNACLES sind alte Bekannte, die auf der kleinen Open Air-Bühne vor dem Club „Das Bett“ quasi ein Heimspiel bestritten. Die Songauswahl des diesmal zweiteiligen Sets war wie immer erlesen und die irischen Lieder mit Affinität Blue Blistering Barnacleszum Alkohol dem Getränkekonsum des Publikums wie gewohnt durchaus förderlich. Wie bei allen bisher erwähnten Konzerten ging auch bei dieser gut besuchten Veranstaltung der Spendenhut herum und man kann nur hoffen, dass in der pandemiebedingt auftrittsarmen Zeit reichlich Bares für die bei diesem Auftritt zum Quartett geschrumpften Formation darin landete.

„Es muss nicht immer Punkrock sein.“ Diesen Satz, einst zu lesen auf einem riesigen Banner bei einem der legendären Sommerfeste in der Frankfurter Au, rufe ich mir immer dann ins Gedächtnis, wenn es gilt, mal in ganz andere musikalische Gefilde abzutauchen. Das DUO ALTURA, bestehend aus Arvid Duo AlturaSingle (Violine) und Marcel Wollny (Gitarre), bot Mitte September im Hof des Frankfurter Dreikönigskellers klassische Musik überwiegend spanischer Komponisten. Und ich war erstaunt, dass auch recht viele jüngere Leute den Weg in die Färberstraße gefunden hatten. Bei keinem anderen Konzert war jedenfalls die Spanne zwischen den jüngsten und ältesten erwachsenen Zuhörern so groß, nämlich rund 50 Jahre.

oben: Duo Altura im Hof des Dreikönigskellers, September 2021
unten: Mäkkelä und Pavel Cingl im Hafeneck, Oktober 2021

Das Hafeneck ist eine ebenso eingewachsene und gemütliche wie sympathische Kneipe in Mainz: Plakate zu Konzerten und Lesungen all derjenigen, die hier schon auftraten (u. a. TV Smith, Attila The Stockbroker und Jan Off) zieren die Wände, Che Guevara wird mit einem gerahmten Poster gehuldigt, im vorderen MäkkeläRaum steht eine improvisierte Bühne und lecker und preiswert essen und trinken kann man auch. Ende Oktober fand – so die Ansage des vermutlichen Kneipenchefs – dort wieder das erste Konzert nach 19 Monaten Pause statt. Eingeladen war der deutsch-finnische Singer/Songwriter Mäkkelä, der just im Monat zuvor ein neues, herausragendes Album namens „Dog & Typewriter“ veröffentlicht hat. 2017 Mäkkelähatte ich ihn schon einmal im Offenbacher Waggon als Solo-Künstler erlebt, doch diesmal kam er nicht allein: Mitgebracht hatte der Gitarrist und Sänger den tschechischen Violinisten Pavel Cingl, der auf zahlreichen Stücken des Werks zu hören ist. Die beiden spielten zwei lange Sets mit den besten, von Mäkkelä selbst als „Folk Noir“ bezeichneten Songs der aktuellen Scheibe sowie der älteren Platten. Zwischendurch zeigte der stets barfuß auftretende Schlaks seine Qualitäten als Storyteller. Seine Geschichten aus dem Tourleben sorgten mal für Lacher, mal für Betroffenheit. Er hat schon einiges erlebt, Gutes wie Schlechtes, und über die interessantesten Erlebnisse seine Lieder Mäkkelägeschrieben. Daher lohnt es auch immer, sich die Texte genauer anzuschauen. Nach der Show konnte man noch feststellen, dass der Mann mit dem schwarzen Schlapphut auch ein äußerst netter, geselliger und trinkfester Kerl ist. Da schlagen vielleicht die finnischen Gene durch, um hier mal ein Klischee zu bemühen. Ich jedenfalls nannte am folgenden Morgen einen veritablen Kater mein eigen. Was solls – es war der schönste Konzertabend des Jahres 2021!

Anfang November trieb es mich noch einmal hinaus, trotz der inzwischen schon wieder exorbitant hohen Infektionszahlen. Im Frankfurter Ono2 galt zwar die 2G-Regel, ich fühlte mich aber angesichts des prall gefüllten Clubs nicht unbedingt wohl in meiner Haut. Zumal – zumindest kann ich das für den Zeitpunkt sagen, als ich Einlass erhielt – die digitalen Impfnachweise nicht in Verbindung mit einem Ausweis kontrolliert wurden. Das Konzert der jungen Berliner (Postpunk?-)Band PUBLIC DISPLAY OF AFFECTION (cooler Name) war den Besuch indes wert. Ich hatte trotzdem nicht nicht das Bedürfnis mich nach vorn zu drängen, um ein Foto der Combo zu machen. Seht es mir unter diesen Umständen nach. Das Quintett wird vermutlich künftig noch mehr von sich reden machen und Frankfurt erneut ansteuern.

Hafen 2Abendstimmung im Hafen 2, August 2021

Mitte November entschied ich, das Konzertjahr 2021 für mich abzuschließen. Während des Schreibens dieser Zeilen liegt die bundesweite 7-Tage-Inzidenz bei 400, Tendenz weiter rasant steigend. Es bleibt ein mulmiges Gefühl, was uns noch in diesem Winter und im kommenden Corona-Jahr 3.0 erwartet. Bleibt oder werdet gesund und uns gewogen. Wir sehen uns – hoffentlich – 2022 wieder vor einer Konzertbühne.

Stefan / Rockstage-Riot-Team

Fotos (13): Stefan
Foto (Circus Rhapsody): Johannes Kahl

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