Jahrhunderthalle, Frankfurt, 28.10.2025
Klassiker-Alarm in der Jahrhunderthalle Frankfurt, die sich momentan „myticket Jahrhunderthalle“ nennt. URIAH HEEP, Urgesteine des britischen Rock seit 56 Jahren, verlassen ihre künstlerische Karriere in kleinen Schritten langsam aber sicher in Richtung Rente. Groß rumreisen wollen sie nach dieser, „The Magician’s Farewell“ betitelten Tour nicht mehr, Festivals werden sie jedoch noch bespielen. 56 Jahre. Das muss man erst mal nachmachen. Und – das sei als Spoiler verraten – auch noch in so einer bestechenden Form. Hut ab.
Als Support sowie weiterer Grund, unbedingt ein Ticket zu erstehen, wurden die Kanadier APRIL WINE angekündigt. In Europa, speziell in Deutschland, sind sie weniger bekannt als in ihrem Heimatland, in dem sie neben RUSH, TRIUMPH oder BACHMAN-TURNER OVERDRIVE seit den 80ern zu den bekanntesten
und größten Hardrock-Formationen zählen. Ihr auch in Europa geschätztes und bekanntestes Werk „The Nature Of The Beast“ erschien 1981 (da hatte die Band bereits zehn Jahre lang
April Wine
Studioalben eingespielt) und sorgte 1982 für ein paar Open-Air-Slots vor ihrem Landsmann Neil Young – zum Beispiel in Wiesbaden, wo außerdem noch KING CRIMSON, JETHRO TULL und die Hardrock-Kollegen MSG in der Blüte ihrer Kraft auftraten. Zwischen meinem ersten und zweiten Mal APRIL WINE lagen also satte 43 Jahre, was in meiner persönlichen Konzert-Vita ein Rekord sein dürfte. Im Gegensatz zum Headliner, mit dem sich APRIL WINE das Gründungsjahr 1969 teilen, spielt bei ihnen kein Gründungsmitglied mehr mit.
Der Gitarrist und zweite Sänger Brian Greenway ist als Dienstältester seit 1977 am Start, gefolgt von Sänger und Gitarrist Marc Parent (seit 2022), der eine interessante Karriere als Solo- wie Begleitkünstler hinter sich hat; Bassist wie Backgroundsänger Richard Lanthier (seit 2011) sowie Drummer Roy Nichol (seit 2022). Die Setlist las sich spannend mit Schwerpunkt auf den Platten der 70er und 80er. Mein Lieblingsalbum wurde mit gleich vier Stücken bedacht, darunter das stimmungsvolle Cover „Sign Of The Gypsy Queen“. Dass die damals in meiner Metal-Clique angesagtesten Stücke der Scheibe wie „Crash and Burn“ und „Future Tense“ fehlten, war leider zu erwarten, aber zu verschmerzen. APRIL WINE ließen zufriedene Hörende zurück, von denen niemand in meiner Nachbarschaft in der ersten Reihe die Band vorher kannte.
APRIL WINE waren allerdings nicht der Opener – jedoch der einzige, von dem die Meisten wussten. Bei einem Publikum, welches zum großen Teil dem Alter des Headliners entsprach und das deswegen das Ganze bestuhlt verfolgen sollte, kann man nicht unbedingt erwarten, dass es sich kurz vor dem Gig im Netz oder gar auf Social Media mit veränderten Modalitäten auseinandersetzt; sondern das
für bare Münze nimmt, was auf dem Ticket steht: Einlass 19 Uhr. Wenige Tage vor dem Konzert wurde im Netz bekannt gegeben, dass der Einlass um 30 Minuten vorverlegt wurde, weil um 19.10 Uhr der eigentliche Opener auf die Bühne sollte.
Heavy Pettin‘
Noch eine Band, die ich erst- und bisher letztmals in den 80ern sah – genauer 1985, auf dem Metal Hammer Open Air auf der Loreley: Die Schotten HEAVY PETTIN‘, als einzige der hier aufspielenden Combos bei Metal Archives gelistet. Sie existierten von 1981 bis 1987 und dann wieder seit 2017; die Fahne des NWOBHM hält kontinuierlich Sänger Steve „Hamie“ Hayman hoch. Dieser „coverdalte“ sich vor fast leeren Rängen mit dem Mikrofonständer einen ab und machte das auch ordentlich – Stimme nebst Frisur saßen. Trotzdem täuschte das nicht darüber hinweg, dass
hier eine Formation mit einem extrem dämlichen Namen die antiquiertesten Peinlichkeiten der 80er aufleben ließ, musikalisch hinter Einflüssen wie SAXON, WHITESNAKE oder gar DEF LEPPARD hinterher wackelnd und bereits Mitte besagter Dekade wegen mangelnder Eigenständigkeit in die vordersten Festivalslots geschoben.
Meine größtenteils betagte Nachbarschaft in Reihe Eins kannte auch diese Band nicht, konnte aber kurioserweise mit den Schotten sogar mehr anfangen als mit den danach spielenden Kanadiern. Geschmackssache? Nein. Eher die Abwesenheit einer kritischen Reflexion über Rockismus oder exkludierender, weil respektloser Inhalte in Texten und Gebaren. Wir haben damals mehr oder weniger Alle
problematische Inhalte kritiklos gefeiert – etwas Entwicklung täte jedoch in dieser Hinsicht gut. Ich meine, wie armselig waren zum Beispiel die meisten Texte von David Coverdale’s WHITESNAKE (eine meiner ehemaligen Lieblingsbands, deren Musik ich immer noch sehr schätze)? HEAVY PETTIN‘ haben augenscheinlich solch eine Entwicklung nicht vollzogen. Da sie musikalisch nicht einmal innerhalb ihres Genres jemals Akzente setzen konnten, kann diese Reunion meiner Meinung nach durchaus als überflüssig bis ärgerlich betrachtet werden.

Aber wir waren ja alle wegen HEEP da, aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Gespräche mit meinen Nachbarn waren hoch interessant; viele erzählten spannende Geschichten von Begegnungen früher oder vor wenigen Minuten (im Rahmen eines bezahlten Meet & Greets). Alle schwärmten
davon, wie freundlich die Herren sind, von denen der ewig schmunzelnde Mick Box an der Gitarre den Laden seit Anbeginn zusammenhält.
Uriah Heep
Box – sein „bester Freund“, wie Bernie Shaw, Sänger seit 1986, später während der Show verriet. Viele großartige Sänger und Musizierende von URIAH HEEP leben nicht mehr, darunter John Lawton, den wir hier erleben durften, oder Ken Hensley (hier). Trotzdem flaute die Qualität der Darbietungen nie ab.
„Wir haben 55 Jahre URIAH HEEP-Musik für alle, ja?“ begrüßte Bernie Shaw schließlich nach einem Doppel von Songs der letzten beiden Alben als Einstieg in den finalen Teil des Konzertabends. Auf Deutsch. „So it will take some time“ macht er dann in seinem Heimatidiom weiter. Ein Versprechen, das am Ende
nicht wirklich eingehalten wurde. Aber der Wille war da: Mit einer Setlist, die die Zeitspanne vom Debüt „very eavy, very umble“ („Gypsy“) bis zur letzten LP „Chaos & Colour“ von 2023 umspannte („Hurricane“, „Save Me Tonight“) und einen Schwerpunkt setzte auf „The Magician’s Birthday“ (1972), das mit ganzen drei Songs bedacht wurde. Dabei, neben dem ‚Partysong‘ „Sweet Lorraine“ (Shaw: „Wir hatten viele Partys hier“ – womit er vielleicht Deutschland, eventuell Frankfurt und unter Umständen gar die Jahrhunderthalle gemeint haben könnte) auch das proggige Titelstück.
Überhaupt, die HEEP’schen Schubladen: Shaw referierte über die diversen Bezeichnungen, die ihre Musik über all die Jahre genießen durfte; von Heavy Rock über Melodic Rock zu Heavy Melodic Rock bis Progressive Rock. Mick Box spielte dabei mit einer umwerfenden Leichtigkeit – sein Solo, unterstützt vom
Drumming von Russell Gilbrook, war ein sehr gut anhörbares, bei dem er nicht müde wurde mit dem immer begeisterter werdenden Publikum zu interagieren. Die Stühle wurden nun fast vollständig ignoriert, der Platz vor der Bühne blieb jedoch bis zur Zugabe frei. Nur ein Fan kettete sich mit seinen Armen fast am Fotograben fest und konnte nur mit Überzeugungskraft von zwei Ordnern dazu gebracht werden, wieder zurück zu seinem Sitzplatz zu wandern.
Das überlange Progstück „July Morning“ faszinierte die Anwesenden komplett, das treibende „Easy Livin’“ beschloss den regulären Teil und betonte nochmal den Partycharakter der Band. Bassist Davey Rimmer und Keyboarder Phil Lanzon glänzten bei beiden wie überhaupt den ganzen Abend vortrefflich wie
songdienlich. Bei meinem vorletzten Treffen in der Jahrhunderthalle (Bericht dazu hier) kam „Easy Livin’“ noch in der Zugabe und das unvermeidliche „Lady In Black“ vom Überalbum „Salisbury“ (1971) davor – diesmal war es umgekehrt.
„Lady In Black“ wurde zum Rausschmeißer, bei dem alle mitsangen und viele sich einen unaufhaltsamen Weg durch die Stuhlreihen zur Bühne bahnten. Um zu fotografieren. Das war nachvollziehbar – vielleicht war es wirklich das letzte Mal URIAH HEEP in Frankfurt. Es war zwar nicht so lang, aber so schön wie erhofft. URIAH HEEP: eine Hardrock-Institution, die nicht nur nostalgische Alte entzückte, sondern auch das jüngere Publikum – und 2024 sogar vor den Metal-Legenden JUDAS PRIEST und SAXON überzeugte. Sie werden fehlen.
Links: https://heavypettin-official.com/, https://www.facebook.com/HeavyPettin2023, https://www.instagram.com/heavy_pettin_official/, https://www.last.fm/music/Heavy+Pettin, https://www.aprilwine.ca/, https://www.facebook.com/AprilWineOfficial, https://www.instagram.com/aprilwineband/, https://www.last.fm/music/April+Wine, http://www.uriah-heep.com/, https://www.facebook.com/uriahheepofficial, https://www.instagram.com/uriahheepofficial/, https://www.last.fm/music/Uriah+Heep
Text & Fotos: Micha
Alle Bilder:









